Clemens Depping – vermisst am Nordkapp

Ich war sieben Wochen unterwegs. Ich reiste mit dem Wohnmobil durch Skandinavien, machte 15.000 Bilder und habe nicht nur viel gesehen, sondern auch viel erlebt. Doch bevor ich Bilder präsentiere und von den Erlebnissen berichte, möchte ich zuallererst von Clemens Depping erzählen. Ich habe ihn nie kennen gelernt, doch sein Schicksal hat mich betroffen gemacht.

Clemens-DeppingEs war Ende Juli, als wir mit dem Wohnmobil am Nordkapp ankamen. Einige tausend Kilometer lagen bereits hinter uns und plötzlich standen wir am berühmten Globus, blickten bei herrlichem Sonnenschein und unglaublichen 15 Grad auf das Eismeer. Das Ziel war erreicht und es kam einem beinahe vor, wie das Ziel eines Pilgers. Italienische Motorradfahrer schwangen stolz ihre Nationalflagge vor dem Globus, Fahrradreisende lichteten sich ebenso stolz ab und es herrschte eine tolle Stimmung. Jeder, der hier vor Ort war, hatte eine lange Reise hinter sich, die er so schnell nicht vergessen wird und auf der er eine ganze Menge erlebt haben dürfte. Genauso wie Clemens Depping, der mit seinem blauen Opel Kadett B nach Norden fuhr und genauso wie wir sein Fahrzeug auf dem Parkplatz der Nordkaphalle abstellte.

Zum ersten Mal hörten wir von ihm, als wir die Nordkaphalle betraten und zum dortigen Infostand gingen. Auf der Theke klebte eine farbige Kopie eines norwegischen Zeitungsartikels. Mit unseren relativ guten Schwedischkenntnissen, mit denen wir auch Norwegisch verstehen, war uns der Inhalt des Textes ziemlich schnell klar. Doch wir fragten sicherheitshalber die Deutsch sprechende Dame am Infoschalter, ob wir alles gut verstanden. Und sie begann zu erzählen, dass das Auto von Clemens Depping länger als 48 Stunden auf dem Parkplatz stand und dadurch aufgefallen ist (man darf dort nur 48 Stunden an einem Stück parken). Man habe daraufhin einen Zettel an den deutschen Wagen geklebt, doch der Besitzer reagierte nicht und der Wagen blieb weiterhin unbewegt, weshalb man schließlich die Polizei verständigte.

Man suchte nach ihm, man kontaktierte die deutschen Behörden und schlussendlich wurde der auffällige Kadett abgeschleppt. Sein Besitzer, Clemens Depping, wurde nicht gefunden. blauer-KadettWir machten uns natürlich Gedanken. Dieser Berliner war ein Reisender wie wir. Er hatte das gleiche Ziel, er hatte vielleicht ähnliche Erlebnisse wie wir. Wir kannten ihn zwar nicht, aber wir waren traurig darüber, dass seine Reise hier abrupt und unbeabsichtigt zu Ende ging, denn auch auf dem Rückweg nach Deutschland gibt es noch eine Menge zu erleben und genau das wird Clemens Depping vorgehabt haben – genauso wie wir.

Wir blieben zwei Tage am Nordkapp. Wir gingen wandern, wir schauten die steile Küste hinab und immer wieder fragten wir uns, ob Clemens Depping wenige Tage zuvor vielleicht auch hier unterwegs war. Vielleicht lief er den selben Weg, machte aber einen falschen Schritt? Vielleicht war es neblig und er hatte sich verirrt? Vielleicht kam eine Windboe und erfasste ihn? Wir werden wohl nie erfahren, was geschehen ist aber wir nahmen uns vor, nach unserer Rückkehr von ihm zu erzählen. Zum Einen, um daran zu erinnern, dass eine Reise auch anders enden kann als mit einem Fotoabend mit Freunden in der Heimat. Zum Anderen aber auch, um mögliche Zeugen aufmerksam zu machen. Vielleicht hat ja jemand kurz vor seinem Verschwinden mit ihm gesprochen. Möglicherweise hat ihn jemand gesehen. Ein blauer Opel Kadett aus dem Jahre 1969 mit einem H-Kennzeichen fällt am Nordkapp auf.

Vermutlich kann man Clemens Depping nicht mehr helfen. Aber seinen Angehörigen und Freunden sicherlich. Einer seiner Freunde hat nicht nur eine Facebook-Seite ins Leben gerufen, auf der detaillierte Infos zu lesen sind, sondern flog zum Nordkapp und suchte nach ihm (Nachtrag Februar 2013: die Facebook-Seite existiert leider nicht mehr). Leider musste er mit dem blauen Kadett alleine den Rückweg nach Deutschland antreten. Dieser Freund war es auch, der im Auto die wahrscheinlich letzte Speicherkarte von Clemens Depping fand. Noch am Polarkreis hat Clemens Depping in einem kurzen Video von seinen weiteren Plänen erzählt (Nachtrag Feburar 2013: Auch das Video ist leider nicht mehr erreichbar).

KadettAm Tag unserer Abreise gingen wir im 30 Kilometer entfernten Honningsvåg einkaufen und erblickten zufälligerweise gleich neben dem Supermarkt den besagten Kadett. Dort stand er auf dem Gelände des Abschleppunternehmens und wartete vergeblich darauf, mit seinem Besitzer nach Hause zu fahren. Vielleicht war jemand, der diese Zeilen liest, Mitte Juli 2012 am Nordkapp und kann sich schwach daran erinnern, mit Clemens Depping gesprochen zu haben? Vielleicht hat er ihn auch unbewusst fotografiert?

Wir kannten Clemens Depping nicht, wir kennen auch seinen Freund nicht, der sich so sehr bemühte, ihn zu finden, aber wir sind der Ansicht, dass dieser Aufruf bzw. Artikel das Mindeste ist, was wir tun sollten.

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