Frachtschiff

2007 – (4) Frachtschiffreise von Buenos Aires nach Hamburg

Mit einem Frachtschiff nach Südamerika und zurück

Frachtschiffreise Teil 4 – Mit dem Frachtschiff von Buenos Aires nach Hamburg

Wieder einschiffen

 

Tag 1

Von Buenos Aires nach Emden, von der Weltmetropole nach Ostfriesland – so heißt unser Ziel. Zum letzten Mal auf dem amerikanischen Kontinent bepacken wir unsere Fahrräder. Ein letztes Winken zum Portier des Hotels Marbella in der argentinischen Hauptstadt und schon schieben wir unsere Räder wie damals in Le Havre zum Hafen von Buenos Aires. Radeln ist undenkbar, dafür sind sie zu überladen. Wieder haben wir massig an Proviant eingekauft und zudem kommen jetzt auch noch Andenken und Mitbringsel dazu sowie Beschäftigungskram für die dreiwöchige Schiffsreise. Dazu gehören ”Stern”, ”Spiegel” und der ”Focus”, die wir in Buenos Aires kaufen konnten sowie eine deutschsprachige argentinische Wochenzeitung und zwei Puzzle. Ein letztes Mal überqueren wir die angeblich breiteste Straße der Welt, passieren den Präsidentenpalast und sind froh, die Stadt bald hinter uns zu haben. Seit Tagen habe ich Halsschmerzen und Moni niest so oft, wie sie es sonst nicht tut. Wir vermuten, es hängt mit dem Dreck in der Luft und dem Smog zusammen.

Auf dem Weg werden wir von den freundlichen Menschen gegrüßt und am Hafen ist man wieder an unserem ”Woher und Wohin” interessiert. Wir fragen uns beim Zoll nach Senor Orsini durch, dem Hafenagenten, mit dem wir verabredet sind. Nur kurz nach der vereinbarten Zeit kommt er auch schon und entschuldigt seine Verspätung mit fünf Touristenpärchen, die mit ihren Wohnmobilen durch Südamerika kreuzen wollen, das mache halt viel Arbeit.

Wir sehen die Wohnmobile wie sie in einer Schlange auf die Einreise warten. Sie kommen gerade von ”unserem” Schiff und stammen aus Deutschland und Frankreich, doch nur ein französisches Pärchen erkennt in uns europäische Touristen und winkt freundlich. Nachdem sich die Tore für sie öffnen und sie nun durch das Land reisen können, erklärt uns Senor Orsini, dass auf jedem Grimaldi-Schiff europäische Touristen sind. Fast alle kommen aus Frankreich, Deutschland und natürlich Holland. Doch jetzt sind wir an der Reihe, immerhin wollen wir endlich nach langer Wartezeit auf die ”Repubblica Argentina”, die uns wieder heim nach Europa bringen soll. Sie befindet sich nur rund 100 m von uns entfernt, doch man verbietet uns auf eigene Faust zum Schiff zu gehen. Jeder, der sich im Hafen befindet, muss den Pendelbus benutzen. Da dürfen wir keine Ausnahme machen. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir die argentinische Bürokratie nicht einhielten? Wahrscheinlich zum Schiff aber so…

