Dodentocht, ein Wahnsinn in 24 Stunden

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    • Dodentocht, ein Wahnsinn in 24 Stunden

      Ich kann es nicht fassen, es ist Freitagmorgen, kurz nach 8 Uhr und ich sitze imZug nach Belgien.
      Monate zuvor hatte ich mich zum Dodentochmarsch angemeldet aber bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht geglaubt, dass ich es tatsächlich umsetzen würde.
      Es klingt ja auch verrückt und ist es wahrscheinlich auch: 100km in 24 Stunden zu Fuß zurückzulegen.


      Vor Jahren stieß ich auf diesen Marsch, welcher wie fast alle Veranstaltungen dieser Art aus dem militärischen Bereich kommen aber mit den Jahren immer mehr Teilnehmer aus dem "zivilen" Bereich gewonnen haben.
      Gereizt hatte es mich schon seid Jahren und nun war ich wirklich auf dem Weg.


      Beim Umsteigen in Köln gönne ichmir die letzte warme Mahlzeit für die nächsten 3 Tage.
      Currywurst mit Pommes, klar ich werde Energie brauchen.
      Noch einmal Umsteigen in Aachen und einmal in Belgien, schon erreiche ich den Ort des Geschehens: Bornem.


      Die Anmeldung ist leicht zu finden, einfach immer den Menschen hinterher und dem Lärm entgegen.
      Es herrscht eine Stimmung wie auf einem Volksfest.
      In einem großen Zelt erhalte ich mein Starterpaket, welches meine Starterkarte mit Zeitchip enthält.
      Die Frage, warum ich das Startgeld noch nicht überwiesen habe ist nur theoretisch. Wir wissen,das ich mich nicht getraut habe mich festzulegen und ich Zweifel hatte an meiner Entscheidung.
      Dass ich jetzt hier stehe, überrascht mich ja selbst.


      Als ich das Zelt verlasse, bemerke ich einen Fehler in meiner Planung: ich habe eine Wetterfeste Jacke vergessen.
      Die ersten Tropfen fallen bereits und ich erstehe noch schnell eine Regenjacke an einem der Mercendisestände.
      Dort ist so ziemlich Alles erhältlich, worauf sich das Totenkopfsymbol des Marsches drucken läßt.


      Nach einer Apfelschorle begebe ich mich durch die Seitenstraßen des Ortes zu einer Sporthalle, welche als Abgabepunkt für Gepäck dient.
      Einige Starter lassen sich Gepäcke zur "Mittagspausen" Station bringen, um ihre Sachen zu wechseln oder andere Sachen zur Verfügung zu haben.
      Ich persönlich lagere meinen Rucksack ein, ich möchte Nichts wechseln während des Laufes.
      Da das Areal für die Teilnehmer erst um 17 Uhr öffnet, gönne ich mir auf dem Boden der Sporthalle noch etwas Schlaf.


      Kurz nach 17 Uhr betrete ich die abgesperrten Straßen der Bornemer Innenstadt, welche als Startzone dienen.
      Ich suche mir einen Platz auf der Straße und lege mich noch etwas zur Ruhe, die Füße dürfen auch noch etwas aus den Stiefeln.
      Mit der Zeit füllt sich das Areal immer mehr, je näher der Start rückt um so mehr Starter drängen sich nach vorne.


      Kurz vor 21 Uhr beginnt das Eröffnungsprogramm, welches ich nur akkustisch verfolgen kann. In verschiedenen Sprachen werden die fast 12 000 Teilnehmer begrüßt, von denen nur etwa die Hälfte die Zielinie überqueren wird.
      Nachdem auch die Würdenträger zu Wort gekommen sind, fällt der Startschuß.
      Mein innerer Schweinehund fängt an zu knurren, kampflos wird er sich nicht ergeben.


      Etwas mühsam schiebt das Teilnehmerfeld sich durch die Straßen. Es ist 21:02Uhr als mein Zeitchip mich als offiziel gestartet registriert, an der ersten Zeitmessung nach 1,2 km.
      Nachdem wir den Ort verlassen haben sortiertsich die Menschenmasse, jeder bemüht sich seinen Rhytmus zu finden.
      Aber lange läßt der angekündigte Regen nicht auf sich warten, kurz nach dem Start geht ein kurzer Schauer nieder und wird maßgeblich zum Ausscheiden der ersten Teilnehmer führen.
      Denn so kurz diese Schauer war, so effektiv war er auch.
      Er hat die Turnschuhe einiger Läufer so durchweicht, dass diese mit Blasen bereits nach 18 bzw. 25km aufgeben müssen.


