Michael Moll auf dem Rad

2016 – Weltrekord: Die meisten mit dem Fahrrad besuchten Länder in 24 Stunden

In dem Beitrag über die Vorbereitung zu meinem Weltrekord beschrieb ich, was ich alles erledigte, bevor ich wirklich den Rekordversuch angehen konnte. Hier will ich nun einfach mal chronologisch aufführen, was mir in den 20 Stunden und 17 Minuten durch den Kopf ging, in denen ich auf dem Fahrrad saß und durch sechs Länder fuhr.
Natürlich habe ich unterwegs keine Reisetagebuch geführt und meine Gedanken notiert. Aber ich weiß, WAS ich WO gedacht habe und habe die Orte durch den aufgezeichneten Track mit den Kilometer- und Zeitangaben vervollständigt:

22:00, am Vorabend des Rekordversuchs, Berghaus Splügenhaus:
Wir gehen ins Bett. Der Wecker ist auf 2 Uhr frühmorgens gestellt. Es wird eine kurze Nacht.

23.48 Uhr, Berghaus Splügenpass:
Ein letztes Mal blicke ich auf die Uhr. Ich kann nicht einschlafen und drehe mich von einer Seite zur anderen. Ich bin nervös und aufgeregt. Und je länger ich darüber nachdenke, dass die Schlafzeit immer kürzer wird, umso weniger kann ich einschlafen. Zwischendurch stehe ich sogar auf und schaue aus dem Fenster in die Dunkelheit der Alpen. In gut zweieinhalb Stunden soll es schon losgehen und ich werde so gut wie keinen Schlaf haben. Wie soll das funktionieren? Das bereitet mir Kopfzerbrechen. Moni gibt mir eine Aspirin und ich bin ein paar Minuten später weggetreten. Hätte ich gewusst, dass Aspirin diese Wirkung hat, hätte ich sie schon um zehn genommen.

2:20 Uhr, Berghaus Splügenpass:
Der Wecker klingelt. Es ist viel zu früh und ich bin furchtbar müde. Wir packen unsere Sachen, gehen nach unten und treffen uns alle Mann vor dem Berghaus. Es schüttelt mich, als ich die Tür nach draußen öffne: Es regnet in Strömen. Wie soll das bloß funktionieren? In der dunklen Nacht soll ich bei Regen den Pass hinab fahren und danach noch 300 Kilometer durchhalten?

Mit dem Fahrrad auf dem Splügenpass

Mit dem Fahrrad auf dem Splügenpass

3:05 Uhr, Splügenpass, Italien, 0 km
Wir stehen auf italienischer Seite auf dem Splügenpass. Der Wirt vom Berghaus begleitet uns als Zeugen, wofür wir sehr dankbar sind. Im Regen stecken wir die Räder vom Fahrrad in die Gabeln, malen eine Start-Markierung auf den Boden und halten das ganze filmisch fest.

Start in Italien

Start in Italien

3:15 Uhr, Splügenpass, Italien, 0 km
START! Und sofort wieder Stopp… Total professionell haben wir ein Horn ertönen lassen, alles gefilmt und uns schon verabschiedet, weil es ja gleich darauf losgehen soll. Aber beim Einstecken der Räder in die hintere Gabel achteten wir nicht darauf, die Kette ordentlich über das Zahnritzel zu führen. Sehr clever. Das war wohl noch die Müdigkeit und der Regen. Nach Beseitigung dieser Unachtsamkeit geht es dann wirklich los.

Es ist zehn nach 3 in der Nacht

Es ist zehn nach 3 in der Nacht

3:18 Uhr, Splügenpass, Schweiz, 0,8 km
Vorsichtig lasse ich das Rad durch die Dunkelheit langsam bergab rollen. Meine Taschenlampe am Rahmen leuchtet nur ein wenig den Weg aus. Unterstützung bekomme ich vom Wirt des Berghauses, der nun wieder zurück nach Hause fährt und mir Licht gibt.

3:19 Uhr, Splügenpass, 1 km
Die ersten drei Serpentinen liegen hinter mir. Der Wirt biegt rechts auf seinen Parkplatz ab. Wieder dunkel.

3:21 Uhr, Splügenpass, 1,8 km
Weitere drei Spitzkehren später sind Frank und Moni mit dem Begleitfahrzeug hinter mir. Sie können mir Licht von hinten geben.

