Radreise durch Europa

2007 – (1) Mit dem Fahrrad zum Frachtschiff


 

Frachtschiffreise Teil 1 – Radeln durch Europa

Radeln durch Holland

Der Übergang nach Holland ist trist. Man merkt den Unterschied zum Nachbarland nur an der Straßenbeschilderung und den plötzlich auftauchenden Bergen. Jawohl, Holland hat Berge. Und die Holländer sind sogar so stolz darauf, dass sie gleich ganze Ortschaften danach benennen: Berg en Dal.

Das Land ist aber recht unspektakulär. Das mitgeführte Fernglas ist eigentlich für Südamerika und die Schiffsüberfahrt bestimmt, doch auch in Holland erweist es sich als nützlich. Das Land ist so flach, dass man morgens beim Zeltabbauen sieht, wo man abends sein Zelt wieder aufschlägt. So kommt es, dass wir zwischendurch auch mal per Fernglas Ausschau halten müssen. Wir wollen zwar schön am Waal (so heißt der Rhein in Holland) entlang, aber das klappt nicht immer. Also kurven wir so durchs Land, was ohne Karte manchmal etwas schwierig ist, aber trotzdem erreichen wir Breda. Doch dort nimmt unser Schicksal seinen Lauf…

Es regnet schon tagelang und der Wind bläst immer stärker je näher wir der Nordsee kommen. Ein Fortkommen ist extrem schwierig und dabei sind wir nur in Mitteleuropa. So beschließen wir, den Rest bis zur Küste mit der Regionalbahn zu fahren. Wir fragen im Touristenbüro, wohin wir müssen, um die Westerschelde mit der Fähre zu überqueren. Es heißt, die erste Fähre im Osten würde noch fahren, die zweite weiter westlich jedoch nicht. So kaufen wir ein Ticket bis Kruiningen, verstauen in einer ziemlich anstrengenden und hektischen Geschichte die Räder im Zug, steigen einmal um und landen in Kruiningen. Dort radeln wir zum Terminal und finden….nichts.

So ungefähr muss es in Tschernobyl aussehen, geht es uns durch den Kopf. Alles zugewachsen, verwaist und kaputt. Anwohner teilen uns mit, dass hier schon seit zwei Jahren kein Schiff mehr fährt. Na toll, und wir stehen jetzt hier im Regen, im wahrsten Sinne des Wortes. Es bliebe aber die Fähre 40 km weiter westlich, die angeblich nicht mehr fahren soll, jedoch doch noch in Betrieb ist. Also suchen wir erst einmal einen Campingplatz auf. In der Zwischenzeit ziehen sehr dunkle Wolken auf und suchen uns anscheinend. Dummerweise finden sie uns auch noch eher, als wir den Campingplatz finden können. Als wären wir nicht schon nass genug und haben sowieso kaum noch trockene Klamotten, legt auf einmal ein Unwetter los: Autofahrer halten an, weil die Scheibenwischer nicht mehr mithalten können, um uns herum flackern die Blitze und was machen wir? Wir radeln einfach weiter. Unterstellmöglichkeiten gibt es keine; Moni kommentiert dies mitten im Regen mit den Worten: „Dieser Regen kostet uns 100 Dollar, ich habe sie im Schuh stecken, dieser ist bis obenhin mit Wasser gefüllt.“

Am Campingplatz angekommen, kommt auch die Sonne wieder heraus. Man stelle sich vor, man ist plätschnass, halb erfroren, gefrustet, hungrig und dann meint Moni plötzlich: „Na ja, so schön ist es Radweg Niederlandehier nicht gerade, lass uns ruhig mal noch ein bisschen weiter radeln…“ Das machen wir dann auch, bis wir wenige Kilometer später einen Campingplatz fast für uns ganz alleine finden.

Der nächste Tag beginnt mit demselben Wind und wir machen uns auf den Weg zur Fähre. Nach 7 km passiert es: Auf der regennassen Strecke schaue ich nach rechts ein wenig in die Landschaft und während ich so vor mich hin träume, komme ich mit dem Vorderrad vom Weg ab, rutsche weg und überschlage mich. Nach dem ersten Schreck meint Moni, es habe hollywoodreif ausgesehen. Bis auf einen Kratzer ist mir nichts weiter passiert, doch eine Packtasche hat nun ein Loch, dass wir später flicken müssen und der Kettenschutz ist lädiert. Aber alles in allem ist es glimpflich ausgegangen.

