Wir zeigen natürlich die bepackten Fahrräder, aber das sei kein Problem. Nun heißt es acht Stunden Warten bis unser Bus um 20 Uhr erscheint. Wir begeben uns auf den Bussteig und beobachten dort das Treiben. In kleinen, nicht überdachten Kiosken sitzen gelangweilt die Verkäuferinnen und schauen stundenlang TV. Jedes Mal, wenn ein Bus abfährt, ertönt eine lautstarke Sirene und den Bussen sieht man an ihrem Äußeren an, wo sie herkommen und hin wollen. Busse nach Rio oder Brasilia sind sauber und modern, Busse nach Altamira am Amazonas sind alt, dreckig und bei weitem nicht bequem. Damit über die Transamazonica? Während wir geduldig warten und im Stundentakt die Verkäuferin beim Fernsehgucken stören, stellen wir fest, dass wir das falsche Wörterbuch eingepackt haben. Anstelle eines Spanischwörterbuches, dass wir ab der argentinischen Grenze brauchen könnten, haben wir nur ein kleines, popeliges Englischwörterbuch dabei. Und das stellen wir jetzt fest, nachdem wir 700 km durch Europa radelten und drei Wochen mit dem Schiff fuhren, na klasse.
Irgendwann im Laufe des Nachmittags erscheint der Fahrkartenverkäufer auf dem Bussteig und erkundigt sich, ob alles in Ordnung sei und wir zufrieden sind. Da wir mittlerweile schon gelernt haben, deuten wir mit unseren Daumen nach oben, was von ihm mit derselben Geste und einem Lächeln beantwortet wird. Um nicht nur den Busbahnhof kennen zu lernen, mache ich mich für ein paar Minuten auf den Weg, den Bahnhof zu verlassen und seine Umgebung zu erkunden. Doch in den dreckigen Straßen und zwischen den verfallenen Hotels fühle ich mich nicht wohl und kehre schnell wieder zu Moni zurück, die derweil auf unser Gepäck aufgepasst hat.
Pünktlich erscheint unser Bus und alle Fahrgäste stellen sich ordentlich und geduldig an, um ihr Gepäck zu verladen. Jedes Gepäckstück bekommt einen Aufkleber und der Besitzer den dazugehörigen Kontrollabschnitt. Der bisher einzige Unterschied zu einem europäischen Bus ist die Tatsache, dass ein Fahrrad als Gepäckstück überhaupt kein Problem darstellt.
So starten wir also in der abendlichen Dunkelheit zu einer 36stündigen Busfahrt durch die Reste des tropischen Regenwaldes. Zwei volle Nächte und einen ganzen Tag hindurch sitzen wir in einem halbbequemen Bus. Man unterscheidet die Busse in ihrer Art von Bequemlichkeit, die sich durch die Beinfreiheit und der jeweiligen Verstellbarkeit des Sitzes bemerkbar macht. Doch bis auf den etwas unangenehmen Geruch, der von der Toilette im Heck ausgeht, gibt es nichts zu meckern. Regelmäßig machen die Busse an einfachen Rastplätzen eine Pause, wo jeder Fahrgast kostenlos essen darf. Wir haben auf Grund der tropischen Hitze keinen richtigen Appetit und verzichten regelmäßig auf das Essen. An einem der Rastplätze steigen wie gewohnt alle Fahrgäste aus, lediglich Moni bleibt im Bus sitzen. Als ich gerade aus dem Rasthaus zurück komme, sehe ich wie der Bus abfährt. Innen drin Moni, die ebenso wie ich erschrak und schnell nach vorne zum Fahrer gehen wollte. Aber das ist gar nicht so einfach, immerhin ist die Fahrerkabine vom Passagierraum mit einer verschlossenen Tür abgetrennt. Es stellt sich aber heraus, dass der Bus bloß betankt werden muss. So unterhält sich Moni mit dem Fahrer und dem Busfahrer mit Hilfe des erhobenen Daumens, während ich mit den übrigen Passagieren an der staubigen Straße unter der heißen Sonne auf de Rückkehr des Busses warte – natürlich ohne zu wissen, wo er denn steckt.
In den beiden Nächten, die wir im Bus verbringen, können wir gut beobachten, wie der Regenwald gebrandrodet wird. Schon am Tage sehen wir viel verbrannte Fläche am Wegesrand. Im Dunkeln sieht man aber auch die Feuer in der Ferne und manche davon sind so groß und hell, dass sie mich an den Raketenstart in Kourou erinnern. Sehr erschreckend das Ganze, doch es passt zu dem Bild, das wir auf der langen Reise durch den Norden Brasiliens bekommen. Uns gefällt es landschaftlich nicht besonders und wir sind froh, dass wir die Strecke nicht mit dem Rad machen, sondern mit dem wackeligen Bus, der ständig irgendwelchen Schlaglöchern ausweichen muss.
