Zahnspange für Erwachsene

Heute will ich mal etwas persönliches schreiben. Ganz privat. Ohne Reisen. Keine Zugfahrt, keine Wandertour und keine Wohnmobilreise. Denn heute ist etwas passiert, was ich vermutlich nur einmal im Leben haben werde und was andere Leute meiner Altersklasse schon vor 25 Jahren erlebten – wenn überhaupt. Mir wurde eine feste Zahnspange entfernt.

Ja, richtig gelesen. Ich habe jetzt mit meinen 39 Jahren auch endlich die Teenagerzeit hinter mir gelassen. In den letzten zwei Jahren trug ich eine feste und deutlich sichtbare Zahnspange. Sie begleitete mich auf meinen Wanderungen durch das Altmühltal, im Harz und in den Ardennen. Sie war dabei, als ich mit dem Wohnmobil nach Polen und zum Nordkap fuhr. Sie strahlte die Zuschauer meiner Reisevorträge an und sie war auch bei meinen Fernsehinterviews zu sehen. Sie war für 2 Jahre ein Teil meines Lebens. Grund war ein Überbiss und eine Schiefstellung zweier Zähne, die in den nächsten Jahren durch andere Zähne abgeschliffen worden wären. Um das zu verhindern, entschloss ich mich für die Spange.

Besteck beim Kieferorthopäden

Besteck beim Kieferorthopäden

Am Anfang dachte ich kurz darüber nach, ein Online-Tagebuch zu führen. Aber das hätte Bilder erfordert. Und wer will schon meinen vollgesaberten Mundraum in Full-HD sehen? Also ließ ich es und schreibe nur diesen kurzen Erfahrungsbericht. Diejenigen, die mich nur online kennen, haben von der Spange nichts gewusst. Außer sie haben es auf Bildern oder Videos erkennen können. Und wer mich in der Offline-Welt kennt, hat nichts gesagt. Nur auf einer Geburtstagsfeier tönte es aus der sechsjährigen Nele: „Du hast ja eine Zahnspange.“

Richtig. Und wegen Nele stiftete ich den Nele-Entdecker-Preis. Er beinhaltete eine Tube Zahnpasta und eine Zahnbürste. Neu natürlich. Ausgezeichnet wurde damit: Niemand. Egal ob guter Freund, Verwandter oder entfernter Bekannter. Jeder sah das silbern glänzende Metall. Jedem waren deutliche Fragezeichen in den Augen anzusehen. Keiner sprach mich darauf. Kein „Warum? Wie lange schon? Wie lange noch? Schmerzen?“

Dabei habe ich extra die billige Variante gewählt. Und die war immer noch teuer genug. Denn wenn andere Leute sich mit Piercing, Tattoo und goldenen Ohrringen schmücken, dann darf mein temporärer Körperschmuck auch ruhig gesehen und angesprochen werden. Ja, ich trug diese Zahnspange mit Stolz. Ich hatte etwas, was andere nicht haben. Gleichzeitig tat ich meiner Gesundheit auch noch was Gutes. Und zu guter Letzt macht sie einen auch noch jung. Ich konnte plötzlich mit den Teenies auf der Straße mitfühlen. Am liebsten hätte ich mit der sogenannten Ghettofaust gegrüßt und gefragt: „Hey Jungs, was geht?“. Aber vermutlich hätte ich dann deren Faust in meinem Gesicht. Wäre schade um die Zahnspange gewesen.

Zwei Jahre sind es nun geworden. Eineinhalb waren eigentlich geplant. Aber so kann es gehen. Schön war es nicht immer. Ich erinnere mich noch sehr gut an die ersten drei Tage. Nur ein harmloses Hanuta wollte ich essen. Zwei dünne Waffeln mit etwas Schokomatsch. Ging nicht. Tat weh. Angstzustände kamen hinzu. Was, wenn ich nichts mehr essen kann? Muss ich intravenös ernährt werden, nur weil ich eine Zahnspange trage? Zum Glück trat das nicht ein. Es gibt ja Pudding. Pudding geht immer.

Gummis für die Zahnspange

Gummis für die Zahnspange

Irgendwann gingen die Schmerzen weg. Bis dann der nächste Wechsel eines Bogens in der Zahnspange anstand. So eine Art Drahtseil, dass die Zähne in alle Himmelsrichtungen zieht. Nach jedem Bogenwechsel musste ich zwei, drei Tage auf hartes Essen verzichten. Aber man lernt ja dazu. Hanuta-Großpackungen wurden also immer am Tag vor dem nächsten Termin verschnabuliert. Danach gab’s dann Pudding. Pudding geht immer.