Nur wenig später machen wir eine Pause und ich ziehe leicht an der Packtasche, wobei dabei versehentlich die Halterung des Gepäckträgers kaputt reißt. Müssen wir mal demnächst schweißen lassen. Kurz bevor wir die Fähre erreichen, will ich ein Foto machen, halte an, klappe den vorderen Ständer um, als dieser mit einem lauten Knack über die halbe Straße fliegt. Irgendwie scheint mein Rad auseinander zu fallen. Später rast das Schiff mit uns über die Westerschelde und ich kann auf der anderen Seite inmitten von zahlreichen Touristen aus dem Ruhrgebiet einen neuen Ständer kaufen.

Auch der nächste Tag macht nur wenig Freude, es bläst uns der Wind mit Stärke 5-6 ins Gesicht und uns fast vom Rad. An einem Kreisverkehr frage ich jemanden, ob dies denn nun Belgien sei. „Oui“, kommt als Antwort. Aha, wieder kein Schild, aber die Sprache verrät es, wir haben Holland verlassen. In Knokke sehen wir plötzlich die “Kusttram”, eine Straßenbahn, die die gesamte belgische Küste entlang fährt. Dieser Spaß würde uns nur 8 Euro kosten, und das für eine Strecke von fast 70 km. Bei diesem Wetter überlegen wir nicht lange und können 2 Stunden und 20 Minuten später in De Panne kurz vor Frankreich wieder aussteigen.

Doch der Wind bleibt natürlich. Noch vor dem ersten französischen Ort, Dunkerque, fällt mein Rad im Wind um und es reißt die Aufhängung der Packtasche. Das heißt, ab sofort müssen wir die geflickte Tasche noch mit einem Spanngurt an dem eh schon kaputten Gepäckträger befestigen…

Wir erreichen Dunkerque nach einer mal wieder anstrengenden Gegenwindfahrt und steigen auf dem dortigen Platz ab. Für sage und schreibe 17,50 Euro erhalten wir eine hässliche Wiese und ein noch hässlicheres Sanitärgebäude. Die Duschen sehen genauso aus wie die Toiletten, prompt habe ich sie verwechselt (den Rest kann man sich denken). Wenn man bedenkt, dass wir in den Niederlanden auf einem kleinen Bauernhof für die Hälfte übernachten konnte… Man mag die 17,50 Euro gar nicht auf den Monat hochrechnen, dafür bekommt man in schönster Wohnlage schon eine gut ausgestattete Mietwohnung.

Als wir morgens wach werden, hören wir schon wieder das Regengetrommel auf dem Zeltdach. Trotzdem, die Devise heißt: Zusammenpacken und los. Wir haben ja immer die Sorge im Nacken, dass der Anruf kommt, das Schiff wäre da. Dann würden wir aber ziemlich dumm dastehen. Ein Frachtschiff wartet nicht, schon gar nicht auf zwei Radler, die noch viele hundert Kilometer entfernt irgendwo gegen die Witterung ankämpfen. Vor der geschlossenen Bücherei in Dunkerque warten wir auf das Öffnen derselbigen, in der Zeit vertreibe ich mir die Wartezeit mit Rumbasteln am Rad. Leider auf Kosten des Kugellagers, zwei Kügelchen hüpfen runter und verschwinden auf Nimmerwiedersehen in den Straßen Dünkirchens. Als die Bücherei aufmacht und wir den ersten Bericht für das Reisetagebuch nach einer halben Stunde fast fertig haben, stürzt der Computer ab – alles weg. Weil wir keine Lust haben, alles neu zu tippen, sind wir dann auch weg. Wir radeln also weiter und stolpern im fast orkanartigen Gegenwind über den Bahnhof der Stadt. Wir schauen uns an und denken beide dasselbe: Wenigstens mal fragen…

Und tatsächlich, es gibt eine Regionalbahn über Calais nach Boulogne sur Mer. Allerdings müssen wir einmal umsteigen. Kein Problem, dafür sind ja die Räder kostenlos mit drin.