Manchmal sieht man auch kleine Baustellen auf der Straße. Um diese in der Nacht zu sichern, werden vor der Baustelle kleine Metalldosen aufgestellt, in denen sich brennbares Material befindet. So sieht man nicht selten kleine Leuchtfeuer auf den Straßen, die vor Baustellen warnen. Ein merkwürdiges Bild ergibt sich dann, wenn man auf die Straße schaut und der Fahrer den brennenden Dosen ausweicht und man schließlich seinen Blick zum Horizont richtet, der in hellem und flackerndem Rot erleuchtet ist.
WO IST DIE HAUPTSTADT? Es ist Sonntagmorgen, als wir in der Prärie ankommen…äh…also in der Hauptstadt. Oder ist es doch die Prärie? Wir wissen es nicht. Müssen wir hier raus? Sind wir in B rasilia, der Hauptstadt des drittgrößten Landes der Welt? Wir sind Busbahnhof, ja, das erkennt man gerade noch. Auch wenn dieser wesentlich kleiner ist als in der unbedeutenden Millionenstadt Belém. Doch besteht Brasilia nur aus Busbahnhof oder gibt es noch etwas anderes? Rundherum sehen wir nur steppenartige Landschaft. Völlig verunsichert fragen wir erst einen Passagier, dann den Fahrer und wieder erneut die Passagiere. Alle beteuern, dass wir am Ziel seien und aussteigen müssen. Völlig verwirrt nehmen wir unsere Räder aus dem Kofferraum und bepacken sie unter den neugierigen Augen wartender Fahrgäste und schieben sie nach getaner Arbeit zum Ausgang. Dort fragen wir noch einmal: „Ist das Brasilia?“, „Ja“, die Antwort, wir müssen nur noch über die breite Straße und dann über den Hügel. Und tatsächlich, auf der sechsspurigen Straße passieren wir das erste Denkmal und auf dem Scheitelpunkt angekommen, sehen wir die Häuser der künstlichen Stadt. Wir fühlen uns in den Kommunismus versetzt und rollen die breite, fast menschenleere Straße runter in etwas, das wohl des Zentrum von Pjöngjang…äh, entschuldigung, …Brasilia sein soll.
Brasilia ist wohl eine der merkwürdigsten Städte der Welt. Am Reißbrett entworfen und von heute auf morgen im letzten Jahrhundert erbaut, präsentiert es sich in mehreren Vierteln. Die Straßen haben dabei so merkwürdige Namen wie Qz7DrB3 oder so ähnlich. Das erste Viertel, das wir erreichen, ist das Hotelviertel. Im anscheinend teuersten Hotel der Stadt fragen wir nach einem günstigen Hotel. Wie wäre das wohl in Deutschland, wenn zwei verlumpte und staubige Radfahrer im Sheraton Essen ankämen und nach einer günstigen Unterkunft außerhalb des Hotels fragen würden?
Freundlich antworten die netten Brasilianer an der Rezeption und empfehlen uns etwas kleines zwei Straßen weiter. Dort nimmt man uns gerne auf und hilft uns sogar dabei unsere Räder in unser Hotelzimmer zu tragen. Als Erstes gehen wir zum Busbahnhof für die städtischen Linienbusse, der sich gleich um die Ecke befindet. Von dort fahren wir mit dem Bus zu dem überregionalen Busbahnhof, wo wir am Morgen ankamen und kaufen Tickets für Weiterfahrt am nächsten Tag. Ein freundlicher Brasilianer, der uns beim Kauf dolmetscht, freut sich, dass wir nach Foz do Iguacu wollen. Er käme von dort und seine Mutter würde dort noch leben. Aber wir sollen gut auf uns aufpassen, besonders in Downtown soll es gefährlich sein.
Wir fahren zurück in das Zentrum und gehen uns jetzt endlich nach der langen Busfahrt erst einmal bei McDonalds stärken. Dieses befindet sich gleich neben dem Fernsehturm, während sich dieser mitten auf einem kleinen Hügel auf dem Grünstreifen der Hauptstraße erhebt. Die Straße ist so breit, dass man für die Überquerung der 12 Fahrspuren und dem Mittelstreifen ca. 10 Minuten benötigt. Um den Fuß des Turmes herum gibt es einen Trödel- und Handwerkermarkt, den wir uns in aller Ruhe anschauen.