Also warten wir brav auf den Pendelbus und lächeln uns an, weil wir wissen was kommen wird. Der kleine, rote Bus erscheint und durch die schmale Tür passt ein Rad mit Gepäck auf keinen Fall. Selbst ohne die Packtaschen würden wir gerade mal ein Rad hinein hieven können, damit es dann auf den Sitzbänken zum Liegen käme. Ein Hafenarbeiter sieht das Problem anscheinend überhaupt nicht und ruft aus dem Bus heraus, dass ich doch das 50 – 60 kg schwere Rad “mal eben” reinpacken soll. Wir schütteln mit dem Kopf und erklären dem Hafenagenten, dass dies nicht unser erster Hafen ist, in dem wir uns bewegen. Nach Le Havre, St. Maarten, Port-of-Spain, Cayenne in Französisch-Guyana und dem brasilianischen Hafen von Bélem wissen wir mittlerweile wo man zu gehen und auf was man aufzupassen hat. Doch Vorschrift ist Vorschrift und ”Wichtigsein” ist ”Wichtigsein”. So wird also per Funk ein Pick-Up geordert, der nach weiteren zehn Minuten erscheint. Mit drei Mann hieven wir die Räder auf die Ladefläche und ein Hafenarbeiter bleibt hinten drauf stehen, um die Räder einfach so mit seinen Händen während der Fahrt festzuhalten. Wir beide müssen in einen anderen Pkw steigen, der merkwürdigerweise nicht den einfachen, direkten Weg nimmt so wie der Pick-Up mit unseren Bikes. Vermutlich will man uns von der Gefährlichkeit eines Containerhafens überzeugen und braust umständlich mit und durch die haushohen Wände der gestapelten Container. An einer völlig uneinsehbaren Kreuzung wird kurz die Hupe gedrückt und dann Gas gegeben. Wenn das jeder im Hafen so macht fragen wir uns, was denn nun gefährlicher sei?

Anders als die “Marfret Normandie” die uns nach Brasilien brachte, ist die “Repubblica Argentina” kein reines Frachtschiff, sondern zugleich auch eine riesige Fähre. Dementsprechend ist der Aufbau ein völlig anderer und am Heck des Schiffes befindet sich eine Auffahrrampe. Dort tragen wir uns pflichtgemäß in das Buch ein, welches dokumentiert, wer alles an Bord ist. Die Räder sollen wir neben dem Lift parken und schon können wir die Packtaschen abnehmen. Auf dem 8. Deck befindet sich unsere Kabine im vorderen Teil des Schiffes, während hinten Hunderte von Neuwagen stehen, die allesamt noch mit Schutzfolie und Styropor verkleidet sind. Zwischendrin tragen wir mit einem der Matrosen unser Gepäck in Kabine 826.

Eines ist dabei sofort offensichtlich: Alles ist hier anders als auf unserer ersten Frachtschiffreise. Die Kabine ist bei weitem nicht so geräumig und luxuriös wie wir es kennen lernten. Auf Teppich, DVD und Haustelefon kann man natürlich verzichten. Weniger schön sind der fehlende Kühlschrank und das verschraubte Bullauge. Diese lässt sich dadurch nicht öffnen, womit das abendliche Nachrichtenhören bei der Deutschen Welle ausfällt, da man durch die Metallumhüllung der Kabine keinen Empfang hat. Ungewohnt auch, dass wir nun in zwei ”echten” Kojen schlafen müssen, also in Doppelstockbetten. Moni entschied sich spontan für oben, schaute aber etwas irritiert, als ich sie daran erinnerte, dass sich das Schiff bewegen wird. Denn seltsamerweise gibt es keine ”Rausfall-Schutzhalterung”. Vielleicht ein gutes Zeichen?

Davon abgesehen dass es sich um einen Wohn-/Schlafraum handelt und nicht um zwei separate Zimmer gibt es als Tisch nur ein Sideboard. Na hoffentlich passt da das Puzzle drauf. Als wir die Schlüssel überreicht bekommen, werden wir direkt vom Steward zum Lunch gebeten. Gleichzeitig zeigt er uns die Essenzeiten, die sich nur geringfügig von unserer ersten Erfahrung unterscheiden und bringt uns in die Offiziersmesse. Wir bekommen einen Tisch für uns alleine und damit bestätigt sich, was wir bereits aus dem Internet wussten: Hier auf diesem Schiff wird nur mit dem Kapitän an einem Tisch gemeinsam gespeist, wenn er dazu einlädt. Dies passt auch zu einem anderem Eindruck, den wir bis jetzt hatten: Haben wir auf der “Marfret Normandie” den Kapitän einmal und den Chefingenieur ganze zweimal innerhalb von drei Wochen mit Hemd und Schulterklappen gesehen, so ist hier die gesamte Crew uniformiert. Es herrscht also ein anderer Umgangston.

