Es muss nicht immer die Route 66 sein - Ein Roadtrip in Deutschland

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  • Hallo allerseits!


    Um zu erklären, was ich da unternommen habe, muss ich ein wenig ausholen.


    Ich bin in Weißenfels an der Saale aufgewachsen (heute Sachsen-Anhalt), ging in Schulpforte, einem ehemaligen Zisterzienserkloster (und auch im Saaletal), auf eine Internatsschule und hab später in Jena (Thüringen) studiert. Diese Region ist für mich Heimat. Als ich vor 25 Jahren von Jena an meinen jetzigen Wohnort Viersen zog, fiel mir das nicht leicht.


    Gleich in den ersten Tagen stellte ich jedoch, dass die B7 meine beiden Lebenszentren jener Zeit zu verbinden schien. Sie ging sowohl durch Viersen, als auch durch Jena. Meine verklärte Vorstellung war, wenn ich ja nur einfach dieser Straße folge, komme ich wieder in meiner alten Heimat an. Das gab mir anfangs so ein wenig psychologischen Halt. So ein "Hinterkopf-Thema" würde ich sagen.


    Die Idee war aber geboren: man müsste sich doch einfach mal ins Auto setzen und diese Straße einfach abfahren, ohne Autobahn, nur Landstraße. Unterwegs in kleinen Hotels oder im Zelt übernachten. Klingt nach nem netten kleinen Roadtrip.


    Nun, die Jahre vergingen, die Idee blieb eine Idee. Dann 2013 kam durch einen glücklichen Umstand ein kleines Cabrio in meinen Besitz, ein roter Honda CRX del sol. Wow, das wäre doch jetzt mal ein Anlass, diesen schon lange herumschwirrenden Gedanken endlich mal umzusetzen. Doch es brauchte noch weitere 7 Jahre, bis ich es endlich angepackt habe, am 7.8.2020 bin ich dann wirklich gestartet. Und zwar zusammen mit meinem mittleren Sohn, inzwischen auch schon 19 Jahre alt (Gott wie die Zeit vergeht).


    Schon bei der Planung der Tour (die wahrscheinlich mehr Zeit verbraucht hat, als die Fahrt selbst) musste ich feststellen, dass die "durchgängige B7" von der niederländischen Grenze bis ins mittelsächsische Rochlitz nur eine idealisierte Vorstellung ist. In Wirklichkeit wurden viele Abschnitte in den letzten Jahren, ganz besonders nochmal in den letzten zwei/drei Jahren, durch "Ablastung", ich würde es eher "Degradierung" nennen, zu gewöhnlichen Landesstraßen umgewandelt. Nix mehr dickes "B" vor der "7". Auch meinen jetzigen Wohnort hat es mittlerweile getroffen, wie ich bei der Recherche gemerkt habe.


    Die Historie der B7 (aus der Rubrik, Wissen, das kein Mensch braucht):

    Die B7 verlief bei ihrer maximalen Ausdehnung (vermutlich so in den 1950/60er Jahren) vom Grenzübergang Schwanenhaus bei Venlo (NL) bis nach Rochlitz in Sachsen. Sie durchquert dabei u.a. Düsseldorf, Bergisches und Sauerland, Kassel, Eisenach, Erfurt, Weimar, Jena, Gera. Gerade hier in NRW, aber auch bei Kassel und in Sachsen südlich von Leipzig, wurden aber inzwischen viele Autobahnen oder Autobahn-Abschnitte neu gebaut. Der Bund als Betreiber hat natürlich kaum ein Interesse daran, neben teuren Autobahnen auch noch Bundestraßen zu pflegen, vor allem wenn sie mehr oder minder parallel zu den neuen Autobahnen verlaufen. Das westliche Ende der B7 liegt heute (Stand 2020) offiziell irgendwo in Düsseldorf. Sie geht dann ostwärts bis etwa Wuppertal durch. Hinter Wuppertal bis Bestwig ist es Flickwerk. Überall da, wo die neue A46 steht, ist die B7-Kennzeichnung weg. Der Verlauf ab Bestwig bis Hessisch Lichtenau hinter Kassel ist aber noch komplett. Dort wird derzeit die A44 zwischen Kassel und Eisenach gebaut, der die B7 inzwischen auch schon stückweise zum Opfer gefallen ist. Bei Eisenach das gleiche Spiel, die A4 wurde verlegt, ein Teilstück der alten A4 zur B19 gemacht und weg war die B7, bis Gotha. Dann rund um Erfurt ist eine Umgehungsautobahn entstanden, incl. B7. Gleichermaßen in Weimar, wo aber die neue B7 noch nicht komplett durchgebaut ist (Ostumfahrung Weimar). Ab Weimar bis zum Ende ist der Verlauf lt. Google noch durchgängig, aber ich habe schon bei Eisenberg, bei Gera und Altenburg gesehen, dass auch da die B7-Schilder teilweise überklebt waren. Wenn ich "weg" schreibe, meine ich übrigens nicht, dass die Straße weg ist, die gibt es meist schon noch, nur heißt sie eben nicht mehr B7.