An einem afrobrasilianischen Stand kommt Moni mit einem Rastafari-Schwarzen ins Gespräch, der ebenfalls Deutsch spricht. So werde ich plötzlich Zeuge, wie sich die junge Polin und der Afrikaner im weit entfernten Brasilien auf Deutsch über Freiburg unterhalten, wo beide mal gearbeitet haben. Die Welt ist ja so klein…
Anschließend schlendern wir die Hauptstraße entlang, besichtigen die merkwürdige Kathedrale und das benachbarte Museum und gehen durch das Regierungsviertel, dem eigentlichen Zentrum der Stadt. Die Plattenbauten erinnern dabei stark an ostdeutsche Vororte, doch dabei wird von hier das drittgrößte Land der Welt der Welt regiert. Nur Wohnhäuser, die sieht man im Zentrum überhaupt nicht. Die Stadt ist auf keinen Fall schön und auch nicht wirklich sehenswert, aber irgendwie hat sie was. Wahrscheinlich ist es die Tatsache, dass Brasilia das Ergebnis einer totalen Fehlplanung ist. Manche Gebäude wurden vom Architekten Oskar Niemeyer entworfen, der auch schon für den Wiederaufbau von Le Havre zuständig war. Dort fanden wir es auch nicht gerade hübsch und gemütlich.
Am Abend litt ich unter starken Schmerzen im Knie, nicht zum ersten Mal auf der Reise. Aber dieses Mal womöglich verursacht durch die lange Busfahrt. Nach Rad fahren steht mir momentan nicht der Sinn nach. Halb fünf in der Nacht ist es, als unser Wecker am nächsten Morgen ertönt. Wir tragen unsere Räder vor das Hotel und bepacken sie unter den neugierigen Augen des Rezeptionisten. Es herrscht noch Dunkelheit und kaum ein Auto ist unterwegs, als wir uns aufmachen, die 7 km zum Busbahnhof zu radeln. Es ist uns etwas unheimlich in der Nacht durch diese Metropole zu radeln und so achten wir darauf, den herum liegenden Menschen aus dem Weg zu gehen. Erst radeln wir auf der falschen Straßenseite, was noch nichts besonderes ist. Dann wechseln wir aber auf die reguläre Seite, wobei wir also alle 12 Fahrspuren und den Mittelstreifen überqueren. Dabei rennt uns ein Hund hinterher, der von einem anderen Hund laut bellend angefeuert wird. Trotzdem gibt er zu unserem Glück schnell auf. Auf der Anhöhe, zu der wir hochschieben müssen, sehen wir plötzlich drei dunkle Gestalten. Sie haben uns noch nicht bemerkt und so wechseln wir wieder rüber auf die anderen sechs Spuren, die uns entgegen kommen. Doch da am Wegesrand sitzt eine kleine Gruppe Menschen vor einem Feuer, dass in einem alten Ölfass brennt. Also beschließen wir auf der Innenspur der falschen Richtung schnell den Abhang hinunter zu düsen. Das Ganze natürlich ohne Licht, damit wir nicht von Weitem gesehen werden. Den wenigen Autos, denen wir fälschlicherweise entgegen kommen, können wir zum Glück immer ausweichen. Man stelle sich vor, auf einer Autobahn kämen einem im Dunkeln auf der Überholspur zwei unbeleuchtete Radfahrer entgegen…
Doch uns ist es lieber so, da wir nicht besonders scharf darauf sind, überfallen zu werden. Am Ende des Hügels dürfen wir aber nicht die Ausfahrt verpassen und müssen wieder auf die sechs Spuren in die richtige Richtung wechseln, wo wir jedoch auch erst einmal die ganz linke, also die Überholspur nutzen. Wie dem auch sei, wir kommen sicher an, befördern sie Räder in den Bus und fahren weitere 26 Stunden bis Foz do Iguacu durch die, unserer Meinung nach, schönste Landschaft Brasiliens. Wie schon bei unserer ersten Busfahrt staunen wir auch diesmal, wo der Bus uns überall hin bringt. Manchmal fahren wir sogar in das firmeneigene Busdepot, wo das Fahrzeug mal eben überprüft, gereinigt und mit Vorräten aufgestockt wird, während die Passagiere gebeten werden, kurz außerhalb des Busses zu warten.
Am Ende der Fahrt stehen wir wieder 4 km außerhalb einer Stadt und radelen einen kleinen Berg hinauf um die Räder in das Zentrum von Foz do Iguacu rollen zu lassen. Kaum angekommen werden wir auch schon von einem Mann mit gelber Warnweste angesprochen, ob wir eine Unterkunft suchen. Zahlreiche Handzettel verschiedenster Hotels und Hostels weisen darauf hin, dass er ein professioneller Anwerber ist. Seine Professionalität geht soweit, dass er geradezu vor uns her rennt, um unsere Ankunft im Hotel anzukündigen.