Wir nehmen Platz und fangen vorsichtig mit der Vorspeise an. Danach kommt der zweite Gang, der dritte Gang, die Nachspeise und zum Schluss noch ein Espresso. Zu alledem tranken wir eine kleine Flasche Wein, typisch italienisch eben. Nach der Mahlzeit, die sich über eine Stunde hin zog verzogen wir uns in unsere Kabine zurück und erkundeten das Deck oberhalb des Wohnbereichs. Dabei handelt es fast um das gesamte Dach des Schiffes und bietet daher viel Freifläche. Nachdem das Schiff noch bis in die späten Abendstunden beladen wurde und den Hafen nicht verließ und wir mittlerweile auch genug Bilder vom Hafen machten begannen wir mit dem ersten Puzzle, das noch am heutigen Tag zu dreiviertel fertig gestellt wurde. Auch das Dinner um 18 Uhr fiel wieder sehr üppig und lecker aus und nach der Nachspeise in Form von Obst gab es sogar noch ein Eis, also eigentlich fünf Gänge.

Das Schiff legt ab

 

Tag 2

Wie wir es schon mehrfach erlebt haben, lief auch dieses Schiff mitten in der Nacht aus. Es war aber so ruhig dabei und fast ohne Bewegung, dass wir nachts um 3 nur einen kurzen Blick mit einem halb geöffneten Auge aus dem Fenster warfen und weiter schliefen. Das Frühstück fiel im Gegensatz zu den beiden gestrigen Mahlzeiten geringer aus. Auch gibt es hier keine Möglichkeit sich selbst zu bedienen. Alles wird von den beiden (!) sehr gut gekleideten Stewards gereicht.

Moni ging schlafen und ich beendete noch vor dem Lunch das erste Puzzle. Einen Gang nach draußen wagte ich nur kurz, da es extrem windig war und sich zudem auch stark abkühlte. Ich traf den 2. Maat, der nach Moni fragte. Als ich ihm sagte, dass sie schlief, kam mir diese Situation sehr bekannt vor. Und tatsächlich, nachmittags bat er uns in den Aufenthaltsraum um mit uns die Sicherheitseinrichtungen und –vorkehrungen zu besprechen. Dazu weckten wir Moni, die zu diesem Zeitpunkt schon wieder schlief und wir lachten deswegen. Wir sahen zwei Videos auf Italienisch und Englisch über die verschiedenen Arten von Rettungsbooten und über den Schutz vor Diebstahl und Terrorismus. Danach zeigte man uns den Computer, von dem aus wir Mails versenden können, führte uns auf die Brücke und zum Fitnessraum. Den Rundgang auf dem Außendeck ließen wir aus Sicherheitsgründen wegen des Wetters bleiben. Mittlerweile schwankte das Schiff schon wesentlich mehr und Moni musste auf das leckere Abendessen verzichten. Sie litt, wie schon damals, an Seekrankheit. Nachdem ich das Mailversenden testete, begann ich mit dem zweiten Puzzle. Mal schauen, wie lange ich diesmal brauche.

Am Abend wurde es dann auch für mich schlimmer. Bei jeder ruckartigen Bewegung zuckt man zusammen und befürchtet, dass das Schiff umkippen könne. An Schlaf war vorerst nicht zu denken. Angenehmer wäre es wahrscheinlich gewesen, wenn man mal nach draußen gehen könnte oder durch das Fenster die Wellenbewegung sehen würde. Aber ersteres ist bei dem Wetter zu gefährlich und letzteres durch die Dunkelheit nicht möglich. Auch hier ein klarer Vorteil für die “Marfret Normandie”. Dort war auch bei schlechtem Wetter ein Gang aufs überdachte und windgeschützte Deck möglich. Und dadurch dass man sechs Etagen weiter unten wohnte, war man den Wellen näher.

