An der Ecke Sommerstraße und Uferstraße in Eisenach befinden sich ein Büro der Deutschen Rentenversicherung und gegenüber ein Parkhaus. Im Norden wird die Kreuzung von dem idyllischen Mühlgraben und einem Busparkplatz begrenzt. Na und, werden die meisten jetzt vermutlich sagen. Doch wer genauer hinsieht, wird das Parkhaus plötzlich interessant finden – ausgerechnet das Parkhaus, bestehend aus seinen grün gestrichenen Außenwänden, die sich mit einer Glasfassade abwechseln.

Hinweis: Der Inhalt dieses Blog-Artikels stammt aus meinem nicht mehr erhältlichen Reiseführer mit dem Titel „111 Orte im Thüringer Wald die man gesehen haben muss„.
Doch im Erdgeschoss locken fünf Informationstafeln zum Näherkommen und berichten über die Zeit, als in Eisenach noch die Straßenbahn fuhr. Die begann im August des Jahres 1897, als das erste Straßenbahndepot in der Helenenstraße eröffnet wurde. Die erste Straßenbahnlinie führte vom Hauptbahnhof über den Karlsplatz bis zum Annatal und war gerade einmal etwas über drei Kilometer lang, wofür die Triebwagen 16 Minuten Fahrzeit benötigten.
Wo einst die Tram verkehrte
Bis zu den Jahren der Weltwirtschaftskrise fuhr die Straßenbahn ohne Unterbrechung, musste aber dann 1922 wegen der Inflation für fast zwei Jahre eingestellt werden. Nach der Wiederaufnahme zog die Wagenhalle von der Helenenstraße in die Sommerstraße – an den Ort, wo heute das Parkhaus steht. Gleichzeitig wurden mittlerweile fünf Straßenbahnlinien bedient.

In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs wurden Teile der Halle durch Bombentreffer beschädigt und der Straßenbahnbetrieb erneut vorläufig eingestellt. Der Wiederaufbau der Halle zog sich bis in die Mitte der 1960er Jahre hin. Gleichzeitig verkehrten gerade einmal zwei Linien auf Eisenacher Stadtgebiet, die zusammen nur sechs Kilometer lang waren. Im Jahr 1975 verschwanden die Straßenbahnen komplett aus dem Stadtbild Eisenachs. Geblieben ist vorläufig die Wagenhalle, bis auch sie dem Parkhaus wich. Doch links neben dem Zugang erinnert man noch heute an die Zeit der Eisenacher Straßenbahn. Im Boden sind zwei alte Gleise verblieben, die an der Fassade darüber durchnummeriert sind, gleich so, als ob die Straßenbahnen dort noch ein- und ausfahren würden.

Hier schreibt Reisejournalist Michael Moll.
Ich bin Autor von mehr als 120 Reiseführern, unter anderem beim National Geographic, und erstelle Artikel in Fachzeitschriften. Außerdem bin ich Betreiber und Besitzer des Wohnmobilstellplatzes am Barockschloss in Nordkirchen im südlichen Münsterland.
Bundesweit halte ich Multimedia-Präsentationen über verschiedene Reisethemen und zu guter Letzt konnte ich einen Fahrradweltrekord für das Guinnessbuch der Rekorde aufstellen.
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