    Wirklich zurückgebaut wurde die B7 nur an wenigen Stellen: bei Venlo fiel sie dem Neubau der A61 zum Opfer und die alte Trassenführung bis Kaldenkirchen ist nicht mehr nachvollziehbar. Bei Eisenach wurde das Teilstück zwischen der Querung mit der alten A4 und der ehemaligen Autobahnauffahrt Eisenach West (alte A4) abgetragen und zu einem Forstweg gemacht. Ich wollte jetzt auch nicht kleinlich sein und jede Ortsdurchfahrt nachhalten. In Weimar z.B. ist die ehem. B7 im Zentrum mittlerweile Teil der Fußgängerzone. Auch haben einige kleiner Nester eine Umgehung bekommen und die alte B7 im Ort abgetragen oder zumindest "entwertet". Passendes Beispiel ist Tüttleben zwischen Erfurt und Weimar, wo die neue B7 einfach die alten Allenbäume seitlich stehen lässt und auf eine Umgehungsstrecke abbiegt. Zwischen den alten Alleen-Bäumen ist der Belag abgetragen.


    OK. Soweit die Theorie. Dass ich mir für die Durchführung ausgerechnet das heißeste Wochenende im Jahr 2020 aussuchen musste, tja..... Aber wir wollte ja eine Herausforderung! Also Freitag vormittag lose Sachen für 3 Tage gepackt, viel Wasser und etwas Proviant und erwartungsfroh aufgebrochen. Mein altes Smartphone hatte ich mit einem Time Lapse Tool zur Dashcam umgewandelt und hat im Zeitraffer die ganze Tour gefilmt.


    Ich will hier nicht jeden Streckenkilometer kommentieren. Nur so viel, der Abschnitt bis Bestwig, wo es dann endlich ins Sauerland hineingeht, war mehr als zäh. Ich glaube wir sind die ganze Strecke ausschließlich durch städtische Gebiete gefahren. Die idealisierte Traumvorstellung von der deutschen Landstraße kannste hier komplett knicken. Doch ab Bestwig, spätestens ab Brilon (von mir u.a. notiert als zu besuchende Stadt) wurde es richtig nett. Das sind dann so Regionen, wo man vielleicht auch mal länger Urlaub machen könnte. In Hessisch Lichtenau haben wir beim Abendessen die Übernachtung in Eisenach klargemacht, wo wir dann ggn. 22 Uhr ankamen. Leider hatte das Zimmer keine Klima, die Nacht war recht wenig erholsam. Sehr komisch in diesem Hotel war die Frühstücksregelung. Wegen Corona wurde einiges statt am Bufet direkt am Tisch serviert. Aber z.B. Kaffee musste man sich holen, in einer kleinen Niesche, wo sich dann eine lange schlange am Vollautomaten bildete. Wenn sich Viren übertragen haben, dann garantiert dort. Maske hatten zwar alle auf, aber wie so oft einige ohne Nase, Abstand wurde kaum eingehalten. Wenn ich schon für jeden Gast eigene Frühstücks-Teller am Tisch serviere, warum dann nicht auch den Kaffee? Naja, muss man nicht verstehen.


    Der weitere Abschnitt bis Jena war wirklich schön. Sowohl schön zu fahren, abwechselungsreich, aber auch landschaftlich sehr nett. Ich mag einfach diese Region, es kommen eben immer wieder heimatliche Gefühle auf. Besonders positiv war mir Gotha in Erinnerung geblieben, dort hat man sehr schöne Blumenrabatten und Grünanlagen und das gesamte Stadtbild war sehr einladend (notiert als zu besuchende Stadt). In Jena haben wir uns eine längere Pause gegönnt und ein großes Eis vertilgt. Kurz Freunden 'Hallo' gesagt und dann ging es auf die Schlussetappe nach Rochlitz.