Tag 3

Irgendwann sehr spät in der Nacht gewann die Müdigkeit. Doch es war so spät, dass wir gleich nach dem Frühstück weiter schliefen. Erst kurz vor dem Lunch wurden wir wach, bei dem wir allerdings wenig aßen weil es uns beiden nicht so gut ging. Am anderen Tisch saß, wie wir vermuten, der Kapitän. Eine Vermutung bleibt es deshalb, weil er sich nicht vorstellte. Damit wissen wir immer noch nicht, wer hier das Sagen hat.

Nachmittags wuschen wir die Wäsche und ich begann am Computer die ersten Texte einzugeben und zu speichern. So wird die Zeit hier sinnvoll genutzt. Doch das Abendessen musste ich, genau wie Moni, absagen. Das schlechte Wetter wollte einfach nicht aufhören und so ging es uns weiterhin schlecht. Der nette Steward brachte uns aber noch das Obst, welches es immer nach dem Abendessen noch gibt. Er meinte mit mitleidiger Stimme “Fruta, fruta” und wollte wohl damit sagen, dass wir zumindest das essen sollten, was wir später auch taten.

 

Landgang in Brasilien

Tag 4

So richtig ins Gespräch sind wir bisher mit niemanden gekommen. Aber jeder weiß wohl über uns Bescheid. Heute kam der Elektriker zu uns und fragte, ob er sich unsere Luftpumpe ausleihen könne. Witzig, noch nie mit ihm gesprochen, aber dass wir mit Rädern unterwegs sind, ist bekannt.

Nach dem Frühstück legten wir im brasilianischen Hafen Paranagua an. Der Elektriker meinte, dass wir vielleicht zwei Nächte bleiben werden. Aber sicher sei er auch nicht. Na toll. Der Informationsfluss ist etwas schlecht. Eigentlich sollten wir heute schon in Rio sein, nun ja. Leider gibt es hier auch kein schwarzes Brett, so dass wir keine Ahnung haben, welchen Hafen wir zu welchem Zeitpunkt ansteuern werden. Vom Deck des Schiffes aus können wir beobachten, wie die vielen Neuwagen im Konvoi zu einem großen Parkplatz gebracht werden. Dort werden die einzelnen Fahrer in einen VW-Bus gesteckt und wieder zum Schiff zurück gebracht um die nächsten Volkswagen aus dem Bauch des Schiffes zu holen.

Doch wir wollen nun auch endlich raus und die kleine Ortschaft erkunden, aber niemand teilt uns mit, ob die Immigration schon erledigt ist oder nicht. Ein vereinzelter Zollbeamter verläuft sich indessen auf dem Schiff und ich bringe ihn zum Lift. Später treffen wir ihn wieder und er bedankt sich nochmals per Handschlag. Jaja, freundlich, diese Brasilianer. Oder er hat geglaubt, ich sei eine wichtige Person auf dem Schiff? 😉

Irgendwann treffen wir einen der Besatzung, der mit uns zum ”Sekretariat” geht. Dort erhalten wir die Erlaubnis, bis 15 Uhr das Schiff zu verlassen. Danach will angeblich die Immigrationsbehörde die gesamte Schiffsbesatzung einschließlich der Passagiere sehen. Dieses Gespräch hörte wohl auch der Mann, den wir für den Kapitän halten. Denn dieser kam aus der Kapitänskajüte gerannt und erklärte nochmals dem Besatzungsmitglied in meinem Beisein, dass die Passagiere um 15 Uhr zurück sein müssen. Aha, der feine Herr Kapitän spricht also nicht mit den Passagieren selber?

Nur mit einer Kopie unserer Reisepässe bewaffnet, also ohne irgendeine ID-Karte, verlassen wir das Schiff und tragen uns am Hafenausgang ein. Mit dem kostenlosen Bus fahren wir in die gemütlich und angenehme Innenstadt von Paranagua. Dort erfahren wir mal wieder die Freundlichkeit der Brasilianer. Auf der Suche nach einem Internetcafé treffen wir auf eine junge Frau, die uns direkt mal durch die Stadt dorthin führt und an unserer Herkunft interessiert ist. Zudem will sie für uns im Internetcafé, einem griechischem Restaurant mit 2 Computern, übersetzen. Dabei spricht der Besitzer selber Englisch.

