Das schmale Haus von Eisenach

»Wenn die Dame mal aus dem Weg gehen würde, dann könnte ich das Haus komplett fotografieren« – wenn man am Eisenacher Johannisplatz solche Bitten hört, dann hängt das weniger mit einer möglichen Übergröße besagter Dame zusammen als mehr mit der Tatsache, dass das gewünschte Fotomotiv schlicht sehr schmal ist. Es ist nämlich gerade einmal zwei Meter breit. Und fünf Zentimeter. Die sollte man bei der ohnehin schon geringen Breite nicht noch unterschlagen. Vielleicht sollte man an dieser Stelle auch erwähnen, dass die Grundmauern von Eisenachs Wahrzeichen, der Wartburg, bis zu vier Meter dick sind – also rund doppelt so dick wie das schmale Haus breit ist.

Wer dieses schmale Haus gebaut hat, ist unklar. Fragen kann man auch niemanden mehr, denn das Alter des Gebäudes wird auf rund 250 Jahre geschätzt. Es gibt Archivaufnahmen aus dem Jahr 1900, auf dem das Haus freistehend zu sehen ist. Allerdings hatte es damals noch eine ganz andere Fassade und musste zudem gestützt werden.

Haus auf Diät

Heute ist keine Stütze mehr notwendig, denn das Gebäude ist zwischen zwei hohen Bürgerhäusern eingeklemmt, die im Jahr 1903 fertiggestellt wurden und heute einen Spielzeugladen und eine Boutique beherbergen. Damals gab es einen erbitterten Streit zwischen dem Eigentümer und der Stadtverwaltung, die den Abriss des schmalen Hauses forderte. Zum Glück gewann der widerspenstige Besitzer. Denn so kann man heute durch die zweiflügelige Tür, was angesichts der Hausbreite besonders erwähnt werden darf, das Gebäude betreten und über eine schmale Treppe in das obere Stockwerk gelangen.

Der jetzige Besitzer des Hauses erwarb es zu DDR-Zeiten und renovierte es, um es vor dem erneuten Plan, es abzureißen, zu bewahren. Nach Voranmeldung lädt er Besucher auch gerne ins Haus ein, in dem eine Ausstellung von Bildern, Keramiken und – wer hätte es gedacht – Kleinplastiken zu sehen ist.

Michael Moll

Hier schreibt Reisejournalist Michael Moll.

Ich bin Autor von mehr als 120 Reiseführern, unter anderem beim National Geographic, und erstelle Artikel in Fachzeitschriften. Außerdem bin ich Betreiber und Besitzer des Wohnmobilstellplatzes am Barockschloss in Nordkirchen im südlichen Münsterland.

Bundesweit halte ich Multimedia-Präsentationen über verschiedene Reisethemen und zu guter Letzt konnte ich einen Fahrradweltrekord für das Guinnessbuch der Rekorde aufstellen.


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