Kjerag

2012 – (1) Wandern in Südnorwegen

Mit dem Wohnmobil zum Nordkap

Wanderung zum Kjeragbolten

 

Mittwoch, 18. Juli 2012

Der tosende Wasserfall rauscht nicht nur die ganze Nacht in unseren Ohren, sondern auch noch lange dem Aufstehen, obwohl wir schon zu Fuß auf dem Weg zu unserer ersten Wanderung sind. Wir lassen den Wagen auf dem Schotterparkplatz stehen und gehen die 300 Höhenmeter auf der kurvigen Serpentinenstraße hinauf bis zum Restaurant und zum dort kostenpflichtigen Parkplatz. Er kostet 100 Kronen, also umgerechnet rund 13 Euro. Die sparen wir uns, und nicht nur die. Denn es wird angedroht, dass es das Dreifache kosten wird, wenn man kein Ticket zieht. Nun, das könnten wir auch gar nicht, denn wir haben weder Münzen noch überhaupt norwegische Kronen bei uns. Und einen Bankautomaten gibt es dort nicht. Eben nur ein Restaurant und Toiletten. An letzteren gehen wir vorbei und beginnen den Aufstieg zum Kjeragbolten. Der Kjerag ist ein Hochplateau am südlichen Rand des Lysefjords.

Felsig, karg und beinahe wie eine  Mondlandschaft wirkend. Aber eben sehr schön und mit tollen Weitblicken. Wir haben diese Tour schon vor drei Jahren gemacht und waren sehr begeistert und beeindruckt. Schon damals waren wir nicht die einzigen, die dorthin unterwegs waren – aber heute ist es voll, so richtig voll. Gut, es ist auch genau die Uhrzeit, zu der jeder zu solch einer Wanderung aufbricht: 20 Minuten nach 10. Also gehen wir mit zahlreichen Menschen in eine Richtung und kaum einer kommt uns entgegen. Die wenigen Leute, die uns entgegenkommen, müssen ungefähr gegen 6 Uhr aufgebrochen sein und grinsen wahrscheinlich heimlich in sich, da sie vermutlich das Hochplateau ganz alleine für sich haben. Kann ich verstehen, machen wir auch immer so, wenn wir abseits der zeitlichen Touristenströme wandern. Nur heute ist es etwas anders. Aber warum nicht auch mal solch ein Erlebnis? Besonders, da wir die Strecke schon kennen, da kann man ganz gut die Menschen beobachten. Schon auf dem Parkplatz konnte man zahlreiche Nationalitätenkenzeichen sehen, doch auf dem Weg hat man dann noch das Stimmengewirr verschiedener Sprachen dabei.

Ich habe den Weg zwar schon auf molls-reiseblog.de erähnt. Aber hier kann es auch nicht schaden. Der Weg besteht aus drei Anstiegen. Der erste Anstieg geht steil aber relativ kurz hinauf. Anschließend wandert man in eine Senke hinab, um den zweiten Anstieg in Angriff zu nehmen. Zu guter Letzt überquert man nach einem weiteren kurzen Abstieg einen Bach und steigt ein letztes Mal hinauf. An allen Aufstiegen und Abstiegen befinden sich auch in das Massiv verankerte Ketten, die dem Wanderer Sicherheit geben. Und nicht selten muss man auch die Hände zum Klettern nutzen oder sich auf den Hosenboden setzen, um ein paar Höhenmeter zu verlieren. Nach dem dritten Aufstieg hat man das Hochplateau erreicht, wo man beinahe eben über das imposante, steinerne Massiv wandert und zum Schluss den Kjeragbolten erreicht. Auf dem Weg dorthin ist die grobe Richtung mit einem roten T markiert und ein Verlaufen ist kaum möglich. Aber man kann auf einer ziemlich breiten Fläche wandern, so dass man auch schon mal 50 oder 100 Meter parallel zur Markierung läuft. So ist es uns ergangen und witzigerweise allen Wanderern, die hinter uns herliefen. Als wir den Fehler bemerkten und uns wieder zur Beschilderung begaben, vollzogen wir dabei beinahe eine 90°-Kurve, um kurz darauf wieder in die ursprüngliche Richtung einzuschwenken. Man stelle es sich so vor, als würden wir auf der Seitenlinie eines Fußballfeldes wandern und an der Mittellinie über den Anstoßpunkt die Seite wechseln. Brav wie die Lemminge sind uns die Wanderer auf diesem gezackten Weg gefolgt – niedlich.


