Erstmal toitoitoi und gute Besserung für dein Enkelkind Vaette !
In Hamburg fand ich vor vielen Jahren 15 km zwischen Wohn- und Arbeitsort viel, der Arbeitsweg war mit dem Auto bei gut einer Stunde, mit Bus und Bahn bei über 1,5... Die Strecke unterscheidet sich sehr von der von Michael Moll beschriebenen, das war keine nette Überlandfahrt sondern Stop and Go an Ampeln, dazu Feierabendstau... Das war weit und zunehmend nervig.
In unseren ersten Jahren in Peking waren es für meine Jungs 20 km zur Schule, für meinen Mann 25 km zur Arbeit. Am Anfang, als hier noch alles neu für uns war, war das okay, auch weil wir wirklich schön gewohnt haben mit einer tollen Nachbarschaftscommunity (was echt super ist, wenn du auf einem fremden Kontinent ankommen musst). Aber irgendwann war es soweit, dass 2-2,5 Stunden, die jeden Tag nur für den Schul-/Arbeitsweg draufgingen: das war zu weit.
Was ist weit beim Reisen? Innerhalb Deutschlands fand ich die Tour von Hamburg ins Allgäu, quasi einmal die komplette A7 runterdüsen, schon weit, vor allem, wenn ich allein mit den Kindern unterwegs war. Wir fahren aber alle gern, gibt ja auch immer etwas zu gucken (abgesehen von der Strecke zwischen HH und Hannover, das ist wohl der langweiligste Autobahnabschnitt Deutschlands), wir quasseln, spielen, lauschen Hörbüchern, es gibt was zu naschen und leckere Snacks, und wir haben eine gute Zeit zusammen. Als anstrengend und zu weit habe ich das nur ein einziges Mal empfunden, als wir ungünstige Bedingungen mit Nebel und Regen und viele Staus auf der Strecke hatten und drei Stunden länger als sonst gebraucht haben.
Wir sind viele Jahre (nicht nur) im Sommer immer ins südliche Smaland gefahren. Morgens nach dem Frühstück los, nachmittags zum Kaffee ankommen. Etwa 100 km weniger als die Strecke ins Allgäu, dazu ist das Fahren schon in Dänemark entspannter und erst recht in Schweden. Das haben wir nie als weit empfunden, sind manchmal sogar auch kleinere Umwege gefahren, um noch mal an den Strand zu gehen, Kurt Wallander in Ystad zu besuchen oder sowas. Irgendwann kannten wir jeden Kiesel in Smaland mit Vornamen, es wurde Zeit mehr von Skandinavien zu entdecken. Ein Häuschen direkt am Trondheimfjord oder in Jämtland - ja, das ist weit, wenn man auf der Anreise übernachten muss, egal ob auf der Fähre oder einer Campinghütte. Aber beim Reisen ist "weit" ja auch nichts Negatives, ganz im Gegenteil, man bzw. ich und wir wollen ja auch etwas ganz anderes sehen, entdecken, erleben als in unserem Alltag.
Ich finde, ob eine Strecke "weit" ist, hängt davon ab: ist es der tägliche Arbeitsweg oder ist es die Anfahrt zum Urlaubsort (Roadtrips mal außen vor gelassen)? Muss ich diese Strecke fahren oder will ich es? Und ob ich die Strecke als (zu) weit empfinde, kann ja auch mit dem Ziel und Zweck der Fahrt zu tun haben.
Aber all diese Strecken erscheinen mir heute aus 7000 km Entfernung als pipifax. Diese 7000 km sind schon ohne die Reisebeschränkungen und Erschwernisse durch die Pandemie weit.
Wenn ich bequem ins Auto steigen und einfach losfahren kann, dann finde ich daran nichts zu weit, egal ob es 25 km im Münsterland oder 800 km quer durch die Republik sind.
edit: Mir fällt gerade noch ein, dass mein Jüngster auf einer Fahrt nach Jämtland mit Blick aufs Navi angefangen hat zu singen:
1268 Kilometer noch, Kilometer noch, Kilometer noch.
1267 Kilometer noch, Ki-lo-me-ter noch.
1266 Kilometer noch, Kilometer noch, Kilometer noch,
1265 Kilometer noch, Ki-lo-me-ter noch...
Das hat er mit nur wenigen Pausen bis zum Ziel durchgehalten... Das hat sich dann doch weit angefühlt. 