Campingbus zu verkaufen – Teil 1

Wenn man ein Auto verkauft, dann können einem die dollsten Dinge passieren. Ich habe zum Beispiel mal in den 90ern einen alten Kadett verkauft. Der blieb bei der Probefahrt wegen Spritmangel liegen. Gott, war das peinlich. Aber der Interessent hat ihn nachher trotzdem gekauft. Doch das war noch gar nichts gegen das Erlebnis vor zwei Jahren, als ich mich von meinem VW-Bus mit Camperausstattung trennte.

Unterwegs mit dem VW-Bus

Unterwegs mit dem VW-Bus

Der Bus wurde 1981 gebaut und war drei Jahre in meinem Besitz. Es war bereits der zweite Westfalia-Camper, den ich besaß und dieses Mal sollte er sogar ein H-Kennzeichen bekommen, denn sein 30. Geburtstag stand bald bevor. Doch ein Motorschaden schien den Plan, einen waschechten Oldtimer fahren zu dürfen, zunächst zu durchkreuzen. Ich brachte den Wagen in die Werkstatt, organisierte einen generalüberholten Motor und ließ diesen für sehr viel Geld einbauen.

Während der langen Reparaturzeit musste ich mir einen Transporter mieten, um meiner Arbeit nachgehen zu können. Ein ganz neuer Ford Transit mit sechs Gängen, der annähernd doppelt so schnell fährt wie mein nicht mehr ganz so treuer VW-Bus mit seinem 50 PS-Saugmotor. Lediglich in der Nacht war es deutlich ungemütlicher. Isomatte, Schlafsack und das Campingklo aus dem Bus verstaute ich auf der fensterlosen Ladefläche des Transits, um damit quer durch die Republik zu gondeln. So unbequem die Nächte waren, umso deutlicher war der Vorteil des Wagens im Gegensatz zum alten VW-Bus zu spüren. Während ich mit dem Bus eine Verkehrsbehinderung darstellte und mir jeder Lkw-Fahrer auf die Stoßstange rückte, konnte ich mit dem modernen Wagen reihenweise an den Lastwagen vorbei ziehen.

Navi mit TV

Navi mit TV

Kurz gesagt: Ich wollte ein modernes Wohnmobil und den Bus verkaufen. H-Kennzeichen? Egal. Ich wollte endlich bequem reisen. Sicher und zügig am Ziel ankommen. Ich wollte keine Angst mehr haben, unterwegs liegen zu bleiben. Oder gar von einem Lkw von der Straße geschubst zu werden. Die Entscheidung, dem Bus einen neuen Motor zu verpassen, war schlicht falsch – aber nun zu spät. Also begann ich damit, einen 29 Jahre und 9 Monate alten T3 mit einem Motor zu verkaufen, der noch Null Kilometer auf der Uhr hatte.

Stellplatz an der Mosel

Stellplatz an der Mosel

Ich konnte mich vor Anrufen kaum retten und schon nach wenigen Stunden hatte ich den ersten Besichtigungstermin. Ein junger Mann kam mit seinem Vater. Letzterer fragte mich nach dem Auto aus und ich erzählte von der Möglichkeit eines H-Kennzeichen. Wie ein erfahrener Autoverkäufer parlierte ich von der Steuervergünstigung, vom zukünftigen Ignorieren der Umweltzonen und natürlich von dem Gefühl, einen beliebten Oldtimer zu fahren. Lediglich der Tüv müsse halt noch seinen Segen geben. Kaum sagte ich das, stellte sich der Vater als derjenige vor, der genau diesen Segen zu erteilen habe – als Tüv-Prüfer. Ups.

Motor

Motor

Damit begann nämlich dann eine Fahrzeugbesichtigung der ganz anderen Art. Der Mann zückte eine Taschenlampe, einen Notizblock und begann damit, den Wagen zu untersuchen. Und wenn ich untersuchen schreibe, dann meine ich das auch. Wie ein Naturkundeforscher, der im Dschungel Borneos auf Käferjagd geht, wühlte dieser Mann plötzlich in Ecken und Kanten meines Autos herum, die ich selber noch nie gesehen hatte. Er verglich die Fahrzeugpapiere mit den Typenschildern, die vor drei Jahrzehnten irgendwo angebracht wurden und seither niemanden mehr interessierten. Er tastete alles mit seinen Fingern ab, ganz so als könne er mit heilenden Händen die wenigen vorhandenen Roststellen entfernen. Und er kommentierte sein Tun mit Sätzen wie: „Die Heckklappe kann wieder geschlossen werden.“ Ja, hallo? Wir sind hier nicht auf dem Hof des TÜVs, wo er das Sagen hat und die Leute rumkommandieren kann, sondern auf einem öffentlichen Parkplatz. Und ich will hier keine Plakette, sondern ein Auto verkaufen. Aber genau das war es eben. Ich wollte ja sein Geld, also ließ ich ihn gewähren und machte die Heckklappe zu – ganz so wie bei einer Prüfstation.