Wir blicken einmal kurz in das Hotelzimmer, lehnen es aber ab, weil es uns einfach nicht zusagte. Dabei versuchen wir dem Anwerber klar zu machen, dass wir lieber auf eigene Faust ein Hotel ausfindig machen möchten. Irgendwann hat er das auch akzeptiert, aber als wir dann durch die Straßen gehen, bleiben wir nicht lange alleine, denn schon der nächste Anwerber kommt auf uns zu. Letztendlich finden wir ein preisgünstiges Hotel mit eigenem Innenhof für die Räder.
NASENBÄREN KLAUEN TREKKINGRUCKSÄCKE Mit dem Linienbus machen wir uns noch am selben Tag auf den Weg zu den berühmten Wasserfällen. Hierbei handelt es sich um ein riesiges Gebiet mit zahlreichen tosenden Wasserfällen in wunderschöner subtropischer Landschaft, das sich genau auf dem Grenzgebiet von Brasilien und Argentinien erstreckt. Dementsprechend haben beide Staaten das Areal jeweils zum Nationalpark erklärt. Es handelt sich zwar um einen typischen Touristentreffpunkt, ist aber ein Muss, wenn man in den beiden Ländern unterwegs ist. Putzig sind dabei die frei herum laufenden Nasenbären, die sich auf al les stürzen, was irgendwie essbar ist. Wir können beobachten, wie einem Touristen in Sekundenschnelle der Trekkingrucksack entrissen wird. Die flinken Tierchen freuen sich sehr über den enthaltenen Proviant.
Von brasilianischer Seite aus hat man einen guten Gesamtüberblick auf die Abbruchkanten über die das viele Wasser nach unten stürzt, während man im argentinischen Park mehr inmitten des Geschehens ist. Doch innerhalb des Parks kann man –schon alleine wegen des Wassers- nicht die Grenze überschreiten.
Sehr auffällig ist die Tatsache, dass im Nationalpark der Müll getrennt. Wenn man 4.000 km durch Brasilien gefahren ist, wundert man sich schon, dass Mülltrennung bekannt ist und wie der getrennte Müll recycelt wird. Und zudem bleibt die Frage bestehen, warum das nur dort vor den Augen der Touristen möglich ist und nicht auch im Rest des Landes?
Abends machen wir noch Einkäufe in einem Supermarkt, der wieder einmal sehr an europäische Supermärkte erinnert. Interessanterweise tragen die Verkäufer, die mit offenen Lebensmitteln hantieren, nicht nur Handschuhe, sondern auch einen Mundschutz.
Am nächsten Morgen warnt uns der Rezeptionist, wie schon der Mann im Busbahnhof von Brasilia, vor dem Besuch des Stadtzentrums. Richtig besuchen wollen wir es aber auch gar nicht, doch auf dem Weg zum Grenzübergang nach Argentinien müssen wir halt dadurch. Und natürlich dort, ausgerechnet zwischen den vielen Menschen in Downtown mussten wir zweimal anhalten. Einmal blockierte meine Bremse, weil ich beim Packen den Spanngurt falsch festgezurrt habe und so das Fahrrad mal eben neu packen muss und ein anderes Mal springt mir ausgerechnet an einer völlig überfüllten und lauten Bushaltestelle die Kette ab.
Trotzdem erreichen wir sicher und unbeschadet die Grenze und radeln fast am brasilianischen Grenzhäuschen vorbei, weil wir annehmen, es sei bloß eine Art Mautstelle, die nicht für uns gilt.
Eigentlich bin ich immer davon ausgegangen, dass weltweit an jedem Grenzhäuschen stolz die Nationalflagge weht – hier nicht.
Schnell bekommen wir die Stempel in den Pass, radeln einen Kilometer über eine Brücke, die argentinisch-brasilianischen Farben bemalt ist und erhalten ebenso schnell auf der anderen Seite unseren argentinischen Einreisestempel. Nachdem wir unser letztes Geld aus Brasilien wechseln, rollen wir hinab nach Puerto Iguazu, dem argentinischen Pendant von Foz do Iguacu.
Die Dame im Hotel Parana ist sehr freundlich und freut sich, dass wir beide aus den exotischen Ländern Polen und Deutschland zwei Nächte bleiben wollen. Am Nachmittag spazieren wir zunächst zum Dreiländereck, das von zwei Flüssen geteilt ist. Jedes angrenzende Land (Paraguay, Brasilien, Argentinien) hat eine Art Obelisk in der jeweiligen Landesfarbe auf sein Territorium gestellt. Trotz Touristenort gefällt es uns recht gut in Puerto Iguazu, wir staunen über die laute Musik aus den Autos, die den nächsten Wahlkampf ankündigen und gehen abends in ein gemütliches Straßenrestaurant, wo ein großes Bier aus einer Einliter-Flasche besteht.
Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Bus „El Practico“ zum argentinischen Teil des Nationalparks, der wesentlich größer ist. Hier fühle ich mich zum ersten Mal auf der Reise ein klein wenig ausgenommen. Besucher, die in der Region wohnen, zahlen 6 Peso, Argentinier 12, Touristen aus den Nachbarländern Brasilien, Uruguay und Pararguay 18 Peso. Tja, und die reichen Touristen von ganz weit weg, müssen 30 Peso Eintritt bezahlen. Am Parkeingang steigt man zunächst in einem Bummelzug, der einen zu einem 1 km langen Steg bringt. Diesen begehen wir bis zum Wasserfall El Diablo, dem größten von allen, aber halt nur einer von unzählig vielen. Sehr schön ist der Rundgang durch die vielen Wasserfälle. Es beeindruckt uns sehr, aber auf die Fahrt mit dem Boot unterhalb der Fälle verzichten wir dennoch. Neben den Nasenbären gibt es hier auch viele Schmetterlinge, die man natürlich nicht berühren darf. Wir finden das ungerecht, denn umgekehrt berühren sie uns ja auch ständig. Wir können und wollen uns nicht wehren, aber plötzlich haben wir Schmetterlinge auf der Hand, auf der Schulter, an der Hose, einfach überall.
Nachmittags kaufen wir bereits unser drittes Paar Schuhe auf der gesamten Reise seit Deutschland. Die anderen beiden Paare waren schon zerschlissen, woran man gut erkennen kann, wie viele Kilometer wir seit dem Start in Essen auch schon zu Fuß zurücklegten.
Doch der Kauf ist nicht mit dem zu vergleichen, was man in Deutschland unter Schuhkauf versteht. In dem Geschäft liegen die Schuhe wahllos und völlig unsortiert durcheinander und statt dass wir uns die Schuhe selbst aussuchen könnten, bringt die Verkäuferin aus dem Lager immer irgendeinen Schuh, bei dem sie der Ansicht ist, er könne uns gefallen. Irgendwann war uns die Optik des Schuhs egal und nach dem x-ten Paar, das uns gezeigt wird, kaufen wir einfach – Hauptsache es passt.
Am Busbahnhof von Puerto Iguazu sehen wir zum ersten Mal das Hauptverkehrsmittel Argentiniens, den modernen Reisebus. Waren wir in Brasilien doch schon arg überrascht über den relativ guten Komfort und freundlichen Service, so herrscht in argentinischen Bussen anscheinend der Luxus pur. Es gibt mehrere Sorten von Sitzen, die da heißen: Cama, Coche Cama, Semi-Cama und Premiere Classe. Da für uns Europäer natürlich auch die exklusivsten Sitzgelegenheiten erschwinglich sind, nehmen wir uns vor, diese auch mal zu testen. Doch uns schwant böses, wenn es um unser Gepäck geht. Im Gegensatz zu den Bussen Brasiliens sind es in Argentinien fast nur Doppeldecker. Das bedeutet, es gibt weniger Stauraum. Während im nördlichen Nachbarland auch noch mal eben Kühlschränke oder ähnlich sperriges Zeug eingepackt werden kann und wir an den dortigen Bahnhöfen wahre Berge von Kartons sahen, die alle noch irgendwie in den Bus hinein passten, so stehen in Argentinien jedem Reisenden nur zwei Gepäckstücke zu. Da werden wir wohl nicht mit durchkommen, wenn wir sagen, dass wir jeder „nur“ ein 50 kg schweres Fahrrad haben, jeweils bepackt mit vier Taschen und zwei Seesäcken.
Nun, an den verschiedensten Schaltern fragen wir uns durch und eine nette Frau nimmt sich außerordentlich viel Zeit um unser weiteres Fortkommen zu klären. Am Ende stehen wir da mit Ticketinformationen der polnisch klingenden Busgesellschaft Horianski, die uns nach San Ignacio bringen soll.
