Autopanne im Bärengebiet

Manchmal macht man einfach dumme Sachen. Man gibt an der gelben Ampel noch schnell Gas, erwischt sie dann bei Rot, obwohl man ganz normal hätte bremsen können. Oder man kauft sich irgendein Produkt, obwohl man es gar nicht benötigt – aber irgendwie will die Ware mitgenommen werden. Also vollbringt man Taten, die absolut keine Notwendigkeit haben und die man eigentlich vermeiden könnte. So ist es uns geschehen, als wir das Dreiländereck von Russland, Norwegen und Finnland verlassen wollten.

Kirkenes
Kirkenes

Es war bereits kurz nach 21 Uhr an einem Sonntagabend, als wir den menschenleeren Parkplatz verließen. Noch 17 Kilometer furchtbare Wegstrecke lagen vor uns, genauso wie beinahe 100 Kilometer üble Asphaltstraße. Unser Plan sah vor, dass wir zumindest die schotterige Wegstrecke noch zurücklegen und an der Asphaltstraße einen der dortigen Parkplätze mit Blick auf Russland ansteuern würden, denn die Gefahr einer Elchbegegnung ist hier bei Dämmerung recht hoch. Diese Erfahrung mussten wir erst wenige Tage zuvor machen, als ein Elch von rechts auf die Straße rannte und wir gottseidank noch eine Vollbremsung mit unserem dreieinhalb Tonner hinlegen konnten.

An diesem Sonntagabend, kurz nach 21 Uhr, sollte uns das nicht noch einmal passieren. Wir hatten gerade die zehn Kilometer Wanderung hinter uns und bereiteten uns auf eine langweilige aber entspannte Fahrt durch den Wald vor. Das einzige Hindernis, das vor uns lag war ein Schlammloch, von dem wir bereits wussten. Bei der Hinfahrt bin ich zügig mit Anlauf durchgefahren, weil wir nicht stecken bleiben wollten. Zum Dank setzten wir jedoch mit der Anhängerkupplung auf. Das finde ich persönlich nicht so dramatisch, weil ich sie ohnehin nie benutze und weil mir eine verbeulte Kupplung lieber ist als ein aufgerissener Wohnmobilaufbau.

Zweisprachig in Kirkenes
Zweisprachig in Kirkenes

Trotzdem, auf der Rückfahrt wollte ich es langsamer angehen lassen. Wir erreichten nach kurzen Augenblicken besagte Stelle und ich sagte noch: „Steig doch mal bitte aus und filme das – wer weiß was passiert“. Ich legte den ersten Gang ein und gab langsam Gas – zu langsam. Während sich der Wagen in Bewegung setzte, beschlich mich ein Bauchgefühl, dass dieser langsame Versuch keine gute Idee sei. Ich lenke leicht nach rechts, damit wenigstens eine Seite des Fahrzeugs halbwegs festen Boden unter den Füßen hat und schon sackt der Wagen hinten links ein – und bleibt wo er ist:

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21.15 Uhr: Weder vor noch zurück- es tat sich nichts mehr. Na prima, auf mein Bauchgefühl ist also immer noch Verlass. Das nützte uns jetzt aber auch nichts mehr. Wir waren also nur einen Kilometer von der Stelle entfernt, wo ich Stunden zuvor von einem Bären angegrummelt wurde und steckten fest. Unsere ersten zaghaften Versuche, dass einer schiebt und der andere die Kupplung kommen ließ, gaben wir ziemlich schnell auf. Noch verscheuchten wir die zahlreichen Mücken, die sich freudestrahlend um uns herum sammelten.

Klägliche Befreiungsversuche
Klägliche Befreiungsversuche

21.30 Uhr: Wir begannen Holzstöcke und große Steine zu sammeln, um den Antriebsrädern festen Boden zu bieten. Besonders das rechte Vorderrad hing nämlich viel zu weit durch, um überhaupt noch Kraft übertragen zu können. Es drehte eigentlich schon beim geringsten Gasgeben durch, weil es den Boden nur noch leicht berührte.

21.50 Uhr: Alle Versuche, den Wagen mittels Steinen und Ästen Stabilität zu verleihen, scheiterten. Unser nächster Schritt ging in die Richtung, die Anhängerkupplung zu befreien. Es schien, als würde der Wagen mit seinem gesamten Gewicht auf der Anhängerkupplung sitzen, die sich wiederum in den Untergrund eingegraben hatte.

22.10 Uhr: Unter der Anhängerkupplung ist wieder einigermaßen Luft. Eine dicke Wurzel war das größte Problem, doch auch sie konnten wir entfernen. Damit würde der Wagen zumindest nicht mehr in diesem Bereich festgehalten werden.

22.15 Uhr: Erneute Anfahrversuche waren trotzdem zum Scheitern verurteilt. Mittlerweile schlossen wir die Türen und Fenster nicht mehr, sondern ließen alles offen stehen, wenn wir das Auto betraten oder verließen. Die Mücken bemerkten wir nämlich kaum noch und waren schon lange nicht mehr unsere größte Sorge.

22.20 Uhr: Es reichte. Ich ging im Wohnraum nach hinten und suchte in der Wäschekiste nach alten Klamotten. Dabei fühlte ich mich im völlig schräg stehenden Wohnmobil etwas unsicher. So ähnlich läuft man wohl auf einem Schiff, das Schlagseite hat und kurz vor dem Untergang steht. Mit den alten Klamotten schmiss ich mich in den Schlamm und begann zu graben wie ein hyperaktiver Maulwurf. Mit bloßen Händen versteht sich, denn als Expeditionsreise war das hier eigentlich nicht geplant, weswegen wir keine Schaufel dabei hatten.