Besonderen Spaß hatte ich mit den zusätzlichen Gummibändern. Ich habe sie in zwei Größen kennengelernt. Einmal in klein und einmal in winzig. Diese mussten in die Haken der sogenannten Brackets eingespannt werden. Meistens nur nachts. Was habe ich am ersten Abend geflucht. Keine Frau auf der Welt braucht so lange im Badezimmer wie ich, als ich zum ersten Mal die Gummizüge einsetzen musste. Flitsch, da flog das erste Gummiband durchs Zimmer (und wurde Wochen später wieder gefunden). Flutsch, da war das zweite Gummiband im Auge. Tat weh.

Manchmal sollte ich die Gummibänder auch tagsüber tragen. Dann hatte ich also die Brackets mit den Metallbögen auf den Zähnen; hinter den Schneidezähnen noch einen provisorischen Aufsatz, damit ich die Brackets nicht abbeiße; Wachs auf den Brackets, die mir in die Schleimhäute pieksten und dann noch bis zu vier Gummibänder, die von den Eckzähnen des Oberkiefers zum Backenzahn des Unterkiefers stramm sitzen. Und da sollte noch Platz für Essen sein? Na ja, dann gibt’s halt Pudding. Pudding geht immer.

Vermisst habe ich in der Zeit aber kaum etwas. Kaugummi und Karamell sind während der Zahnspange tabu. Kaugummi kaue ich nicht. Aber ein Twix hätte ich gerne mal gehabt. Ging nicht. Ist Karamell drin. Zwei Jahre habe ich auf Twix verzichtet. Zwei Jahre habe ich mich auf den Tag gefreut, an dem ich haufenweise Twix einkaufen und essen werde. Und jetzt? Jetzt habe ich keinen Appetit auf Twix. Na toll.

So, warum habe ich das jetzt eigentlich geschrieben? Ganz einfach. Wenn DU, genau DU, auch vor der Entscheidung stehst, im Erwachsenenalter eine Zahnspange tragen zu müssen, dann mach es einfach. Es ist nicht schlimm. Bis auf ein paar wenige Tage tut es auch kaum weh. Und eigentlich gibt es nur drei Arten von Schmerzen: Frisch nach einem Bogenwechsel drücken die Zähne, die kleinen Antennen an den Brackets pieken in die Schleimhäute der Wangeninnenseite und der Hanuta-Hunger. Aber für Letzteres gibt es ja Pudding.

Leb wohl, Zahnspange!

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, so eine feste Spange hatte ich als Jugendlicher auch. War schrecklich, aber hat sich gelohnt. Mein Frau hatte sich dann so wie Du im Alter zwischen 38 und 40 eine feste Spange im Unterkiefer (Kreuzbiss) „installieren“ lassen. Ich habe die zwei Jahre mit ihr gelitten. Aber jetzt sind die Zähne schön gerade und eine Schädigung der anderen Zähne und des Kiefers ist verhindert worden. Seitdem schauen wir (besonders im HD TV) den Menschen noch ungenierter in den Mund und wundern uns, warum gerade Prominente TV Persönlichkeiten das nicht auch haben machen lassen… 😉

    • Ja, ich sehe das auch als sinnvolle und hilfreiche Behandlung und würde es auf jeden Fall wieder machen. Es ist nicht nur so, dass man selber viel lieber die Zähne zeigt, sondern auch so wie du es schon sagst: Man schaut anderen Menschen, besonders in Großaufnahme 😉 ebenfalls in den Mund und stellt beim Vergleich fest, dass man nun ein besseres Gebiss hat als so mancher, der sich eine Behandlung locker leisten könnte.