Ansonsten wurden wir aber vielfach auch überholt. Und zwar in einem Tempo als gäbe es am Ziel etwas umsonst. Man muss wissen, dass der Kjeragbolten ein kleiner Felsbrocken ist, der sich zwischen zwei hohen Felswänden verkeilt hat. Unter dem Kjeragbolten geht es 1.000 Meter in die Tiefe und man blickt auf den Lysefjord. Ein beliebtes Fotomotiv ist es daher, sich auf den Felsen zu stellen, was ich bei letzten Reise auch tat. Heute hatte ich weniger Lust dazu – ganz einfach, weil es schlicht zu voll war.

 

Seit tausenden von Jahren klemmt dieser Fels zwischen den Wänden aber alle rannten auf ihn zu als würde er in den nächsten 20 Minuten hinab stürzen. Um ehrlich zu sein, hat mich diese Hetzerei und auch Drängelei ein wenig genervt. Wer sich in Norwegen Einsamkeit erhofft, ist hier definitiv falsch. Außerdem sollte man gar nicht näher auf das blicken, was die Ausflügler an ihren Schuhen tragen. Obwohl am Einstieg in drei Sprachen ausdrücklich darauf hingewiesen wird, festes Schuhwerk zu tragen, scheint es nur die wenigstens zu interessieren. Die überwiegend jungen Leute im Alter um die 20 Jahre scheinen den Weg als sportliches Highlight des Jahres wahr zu nehmen. Zum einen kann es ihnen nicht schnell genug gehen, zum anderen sind das Beste noch Turnschuhe mit festem Profil gewesen. Einfache Stoffschuhe, Sandalen und sogar Stöckelschuhe konnten wir sehen und es war auch nur eine Frage der Zeit, bis der Rettungshubschrauber über unseren Köpfen kreiste. Eine Touristin hat es erwischt und sich den Fuß oder Knöchel verletzt. War es die Hetze, war es das falsche Schuhwerk? Wir wissen es nicht, auf jeden Fall konnten wir es aus nächster Nähe der Rettung aus der Luft beiwohnen. Doch mein Mitleid galt eher den Piloten und Sanitätern, die vermutlich jeden Tag hier hin ausrücken müssen, weil zahlreiche leichtsinnige Möchtegern-Wanderer unterwegs sind.

Hier habe ich auch etwas in meinem Blog zum Thema Sicherheit auf Wanderwegen beschrieben.

Und am Kjeragbolten selbst war natürlich das Gedränge ganz besonders groß. Jeder wollte mal auf dem Stein stehen und wenn man sich auf den Felsvorsprüngen etwas weiter oberhalb dem Kjeragbolten näherte, erhielt die eigentlich ruhige norwegische Weite den Charakter eines Freibads. Das Stimmengewirr wurde zu einem Gröhlen, Schreien und Gekreische und spätestens jetzt wussten wir, dass wir beim nächsten Mal wieder entweder deutlich früher oder deutlich später unterwegs sein würden.

Nach insgesamt sechs Stunden kamen wir wieder am Restaurant an, stiegen noch schnell über die Serpentinenstraße hinab zum Auto und waren ziemlich erledigt. Rund 1.300 Höhenmeter und 14 Kilometer Wegstrecke lagen hinter uns während die Sonne die ganze Zeit auf dem schattenlosen Weg auf uns niederbrannte und wir rund 24 Grad hatten.
Wir tranken etwas, stärkten uns und machten uns auf den weiteren Weg mit dem Auto. Es ist ja noch lange hell und so können wir noch eine Zeit lang fahren. Auf der schönen Straße, auf der wir gekommen sind, fahren wir lange Zeit zurück, biegen rechts ab und fahren durch wunderbare Landschaften bis zum erstbesten Campingplatz. Für 200 Kronen bekamen wir einen ruhigen Rasenplatz, eine heiße Dusche und konnten unseren Wasservorrat auffüllen bzw. unser Abwasser entsorgen.

 

Lust auf weitere Reiseinfos oder nette Gespräche?
Ich freue mich über jede Anmeldung in www.molls-reiseforum.de

 

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hi , schöne Aufnahmen und tolle Fotos !

    Wir wollen Juni , Juli fahren !
    Schöne Grüße aus Filzmoos
    im Salzburgerlandl !

    Hermi und Lorenz
    Graf

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