2007 – (3) Einmal quer durch Südamerika

Mit einem Frachtschiff nach Südamerika und zurück

Teil 3 – Vom Amazonas bis Feuerland

Einmal quer durch Südamerika

 

Nach unserer Frachtschiffreise verlassen wir den Hafen von Belém. Die Zöllner wollen einen Blick in unsere Packtaschen werfen, der so flüchtig ist, dass wir alles Mögliche hätten schmuggeln können. Über eine staubige Stadtstraße radeln wir Richtung Zentrum. Unterwegs fragen wir mehrfach, ob wir noch richtig sind. Geduldig erklären uns die Brasilianer den Weg zum Busbahnhof. Einer holt noch sicherheitshalber zwei andere Passanten herbei, ein anderer versucht sich in der deutschen Sprache und entschuldigt sich, dass er es nicht besser kann. Zum Abschied hebt jeder den Daumen und lächelt freundlich.

Das macht Mut und gefällt uns. Unterwegs werden wir angehupt, aber nicht weil wir im Weg sind, sondern weil die Fahrer uns ebenfalls ihren erhobenen Daumen zeigen wollen. Zufällig treffen wir in dem Gewühl dieser Millionenstadt auch noch einmal den Hafenagenten, der uns auf dem Schiff für alle Fälle seine Telefonnummer gab. Nach all den abenteuerlichen Berichten der Besatzungsmitglieder sind wir positiv überrascht, wie freundlich die Menschen hier sind. Am Busbahnhof angekommen, kaufen wir uns erst einmal zwei Tickets für die Fahrt in die Hauptstadt Brasilia. Wir zeigen natürlich die bepackten Fahrräder, aber das sei kein Problem. Nun heißt es acht Stunden Warten bis unser Bus um 20 Uhr erscheint. Wir begeben uns auf den Bussteig und beobachten dort das Treiben.

In kleinen, nicht überdachten Kiosken sitzen gelangweilt die Verkäuferinnen und schauen stundenlang TV. Jedes Mal, wenn ein Bus abfährt, ertönt eine lautstarke Sirene und den Bussen sieht man an ihrem Äußeren an, wo sie herkommen und hin wollen. Busse nach Rio oder Brasilia sind sauber und modern, Busse nach Altamira am Amazonas sind alt, dreckig und bei weitem nicht bequem. Damit über die Transamazonica? Während wir geduldig warten und im Stundentakt die Verkäuferin beim Fernsehgucken stören, stellen wir fest, dass wir das falsche Wörterbuch eingepackt haben. Anstelle eines Spanischwörterbuches, das wir ab der argentinischen Grenze brauchen könnten, haben wir nur ein kleines, popeliges Englischwörterbuch dabei. Und das stellen wir jetzt fest, nachdem wir 700 km Busbahnhofdurch Europa radelten und drei Wochen mit dem Schiff fuhren, na klasse.

Irgendwann im Laufe des Nachmittags erscheint der Fahrkartenverkäufer auf dem Bussteig und erkundigt sich, ob alles in Ordnung sei und wir zufrieden sind. Da wir mittlerweile schon gelernt haben, deuten wir mit unseren Daumen nach oben, was von ihm mit derselben Geste und einem Lächeln beantwortet wird. Um nicht nur den Busbahnhof kennen zu lernen, mache ich mich für ein paar Minuten auf den Weg, den Bahnhof zu verlassen und seine Umgebung zu erkunden. Doch in den dreckigen Straßen und zwischen den verfallenen Hotels fühle ich mich nicht wohl und kehre schnell wieder zu Moni zurück, die derweil auf unser Gepäck aufgepasst hat.

Pünktlich erscheint unser Bus und alle Fahrgäste stellen sich ordentlich und geduldig an, um ihr Gepäck zu verladen. Jedes Gepäckstück bekommt einen Aufkleber und der Besitzer den dazugehörigen Kontrollabschnitt. Der bisher einzige Unterschied zu einem europäischen Bus ist die Tatsache, dass ein Fahrrad als Gepäckstück überhaupt kein Problem darstellt.