Innenausstattung

Innenausstattung

Und siehe da. Vier Worte, die er etwas grummelig zu seinem Sohn sprach, gaben mir zu verstehen, dass die kostenlose und private Hauptuntersuchung ohne größere Mängel erfolgte: „Also von mir aus.“ Na also, geht doch. Waren ja auch erst eineinhalb Stunden Autobesichtigung vergangen. Und der Sohn, der währenddessen immer brav um den Bus lief, antwortete ihm: „Ja, dann würde ich ihn wohl nehmen. Aber eine Probefahrt möchte ich noch machen“.

Als er es sprach, klingelte mein Telefon. Eine junge Frau am anderen Ende der Leitung. Ob der Bus noch da sei? Ja, aber vermutlich gerade verkauft. Nur noch eine kurze Probefahrt. Tut mir leid. Aufgelegt.

Übernachtung am Straßenrand

Übernachtung am Straßenrand

Da das Fahrzeug bereits abgemeldet war, befestigten wir ihre roten Nummernschilder am Auto. Ohne Schrauben stellte sich das nicht ganz problemlos dar. Mir persönlich hätte es gereicht, sie vorne und hinten in die Scheiben zu klemmen. Aber habe ich schon erwähnt, dass der Vater des potenziellen Käufers den Eindruck eines äußerst pingeligen Menschen hinterließ? Nach einem aufwändigen Geduldsspiel, bei dem es darum ging, die Schilder exakt waagerecht zu positionieren, konnte es dann endlich losgehen.

Der junge Mann nahm auf dem Fahrersitz Platz, ich saß daneben und der Vater setzte sich hinten auf die Rückbank. Ja, nach der TÜV-Kontrolle sollte nun noch die Fahrprüfung folgen. Der Vater ist wahrscheinlich in seiner Behörde überall einsetzbar. Der Sohn vermutlich nicht, denn als er am Lenkrad drehte, kommentierte er das mit den Worten: „Hat der keine Servo-Lenkung?“ Servo in einem 81er-VW-Bus? Sonst noch Wünsche? Vielleicht noch einen Airbag oder einen Bordcomputer? Selbst ABS gab es erst in den späteren Baujahren. Mürrisch drehte der 18-jährige an dem riesigen Lenkrad, fuhr an und brachte den Wagen an der ersten Steigung zum Erliegen. Na immerhin, zwei Meter hatten wir schon geschafft. Sprich: Wir waren noch nicht vom Parkplatz heruntergefahren.

Auch die nächsten 200 Meter wurden nicht besser. Immer wieder würgte er den Motor ab. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn und der Vater versuchte von hinten, den Fehler beim Auto zu suchen: „Ist das denn wirklich der erste Gang? Oder ist der erste Gang hinten links? Vielleicht hat das Auto ja doch fünf Gänge und vorne links ist schon der zweite Gang?“

Mit dem VW-Bus an der Ostsee

Mit dem VW-Bus an der Ostsee

Im Nachhinein weiß ich nicht, wo ich diese Geduld hergenommen habe. Aber da saß wirklich ein fremder Mensch in meinem Auto und wollte mir nun erzählen, dass mein Wagen plötzlich fünf Gänge haben könnte anstatt vier? Und das nur, weil sein Sohn zu dusselig ist, im ersten Gang anzufahren. Nach 250 Metern brachen wir die Probefahrt ab. Der Sohn und ich tauschten die Plätze. Ich legte den ersten Gang vorne links (!) ein, fuhr sanft an und der Wagen schnurrte wie eine Katze über die Straße – zurück zum Parkplatz.

Das Thema war durch. Der völlig unerfahrene Sohn gab auf und entschied sich nach einigen weiteren Überlegungen gegen das Auto. Und ich stellte fest, dass mein Bus vermutlich ein Wagen mit Seele ist und nicht von jedem gefahren werden möchte. Vater und Sohn verschwanden und ließen mich nach über zwei Stunden Besichtigung alleine zurück. Ich blickte auf das Display meines Telefons, denn bei der Probefahrt hatte ich eine SMS erhalten. Sie war von der jungen Frau, die mich während der Besichtigung kurz zuvor anrief: „Bitte nicht verkaufen! Ich bin wirklich sehr an dem Wagen interessiert und möchte ihn auf jeden Fall kaufen!“

Ich drückte die grüne Hörertaste, wartete bis sich die junge Dame meldete und vereinbarte einen Besichtigungstermin für den nächsten Tag. Dass die heutige anstrengende zweistündige Besichtigung noch getoppt werden könnte, wusste ich erst 24 Stunden später.

 

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