    Später, dann so hinter Gera (keine schöne Stadt, muss man nicht hin), wurde die Landschaft flacher, war sehr offen und schon fast ausgedörrt. OK, die Felder sind nun alle abgeerntet und gelb oder braun, es gibt aber auch keine Wälder, kaum Bäume. Das wirkt fast so ein wenig wie Zentralfrankreich, trocken, und ähm ... tot. Und dann kam das Ende in Rochlitz.


    Die B7 endet auf einer stinknormalen Kreuzung. Witzig ist nur die eine Querstraße, sie heißt "Am Anfang". Rochlitz wollten wir uns eigentlich noch kurz anschauen, aber Samstagabend 18 Uhr war dort alles so tot, wirklich tot, kein Restaurant, kein Hotel, nix... also gut, nen Steh-Döner hätte man haben können. Aber richtiges Restaurant Fehlanzeige. Wir sind nach ein paar Erinnerungsfotos auf die Heimreise gegangen. Die Übernachtung machten wir von unterwegs in Borna klar. Wir waren so abgeschlafft durch die Hitze, dass wir nur noch eben im Biergarten was essen konnten und dann mehr oder weniger direkt ins Bett gefallen sind (-> keine Klima, wenig erholsam).


    Der Sonntag führte uns dann eben noch auf einen Kurzbesuch zu meinen Schwiegereltern, wo wir zum anfragten Kaffee noch zum Kuchen genötigt wurden (wer Schwiegereltern oder Eltern hat, wird das kennen) und dann ging's heim. Dann aber auf der Autobahn, hui geht das flott!


    Fazit: Ich denke wir (mein Sohn und ich) können uns rühmen, die ersten gewesen zu sein, die die die B7 in ihrer historischen Gestalt abgefahren sind. Zumindest in diesem Jahrtausend. Zumindest.... Naja, wer sollte so'n Quatsch sonst machen. Es war aber trotzdem schön, denn ich mag zum Einen meine alte Heimat immer noch, ich mag meinen kleinen CRX, der sich offen und geschlossen schön fahren lässt und nicht zuletzt konnte ich nochmal etwas Zeit mit einem mittleren Sohn verbringen, bevor er im Herbst zum Studium (wo auch immer aufbricht).

  • Lieber Volker,


    auch wenn ich jetzt nicht unbedingt den "Will-ich-auch-mal"-Gedanken habe, so ist das doch ein ganz wunderbarer Reisebericht. Hat viel Freude gemacht, das zu lesen. Du hast mich von Anfang bis Ende mitgenommen - großartig. Danke dafür.

    Blog: ombidombi.de


    Do not go gentle into that good night.

    Rage, rage against the dying of the light.

    (Dylan Thomas)

  • Ganz große Klasse! Ich halte es wie Lin und würde jetzt auch nicht unbedingt die B7 als Reisestrecke nutzen. Aber der Gedanke und die persönliche Geschichte dahinter gefallen mir. Danke, dass du uns mitgenommen hast.

    Ich habe gleich mal bei Maps den Verlauf der Bundesstraße beäugt. Ist ja wirklich mittlerweile ziemliches Stückwerk. Und eigentlich ist es ja ganz interessant, was hinter der Geschichte eines solchen Streckenverlaufs steckt. Einst war es die B7, die unter anderem durch kleine Orte verlief und stellenweise wurde sie nun durch Autobahnen und Umgehungsstraßen abgelöst. Auch das ist Verkehrsgeschichte, so wie wir heute über alte Handelsstraßen (z.B. Hellweg) oder Pilgerwege sprechen.

  • Ja, Michael, man könnte fast philosophisch werden: nichts ist so stetig wie der Wandel. Hier sieht man es aber ganz praktisch. Während vor 100 Jahren vermutlich die Dörfer und Kleinstädte froh waren, wenn eine Straße "Bundesstraße" (oder ganz früher vllt noch Reichsstraße) wurde und durch ihren Ort führte und auf diese Weise für eine bequeme Anbindung an die größeren Städte sorgte, Reisen oder Geschäfte möglich wurden, so will man heute besonders in den kleineren Orten die Bundesstraßen lieber auf Umgehungs-Routen verlegen. Keiner will den Verkehr mehr vor der Haustür haben, der vor 100 Jahren noch gewollt und gewünscht war. Klar, ist ja auch um Größenordnungen mehr geworden. Ich will darüber auch nicht urteilen.

    LG

    Volker

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