3:22 Uhr, Splügenpass, 2,4 km
Nach einer langen, relativ geraden Passage kommen jetzt mehrere Serpentinen hintereinander. Nach jeder Kurve fahre ich in ein schwarzes Loch, weil die Lichtkegel vom Begleitfahrzeug natürlich noch ein wenig brauchen, bis sie hinter mir durch die Kurve folgen.

Start des Weltrekords

Start des Weltrekords

3:25 Uhr, Splügenpass, 3,4 km
Wie viele Serpentinen kommen denn da noch? Sollte nicht mal langsam diese lange Gerade kommen. Ah, da ist sie ja.

3:29 Uhr, Splügenpass, 5,3 km
Ah verdammt. Die Baustelle, die wir gestern mit dem Auto durchquert haben. Schotter und Schlaglöcher. Ich muss aufpassen. Die rote Ampel ignoriere ich hier oben in der Dunkelheit aber trotzdem. Meine Begleiter warten bei Rot. Ich hab’s wieder dunkel.

3:36 Uhr, Splügenpass, 8,1 km
Weitere Serpentinen. Aber Ziegen mit Glocken auf der rechten Seite. Die habe ich vor gerade einmal acht Stunden gesehen, als wir den Berg hinauf fuhren. Das muss die letzte Serpentine sein.

Abfahrt im Dunkeln

Abfahrt im Dunkeln

3:38 Uhr, Splügen, 9,1 km
Noch eine Baustellenampel. Die habe ich gestern abend kurz erblickt. Hoffentlich geht es hier für mich weiter wie geplant.

3:43 Uhr, Straße 13, 10,7 km
Rechts steht ein Camper mit aufgestelltem Hochdach. Mir ist kalt und ich bin nass. Ich hätte jetzt keine Lust auf eine Übernachtung in einem Hochdach.

3:44 Uhr, Autobahnunterführung, 10,9 km
Ach ja, ich erkenne die Unterführung wieder – aus meiner intensiven Vorbereitung bei Googlemaps und Streetview. Schön, bisher alles richtig.

Abfahrt in der Nacht

Abfahrt in der Nacht

4:00 Uhr, Abzeig an der Straße 13, 19,1 km
Hm, sind das schon die letzten Serpentinen aus der Roffla-Schlucht? Gut, dann habe ich die ja auch schon.

4:06 Uhr, Abzweig, 22,4 km
Ich muss nach rechts. Ich gebe lieber Handzeichen, damit die beiden hinter mir wissen, dass wir die Hauptstraße verlassen. Ich kann deren Licht noch ganz gut gebrauchen.

4:17 Uhr, Zilis, 27 km
Mein Begleitfahrzeug ist weg. Warum? Ich wende mal lieber und schaue nach. Das wäre ja was, wenn plötzlich das Auto ausfallen würde. Doch sie mussten nur kurz anhalten, weil sie etwas aus dem Kofferraum brauchten. Na toll, und ich radle wirklich 250 Meter bergauf.

4:32 Uhr, Rongellentunnel, 33 km
Und ich sause durch den Tunnel. Es geht bergab, es ist trocken und ich habe Licht. So macht das Radeln Spaß. Mein Tacho zeigt nach dem Verlassen des Tunnels irgendetwas jenseits der 50 km/h an. Hui…

Mit dem Fahrrad im Rongellen-Tunnel

Mit dem Fahrrad im Rongellen-Tunnel

Erste Pause

4:35 Uhr, Thusis, 35 km
Der besagte Kreisverkehr am Ortseingang von Thusis. Unser erster Zwischenstopp und unsere erste Verabredung. Stephan vom Besucherzentrum der Viamala steht schon vor Ort und wartet auf mich. Mein erstes Wort zur Begrüßung: „Nochmal!“ Gemeint ist damit die Abfahrt. Trotz Dunkelheit und schlechter Sicht hat es irgendwie Spaß gemacht. Stephan überreicht uns eine Mappe mit Informationen aus der Region und ein Souvenir aus der Viamala-Schlucht. So etwas nettes, ich freue mich. Wenn es überall so gut laufen wird wie hier und überall so nette Menschen sind, dann steht der Rekordversuch unter einem ziemlich guten Stern. Unsere Worte, dass wir auf jeden Fall hier in diese Region wiederkommen werden, sind nicht nur dahergesagt, sondern ernst gemeint. Wir fanden es schon gestern abend schade, dass wir nur so wenig Zeit hatten. Aber wir waren halt nicht zum Urlaub hier.