      Für mich geht es weiter durch diese Nacht. Ohne Beschwerden folge ich der Strecke durch Nachbarorte von Bornem, über Deiche und Argrarflächen.
      Die Häuser sind hell erleuchtet, selbst kurz nach Mitternacht spielendie Kinder in den Gärten. Es wird gegrillt und einige Kinder verteilen Getränke und Süßigkeiten an die vorbeieilenden Wagemutigen.


      Ohne besondere Vorkommnisse folge ich dem Weg. Und ohne Uhr verlasse ich mich ganz auf mein Zeit- und Körpergefühl. Längst haben meininnerer Schweinehund und ich ein Abkommen geschlossen: bei Kilometer 50 soll Schluß sein, dieses Abenteuer beendet sein.
      So weit werde ich es wohl ohne Probleme schaffen.



      Es muß zwischen 0200 und 0300 Uhr Nachts sein, als die Müdigkeit zuschlägt. Ich werde immer langsamer, mein toter Punkt ist erreicht.
      An den Bewegungen und den Gesichtern der mich umgebenden Läufern, merke ich, dass es diesen nicht anders geht.
      Später sehe ich auf meiner Urkunde, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits über 30km in den Beinen habe.
      Und wie ein Funken in der Nacht ertönt von britischen Soldaten auf einmal ein Marschlied und trägt uns voran. Ob wir wollen oder nicht, ein jeder von uns passt sich dem Takt des Liedes an und läßt sich aus dem Tal der Kraftlosigkeit führen.
      Langsam verfliegt die Müdigkeit und das Gehen fällt einem wieder leichter.
      Der tote Punkt ist überwunden und die Kilometer fliegen wieder an uns vorbei. Und im ersten Morgengrauen sehe ich tatsächlich das berüchtigte Pappschild mit der50 darauf, es ist gegen 0530 Uhr morgens und die Hälfte des Weges ist geschafft.


      6 Minuten später ist der "Mittags" Pausenpunkt erreicht.
      Ich habe mir Nichts bestellt, jetzt eine Portion Nudeln mit Tomatensauce steht nicht auf der Liste, dessen was ich mir jetzt Wünsche.
      Schwanzwedelnd freut sich mein Schweinehund, aber ich enttäusche ihn, aus Gründen, welche mir selbst nicht klar sind gehe ich weiter.




      Über 50 km in den Füßen und noch habe ich keine ernsten Blessuren.
      Die Ortschaften erwachen wieder zum Leben und dies beflügelt auch mich weiter zu laufen, weiter und weiter.
      Jedenfalls bis mein Rücken anfängt zu spannen, die Muskeln sind steinhart. Auch die Füße sind merklich belastet.
      Zum Glück ist der nächste Pausenpunkt, welchen ich erreiche, in einer Sporthalle.
      Also lege ich mich auf dem Boden und strecke mich, versuche die Verspannungen zu lösen.
      Mein Schweinehund flüstert verführerisch in mein Ohr, dass es nun Zeit wäre abzubrechen und nach Hause zu fahren.


      Um meine Chancen auf eine Heimfahrt einschätzen zu können erkundige ich mich nach der Uhrzeit.
      Erstaunt nehme ich war, das es noch nicht einmal 10 Uhr ist und nur noch 32km bis zum Ziel.
      Etwas überrascht lasse ich mich in ein Gespräch verwickeln und merke gar nicht, dass ich nun in Begleitung wieder auf die Piste gehe.
      Mein Gesprächs- und nun auch Laufpartner läßt die Zeit verfleigen und auch ich helfe ihm über einige Zweifel hinweg.
      Da wir ein ähnliches Tempo haben bleiben wir etwas zusammen.
      Für die nächsten 15km bestreiten wir gemeinsam dieses Event und ignorieren alle Zweifel.


