Wie man ein Wohnmobil wieder ausparkt…

Lustig war es eigentlich nicht, als wir mit dem Wohnmobil nach einer 10 Kilometer-Wanderung in einem Schlammloch stecken blieben. Und dann noch zu einer Tageszeit, an der man normalerweise schon längst auf dem Stellplatz oder Campingplatz sein Abendessen verschnabuliert hat. Na ja, aber irgendwie gerate ich ja ständig in solche Situationen und mittlerweile weiß ich bereits in solchen Momenten, dass ich irgendwann drüber lachen werde.

Weite Straßen in Lappland

Weite Straßen in Lappland

Ortswechsel: München. Sonntagabend, 23.15 Uhr. In einem Callcenter ging eine junge Frau ans Telefon:

„ADAC-Auslandsnotruf. Guten Abend. Was kann ich für sie tun?“

 

„Guten Abend. Mein Name ist Moll und es ist mir irgendwie unangenehm, aber ich bin mit meinem Wohnmobil steckengeblieben.“

 

„Okay, wo befinden sie sich denn?“

 

„In Norwegen, südlich von Kirkenes.“

Bei diesem Satz fiel mir ein, dass so ziemlich alles in Norwegen südlich von Kirkenes ist. Aber das spielte keine Rolle. Ich telefonierte also nun mit dem ADAC, weil wir irgendwen brauchten, der den Karren aus dem Dreck zieht – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Situation wurde vor dem Anruf ohnehin noch tragikomischer, denn wie in einem schlechten Hollywoodfilm, in dem Überlebende eines Flugzeugabsturzes auf einer einsamen Insel nach einem Handynetz suchen, tappten wir durch das mückenverseuchte Grenzgebiet und hielten unsere Telefone in die Höhe – auf der Suche nach dem legendären Balken im Display.

Übernachtung in Skandinavien

Übernachtung in Skandinavien

Erst wollten die Telefone nicht so recht, doch irgendwann tauchte der Schriftzug von Megafon auf. Prima, hatte ich schon mal, also los geht’s mit dem Hilferuf und nachdem mit der netten Dame in München die förmlichen Daten ausgetauscht wurden, ging es an die Ortung:

„So, wo genau befinden sie sich denn?“

 

„Am Øvre-Pasvik-Nationalpark. So ziemlich am Ende der Zufahrtsstraße. Und die beginnt wiederum am Ende der Straße 885.“

 

„Oje, haben sie einen Ort in der Nähe? Ich suche sie gerade auf der Karte.“

 

„Nö, nur Kirkenes. Rund 100 Kilometer nördlich von hier. Am besten beginnen sie in Kirkenes, zoomen etwas raus und folgen dann der einzigen Straße, die nach Süden führt.“

 

„Gibt es dort einen Ort namens Svanvik?“

 

„Oh ja, bin ich auf dem Hinweg durchgefahren. Ort ist aber übertrieben, Ferienhaussiedlung mit ein paar Häusern trifft es besser.“

 

„Okay. Dann habe ich sie jetzt. Meine Güte, sie sind am A… der Welt – wenn ich das mal sagen darf.“

 

„Ja, exakt. Aber es ist schön hier.“

 

„Das glaube ich. Also, ich werde mit einem Abschleppdienst in Kirkenes Kontakt aufnehmen, der sich dann bei Ihnen melden wird. Allerdings übernehmen wir nur bis zu einer Höhe von 200 Euro die Bergungskosten.“

 

„Norwegen ist ein bisschen teurer als andere Länder, da wäre eine Staffelung irgendwie gerechter. Aber gut.“

Wir verabschiedeten uns und ich schaute erstmal nach, wer mir während des Gesprächs zwei SMS geschickt hatte. Angesichts der Uhrzeit wunderte mich das ein wenig. Es war Megafon, der freundliche Mobilfunkanbieter aus Russland, bei dem ich nun eingeloggt war und der mich Willkommen in Russland hieß.
Daher kannte ich den Namen, ich war ja erst zwei Jahre zuvor in Russland. Sehr freundlich auch, dass in der ersten SMS die Gesprächsgebühren aufgeführt waren: 2,99 Euro je Minute ins Ausland. Und da sich mein Handy rein technisch in Russland befand, hatte ich gerade die ersten 30 Euro für mein „Parkvergehen“ bezahlt.

