Gedenkstätten

Gestern habe ich einige Gedenkstätten für die Opfer der Titanic vorgestellt. Die Menschen, denen diese Gedenkstätten gewidmet sind, starben bei einem Unglück. Bei einem Unfall. Unbeabsichtigt. Heute geht es zu Gedenkstätten für Menschen, die bewusst und absichtlich getötet wurden.

Ich bin geschichtsinteressiert und interessiere mich auch für die Politik des 20. und 21. Jahrhunderts. Deshalb besichtige ich nicht nur weite Strände, schöne Sonnenuntergänge und bunte Innenstädte. Ich fahre auch zu Gedenkstätten, die nur deshalb existieren, weil es Menschen gibt, deren Denkweise ich nicht nachvollziehen kann. Menschen, die feige und hinterhältig durch Terror, Attentate und Anschläge anderen Menschen das kostbarste nehmen, was sie haben – ihr Leben.

Vor vielen Jahren schon habe ich den Ort des Geschehens besucht, an dem der schwedische Ministerpräsident Olof Palme 1986 erschossen wurde. Eine Gedenktafel erinnert an das Attentat. Für mich war das ein Ereignis, das in meiner eigenen Lebenszeit geschah und dennoch Teil der Geschichte ist. Ein Ereignis mit dem ich aufgewachsen bin. Das ich eben nicht nur einfach aus Geschichtsbüchern kenne. Und ein Ereignis, das bis heute nicht vollständig aufgeklärt ist und daher hin und wieder immer noch in den Medien auftaucht.

Zwei Jahre später, ich war daher noch nicht viel älter, explodierte über der südschottischen Stadt Lockerbie eine Boeing 747. Das Bild des blau-weißen Cockpits, von dem nur noch eine Hälfte auf einem Acker liegt, hat sich in mein Gehirn gebrannt. Und auch hier ist das Thema bis heute noch aktuell. (Nachtrag: Am 21. Dezember 2013 jährte sich das Ereignis zum 25. Mal, weshalb ich einen eigenen Artikel für Lockerbie publizierte)

Lockerbie habe ich während meiner diesjährigen Schottland-Reise besucht. Ich bin sicherlich kein Katastrophentourist, aber mich interessiert der Ort und vor allem der Ortsname, der in meiner Jugend so präsent war. Und ich will wissen, wie man mit solchen schrecklichen Ereignissen umgeht. Am Rande der Ortschaft befindet sich ein Friedhof. Ein ganz normaler Friedhof. Auf diesem ist ganz hinten in einer Ecke ein Erinnerungsgarten angelegt worden. Er ist genauso gepflegt wie der Rest des Friedhofs. Doch dann sieht man den Unterschied. Alle starben am selben Tag. Alle sind unterschiedlicher Herkunft. Alle werden nie etwas von der schottischen Kleinstadt Lockerbie gehört haben. Und doch sind ihre Namen dort verewigt.

Und noch etwas fällt auf: Die Inschriften auf den Gedenktafeln. Es ist nicht nur ein Geburts- und ein Todesdatum eingemeißelt. Die Rede ist von einem Piloten, von einem Co-Piloten, von jungen Studenten renommierter US-Universitäten. Und dann die Bezeichnung: Lockerbie Air Disaster. Ein Begriff, den man übersetzt nur aus den Nachrichten kannte. Spätestens jetzt ist man nicht mehr auf einem gewöhnlichen Friedhof. Ein seltsames Gefühl umgibt einen.

In keinem anderen Land habe ich während einer Reise so viele Gedenkstätten gesehen, die an absichtlich herbeigeführte Katastrophen erinnern, die nach dem Zweiten Weltkrieg stattfanden. In London muss man gar nicht weit gehen, um gleich mehreren davon zu begegnen. Unweit der berühmten Downing Street, am östlichen Rand des St. James Parks, befindet sich eine Kugel mit zahlreichen eingravierten Friedenstauben. Im Hintergrund eine Wand mit den Namen der getöteten Opfer. Die Kugel und die Wand erinnern an die Opfer des Bombenanschlags auf Bali im Jahr 2002.

Durch den St. James-Park und dem Green Park gelangt man von dort aus fast automatisch zum Hyde Park. Neben einem Holocaust-Gedenkstein trifft man hier auf ein Feld mit 52 Stelen. Jede Stele steht für ein Opfer des 7. Juli 2005. Drei Bomben explodierten zeitgleich an einem Montagmorgen in der Londoner U-Bahn, eine weitere eine Stunde später in einem roten Doppeldeckerbus. Ein beklemmendes Gefühl, wenn man weiß, dass man an diesem Tag bereits mit der Tube unterwegs war – auf den Strecken, auf denen das geschah. Wo Menschen starben. Nur zwei Blocks östlich des Hyde-Parks gibt es eine weitere, deutlich kleinere Grünfläche. Sie nennt sich Grosvenor Square und erstreckt sich genau vor der amerikanischen Botschaft – noch, denn diese wird in den nächsten Jahren umziehen. Am östlichen Rand des Platzes erhebt sich eine kleine Gedenkstätte, die an den 11. September 2001 erinnert.

Man sollte nie vergessen, dass auch unser Name irgendwann plötzlich an einem Ort eingemeißelt sein könnte, mit dem wir noch nie etwas zu tun hatten. Wollen wir hoffen, dass Todesfälle dieser Art irgendwann ein Ende haben werden.

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