Schlammloch
Schlammloch

22.22 Uhr: Während ich halb unter dem Auto nun auch noch im Schlamm feststeckte, rutschte mein T-Shirt hoch und die Mücken freuten sich beim Anblick meines Rückens über die Erschließung einer neuen Nahrungsquelle – mir egal.

22.35 Uhr: Folgender Dialog durchschnitt die Stille der norwegischen Landschaft, die hier von der Taiga in die Tundra übergeht:
„Mach doch mal ein paar Bilder, wie ich hier im Schlamm stecke, sonst ärgern wir uns später auch noch über fehlendes Bildmaterial.“
„Kann ich nicht, meine Arme stecken auch bis zu den Ellenbogen im Matsch.“
„Hm…ach ja. Dann eben weiterbuddeln.“

22.48 Uhr: Auch diese Ausgrabungsversuche scheiterten kläglich, da immer wieder weicher Schlamm von unten nachrückte. Das linke Hinterrad steckte mittlerweile zu dreiviertel im Schlamm, während das rechte Vorderrad kaum noch Bodenkontakt hatte. Der Wagen hatte mittlerweile eine derartige Schräglage, dass ich nicht mehr weitergraben wollte. Die riesige, weiße Wohnmobilwand ragte so weit über mich hinaus, dass es schon sehr bedrohlich wirkte.

23.05 Uhr: Krisensitzung. Der Schlamm tropfte von den Fingern, als wir – umzingelt von Bären und Mücken – beratschlagen, was unsere Alternativen sind:

Schlammloch
Schlammloch

1. Warten, bis morgen früh irgendein Auto kommt – Was aber, wenn das nur ein Fiat Panda ist? Das wäre uns einerseits keine Hilfe, andererseits stünden wir dann auch noch mitten im Weg.

2. Zurückgehen zum Wachturm der norwegischen Grenzsoldaten – Mal angenommen, sie dürften ihren Platz verlassen, wie könnten sie uns dann überhaupt helfen? Mit ihrem Quad? Wohl kaum. Außerdem könnte nur einer gehen, da der andere besser am Auto warten sollte, falls doch noch jemand vorbei kommt. Aber wer will sich schon im Grenzgebiet den Weg durch den halbdunklen Wald mit Braunbären teilen?

3. In die andere Richtung bis zur nächsten Siedlung wandern – Noch 16 Kilometer, ebenfalls Bärengebiet. Geschätzte Ankunftszeit 1.30 Uhr in der Nacht.

Was wir taten, wie es ausging und warum wir doch noch einem Elch begegneten, folgt im Teil mit dem Namen „Wie man ein Wohnmobil ausparkt“ ;-).

Hier geht es zum gesamten Bericht der Reise mit dem Wohnmobil zum Nordkap.

11 Kommentare zu „Autopanne im Bärengebiet“

  1. Pingback: Wanderung mit militärischer Begleitung durchs Bärengebiet | molls-reiseblog.de

  2. Nein, dann sind wir uns wohl wirklich nicht begegnet an dem Tag. Wir sind schon viel früher dort gewesen und am Kennzeichen „E“ auf dem Foto erkenne ich, dass es sich um ein anderes Wohnmobil handelt. Aber spannende Geschichte… lese gleich den dritten Teil.

  3. Pingback: Wie man ein Wohnmobil ausparkt | molls-reiseblog.de

  4. Moin,

    oh ja, das Schlammloch kenne ich. Durfte im August 2012 damit Bekanntschaft machen. Zum Glück war es recht trocken, als wir dort waren, und ich hatte mit meinem W123 keine Probleme … Wir mußten es aber ein bißchen auffüllen … 😉

    http://duenomat.de/berichte/1207_rus_skand/gfx/2012-07-27_17-27-47.JPG
    http://duenomat.de/berichte/1207_rus_skand/120727.htm

    Ich hatte mich damals auch gefragt, was wenn … Nun weiß ich es.

    Allzeit gute Fahrt!
    Keks

    1. Hallo Keks,

      schlimmes Loch, gell? Aber so ein „kleiner“ Mercedes ist doch notfalls auch schnell rausgeschoben, oder nicht? Habe mir deine Berichte mal durchgelesen. Zufälligerweise hast du das Nordkap an dem Tag verlassen, bevor wir dort ankamen. Hier ist mein kompletter Reisebericht zur Fahrt zum Nordkap.

      Viele Grüße

      1. Hallo Michael,

        wenn beim Daimler ein Hinterrad erst mal durchdreht, ist guter Rat teuer. Man kann ihn natürlich leichter anschieben als das Wohnmobil, aber wenn das nicht geklappt hätte, wäre ich sicher nach wenigen Sekunden im Matsch und umgeben von Fliegen, die einem durch den Pullover stechen, verrück geworden.

        Daher großer Respekt für den Versuch der Befreiungsaktion. Ich glaube, ich hätte bereits nach wenigen Minuten den ADAC angerufen.

        Grüße zurück
        Keks

  5. Da bist du aber sehr vorsichtig mit deiner Ausdrucksweise. Fliegen? Das waren verdammte Biester von Moskitos 😉 Am Anfang unserer Bergungsaktion haben wir nach dem Ein- und Aussteigen schnell die Türen geschlossen, um sie draußen zu halten. Nach einer Stunde war uns das dann mittlerweile auch egal 😉

  6. Pingback: Autopanne mit dem Wohnmobil in England | Die Weltenbummler

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