Erster Stopp in Thusis

Erster Stopp in Thusis

5:05 Uhr, Unterrealta, 42 km
Einige Male drehe ich mich um und suche das Begleitfahrzeug. Ich wundere mich, wo sie bleiben. Sie sind doch wohl nicht über die Autobahn gefahren? Hätten mir doch nur folgen brauchen. Wären gute Fotos und Video geworden. So langsam wird es nämlich hell. Es regnet auch nicht mehr.

5:22 Uhr, Rhäzüns, 48 km
Kleine Pause, will nur kurz was trinken. Fühle mich pudelwohl. Straßen sind noch leer und es ist mittlerweile so hell, dass ich die Stirnlampe abnehmen kann.

5:35 Uhr, Reichenau, 51 km
Oh wie schön, Hinterrhein und Vorderrhein vereinigen sich zum Rhein. Vor zwei Jahren fuhren wir hier mit dem Bernina-Express entlang. Ich würde gerne ein Foto machen, aber es ist keine Zeit, um das Handy aus der kleinen Satteltasche hervorzukramen.

Rhäzüns

Rhäzüns

5:52 Uhr, Emserstraße hinter Domat/Ems, 58 km
Da sind sie ja, die Hochhäuser von Chur. Vor zwei Jahren haben wir einige Nächte dort auf dem Campingplatz verbracht. Es war immer schlechtes Wetter und irgendwie wirkte Chur dunkel. Heute ist es nicht viel besser. Aber gut, es dämmert noch. Trotzdem, beim Gedanken an ein idyllisches Schweizer Städtchen in den Bergen denke ich sicher nicht an Chur.

6:00 Uhr, Chur, 61 km
Pause. Ich muss was essen und trinken.

6:29 Uhr, Trimmis, 68 km
Wo sind die denn schon wieder? Warum fahren sie nicht einfach meine Strecke? So könnten wir uns viel öfter sehen und es käme mehr Bild- und Videomaterial zustande.

6:39 Uhr, Zizers, 71 km
Treffpunkt an der Bäckerei. Kurz mal eine Kleinigkeit essen. Die nette Dame in der Bäckerei schenkt mir meine beiden bestellten Brötchen. Es geht weiter mit der Freundlichkeit. Finde ich toll.

7:01 Uhr, Bikeshop Bike4fun, 75 km
Mist, wo ist denn der Eingang zum Laden? Und ist wirklich schon jemand um diese Uhrzeit hier, so wie angekündigt? Wo ist eigentlich das Begleitfahrzeug?

Radeln für den Weltrekord

Radeln für den Weltrekord

7:02 Uhr, Nikeshop Bike4fun, 75 km
Okay, Laden und Mitarbeiter gefunden. Schnell mal zum Telefon greifen. Im selben Augenblick wie wir telefonieren, sehen wir uns auch endlich. Haben sich genauso verfahren wie ich.

7:20 Uhr, Landquart, 77 km
Der Fluss Landquart ist im Weg. Schade, endlich mal einen Radweg gehabt und dann geht es hier nicht weiter. Muss das Rad über die Leitplanke hieven und auf der Landstraße weiter fahren.

7:35 Uhr, Bad Ragaz, 83 km
Hotel Rössli. Wie vereinbart wird auch hier bezeugt, dass ich mit dem Rad unterwegs bin. Prima, danke schön!

Entspannte Fahrt entlang des Rheins

7:51 Uhr, Rheindamm, 86 km
Endlich der lang ersehnte Rheindamm mit dem Rheintalradweg. Jetzt muss ich mich erstmal nicht um den Verkehr kümmern. Es geht einfach nur geradeaus auf einem wunderbar breiten Radweg.

8:02 Uhr, Rheindamm, 91 km
Das läuft ja super. Der Tacho zeigt zwischenzeitlich sogar 29 km/h an. Ich bin überrascht. Zuhause am Baldeneysee komme ich meist nur auf 26 km/h. Wäre das schön, wenn der Rest der Strecke nur in diesem Stil verlaufen würde.

Entspannt im Sattel

Entspannt im Sattel

8:23 Uhr, Rheindamm, 100 km
Die ersten 100 Kilometer sind geschafft. Wahnsinn. Ich freue mich. Und vorne rechts taucht passend dazu auch noch das Schloss in Vaduz auf. Toll. Und wieder etwas, wo wir erst vor zwei Jahren für die Buchrecherche waren.

8:24 Uhr, Rheinbrücke, 101 km
Ich sehe Moni. Fotografiert sie gerade Blumen oder Vögel? Nein, sie filmt die Digitaluhr, die immer sichtbar im Bild sein muss. Ich spreche kurz in die Kamera und dann überquere ich in der überdachten Holzbrücke die Grenze nach Liechtenstein. Land Nummer 3.