Busfahrt durch den Regenwald

 

So starten wir also in der abendlichen Dunkelheit zu einer 36stündigen Busfahrt durch die Reste des tropischen Regenwaldes. Zwei volle Nächte und einen ganzen Tag hindurch sitzen wir in einem halbbequemen Bus. Man unterscheidet die Busse in ihrer Art von Bequemlichkeit, die sich durch die Beinfreiheit und der jeweiligen Verstellbarkeit des Sitzes bemerkbar macht. Doch bis auf den etwas unangenehmen Geruch, der von der Toilette im Heck ausgeht, gibt es nichts zu meckern. Regelmäßig machen die Busse an einfachen Rastplätzen eine Pause, wo jeder Fahrgast kostenlos essen darf. Wir haben auf Grund der tropischen Hitze keinen richtigen Appetit und verzichten regelmäßig auf das Essen.

An einem der Rastplätze steigen wie gewohnt alle Fahrgäste aus, lediglich Moni bleibt im Bus sitzen. Als ich gerade aus dem Rasthaus zurückkomme, sehe ich wie der Bus abfährt. Innen drin Moni, die ebenso wie ich erschrak und schnell nach vorne zum Fahrer gehen wollte. Aber das ist gar nicht so einfach, immerhin ist die Fahrerkabine vom Passagierraum mit einer verschlossenen Tür abgetrennt. Es stellt sich aber heraus, dass der Bus bloß betankt werden muss. So unterhält sich Moni mit dem Fahrer und dem Busfahrer mit Hilfe des erhobenen Daumens, während ich mit den übrigen Passagieren an der staubigen Straße unter der heißen Sonne auf die Rückkehr des Busses warte – natürlich ohne zu wissen, wo er denn steckt. In den beiden Nächten, die wir im Bus verbringen, können wir gut beobachten, wie der Regenwald gebrandrodet wird.

Schon am Tage sehen wir viel verbrannte Fläche am Wegesrand. Im Dunkeln sieht man aber auch die Feuer in der Ferne und manche davon sind so groß und hell, dass sie mich an den Raketenstart in Kourou erinnern. Sehr erschreckend das Ganze, doch es passt zu dem Bild, das wir auf der langen Reise durch den Norden Brasiliens bekommen. Uns gefällt es landschaftlich nicht besonders und wir sind froh, dass wir die Strecke nicht mit dem Rad machen, sondern mit dem wackeligen Bus, der ständig irgendwelchen Schlaglöchern ausweichen muss.

Manchmal sieht man auch kleine Baustellen auf der Straße. Um diese in der Nacht zu sichern, werden vor der Baustelle kleine Metalldosen aufgestellt, in denen sich brennbares Material befindet. So sieht man nicht selten kleine Leuchtfeuer auf den Straßen, die vor Baustellen warnen. Ein merkwürdiges Bild ergibt sich dann, wenn man auf die Straße schaut und der Fahrer den brennenden Dosen ausweicht und man schließlich seinen Blick zum Horizont richtet, der in hellem und flackerndem Rot erleuchtet ist.

Ankunft in Brasilia

 

Es ist Sonntagmorgen, als wir in der Prärie ankommen…äh…also in der Hauptstadt. Oder ist es doch die Prärie? Wir wissen es nicht. Müssen wir hier raus? Sind wir wirklich in Brasilia, der Hauptstadt des drittgrößten Landes der Welt? Wir sind an einem Busbahnhof, ja, das erkennt man gerade noch. Auch wenn dieser wesentlich kleiner ist als in der unbedeutenden Millionenstadt Belém. Doch besteht Brasilia nur aus Busbahnhof oder gibt es noch etwas anderes? Rundherum sehen wir nur steppenartige, braune Landschaft.

Völlig verunsichert fragen wir erst einen Passagier, dann den Fahrer und wieder erneut die Passagiere. Sie schauen uns seltsam an, als wollten sie uns los werden. Doch alle beteuern, dass wir am Ziel seien und aussteigen müssen. Völlig verwirrt nehmen wir unsere Räder aus dem Kofferraum und bepacken sie unter den neugierigen Augen wartender Fahrgäste und schieben sie nach getaner Arbeit zum Ausgang.

