Mord an einem Feuersalamander

Es war ein regnerischer Tag im Gebirge. Genau das richtige Wetter und die richtige Region, um einen Feuersalamander sehen zu können. Gerade eben fuhren wir noch bergab in ein enges Tal. Rechts und links der zweispurigen Straße ragen die Berge in die Höhe. Auf der Straße ist nichts los. Vor uns fährt kein Auto. Im Rückspiegel lässt sich ebenfalls kein Auto blicken.

Mit rund 60 km/h fahre ich auf der Straße entlang, als ich plötzlich genau in der Fahrbahnmitte einen Feuersalamander entdecke. Seine markante gelb-schwarze Haut ist weithin sichtbar, besonders angesichts der Größe dieses Tieres. Ich fahre an dem Tier vorbei, wende an der nächsten Möglichkeit und stelle das Wohnmobil mit Warnblinklicht gleich neben dem Salamander ab.

Es scheint, als warte das Tier nur darauf, dass jemand kommt, um es von der Straße zu tragen. Durch unsere alljährliche Kröten-Rettungsaktionen sind wir es zwar gewohnt, Amphibien anzufassen, doch an einen Feuersalamander trauen auch wir uns nicht ran. Ich nehme ein Stück Papier und stupse das Tier vorsichtig damit an den Schwanz. Prompt läuft es los und es überquert die zweite Fahrbahn bis zur Hälfte. Noch einmal benutze ich das Papier, berühre den Salamander erneut und wieder setzt es sich in Gang.

Das ist auch gut so, denn in der Ferne taucht ein Auto auf und wir wollen den Fahrer nicht unnötig aufhalten. Er nähert sich uns und vermindert ein wenig seine Geschwindigkeit. Kein Wunder, denn der Fahrer sieht auf der Gegenspur ein Fahrzeug mit Warnblinklicht und zwei Menschen, die dabei sind, einem bedrohten Tier das Leben zu retten. Er hat klar erkennen können, was wir da auf der Straße treiben. Der Salamander ist mittlerweile in Sicherheit und hat den Asphalt hinter sich gelassen. Im Bankett der Straße sitzt er nun und kann sich entspannt dem nächsten Unterholz nähern.

Der Autofahrer fährt nun mit ca. 30 km/h an mir vorbei. Wir sind bereit, in unser Fahrzeug einzusteigen, als ich genau in diesem Augenblick wahrnehme, wie etwas schwarz-gelbes vom rechten Hinterreifen des Fahrzeugs hochgeschleudert wird. Der Autofahrer ist mit voller Absicht nach rechts ausgeschert und mit den rechten Reifen über das Bankett gefahren. Den prächtigen Feuersalamander hat er einfach überrollt. Er hat ihn getötet!

Ich kann gar nicht beschreiben, wie ich mich in diesem Moment fühlte. Gerade eben freute ich mich, dass ich einem prächtigen Tier das Leben gerettet habe und nur einen Augenblick später kommt ein Mensch und tötet dieses Tier eiskalt.

Trauer, Wut, Zorn und Hass sind es, die in diesem Moment zusammenkommen. Die bösesten Schimpfwörter schreie ich dem Autofahrer hinterher. Zum Glück hält er nicht an. Ich hätte mich strafbar gemacht. Fassungslosigkeit und Entsetzen machen sich breit. Gleichzeitig kocht es in mir vor Wut.

Warum macht jemand so etwas?

Jeder Autofahrer, auch ich, tötet Tiere. Drei Vögel haben bereits ihr Leben lassen müssen, weil sie meiner Motorhaube begegneten. Ich will gar nicht wissen, wie viele Kleintiere ich schon versehentlich umgebracht habe und es nicht bemerkte. Von den Millionen Insekten, die tagtäglich auf den Straßen sterben, will ich gar nicht erst anfangen. Aber hinter all diesen toten Tieren stecken keine Morde. Im Fall des Feuersalamanders war es jedoch gnadenlose Mordlust. Ein abscheuliche Tat, die nicht notwendig war.

Ich habe dem Autofahrer Platz gemacht. Ich vertraute darauf, dass er in seiner Fahrspur bleibt und Rücksicht auf das Geschöpf nimmt. Er hat mein Vertrauen missbraucht. Niemals wieder werde ich einem Autofahrer Platz machen, wenn ich einem Tier helfe, sicher über die Straße zu kommen.

Der Autofahrer wird diese Zeilen hier wohl niemals lesen. Aber jeder, der so ein Verbrechen begeht, ist asozial, unkultiviert und ein Prolet.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der Mensch bezeichnet sich gerne als Krönung der Schöpfung – dabei ist eben dieser Mensch der ohn Rücksicht auf Verluste tötet, aus niederen Beweggründen, Rassenhass, Neid oder einfach Spaß. Es ekelt einen manchmal nur noch an, was an Abartigkeiten an Tieren verbrochen werden und oft noch als Video für einen Videochannel aufgenommen. Keinerlei Ethik, Moral oder einen ansatz von Empathie … es kotzt einen an

Schreibe einen Kommentar


Kleine Rechenaufgabe Die Zeit für die Eingabe ist abgelaufen. Bitte aktivieren Sie das Captcha erneut.

Mehr in Blog, Tiere unterwegs
Wanderführer Eifelsteig

Über 300 Kilometer lässt es sich auf dem Eifelsteig wandern, der in Kornelimünster bei Aachen beginnt und durch eine sanft...

Schließen