8:33 Uhr, Landhaus zum Giessen, 101 km
Und wieder eine Unterschrift als Beweis meiner Anwesenheit mehr. Weiter geht es zum Liechtenstein-Center, der Tourismusinformation des kleinen Fürstentums. Es befindet sich in der Fußgängerzone und ich überzeuge Frank, bis zum Anfang der Fußgängerzone mitzufahren. Kann ja schlecht mit dem Formular in der Hand durch Vaduz radeln. Die letzten Meter geht es mit Moni durch die Fußgängerzone.

Michael Moll an der Grenze

Michael Moll an der Grenze

8:47 Uhr, Vaduz, 102 km
Das Liechtenstein-Center hat eigentlich noch geschlossen. Aber wir sehen jemanden, klopfen freundlich und erklären, dass wir eigentlich angemeldet sind. Die Dame ist sehr nett, lässt uns rein und will das Formular aus. Dummerweise haben wir das falsche. Ich radel schnell zum Auto zurück, um das richtige zu holen.

9:02 Uhr, Vaduz, 104 km
Wieder auf dem Rheindamm. Einfach geradeaus, prima.

9:12 Uhr, Rheindamm, 108 km
Schöne Fußgängerbrücke. Oh, laut Track muss ich rüber. Und schon wieder in der Schweiz. Weiter auf dem Rheindamm.

9:32 Uhr, Rheindamm, 117 km
Ein passender Ort, an dem wir verabredet sind. Die Fahrt auf dem Rheindamm läuft super, aber ich brauche eine Pause. Außerdem wird es langsam wärmer. Ich kann mich eines Teils meiner Klamotten entledigen und ein neues, trockenes Hemd anziehen. Ich spüre zum ersten Mal mein lädiertes Knie (es sollte auch das einzige Mal sein).

10:04 Uhr, Rheindamm, 120 km
Mist, ich hätte doch dem Radweg halblinks in Richtung St. Margrethen folgen sollen. Bin jetzt irgendwo bei jemandem auf dem Grundstück. Also kurz wenden und ein Stück zurück. Blöd.

10:09 Uhr, Rheindamm, 122 km
Interessant, eine Absperrung für eine Radveranstaltung. Ich bin nicht gemeint, aber hoffentlich kommt nicht irgendeine Sperre des Radwegs.

10:23 Uhr, Rheindamm, 128 km
Bin jetzt nicht mehr ganz so schnell. Nur noch 25-26 km/h. Aber trotzdem läuft alles ziemlich rund.

Rheindamm bei Liechtenstein

Rheindamm bei Liechtenstein

10:26 Uhr, Rheindamm, 129 km
Oje, was ist das denn plötzlich? Eine Schotterstrecke? Warum? Und schon bin ich deutlich langsamer. Nur noch 18-20 km/h und das Ganze ist auch noch deutlich anstrengender. Jetzt weiß ich, warum ich auf der 200-Kilometer-Tour im Ruhrgebiet so kaputt war. Es waren die vielen Schotterpisten an Rhein-Herne-Kanal und Co. Auf so einem Untergrund würde ich die Strecke nicht schaffen. Hoffentlich hört das bald auf.

Land Nummer 4

10:39 Uhr, Grenze zu Österreich, 133 km
Kurzer Zwischenstopp an der Grenze. Aber hier ist niemand für eine Dokumentation. Also weiter. Ganze vier Kilometer waren das auf der Schotterstrecke. Ich schaue bei Googlemaps nach, wo es eine Alternative gibt. Ich finde eine Strecke und sehe vor mir eine Wegbeschilderung für Inlineskater. Prima, wo Inliner fahren können, kann ich auch fahren.

11:08 Uhr, Grenze zu Österreich bei Lustenau, 141 km
Das war es dann mit dem Rheindamm. Schade, hier konnte ich viele Kilometer einfach nur genießen und Tempo machen. Jetzt geht es vorerst im Zickzack durch die Ortschaften.

11:13 Uhr, Lustenau Schützengartenstraße Ecke Rheinstraße, 143 km
Eine Ampel. Die erste eigentlich, der ich Beachtung schenke. Ich weiß, dass zum Glück nicht viele auf der Tour kommen werden.

11:15 Uhr, Lustenau Kirchstraße, 144 km
Ortsfest mit vielen Leuten. Da muss ich jetzt durch. Erst das kleine Kind. Dann der Herr mit dem Rollator. Und dann ich. Gut, das ging ja noch. Da vorne steht auch schon der weiße Kombi. Und Moni steht neben einem Polizisten, der bereits von der Tour weiß und jetzt extra auf mich wartet. Toll, ich bin sehr dankbar.

11:30 Uhr, Grenzpolizeiinspektion Lustenau, 145 km
Meine beiden Begleiter fuhren vom Zentrum in Lustenau hinter mir her zur Grenze. Auch hier ein netter Empfang. Die Beamten sind über mein Eintreffen informiert und haben ganz viele Fragen. Ich beantworte alles, hauptsache man füllt das notwendige Guinness-Formular aus.

11:52 Uhr, St. Margrethen, Bahnhofplatz, 149 km
Kurzer Sichtkontakt mit meinem Begleitfahrzeug am Bahnhof. Unterschriften brauchen wir hier eigentlich nicht, da wir schon genug aus der Schweiz haben. Für die Track-Aufzeichnung fahre ich aber sicherheitshalber noch einmal auf österreichischer Seite und radle nach Höchst.

12:03 Uhr, Rheinauweg Höchst in Österreich, 152 km
Es fängt leicht an zu tröpfeln. Halblinks vor mir sind dunkle Wolken zu sehen. Und der Wind gefällt mir auch nicht.

12:27 Uhr, Straße 7 Rorschacherberg, 161 km
Großbaustelle, volle Landstraße und Regen. Es ist laut, der Wind bläst von vorn und es macht keinen Spaß. Oh rechts ist der Bodensee. Auf deutscher Seite sieht das Wetter irgendwie besser aus. Vorne kommt auch noch ein Schild, dass die Straße nach Rorschach gesperrt sei. Oje. Ich riskiere es trotzdem. Mit dem Fahrrad kommt man ja meistens trotzdem durch.

Erster Durchhänger

12:40 Uhr, Rorschach, 165 km
Ich bin fertig und kann jetzt dringend eine längere Pause gebrauchen. Außerdem bin ich nach dem Regenschauer völlig durchnässt und brauche zumindest obenrum etwas trockenes. Jetzt ist also die Hälfte um und dabei war der erste Teil der Tour die angenehmere Strecke. Um 13:04 Uhr geht es weiter.

Mit dem Rad durch Rorschach

Mit dem Rad durch Rorschach

13:19 Uhr, Steinach, 171 km
Hier nach rechts. Aber Fahrräder dürfen die Straße nicht befahren. Na toll, und wo soll ich sonst lang? Ein Hinweis darauf wäre nett, ich komme nicht von hier. Ich fahre jetzt trotzdem da durch.

13:22 Uhr, Steinach/Arbon, 172 km
War doch gar nicht so schlimm. Ach, Mist. Ich muss weiter geradeaus durch eine Unterführung. Dort darf ich auch nicht durch. Alle anderen Wege auf meinem GPS sind offensichtlich Umwege. Hallo? Ich bin auch Teil des innerstädtischen Verkehrs und das ist hier offensichtlich keine Autobahn. Ich ignoriere das Schild erneut. Ein Umleitungsschild für ortsunkundige Radler, die es eilig haben, wäre schon ganz praktisch. Und prompt hupt mich jemand in der Unterführung im Gegenverkehr an. Der Typ im Gegenverkehr, was hat der für ein Problem? Oberlehrer? Ich störe ihn nicht. Ich störe hier gerade niemanden, weil ich nämlich mit 30 km/h durch die Unterführung sause und nach nicht ganz zwei Minuten wieder dort bin, wo anscheinend jeder fahren darf. Sicher kann man sich hier aber scheinbar nicht sein. Doofe Stadt!

13:56 Uhr, Amriswil, 182 km
Idiot. Nimmt der mir mitten im Kreisverkehr die Vorfahrt. Ganz schön knapp.

14:00 Uhr, Amriswil, 183 km
Pause auf dem Marktplatz. Ich muss mich einfach mal kurz hinlegen. Eine Kleinigkeit essen. Nach zehn Minuten geht es weiter.

14:39 Uhr, Sulgen, 191 km
Langweilig. Es geht immer wieder leicht rauf und wieder runter. Zu fahren ist es relativ leicht entlang der Hauptstraße. Meistens ist rechts auf der Fahrbahn ein schmaler Streifen für Radler. Manchmal muss ich aber links auf den Bürgersteig. Immer wieder durchquere ich kleine Ortschaften. Aber eigentlich passiert nicht viel.