  2. Ich kann gut mir dir mitfühlen. Habe auch lange überlegt nochmal eine Spange zu tragen. Dann kam der Umzug nach Hong Kong dazwischen, aber gestern war es dann soweit! Allerdings habe ich wohl wirklich Glück gehabt, denn ich merke zwar schon, dass da etwas im Mund ist, aber es tut überhaupt nicht weh! Essen geht auch! Kann auch nur jedem empfehlen, der mit dem Gedanken spielt, sich eine Spange einsetzen zu lassen!
    Liebe Grüße,
    Kaja

    • Hallo Kaja,
      herzlichen Glückwunsch zu deiner Entscheidung. Freut mich, dass es bei dir scheinbar schmerzfrei verläuft. Ich bin zwar froh, dass die Spange mittlerweile lange wieder weg ist, aber ich weiß noch gut, dass man sich irgendwann auch dran gewöhnt hat. Und jetzt im Nachhinein bin ich froh, dass ich sie hatte.
      Viele Grüße und weiterhin eine schmerzfreie Zeit (einen schönen Blog hast du).
      Michael

  3. Ich muss sagen, dass ich so eine Zahnspange bei Erwachsenen in keinster Weise störend finde.

    Im Gegenteil es versprüht jugendliche Frische und auch Charme, zumindest von den Personen, denen ich bisher damit begegnet bin.

    Ein Freund war auch mal in Ungarn im Urlaub und hat sich heimlich bei einem Zahnarzt in Ungarn so eine Spange geholt. Wir staunten nicht schlecht, als er wieder kam 😉

    Grüsse
    Bobo

    • Und vermutlich war der „Freund“ ganz zufällig bei dem Zahnarzt, der ursprünglich verlinkt war und bei dem ich gerade eben den Link wieder entfernt habe?

  4. Hi,

    ich habe mihc nun im Alter von 25 Jahren auch für eine feste Zahnspange entschieden. In 2 Wochen ist es nun soweit, da bekomme ich die Zahnspange eingesetzt. Ich habe zwar keine extreme Fehlstellung, aber da es die unteren Schneidezähne betrifft, stört es mich schon.

    Allerdings hätte ich nun einmal eine Frage. Ich möchte mir gerne eine neue Zahnbürste kaufen. Seit langem nutze ich Schallzahnbürsten. Nun binich am überlegen, ob man eine Schallzahnbürste auch bei einer Zahnspange einsetzen kann. Im Netz habe ich mir nun einmald ie Bewertung der Sonicare durchgelesen. Die Zahnbürste soll gründlich, aber schonend sein. Aber von der Nutzung bei Zahnspangen steht da natürlich nichts.

    Wie handhabst Du das? Mit was putzt Du? Interdentalbürsten ist klar, aber mit welchen Zahnbürste?

    LG

    • Ich habe eine ganz normale Zahnbürste benutzt. Ist ja doch schon wieder einiges her, als ich noch die Zahnspange hatte.

  5. Moin. Dieser Zahnspangenbeitrag ist echt super: praktischer „Leidensbericht“ mit Trost für alle temporären Puddingesser. Ich hab vorhin was über Zahnspangen (was man so an Zahnpflegeartikel brauchen könnte) geschrieben. Als Lesetipp werde ich Deinen Blog nachträglich verlinken. Ausserdem finde ich es gut zu lesen, dass man auch mit normaler Zahnbürste (und wahrscheinlich Geduld) und Zahnwachs auskommen kann und dass man reisen kann und dass es eben normal ist, auch mal blöde Tage mit der Zahnspange zu haben, ….

  6. Die Zahnspange sollte so früh als möglich angepasst werden. Dennoch ist es nie zu spät dazu. Die Erfahrungen sind gerade bei Erwachsenen, die sich dazu entschließen, sehr positiv einzuschätzen.

  7. Hallo,
    ich habe zum Thema Zahnspange und Reisen lange nach Content gesucht und bin natürlich auch damals über deinen Beitrag gestolpert. Eine Zahnspange ü20 ist sowie so schon ein Thema für sich, dann aber noch in Verbindung mit Reisen – wow. Wir sind gerade auf Weltreise und weil ich auch umbedingt gerade Zähne wollte, habe ich mich für eine andere Variante entschieden. Ich hoffe, es ist ok, wenn ich dir den Link zu einem Video von uns hier poste.

    https://www.instagram.com/tv/B_P6ggUIJcA/?utm_source=ig_web_copy_link

    Wir haben die Invisaglin Zahnspange, die „unsichtbar“ ist und sehr viel unkomplizierter (und schmerzfreier?) ist, als die Metall Variante. Hanuta ist jeden Tag möglich, hihi. Ich kann es auf jeden Fall jedem ans Herz legen, der flexibles Reisen und die Zahnarzttermine gut miteinander verbinden will.

    VG Andrei und Kerstin
    Flamingo Safari

  8. Toller Bericht, witzig, lakonisch, selbstbewusst. Genau das, was ich brauche, eine Nacht bevor ich meine feste Spange bekomme (im Alter von 50!!). Vielen Dank dafür

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