CHAOS AM BUSBAHNHOF Morgens um 20 nach 8 soll es losgehen, doch als wir mit unseren Rädern auftauchen, empfiehlt man uns dringend, den größeren 9-Uhr-Bus zu benutzen. Na, dann hören wir mal auf die Leute, kaufen uns um 7.45 Uhr Tickets für 9 Uhr, sehen den tatsächlich sehr kleinen Bus von 20 nach 8 , warten brav und erhalten schließlich die Auskunft, dass der 9-Uhr-Bus ausfällt, wir aber den Bus um viertel vor 10 nehmen könnten. Also tauschten wir die Tickets um und hoffen, die Räder nicht noch auseinander nehmen zu müssen. Doch wir haben Glück und können so alles nach 2 Stunden Wartezeit problemlos in den Bus hieven. Rund 5 Stunden sitzen wir im Bus, was für argentinische Verhältnisse gar nichts ist und werden mit kostenlosem Kaffee und Dauerberieselung von Jim Carrey-Filmen versorgt. Der Steward teilt auch Becher mit giftgrüner Flüssigkeit aus. Obwohl es wie Kühlflüssigkeit aussieht, probiere ich davon und stelle mit verzerrtem Gesicht fest, dass es sich um Likör handelt.
Rechts und links der Straße sehen wir rote Asche auf der Erde und sind angesichts der schmalen und viel befahrenen Straße froh, dort nicht entlang zu radeln.
Als einzige Passagiere spuckt uns der Bus in einer Kleinstadt, fast einem Dorf, aus. Ähnlich wie in Brasilia wundern wir uns, da wir mehr Touristen erwarteten. Immerhin befinden sich in San Ignacio die berühmten Jesuitenreduktionen, Ruinen früherer Missionarshäuser.
Wieder einmal bepacken wir die Fahrräder und schieben sie genau gegenüber der Kreuzung zu einem Hotel. Nachdem wir uns dort günstig einquartiert und das Internet genutzt haben, machen wir uns auf den Weg zum Ruinenfeld.
Vor dem Haupteingang lassen zahlreiche Reisebusse die Motoren laufen, während sich die dazugehörigen Insassen zwischen den sandsteinfarbenen Mauerresten hindurch bewegen. Zudem gibt es dort einige Restaurants und natürlich zahlreichen Souvenirstände. Es ist kurios; Unsere Unterkunft befindet sich lediglich 200 m von den Ruinen entfernt. Doch dort ist nicht, rein gar nichts. Eher beschleicht einen das Gefühl, in einer staubigen, alten Geisterstadt zu sein, während sich in geringer Entfernung ein heilloses Durcheinander von Touristen befindet.
Diese wiederum bekommen nichts von dem Ort mit, weil sie geradewegs bis zum Tor kutschiert werden. Diesem Phänomen, dass in Argentinien anscheinend alles nur über geführte Touren läuft, begegnen wir noch des Öfteren.
Die teilweise überwucherten Mauerreste sind schön anzuschauen und besonders im Licht der Nachmittagssonne schimmern die Wände in einem schönen rot-braunen Farbton. Mitten auf einer Wiese zwischen den Ruinen brütet ein Vogel und ruft bei unserem unbeabsichtigten Näherkommen nach seinem Partner. Der kommt auch direkt angeflogen, geradewegs auf uns zu, um einen Angriff zu simulieren. Aber wir hatben ja verstanden, hoffen aber, dass die Touristenströme, die sich noch hinter uns befinden, auch verstehen und das brütende Federtier in Ruhe lassen.
Abends spüre ich, nicht zum ersten Mal, dass die Welt im Zuge der Globalisierung immer kleiner wird. Ich sitze im Hotel am Computer und während draußen die Hunde bellen, treffe ich zufällig meine Mutter. Und zwar online im Netz beim Spielen von Rummikub, dem Kartenspiel. Es ist einerseits erstaunlich, andererseits erschreckend, wie die Welt zusammenwächst und man mittels modernster Technik kommunizieren kann, als sei man im selben Raum, wobei über 15.000 km zwischen uns liegen. Ich erinnere mich noch gut, an diverse Urlaube an der Nordseeküste, wo man lange vor den Telefonzellen stand, um die Lieben zuhause anzurufen und man gleichzeitig hoffte, dass die Telefonverbindung klar und deutlich ist. Und heute? Heute sitzt man auf der anderen Seite der Erde, klickt gelangweilt im Internet herum, trifft seine Mutter und fragt, als wäre es da Normalste der Welt: „Kann ich mitspielen?“
Natürlich ist am nächsten Morgen niemand in der Rezeption, obwohl wir ankündigten, sehr früh aufstehen und auschecken zu wollen. Also lassen wir den Schlüssel im Hotelzimmer stecken und rollen die Räder über den Innenhof hinaus auf die Straße. Dass dieser Weg am gestrigen Ankunftstag wesentlich leichter gewesen wäre und wir nicht die Räder durch die Hotellobby hätten schieben und die Treppen hochtragen müssen, hat man uns gestern wohl vergessen zu sagen. Stockdunkel ist es auf der Ruta 12, die uns die nächsten 60 Kilometer nach Süden bringen soll. Also ziehen wir unsere Warnwesten über den dünnen Pulli und legen los. Nach einer halben Stunde Fahrt ziehen wir sie wieder aus. Nicht, weil es hell genug ist, sondern weil es anfängt zu regnen. Es war ja klar, dass es anfängt zu regnen, sobald wir die Fahrradlenker in der Hand haben. Also Regenjacke an, Warnweste darüber und weiter geht es. Die Region Misiones ist hügelig und –abgesehen von den Andenregionen- die wohl hügeligste Region des Landes. Und nachdem nun auch die Sonne hervor kommt, beginnen wir schließlich zu schwitzen – also Regenjacke wieder aus.
