Die Weltenbummler

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Der Tag geht dem Ende zu und der 69jährige Valentin holt drei Gläser vom Schaffner um uns seinen Wein anzubieten. Er gießt mir zuerst ein und ich sage ihm nach einem Zentimeter Stoi (Stop), für sich und dem Lukaschenko-Verschnitt gibt es die vierfache Menge. Ich habe mich auch nur für den Wein bereit erklärt, weil ich annahm, dass nur Menschen mit Niveau Wein trinken und dieser nicht zum Betrinken gedacht sei. Dass ich mich irrte, wird mir klar, als ich sehe, dass beide ihre Gläser in einem Schluck leeren. Ich nippel meinen Wein zu Ende und klinke mich dann aus der Runde aus, da ich grundsätzlich sehr selten Alkohol trinke. Ich biete Lukaschenko an, dass ich das obere Bett nehme, damit er nicht so hoch klettern muss. Er ist zum Glück einverstanden, was bedeutet, dass ich dort oben in zwei Meter Höhe mehr Ruhe habe. Sie machen innerhalb einer Stunde zwei Flaschen Wein leer und gehen dann schnarchend in die Betten unter mir.

Im AbteilMir fällt es zunächst schwer, einzuschlafen, aber als mich der Schlaf packt, halte ich durch bis wir an der weißrussischen Hauptstadt vorbei sind - also wieder mal Minsk verpasst. Am Vormittag sind wir in Brest, wo der Weißrusse aussteigen muss und Valentin und mich alleine lässt. Wenig später geht es wieder in die Montagehalle und wir kriegen Besuch von zwei Hühnchen- und Wodkaverkaufenden Frauen. Valentin macht einen Großeinkauf und nimmt nicht nur Hühnchen und Kartoffelpuffer, sondern auch eine Flasche Wodka. Die beiden Frauen bleiben während des Fahrgestellumbaus neben Valentin sitzen und teilen mit ihm die Flasche Wodka.

Ich bevorzuge es, die Szenerie von oben zu beobachten. Ein wenig scheint mir, dass der Verkauf der Waren illegal ist, da sich die Babuschka immer ängstlich umschaut und auch die Kabinentür verschlossen hat. Nach einigen Gläsern Wodka fangen die drei an zu singen, was sich einerseits schön anhört, andererseits aber deutlich zeigt, was der Alkohol bewirkt. Dabei haben wir erst halb 10 am Morgen. Okay, in Weißrussland ist es bereits eine Stunde später.

Und immer wieder versuchen die Frauen, mir auch Wodka und Hühnchen anzubieten. Letzteres sieht jedoch sehr fettig aus und außerdem ist mir momentan überhaupt nicht nach Essen. Also verneine ich jedes Mal brav mit: „Njet, Spasiba. (Nein, danke)“. Nach dem x-ten Mal gibt sie es auf und sagt über mich lachend zu Valentin „Njet normalny, njet russkie“.

Auf der weiteren Fahrt unterhalten Valentin und ich uns so gut es geht. Die Gespräche wandern von Borusssia Dortmund bis Spartak Moskau, wovon ich nur wenig Ahnung habe und über Gerhard Schröder zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr (gefährliches Thema!). Lachend streckt er mir aber irgendwo in Polen die Hand entgegen und sagt: „Russland gut, Deutschland gut – kein Krieg, nicht mehr Krieg!“ In diesem Moment fühlte ich mich als Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland und beschloss im Alleingang das Friedensangebot Russlands anzunehmen.

Später plaudern wir noch über Mozart, Beethoven und Co und ganz zufälligerweise hatte ich die Mondscheinsonate in meinem mp3-Player, so dass wir nur wenige Augenblicke später wie Teenager auf seinem Bett sitzen, jeder einen Stöpsel im Ohr und Musik hören.

Mit der Vorstellung, dass es in etwa so in der Transsibirischen Eisenbahn zugehen muss, wandert mein Blick über die grün leuchtende Landschaft Polens. Der Zug bewegt sich stetig weiter gen Westen und erreicht am nächsten Morgen in der Früh Dortmund.

-ENDE-

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