14:58 Uhr, Weinfelden, 198 km
Pause am Bahnhof und ein Bestätigungsstempel in einem Gasthof, wo ich die Tour schon per Mail ankündigte. Es wird Zeit, eine zweite Radlerhose anzuziehen. Eine alleine reicht mir schon seit einigen Kilometern nicht mehr. Der Hintern schmerzt. Dafür verzichte ich jetzt endlich mal auf die lange Hose. Ist warm genug. Obenrum reicht es auch für nur ein T-Shirt und die gelb leuchtende Radlerweste.

15:23 Uhr, Weinfelden, 200 km
Gerade erst wieder losgefahren und beim Verlassen von Weinfelden den 200. Kilometer gemacht. Klasse. nur noch einmal bis 100 zählen und dann noch ein bisschen mehr. Es sieht gut aus. Ich habe jetzt das geschafft, was ich zwei Wochen zuvor rund um das Ruhrgebiet geradelt bin. Damals brauchte ich mehr Zeit und war zum Schluss ziemlich erledigt. Jetzt bin ich noch einigermaßen fit.

15:50 Uhr, Hüttlingen, 209 km
Kurze Kontrolle meines Begleitteams. Alles noch okay, weiter geht’s.

16:14 Uhr, Frauenfeld, 218 km
Oh, es muss hier vor ein paar Minuten stark geregnet haben. Habe ich Glück gehabt, nur ein paar Tropfen abbekommen. Aber mein Hinterrad macht mich ein wenig nass. Egal. Jetzt kommt endlich mal eine ruhige Landstraße, dafür aber bergauf.

16:39 Uhr, Altikon, 225 km
Wieder eine Pause. Das Fahrrad hat Durst. Mal ein bisschen die Kette zu ölen kann ja nicht schaden. Ich trinke auch noch einen kräftigen Schluck und weiter geht’s. Gleich danach kommt eine lange Steigung.

17:08 Uhr, kurz vor Andelfingen, 231 km
Endlich mal ein Wald. Ich muss pinkeln. Erst das zweite Mal, zuvor hatte ich einen Pinkelstopp am Rheindamm eingelegt.

17:16 Uhr, Andelfingen, 233 km
Damit habe ich die beiden am Treffpunkt überrascht. Sie sahen die Steigung und dachten, es würde noch dauern, bis ich komme. Waren noch gar nicht auf meine Ankunft vorbereitet.

17:48 Uhr, Rüdlingen, 242 km
Ich überquere den Rhein. Links sehe ich eine Kirche auf einem Berg. Oje, muss ich da hoch? Ich weiß, dass gleich die steilste Steigung der gesamten Strecke kommen wird. Aber doch nicht so hoch, oder?

18:15 Uhr, Rüdlingen, 244 km
Nach einer Pause im Ort war dann der Berg dran. Über 9 % Steigung auf einer Länge von 750 Metern. Gut, dass das nur ein einziges Mal vorkommt. Von links ertönt die ganze Zeit Musik, irgendein Festival. Ich bin froh, dass ich oben bin. Bitte, jetzt einfach nur noch rollen lassen müssen…

Neuer Weltrekord

Neuer Weltrekord

 

WELTREKORD!

18:36 Uhr, Günzgen in Deutschland, 252 km
Geschafft!!!! Rekord! Fünf Länder innerhalb von 24 Stunden. Am Grenzübergang ist nichts los. Aber wir feiern diesen Moment ein Minütchen lang. Danach geht es direkt weiter. Noch steht die Sonne relativ weit über dem Horizont. Aber man merkt schon, dass nicht mehr viel Zeit bis zur Dunkelheit bleibt. Ich sage Moni, sie solle bitte dem Journalisten von der Badischen Zeitung sagen, dass wir gleich in Bad Säckingen sein werden. Es seien ja nur noch 15 Kilometer, also rund 50 Minuten.

19:15 Uhr, Reckingen, Deutschland, 264 km
Dorffest. Ich muss absteigen. Aber nur ein paar Meter. Die Dorfältesten sitzen an mehreren Biertischen und schauen mich an als wäre ich ein Außerirdischer. Viele Menschen scheinen von auswärts wohl nicht hierher zu kommen. Und dann verfahre ich mich noch. Mein Track führt mich auf einen Feldweg. Das funktioniert nicht. Ich muss wieder ein Stück rauf zur Bundesstraße. Aber hier stimmt sowieso etwas nicht. Wieso steht eigentlich auf keinem einzigen Schild die Ortschaft Bad Säckingen ausgeschildert?
Außerdem habe ich wieder einen kleinen Durchhänger. Es zieht sich momentan. Immerhin ist der Rekord eingesackt. Warum eigentlich noch weiter fahren? Aber ich erinnere mich an das Souvenir aus der Viamala-Schlucht und an all die netten Begegnugen der letzten 24 Stunden. Das baut auf.

