Es regnet und die Wolken hängen tief, als der Gedenkstein fotografiert werden soll. Aber irgendwie passt dieses trübe und tristgraue Wetter zu der Geschichte, die dem Gedenkstein vorausging. Der Wagen von Compiègne war ursprünglich ein Speisewagen der französischen Eisenbahn. Er wurde im Jahr 1914 gebaut und erhielt die Kennnummer 2419D. Bis Oktober 1918 rollte der Waggon als gewöhnlicher Speisewagen über die Gleise.

Hinweis: Der Inhalt dieses Blog-Artikels stammt aus meinem nicht mehr erhältlichen Reiseführer mit dem Titel „111 Orte im Thüringer Wald die man gesehen haben muss„.
Der französische Marschall Ferdinand Foch ließ den Wagen jedoch gegen Ende des Ersten Weltkriegs zu einem Büro umbauen, in dem am 11. November 1918 der Waffenstillstand unterzeichnet und damit der Erste Weltkrieg beendet wurde. Dieses historische Ereignis fand auf einer Waldlichtung im nordfranzösischen Compiègne statt und führte dazu, dass der Waggon aus dem Dienst genommen wurde. Wagen 2419D wurde damit zu einem geschichtsträchtigen Museumsstück. Bis 1927 wurde der Wagen in Paris ausgestellt, anschließend in einem Museumsgebäude in Compiègne.
Wagen von Compiègne
Während der Wagen in den folgenden Jahren friedlich ausgestellt war, übernahm im östlichen Nachbarland ein Diktator die Macht und verbreitete Angst, Schrecken und Tod. 1940 marschierte er in Frankreich ein und rächte sich auf seine Weise – die Franzosen sollten am selben Ort im selben Waggon einen Waffenstillstandsvertrag und damit ihre Kapitulation unterzeichnen. Hitler ließ den Waggon nach Berlin bringen, wo er zunächst öffentlich ausgestellt wurde, dann in den Kriegswirren jedoch in den Thüringer Wald kam. Hier bei Crawinkel fand er sein letztes Zuhause, bevor er im März 1945 komplett ausbrannte.

An diesen geschichtsträchtigen, mobilen Ort erinnern heute der erwähnte Gedenkstein und ein altes Bahngleis mit Prellbock. Auf der 582 Kilometer entfernten Lichtung bei Compiègne, die zu einer Gedenkstätte umgestaltet wurde, steht heute ein baugleiches Fahrzeug.

Hier schreibt Reisejournalist Michael Moll.
Ich bin Autor von mehr als 120 Reiseführern, unter anderem beim National Geographic, und erstelle Artikel in Fachzeitschriften. Außerdem bin ich Betreiber und Besitzer des Wohnmobilstellplatzes am Barockschloss in Nordkirchen im südlichen Münsterland.
Bundesweit halte ich Multimedia-Präsentationen über verschiedene Reisethemen und zu guter Letzt konnte ich einen Fahrradweltrekord für das Guinnessbuch der Rekorde aufstellen.
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