 

In das Landesinnere von Frankreich

Wir holen also unsere Tickets und fahren nach Hazelbrouk. Ein Blick auf die Karte (nachdem wir im Zug sitzen) verrät uns, dass wir erst landeinwärts fahren, um nach Hazelbrouk zu gelangen. Dort angekommen, haben wir zwei Stunden Aufenthalt und schauen uns ganz gemütlich die Stadt an, was uns gefällt. Denn dies ist eigentlich das erste Mal, dass wir uns etwas in Ruhe anschauen können.

Mit der nächsten Bahn geht es dann nach Calais. Dort kommt uns ein netter Schaffner entgegen, sieht unsere schweren Räder und führt uns wegen mangelnder Rolltreppen und Fahrstühle über die Gleise in irgendein Hintergebäude, wo sich ein Lastenaufzug befindet. Klappt prima. Unterwegs teilt er uns aber mit, dass unser weiterer Weg per Bus stattfinden sollte. Wir verstanden nicht, wieso. Doch wir packen unsere sämtlichen Sachen vom Rad ab, laden sie in den Bus und fahren los. Alleine das Entladen beider Räder dauert rund 10 Minuten…

Später erfahren wir, dass auf manchen Strecken der Regionalbahn gestreikt wird und dafür halt die Ersatzbusse eingesetzt werden. Na ja, hat ja alles geklappt, bis auf die kleine Tatsache, dass das Rücklicht an meinem Rad die Busfahrt nicht überlebt hat. Wie sollte es auch anders sein?

In Boulogne kommen wir gegen drei Uhr an, schieben die Räder steil bergauf in die Altstadt, um dort zu erfahren, dass das Touristenbüro unten am Hafen sei. Also wieder runter, dort lange gesucht, weil das Häuschen viel zu klein ist, nach einem Campingplatz gefragt und eingekauft. Im Touristenbüro frage ich nach dem Weg zum Campingplatz. Angeblich immer geradeaus nach Le Portel. Weil der Weg sehr nach Nationalroute aussieht, frage ich, ob das wirklich sicher sei, dass man dort mit dem Rad entlang fahren kann. Die Antwort: “Naturellement!”

Wir radeln also stadtauswärts, die Häuser werden weniger, die Autos mehr, die Straßen breiter und nach knapp 5 km an einem Kreisverkehr stehen wir wie versprochen an der Straße nach Le Portel. Dumm nur, dass es wirklich eine Nationalstraße ist. Vergleichbar mit einer Autobahn, riesige Verbotsschilder für Fußgänger und Radfahrer…und nun? So bewegen wir uns also zurück zum Touristenbüro, bei dem folgender Dialog entsteht (aus dem französisch-englischen übersetzt):

-Hallo, erinnern sie sich noch?
-Ja, hallo, was gibt es?
-Nun, wir sind etwas verärgert. Wissen Sie, was eine Nationalroute in Frankreich bedeutet?
-Ja, warum?
-Wissen Sie auch, was ein Fahrrad ist?
-Ja, natürlich.
-Dann kommen Sie bitte mal mit raus.
(draußen)
-Schauen Sie mal, damit schicken Sie uns zum Campingplatz auf einer Nationalstraße…

Mittlerweile schaltet sich auch die Vorgesetzte ein, fragt nach dem Problem und versucht uns den richtigen Weg zu zeigen: Ich bitte sie, uns endlich (es ist schon spät) den Weg auf einer Karte zu zeigen. Das fällt ihr kurioserweise sehr schwer. Traurig, dass solche Leute Auskünfte geben dürfen. Schön ist allerdings Moni, die auch schimpft wie ein Rohrspatz und plötzlich im besten Englisch ausrief: “I’ll sleep here”. Das wollen die Mitarbeiterinnen wohl auch nicht und sind schließlich doch bemüht uns zu helfen.

Es geht also noch weitere 5 km, diesmal auf dem richtigen Weg zum Platz. Dort angekommen werden wir unschön begrüßt: „Nächstes Mal nicht durch die Tür, die ist kaputt!!!“

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