Als endlich der Regen, die Dunkelheit und auch die Hügel ein wenig nachlassen, wird es etwas angenehmer zu radeln, denn plötzlich gesellt sich zur Straße auch noch ein Randstreifen, der das Radeln auf diesen gefährlichen Straßen zumindest etwas sicherer macht. Solch einen Randstreifen sehen wir im späteren Verlauf der Reise nie wieder.
WILLKOMMEN IN ARGENTINIEN Ohne anzuhalten fahren wir an einer der vielen argentinischen Polizeikontrollen vorbei. Diese sind stationär und halten wahllos ankommende Fahrzeuge an. Das Ganze erinnert sehr an unsere letztjährige Reise nach Russland, man kann aber auch behaupten, an Überwachung. Mit diesen Polizeikontrollen, deren Orte anscheinend willkürlich festgelegt wurden, habe ich nicht das Gefühl, mich in diesem Land frei bewegen zu können. Ich zumindest, finde diese Angelegenheit suspekt. Bei der zweiten Kontrolle halten wir jedoch an, weil sich gleichzeitig im Büro die Touristeninformation von Posadas befindet. Gleichzeitig wird es dahinter auf den Straßen lauter, hektischer und dreckiger. Wir müssen regelrecht Staub schlucken, von den Abgasen ganz zu schweigen, um in die rechtwinklig angelegten Straßen des Zentrums zu gelangen. Die Hotelsuche ist natürlich nicht ganz einfach. Das erste Hotel ist, das zweite ist arrogant und die beiden achso smarten Typen an der Rezeption haben uns als Gäste vergrault, indem sie beim Anblick zweier abgekämpfter Radler –nämlich uns- hämisch lachen. Dann halt nicht. Beim dritten waren wir willkommen und ich werde zur Zimmerbesichtigung gleich mal in den Fahrstuhl verfrachtet, der erst in der 10. Etage anhält. Das Zimmer ist soweit okay, aber auf die angepriesene Aussicht auf die Stadt können wir getrost verzichten. Ich bitte um ein Zimmer wesentlich weiter unten im Haus. Den südamerikanischen Rettungswegen traue ich dann doch nicht so recht. Und überhaupt, ich bin nicht drei Wochen Schiff gefahren und habe das Flugzeug vermieden um in einem argentinischen Hochhaus mit dem Fahrstuhl abzustürzen. Also gehe ich brav wieder zu Fuß hinab.
Nachdem wir also ein Zimmer in der ersten Etage erhalten, geht unser erster Weg in die Apotheke. Wir wollen ein Wärmepflaster kaufen, weil ich mir letzte Woche beim Festzurren des Spanngurtes irgendetwas in der Schulter verrenkt oder gezerrt habe. Es war natürlich genau jenes Festzurren, welches dazu führte, dass wir in Foz do Iguacu das Rad neu bepacken mussten. Also eine völlig unnötige Verletzung.
Schon in der zweiten Apotheke erhalten wir das, was wir wollen. Zumindest etwas ähnliches. Etwas fremdartig kommt uns dieses Wärmepflaster mit seinen zwei Metallstreifen schon vor, die laut Verpackung irgendetwas mit Elektrizität zu tun haben soll. Doch ich bin mutig, klatsche mir das Ding auf die Schulter und stelle nach 24 Stunden fest, dass das Ding nicht geschadet hat – aber auch nicht genützt.
