Seit 20 Jahren Flugangst

In dieser Woche jährt sich zum 20. Mal der letzte Flug, den ich gemacht habe. Und ich bin ein wenig stolz darauf. Denn dass ich mich anschließend ausgerechnet mit den Themen Reise und Tourismus selbständig gemacht habe, dürfte mit diesem Phänomen keine Selbstverständlichkeit sein. Man könnte ja eigentlich meinen, dass es gerade für einen Autor von Reiseführern eine Notwendigkeit ist, zu fliegen.

Mein erster Flug fand 1990 statt. Damals noch mit meinen Eltern. Ab Düsseldorf flogen wir in den Sommerurlaub an die türkische Mittelmeerküste. Ich erinnere mich noch sehr, sehr gut an diesen Tag. Schmuddeliges Wetter, leichter Regen. Das Flugzeug rollt langsam zur Startbahn. Die Regentropfen perlten gemächlich an der kleinen Scheibe des Flugzeugs hinab – bis zu dem Moment, als der Pilot beschleunigte, um das Flugzeug in die Lüfte zu heben. Aus den kleinen Perlen wurden schlagartig lange Streifen, die sich waagerecht über das gesamte Fenster zogen. Das war das letzte Mal, das ich aus dem Fenster schaute und zum ersten Mal wusste ich, dass ich Flugangst habe.

Nach dem Urlaub hoffte ich, so schnell nicht wieder fliegen zu müssen. Doch nur vier Jahre später nahm ich an einer Tombola teil. Ich hatte ein paar Lose gekauft und hoffte auf den Hauptpreis – eine Busreise nach Paris. Vergeblich, jemand anders gewann. Und außerdem stellte sich heraus, dass das gar nicht der Hauptpreis war, sondern nur der zweite Platz. Ich wollte nämlich gerade meine vermeintlichen Nieten zerknüllen, als auf der Bühne der erste Preis angekündigt wurde und wenig später meine Losnummer aus den Lautsprechern schallte. Ich hatte den ersten Preis einer Tombola gewonnen. Ich konnte es nicht fassen. Eine Flugreise für eine Woche nach Ibiza. Ausgerechnet die Balearen. Ausgerechnet eine Flugreise.

Damals war ich noch jung und trat die Reise im Mai 1994 tatsächlich auch an. Heute, 20 Jahre später, wäre dem definitiv nicht mehr so. Der Hinflug nach Ibiza war noch halb so wild. Aber den Aufenthalt auf der Insel konnte ich kein bisschen genießen. Denn meine Gedanken kreisten fast nur um den anstehenden Rückflug. Dieser führte dann auch noch durch Turbulenzen, in denen der Pilot die Flugbegleiter aufforderte, den Service einzustellen und sich anzuschnallen. Na toll, ausgerechnet das hatte ich gebraucht.

Gut zwei Stunden lang krallte ich meine Finger tief in die Armlehnen und ich bewegte mich keinen Millimeter. Ich bildete mir ein, dass das Flugzeug zur Seite kippen würde, wenn ich aufstehe. Dass dem nicht so ist, weiß ich natürlich. Aber solche Gedanken sind die Ausgeburt meiner Flugangst. Und ich stehe dazu. Nach der Landung in Düsseldorf schwor ich mir, nie wieder zu fliegen.

Ich machte mir natürlich Gedanken, wie ich in meinen zukünftigen knapp bemessenen Sommerurlauben auch mal etwas weiter verreisen könnte. Die Chancen standen schlecht und deswegen krempelte ich wenige Jahre später mein komplettes Leben um. Ich kündigte meinen Bürojob mit seinen 26 Urlaubstagen pro Jahr und machte mich selbständig. Es klingt paradox, dass ich als Autor von Reiseführen nicht fliege. Aber gerade ohne diese Flugangst wäre ich gar nicht erst Autor von Reiseführern geworden.

Heute muss ich manchmal schmunzeln, wenn ich Menschen mit viel Zeit sehe, die sich untereinander mit der Anzahl ihrer bereisten Länder messen. Technisch betrachtet ist das kein großes Ding, sich online ein Ticket zu kaufen, ins Flugzeug zu steigen und ein paar Stunden später an einem anderen Ort zu sein. Mittlerweile sehe ich das nicht mehr als Reise, sondern nur als Transport. Genauso, als würde ich in eine S-Bahn einsteigen. Dass ich das Fliegen und Flugzeuge grundsätzlich aber interessant finde, zeigen diverse Threads von mir im Reiseforum.

Dennoch habe ich es lieber, wenn ich mich gemütlich mit dem Fahrrad oder dem Wohnmobil quer durch Europa bewege, mit dem Zug nach Peking fahre oder die Matrosen eines Frachtschiffs kennenlerne.

Und ich habe nicht vor, das in Zukunft zu ändern. Ich freue mich schon auf die nächsten 20 Jahre, in denen ich nicht fliegen werde.

 

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. glückwunsch zum jubiläum und endlich mal einer, der zu seiner flugangst steht (so wie ich) und festgestellt hat, dass das flugzeug nicht die einzige möglichkeit ist, um ein SCHÖNES urlaubsziel zu erreichen.

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