Schlammloch

Schlammloch

Um 23.54 Uhr klingelte das Telefon. Prima, denn für eingehende Gespräche zahlte ich „nur“ 1,59 Euro pro Minute. Was nun folgt, ist die übersetzte Kontakt-Erfahrung zu einem waschechten und wortkargen Nordmann, der wahrscheinlich höchsterfreut darüber war, zu dieser Zeit zu einem Einsatz gerufen zu werden:

„Hej“

 

„Hej, danke für Ihren Anruf. Ich stecke mit meinem Wohnmobil fest.“

 

„Hm.“

 

„Äh, am Øvre-Pasvik-Nationalpark“

 

„Hmhm… hat mehrere Eingänge“

 

„Am Ende der Schotterstraße, vor dem Dreiländereck“

 

„Hmhm….“

 

„Ähm… können sie mir bitte helfen?“

 

„Hm. Dauert.“

 

„Okay, aber wie lange werden sie wohl brauchen?“

 

„Anderthalb Stunden. Kennen ja die Straße.“

 

„Okay, danke.“

Von nun an hieß es warten. Warten in einem völlig schräg stehenden Wohnmobil. Man hätte natürlich ein wenig schlafen können. Aber irgendwie war man dafür viel zu aufgedreht und ich habe es noch nicht einmal geschafft, die Augen nur 20 Sekunden in Ruhe zu schließen.

Stecken geblieben

Stecken geblieben

Nach den versprochenen eineinhalb Stunden kam dann – niemand. Es wurde 2.30 Uhr als am Horizont zwei kleine Autoscheinwerfer aufblitzten. Ein Toyota Pickup stellte sich vor unser Wohnmobil, ein kleiner rundlicher Mann stieg aus, ging schweigend zu seiner Ladefläche und zauberte einen Spanngurt hervor. Genauso schweigend band er den Spanngurt an beiden Fahrzeugen fest, setzte mit seinem Allrad-Fahrzeug ein Stück zurück und zog das Wohnmobil mit einer Leichtigkeit aus dem Schlammloch.

Kaum war er fertig, spannte er den Gurt wieder ab und hielt mir ein Kartenlesegerät unter die Nase:

„Ihre Versicherung zahlt nicht alles, wissen sie ja. Aber ich habe hier kein Funknetz.“

 

„Oh ja, das kenne ich. Sie können sich aber in das russische Netz einloggen.“

 

„Hm, nein. Kommen sie morgen zur Esso-Tankstelle in Kirkenes. Gute Nacht.“

Sprach er und verschwand so wie gekommen ist. Wir stiegen ins Auto ein, starteten endlich den Motor und fuhren im Schritttempo auf der quälend langen Schotterstraße durch die Dämmerung.

Gegen 4 Uhr in der Früh erreichten wir die Asphaltstraße und gerade als ich auf Tempo 50 beschleunigte, kam von rechts ein riesiger Schatten angerannt, der im letzten Augenblick einen Haken schlug und wieder im Unterholz verschwand. Zum Glück überquerte er die Straße dabei nicht. Es war bereits der zweite Elch auf dieser Reise, der unsere Bekanntschaft suchte. Und auf die hatte ich jetzt echt keine Lust mehr. Sofort nach dem Elch, der uns jetzt auch noch gefehlt hätte, fuhr ich rechts ran, wir zogen die Jalousien zu und ließen uns müde ins Bett fallen.

Am nächsten Mittag kamen wir sicher in Kirkenes an, bezahlten den Restbetrag und verbuchten das Erlebnis als unsere teuerste Wanderung aller Zeiten…

Hier geht es zum gesamten Bericht der Reise mit dem Wohnmobil zum Nordkap.

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