Michael Moll auf dem Rad

Michael Moll auf dem Rad

19:28 Küssaberg-Rheinheim, 268 km
Ich bin verwirrt. Sollte ich nicht noch eine Holzbrücke passieren, bevor ich die Zollbrücke von Bad Säckingen erreiche? Und wo ist der Marktplatz. Wo ist der Journalist? Völlig irritiert frage ich in die Kamera, ob das hier Bad Säckingen sei. Beide antworten auch noch mit Ja. Aber das kann doch nicht stimmen. Erst als wir die Bescheinigungen von einem Zöllner und in einer Pizzeria einholen, wissen wir es definitiv – wir sind in Rheinheim. Gehört wohl zu Küssaberg. Mist, nach Bad Säckingen sind es noch 30 Kilometer. Dort steht der Journalist und erwartet uns eigentlich jetzt. Ich rufe ihn an und kläre ihn über das Missgeschick auf. Große Lust hat er wohl sowieso nicht auf uns und sagt, ich solle um 21 Uhr zu irgendeiner Veranstaltung gehen, wo er wäre, damit wir das nachholen können.

19:50 Uhr, Bad Zurzach, 270 km
Wieder in der Schweiz zurück. Oh nein, eine Straßensperre. Ich muss an meine früheren Radreisen denken. Und schwupps hebe ich das Rad über den kleinen Bauzaun, um auf der anderen Seite weiter meinem Track folgen zu können. Nur zweihundert Meter später hinter einer Kurve der nächste Bauzaun. Na also, war doch gar nicht so schlimm.

19:58 Uhr, hinter Rietheim, 273 km
Radweg auf der linken Spur. Er führt von meinem Track weg, der rechts auf der großen Straße verlaufen würde. Ich halte nicht an und vergleiche während der Fahrt, ob das so eine gute Idee ist. Aber es scheint zu passen. Dafür muss ich nämlich nicht auf der Schnellstraße radeln. Ist auch okay.

20:24 Uhr, hinter Leibstadt, 282 km
Man merkt, dass es dunkler wird. Ich brauche gleich unbedingt wieder Licht hinten und eine zusätzliche Stirnlampe. Außerdem habe ich keine Lust auf ein Interview. Will nur noch fertig werden und ins Ziel kommen.

Radweg oberhalb von Gleisen

Radweg oberhalb von Gleisen

20:38 Uhr, Etzgen, 287 km
Am vereinbarten Treffpunkt sehen wir uns nicht. Dort ist Kirmes und der Parkplatz überfüllt. Ich muss das Telefon rauskramen und die beiden anrufen. Wir sehen uns und ich bitte Moni, den Journalisten anzurufen und abzusagen. Ich habe keine Kraft und Lust mehr, noch für ein Zeitungsfoto zu posieren und Interviewfragen zu beantworten. Es wird gleich dunkel und ich will so wenig wie möglich im Dunkeln fahren. Also lieber schnell weiter.

21:29 Uhr, Stein, 301 km
Wow, gerade die 300er-Marke überfahren. Wahnsinn. Ich freue mich. Und ich wundere mich, woher ich manchmal noch die Kraft nehme, um stellenweise zwischen 25 und 30 km/h zu fahren. Erst später wird mir bewusst, dass ich hier gegenüber von Bad Säckingen stehe. Die vereinbarte Zeit von 21 Uhr hätte ich also sowieso nicht halten können. Nach zwei Minuten Pause und einem kurzen Check, ob alles mit mir okay ist, geht es direkt weiter.

Dämmerung

Dämmerung

 

Radtour durch die Dunkelheit

21:47 Uhr, zwischen Mumpf und Möhlin, 306 km
Oh nein, was für eine verdammte Steigung ist das denn jetzt? Wahrscheinlich ist sie gar nicht so schlimm, aber ich habe eigentlich keine Kraft mehr für solche Späße. Acht Minuten quäle ich mich auf einer rund 800 Meter langen Steigung hoch. Dabei sind es keine 4 %, aber es ist eben mittlerweile die Kraft, die fehlt.