      Gut 10km vor dem Ende bin ich wieder alleine unterwegs, ich wurde langsamer undjeder muss sein eigenes Tempo laufen.
      Mein innerer Schweinehund zerrtan seiner Kette und schäumt vor Wut. So sah unser Abkommen nicht aus. Und jetzt sieht es seine Chance gekommen.
      Ich merke die Blasen an den Füßen, die Oberschenkel sind wund gescheuert. Jetzt, ja Jetzt will er mich zur Aufgabe zwingen.
      Doch noch hält sein Gefängniss und so laufe ich immer weiter.



      Und das Unmögliche passiert.
      Ich sehe das erste Schild mit dem Tod, welcher einen erschöpften Wanderer jagd.
      Dieses Schilder stehen jeweils in einem Abstand von 1000m, beginnend 5km vor dem Ziel.


      Von nun an humpel und schleppe ich mich dem Ziel entgegen. Meine Geschwindigkeit steigert sich nochmal etwas, das innere Feuer brennt immer stärker.
      Auch jetzt fordert die Streck noch ihren Tribut, in den Vorgärten der Häuser sitzen oder liegen erschöpfte Teilnehmer.
      Immer wieder werde ich überholt, doch Schritt um Schritt nähere ich mich dem Ziel.
      Sobald ich in die Innenstadt komme, treibt mich die Zuschauermenge weiter.
      Die letzten Meter gehe ich, wie man es von Sportveranstatlungen im Fernsehen kennt, durch ein Zuschauerspalier.



      Mein innerer Schweinehund wimmert nur noch, doch ich überschreite die Ziellinie,es ist 17:24Uhr.
      Ich habe 20 Stunden und 22 Minuten für 100km benötigt, es ist geschafft.
      Als Geschenk empfange ich Urkunde, Orden, eine Flasche Bier und einen Gewürzkuchen.



      Wie ich die Kraft aufbringe, meinen Rucksack zu holen und mit dem Zug inklusive Umsteigen bis Aachen zu fahren, wird ewig ein Geheimnis bleiben.
      Als ich gegen Mitternacht von Samstag auf Sonntag in einem Hostel ins Bett falle, überkommt mich die Erkenntniss:Ich habe gut ein Dutzend Blasen an den Füßen, wunde Stellen an den Oberschenkeln aber ich habe meine Grenzen nicht nur ausgelotet, ich habe sie gesprengt.


      Ich hoffe ihr hattet Spass beim Lesen.

      Bis heute habe ich diesen Spass nicht wiederholt, ich habe gut 3 Monate gebraucht bis ich mich wieder an 20km Strecken gewagt habe. Aber an alle Bekloppten da draussen: TUT ES, ES IST EIN ERLEBNISS!!!
      1. If your nerve denie you, go above your nerve
      2. "Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben."
    • Danke Danke, ich hoffe euch etwas unterhalten zu haben.
      und der Soundtrack zum Lauf :

      Deep in the Battlefield
      Blood on the Risers
      I´m Gonna be
      Animals von Martin Garrix

      diese 4 Songs sind für mich auf ewig mit dieser Nacht verbunden

      kleiner Tip noch: macht sowas im Urlaub und nicht wie ich und mußte am Montag danach um 0400 Uhr wieder auf Arbeiten sein
      1. If your nerve denie you, go above your nerve
      2. "Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben."
    • Herzliche Glückwunsch zu dieser Leistung.

      Ein super Bericht.
      Es ist unglaublich was man leisten kann, in meinen Augen ist das eine reine Kopfsache.
      Ich denke auch daran wie viel Zeit man investieren muss um diese Leistung zu bringen.

      Ich habe mit 59 Jahren meinen Marathon mit 3 Std. und 58 sek. geschafft. Ist allerdings schon länger zurück. Bin nur gegen die Uhr gelaufen, und habe mir selber Geschichten erzählt.

      Und deshalb bewundere ich so eine Leistung die körperlich alles verlangt.

      Viele Grüße

      Gerd
      Viele Grüße Gerd
    • Danke Gerd,

      ja einiges an Zeit habe ich investiert, aber so ein Training ist ja nicht nur für einen Lauf, sondern man hat ja länger etwas von der fitness.
      10km vor dem Frühstück laufen zu gehen, tat echt gut und es wird Zeit, dass ich das wiedermal mache.

      Und nein, die Strecke mit dem Wohnmobil zu fahren wir nicht gewertet, falls einer hier auf die Idee kommt :grin:
      1. If your nerve denie you, go above your nerve
      2. "Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben."