Das zweistöckige Wohn- und Geschäftshaus in der Gothaer Straße 8 in Suhl wirkt unauffällig. Hinter der lachsfarbenen Fassade verbirgt sich im Obergeschoss eine leere Wohnung. Selbstgedruckte Zettel in den Fenstern verkünden, dass das Loft zu vermieten ist. In den Geschäftsräumen darunter lädt ein Naturkost-Geschäft zu Einkäufen ein. Doch an der rechten Seite hängt, genauso unauffällig wie das Haus, eine kleine Informationstafel.

Hinweis: Der Inhalt dieses Blog-Artikels stammt aus meinem nicht mehr erhältlichen Reiseführer mit dem Titel „111 Orte im Thüringer Wald die man gesehen haben muss„.
Ein ehemaliges japanisches Restaurant hätte sich in dem Gebäude befunden. Dass dies eine besondere Erwähnung findet, muss ja eine Bedeutung haben. Denn man stelle sich vor, an jedem Haus hinge eine Information darüber, welches Geschäfte und Lokale sich bereits darin befanden. Es würde Häuser geben, an denen wären mehr Informationen als auf der Speisekarte eines Restaurants. Das Japan-Restaurant in Suhl wurde von Koch Rolf Anschütz im Jahr 1966 gegründet, als sich dieser für die japanische Esskultur zu interessieren begann.
Hoso-Maki, Sashimi und Tamagoyaki
Zu diesem Zeitpunkt wäre das auch in Westdeutschland ungewöhnlich gewesen, doch Suhl lag bekanntlich in der DDR, und aus heutiger Sicht ist es fast unvorstellbar, dass dort solch fremdartige Speisen angeboten werden konnten. Daher trug es die offizielle Bezeichnung »Japanabteilung der Gaststätte Waffenschmied«, so wie das Gasthaus eigentlich hieß. Rolf Anschütz wurde sogar nach Japan eingeladen und erhielt von Kaiser Hirohito persönlich eine Anerkennung, weil er sich für das beste japanische Restaurant außerhalb des Inselstaates verdient gemacht hatte.

Noch vor der politischen Wende in der DDR wechselte Anschütz die Lokalität und gab den Waffenschmied mit der Japanabteilung auf. Später gründete er in Oberhof ein Hotel, das jedoch Verluste einfuhr. Anschütz starb drei Tage vor seinem 76. Geburtstag. Seine Geschichte wurde wenige Jahre nach seinem Tod verfilmt und flimmerte im Herbst 2012 über deutsche Kinoleinwände. Das Restaurant, das als Kulisse für den Film »Sushi in Suhl« genutzt wurde, steht in Schmalkalden.

Hier schreibt Reisejournalist Michael Moll.
Ich bin Autor von mehr als 120 Reiseführern, unter anderem beim National Geographic, und erstelle Artikel in Fachzeitschriften. Außerdem bin ich Betreiber und Besitzer des Wohnmobilstellplatzes am Barockschloss in Nordkirchen im südlichen Münsterland.
Bundesweit halte ich Multimedia-Präsentationen über verschiedene Reisethemen und zu guter Letzt konnte ich einen Fahrradweltrekord für das Guinnessbuch der Rekorde aufstellen.
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