22:05 Uhr, Möhlin, 301 km
Es ist dunkel. Nach einem weiteren kurzen Check, geht es direkt nach zwei Minuten weiter. Am Ortsausgang überholt mich mein Team und verschwindet in der Dunkelheit. Muss ich jetzt wirklich über die dunkle Landstraße fahren? Mir wäre es lieber, wenn ich Begleitung hätte. Ich weiß gar nicht, warum die es so eilig haben. Gerade als ich auf die Straße wechseln will, ruft mir ein älteres Pärchen zu, dass drüben auf der anderen Seite ein Weg ist. Super, ich bedanke mich und wundere mich, dass um diese Zeit ein Rentnerpaar unter zwei Bäumen sitzt und in die Dunkelheit blickt.

22:17 Uhr, Rheinfelden, 314 km
Letzte Pause vor dem Ziel. Ab jetzt kommen viele Ortschaften, die wie Vororte von Basel wirken. Ich hoffe darauf, dass nun mehr Beleuchtung kommt. Frank will meine Taschenlampe richten, Moni will das notwendige Video von mir machen. Ich bin genervt, weil ich einfach nur noch ankommen möchte. So kurz vor dem Ziel habe ich keine Lust, mich mit irgendetwas aufzuhalten. Aber es muss natürlich sein.

In der Nähe von Rheinfelden

In der Nähe von Rheinfelden

22:39 Uhr, Augst, 320 km
Verdammte Baustelle. Ich bin auf der falschen Seite eines Bauzauns. Muss ein Stück zurück und auf die Straße wechseln. Auf so etwas habe ich nur gar keine Lust mehr.

22:56 Uhr, Schweizerhalle, 325 km
Wie hässlich ist das denn hier? Irgendein Industriegebiet. Hässlich wie die Nacht. Und ich muss pinkeln. Kein Mensch unterwegs, also, was soll’s…

23:00 Uhr, zwischen Schweizerhalle und Birsfelden, 326 km
Gleich danach kommt ein Radweg, der total zugewachsen ist. Von den eineinhalb Metern Radweg bleiben mir zehn Zentimeter. Aber immer noch besser als auf der Straße zu radeln. Wo bleibt eigentlich Basel? Es sind doch nur noch zehn Kilometer bis zum Ziel. Und davor muss doch noch die Altstadt kommen. Und der Rhein.

23:11 Uhr, Birsfelden, 329 km
Der Rhein! Endlich wieder. Und es ist Samstagabend. Viele Jugendliche, die mir irgendetwas hinterherrufen. Wenn ihr wüsstet, wie viel Bock ich jetzt auf so etwas habe. Es dauert nicht lange, bis ich das Baseler Münster sehe.

Das Ziel ist erreicht

23:14 Uhr, Basel, 330 km
Noch eine Steigung. Aber danach bin ich in der Altstadt und fast schon da. Ein paar Leute radeln an mir vorbei. Mir ist das sowas von egal. Ich habe über 300 Kilometer heute hinter mir. Ihr könnte mich alle überholen, hauptsache ich komme an.

Ankunft im Ziel in Frankreich

Ankunft im Ziel in Frankreich

23:32 Uhr, St Louis, Frankreich, 334 km
Ziel! Geschafft. Ich bin in Frankreich. Die beiden haben FINISH auf die Straße geschrieben. Das Horn ertönt wieder. Ich bin da. Fertig. Fix und fertig. Zwei Zöllner bescheinigen, dass ich in Frankreich bin. Danke! Wir radeln die letzten Meter zum Auto, wo wir nur noch schnell alles zusammenpacken und zum Hotel fahren.

0:30 Uhr, Weil am Rhein, Hotel
Geduscht. Moni und ich reden noch ein Weilchen, aber jetzt merke ich die Müdigkeit. Zum ersten Mal an diesem Tag. Müde war ich nie. Kraftlos zum Schluss, ja. Aber nie müde. Das bin ich jetzt. Und schlafe ein.

—–

Zwei Wochen später:
Alle Unterlagen sind fertig erstellt, das Video geschnitten und zusammengestellt. Sämtliche Post ging an die Guinness-Redaktion nach London und von dort kam die Mitteilung, dass die Prüfung der Unterlagen bis zu 12 Wochen dauern kann. Drei Tage nach der Mail bekomme ich schon die nächste Mail: Der Rekord ist anerkannt und steht bereits auf der Seite vom Guinnessbuch der Rekorde, ich freue mich.

Zu guter Letzt gibt es hier noch das gesamte Video von meiner Rekordfahrt auf 1,5 Stunden zusammengeschnitten. Ja, ich weiß, dass das Englisch im Video grausig war. Mein Deutsch wurde an dem Tag von Stunde zu Stunde ähnlicher…

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