Nach einem kurzen Einkaufsbummel fahren wir zurück zum Schiff und beschäftigen uns wider mit Lesen, Schreiben und Puzzeln. Zuvor gibt es am Hafeneingang dann wie erwartet, kleine Probleme mit der Identifikation. Selbst auf der vorliegenden Liste des Schiffes ist unser Name nicht aufgeführt. Ganz tolle Organisation bei der italienischen Schiffsführung.

Auf Deck treffe ich einen der Matrosen, der erklärt, dass sein Freund, der Elektriker Freunde und Verwandte im Ort hat und daher an Land durfte. Gleichzeitig meinte er, dass unsere Abfahrtszeit wohl heute Nacht um 1 sei. Allerdings würde das Be- und Entladen schnell verlaufen, so dass wir wohl früher ablegen können. Unerwähnt bleiben muss wahrscheinlich die Tatsache, dass uns um 15 Uhr schließlich niemand sehen wollte. Beim Lunch sitzen viele Crewmitglieder in Uniform zusammen, reden laut und lachen. Wesentlich leiser wird es, als der mutmaßliche Kapitän ohne zu grüßen erscheint und alleine an einem anderen Tisch sitzt. Wie heißt es doch so schön? Die Stimmung auf einem Schiff hängt sehr davon ab, wer Kapitän ist und was der Koch kann. Auf diesem Schiff ist der Koch wirklich sehr gut…

5. Tag

Beim Lunch fiel es mir auf: Wir bekommen erst dann etwas zu essen, wenn der Kapitän anwesend ist. Wahrscheinlich merkten wir das in den ersten Tagen nicht, weil er halt manchmal gar nicht da ist und es dann normal Essen gibt. Unangenehm aufgefallen ist er mir auch dabei, wie er den netten Steward anfuhr. Nein, der Umgangston gefällt mir nicht, mal davon abgesehen, dass wir offiziell immer noch nicht wissen, ob er es wirklich ist. Aber wer sollte es sonst sein? Er sitzt am Kopf des Tisches, er verbreitet ”Chef-ist-im-Raum”-Stimmung und er ist derjenige, auf den wir warten müssen. Ich ernenne ihn zum ”Kommandate Arrogante”, obwohl er eigentlich nett guckt, wenn wir den Raum verlassen und Ciao sagen. Vielleicht guckt er aber auch gerade deswegen ausgerechnet dann nett, wenn wir gehen.

Am Nachmittag saß ich auf Deck und hörte Deutsche Welle. Während es also aus dem Weltempfänger krächzte und quäkte, blickte ich gedankenverloren auf das Meer und sah ein sehr kleines Fischerboot. Meine Verwunderung darüber, dass so weit draußen ein so kleines Schiffchen sein soll, ließ mich neugierig aufstehen, damit ich über das Schiffsdach hinweg auf die andere Seite unseres Frachters blicken konnte. Und siehe da, was erhebt sich da quasi vor meiner Nase? Der Zuckerhut von Rio de Janeiro. Wir waren also schon da. Ich holte Moni aus der Kabine und wir schauten uns an, wie wir uns der weltberühmten Copacabana näherten. Man sah den Strand und direkt dahinter die Promenade mit unzähligen Hochhäusern. Ich versuchte durch das Fernglas die einzelnen Gebäude zu zählen, aber nach rund drei Dutzend gab ich auf und dabei habe ich gerade einmal auf einen Bruchteil des Küstenabschnittes geblickt. Rechts davon erhebt sich der berühmte Zuckerhut steil aus dem Meer und ich fragte Moni, was daran so besonderes sein soll. Sieht doch genauso aus wie die Loreley am Rhein. Und über allem thront die nicht weniger berühmte Jesus-Christus-Figur, die aus der Dunstglocke der Stadt heraus schaut.

