Zu dem Beispiel in Lins Blog, ob Peking denn als authentisch chinesisch zu bezeichnen ist, wäre meine Gegenfrage: Ist Hamburg etwa nicht authentisch deutsch? Auch für jemanden, der vorher nur Oberammergau gesehen hat? Natürlich ist es das, auch wenn es eine völlig andere Facette des Landes zeigt.
Für mich spielt das Wort "authentisch" eigentlich nur eine Rolle, wenn landestypische Dinge außerhalb ihres "Heimatlandes" angeboten werden. Also etwa chinesische Restaurants in Deutschland oder deutsche Spezialitäten (oder gar ein "Oktoberfest") irgendwo im Ausland. In diesen Fällen ist es nämlich eher selten, das wirklich "authentische" Erlebnis zu bekommen, weil allzu oft zu große Kompromisse gegenüber der "Gastgeber"-Kultur gemacht werden.
Wenn ich auf Reisen bin, stelle ich mir eher zwei Fragen:
- Wie "landestypisch" ist das, was ich hier sehe?
- Wieviel bekomme ich vom Leben der einheimischen Bevölkerung mit?
Landestypisch ist natürlich erstmal die Landschaft. Natürlich besuche ich da ganz gerne Gegenden, die besonders einzigartig sind. Außerhalb solcher Gegenden wird eine Landschaft hingegen schnell auch mal mit anderen Reisezielen austauschbar. Das ist mir zum Teil beim Betrachten der Bilder im "Bild des Tages"-Thread aufgefallen: Bei manchen Bildern erkennt man sofort ein bestimmtes Land oder eine Region, bei anderen ist das längst nicht so deutlich, und man vertut sich beim Raten sogar manchmal im Kontinent.
Ähnlich ist das auch bei Städten. Eine Großstadt ist erstmal eine Großstadt, und wenn man nicht gerade das Wahrzeichen einer Stadt vor der Linse hat, sind sich - mit etwas Abstand betrachtet - viele Städte der Welt doch erstaunlich ähnlich. Und bei vielen Anblicken, die für ein Land oder eine Stadt besonders "typisch" sind, bekomme ich oft das Gefühl, dass sie so stark touristisch geprägt sind, dass sich dort gar kein einheimisches Leben mehr abspielt, und somit ein gutes Stück von "Authentizität" wiederum verloren gegangen ist. Beispiele, die mir da spontan einfallen, wären die Innenstädte von Danzig oder Rothenburg ob der Tauber (da muss man schon in die Seitengassen ausweichen, um das "authentische" Leben zu finden) oder auch die Reisterrassen-Dörfer in der Nähe von Guilin in China.
Damit kommen wir auch zum Thema Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. Oftmals bewegt man sich auf Reisen ja in einer Art "Blase" die den Reisenden von der lokalen Bevölkerung trennt. Michael hat das ganz gut hinsichtlich des Reisens im Wohnmobil beschrieben. Auf anderen Reisen bewegt man sich hingegen fast nur in Flughäfen, Taxis, Hotels und Touristenbussen, die einen punktgenau zu den Sehenswürdigkeiten bringen und danach auch gleich wieder abtransportieren. Oder man hat als Reisegruppe immer einen (meinetwegen einheimischen, aber deutsch- oder englischsprachigen) Reiseleiter, der den Reisenden zwar vieles vereinfacht, ihnen aber auch das Erlebnis nimmt, sich wirklich selbst im land zu bewegen.
Für mich sind die eindrücklichsten Reiseerlebnisse oft solche, in denen ich aus dieser "Blase" ausbrechen konnte - ähnlich wie die Begegnungen, von denen Michael erzählt hat. Das bedeutet nicht selten ein Verlassen der "Komfortzone", weil man sich dann erstmal orientieren muss. Aber meiner Erfahrung nach lohnt sich das in den allermeisten Fällen. Mit Autopannen und Ähnlichem hatte ich zum Glück kaum zu tun. Aber es ist schon mal recht interessant, einfach mal (außerhalb der Touristenfallen) einkaufen zu gehen, oder auch die ganz normalen öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Und wenn man mit Einheimischen ins Gespräch kommt, erfährt man natürlich noch wesentlich mehr. So erinnere ich mich auch noch gut an meinen Abend in Guilin, wo mich ein Einheimischer angesprochen hatte, den ich zunächst als etwas aufdringlich empfand. Am Ende wollte er mir zeigen, wo ich etwas zu essen bekommen kann. Und nachdem ich sowohl beim McDonald's als auch beim Edelrestaurant den Kopf geschüttelt hatte, nahm er mich mit in eine Art Schnellimbiss, wo er selbst täglich seine Mittagspause verbrachte. Da gab es zwar ausschließlich Reisnudeln, aber die waren richtig gut, und die Stimmung in diesem Laden hätte ich sonst nirgends erlebt. Oder das Hotel, in dem ich dort wegen eines verpassten Anschlusses übernachten musste. Dort gab es kein Frühstück im Haus, aber von meinem Zimmerfenster aus hatte ich in den Seitengassen gesehen, dass dort Straßenhändler diverse Teigtaschen und ähnliches anboten. Also habe ich mich dort verpflegt.
Ich gebe zu, dass ich hin und wieder auch froh bin, mich wieder in die "Blase" zurückziehen zu können. Gerade in China fand ich das Reisen unter Einheimischen mit der Zeit doch ziemlich anstrengend, so dass ich froh war, irgendwann in einer europäisch geführten Unterkunft zu landen. Aber ohne diese Erlebnisse hätte mir in diesem Urlaub definitiv etwas gefehlt.