Dort fragen wir noch einmal: „Ist das Brasilia?“, „Ja“, die Antwort, wir müssen nur noch über die breite Straße und dann über den Hügel. Und tatsächlich, auf der sechsspurigen Straße Museumpassieren wir das erste Denkmal und auf dem Scheitelpunkt angekommen, sehen wir die Häuser der künstlichen Stadt. Wir fühlen uns in den Kommunismus versetzt und rollen die breite, fast menschenleere Straße runter in etwas, das wohl des Zentrum von Pjöngjang…äh, Entschuldigung, …Brasilia sein soll.

Brasilia ist wohl eine der merkwürdigsten Städte der Welt. Am Reißbrett entworfen und von heute auf morgen im letzten Jahrhundert erbaut, präsentiert es sich in mehreren Vierteln. Die Straßen haben dabei so merkwürdige Namen wie Qz7DrB3 oder so ähnlich. Das erste Viertel, das wir erreichen, ist das Hotelviertel. Im anscheinend teuersten Hotel der Stadt fragen wir nach einem günstigen Hotel. Wie wäre das wohl in Deutschland, wenn zwei verlumpte und staubige Radfahrer im Sheraton Essen ankämen und nach einer günstigen Unterkunft außerhalb des Hotels fragen würden?

Freundlich antworten die netten Brasilianer an der Rezeption und empfehlen uns etwas kleines zwei Straßen weiter. Dort nimmt man uns gerne auf und hilft uns sogar dabei unsere Räder in unser Hotelzimmer zu tragen. Als Erstes gehen wir zum Busbahnhof für die städtischen Linienbusse, der sich gleich um die Ecke befindet. Von dort fahren wir mit dem Bus zu dem überregionalen Busbahnhof, wo wir am Morgen ankamen und kaufen Tickets für Weiterfahrt am nächsten Tag. Ein freundlicher Brasilianer, der uns beim Kauf dolmetscht, freut sich, dass wir nach Foz do Iguacu wollen. Er käme von dort und seine Mutter würde dort noch leben. Aber wir sollen gut auf uns aufpassen, besonders in Downtown soll es gefährlich sein.

Wir fahren zurück in das Zentrum und gehen uns jetzt endlich nach der langen Busfahrt erst einmal bei McDonalds stärken. Dieses befindet sich gleich neben dem Fernsehturm, während sich dieser mitten auf einem kleinen Hügel auf dem Grünstreifen der Hauptstraße erhebt. Die Straße ist so breit, dass man für die Überquerung der 12 Fahrspuren und dem Mittelstreifen ca. 10 Minuten benötigt. Um den Fuß des Turmes herum gibt es einen Trödel- und Handwerkermarkt, den wir uns in aller Ruhe anschauen.

An einem afrobrasilianischen Stand kommt Moni mit einem Rastafari-Schwarzen ins Gespräch, der ebenfalls Deutsch spricht. So werde ich plötzlich Zeuge, wie sich die junge Polin und der Afrikaner im weit entfernten Brasilien auf Deutsch über Freiburg unterhalten, wo beide mal gearbeitet haben. Die Welt ist ja so klein…

Anschließend schlendern wir die Hauptstraße entlang, besichtigen die merkwürdige Kathedrale und das benachbarte Museum und gehen durch das Regierungsviertel, dem eigentlichen Zentrum der Stadt. Die Plattenbauten erinnern dabei stark an ostdeutsche Vororte, doch dabei wird von hier das drittgrößte Land der Welt der Welt regiert. Nur Wohnhäuser, die sieht man im Zentrum überhaupt nicht. Die Stadt ist auf keinen Fall schön und auch nicht wirklich sehenswert, aber irgendwie hat sie was. Wahrscheinlich ist es die Tatsache, dass Brasilia das Ergebnis einer totalen Fehlplanung ist. Manche Gebäude wurden vom Architekten Oskar Niemeyer entworfen, der auch schon für den Wiederaufbau von Le Havre zuständig war. Dort fanden wir es auch nicht gerade hübsch und gemütlich.

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