Wir umrundeten den Zuckerhut und zum Vorschein kamen noch mehr Hochhäuser, ein Flughafen, dessen Landebahn mitten im Hafen liegt und eine gigantische Brücke unter der wir hindurch mussten. Zwischen vielen rostigen Kähnen warfen wir den Anker aus und warteten bis wir anlegen konnten. Der Steward teilte uns mit, dass das Dinner auf Anordnung des Kapitäns eine Viertelstunde früher eingenommen wird. Wir gingen also pünktlich zur Offiziersmesse und warteten brav auf den Kapitän. Nachdem wir 15 Minuten warteten, also genau bis zur regulären Essenszeit, gingen die beiden Stewards zum Kapitän und baten um Erlaubnis servieren zu dürfen, denn dieser kam letztendlich gar nicht. Später legten wir am Kai an, doch da es schon spät und dunkel war und die Stadt sowieso einen für uns abschreckenden Eindruck machte, gingen wir schlafen.

6. Tag

Nach dem Frühstück legten wir ab und steuerten wieder Richtung Süden. Die Logik der Reederei verstehe ich zwar nicht ganz, aber es soll mir egal sein. Gestern fuhren wir gewissermaßen an Santos bei Sao Paulo vorbei, um heute die 300 km zurück zu fahren. Gegen Mittag, es war heute sehr warm, begaben wir uns auf das Oberdeck, wo man direkt neben der Brücke steht. Wir schauten vorsichtig hinein und sahen dort den 2. Maat namens Mantilla und einen weiteren philippinischen Matrosen, die beide sehr nett sind. Nur deswegen betraten wir die Brücke. In Anwesenheit des Kapitäns hätte Zuckerhutich gerne verzichtet. Mantilla führte und herum und zeigte uns, was wir wollten. Von der ”Marfret Normandie” wussten wir ja bereits, was uns am meisten interessierte: ETA, die Abkürzung für die voraussichtliche Ankunftszeit. Und die besagte, dass wir bei der momentanen Geschwindigkeit von 20 Knoten (36 km/h) Santos heute um 18.18 Uhr erreichen werden. Und so war es denn auch. Der dritte und letzte brasilianische Hafen war ebenfalls wieder von unzähligen Hochhäusern gespickt. Wenn dies nur eine ”kleine” Stadt bei Sao Paulo ist, wie sieht dann erst Sao Paulo selber aus? Ich will es gar nicht wissen und freue mich sehr auf unser gemütliches und idyllisches Europa. Doch zuvor schauen wir wieder zu, wie zahlreiche Autos im Bauch des Schiffes verschwinden und wie direkt neben dem Hafen die Menschen in Slums leben müssen.

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4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Moni und Micha, ich habe so mit euch gefühlt….eurer Südamerika-Erlebnis ist so eindrucksvoll geschildert. Meine Welt wäre das auch nicht, ich muss das nicht erleben. Schade, dass die Rückreise auf dem Frachtschiff nicht wenigsten so gut war wie die Hinreise. Aber, was einen nicht umbringt, macht einen nur noch härter. Ich war 1969/70 als Au-pair-girl in Schottland, Linlithgow, war dann auch mal am Hafen Grangemouth, und habe bei einem deutschen Frachter gefragt, ob ich nicht mal mit nach Deutschland fahren könnte, auf Heimaturlaub. Es hat sogar 2 x geklappt. Und ich durfte auf der Nordsee auch mal das Schiff steuern, es war die Albatros und die fuhr regelmäßig zwischen HH oder HB und Grangemouth. Ich liebe eure Reiseerlebnisse und auch die Fotos. Danke. Liebe Grüße Ursula

    • Hallo Ursula,

      ich habe zu danken – für diesen netten Kommentar. Aber das ist natürlich auch aufregend, einfach so am Hafen quasi den Daumen ruaszustrecken und um Mitfahrt bitten. Das ist heute leider überhaupt nicht mehr möglich. Ansonsten ist so eine Schiffsreise natürlich immer klasse und spannend und es wird nicht unsere letzte gewesen sein.

      Viele Grüße
      Micha

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