Genau möchte ich ein Pingu-Foto aus Paraguay haben, also setzen wir uns in den städtischen Linienbus und lassen uns zur Grenze bringen, die dem breiten Fluss Parana besteht. Dort müssen alle Passagier aussteigen, sich am Zollhäuschen anstellen und nach der Personenkontrolle wieder einsteigen. Da es sich bei fast allen Grenzgängern um einheimische Pendler handelt, geht die Kontrolle recht schnell vonstatten. Nur bei der Polin und dem Deutschen muss der exotische Pass genauestens inspiziert, kontrolliert und gestempelt werden. Über die lange Brücke geht es dann auf die paraguayische Seite, wo es direkt ärmlicher und heruntergekommener anmutet. Allerdings spielt das für uns in diesem Fall keine Rolle. Wir wollen ja nur ein einziges Foto machen. Also stellen wir uns brav an den leersten Schalter bei der Einreisebehörde, nämlich an den für Nicht-Pendler, wie es sich gehört und haben trotzdem die längste Wartezeit. Nachdem die anderen Schalter mittlerweile auch wieder leer sind, kommen wir endlich an die Reihe. Die Zollbeamten sehen sehr interessant aus. Mit ihrer normalen, zivilen Kleidung heben sie sich ganz entschieden von dem ab, was man so unter Grenzbeamten versteht. Aber wenn es hier so erlaubt ist, dann bitte schön, zweimal einen Einreisestempel, danke.
Ein paar Soldaten, diese wenigstens in Uniform, frage ich, ob wir ein Bild von unserem Stoffpinguin vor der Nationalflagge machen dürfen. Freundlich wird genickt und Platz gemacht für die Verrückten, die ein Stofftier ablichten, während um uns herum in dem hektischen Grenzgewimmel ab und an das Wort „Pinguino“ zu hören ist.
Nach dem Fotoshooting gehen wir zurück zum Schalterhäuschen und stellen uns brav auf die andere Seite des kleinen Gebäudes, um nun unsere Ausreisestempel zu erhalten. Etwas irritiert schaut der Grenzbeamte, der immer noch in ziviler Kleidung seinen Stempel schwingt, doch nach getaner Arbeit steigen wir mit zahlreichen anderen Leuten in den Bus und werden zum argentinischen Grenzposten gebracht.
Am Busbahnhof von Posadas erkundigen wir uns lange in den verschiedenen Räumen der Busgesellschaften nach Preisen und Möglichkeiten, weiter in den Süden Argentiniens vorzudringen. Immerhin wollen wir endlich zu den Pinguinen an der Küste Patagoniens. Es gibt schäbige, kleine, verrauchte Büros, die nur 2 qm groß sind und klimagekühlte Ladenlokale, die ein vielfaches größer sind und in denen die englischsprachigen Angestellten uniformiert sind. Alle Wege nach Patagonien führen aber zunächst über die Hauptstadt Buenos Aires, wo man immer umsteigen muss. Und alle Gesellschaften erklären uns, dass das Auseinandernehmen der Fahrräder unvermeidbar sei. Da die Preise nur geringfügig abweichten, aber dennoch die Bequemlichkeit der Busse sehr unterschiedlich ist, entscheiden wir uns für eine der größeren und dem Anschein nach sichere Buslinie: Via Bariloche. Da die Räder nicht nur auseinander genommen werden müssen, sondern auch noch alles umständlich in Kartons verpackt sein soll, entscheiden wir uns dafür, die rund 1.000 km lange Strecke in einem Stück zu fahren und auf einen Zwischenstopp in Uruguay zu verzichten. Wir beschließen, das kleine Land zu einem späteren Zeitpunkt von Buenos Aires aus zu besichtigen. Da wir Posadas Sehenswürdigkeiten, nämlich eine 100 m lange Einkaufsstraße, nun zu Genüge kennen, begeben wir uns schon am Mittag des nächsten Tages zum Bahnhof, obwohl der Bus erst um 20 Uhr abfährt.
Aber es gibt ja noch genug zu tu n. Unser erster Weg ist die Gepäckaufbewahrung, wo wir dem jungen Mitarbeiter Manoel erklären, dass wir eine Menge Pappkartons benötigen. Über ein Stunde sind Manoel und ich damit beschäftigt, in dem kleinen Büro die Räder auseinander zu nehmen und ordentlich zu verpacken, während Moni draußen auf unser Restgepäck ein Auge wirft. Ordentlich packt Manoel alles zusammen und lässt sich das mit 12,50 Euro für argentinische Verhältnisse gut bezahlen.
So stehen wir nun also da, mit 8 Packtaschen, 4 Seesäcken, zwei in Pappkartons gewickelte Fahrradrahmen, zwei kleine Möchtegern-Pakete, aus denen die Fahrradreifen schaue, unseren Lenkertaschen in denen sich alles Notwendige befindet und eine Plastiktüte mit etwas Proviant für unterwegs. Dazu haben wir noch einen dicken Pulli an und unsere Regenjacke griffbereit, da wir aus den brasilianischen Erfahrungen gelernt haben, dass südamerikanische Überlandbusse nachts sehr kalt sein können.
Dies ist der Zeitpunkt, an dem wir beschließen, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Mein Knie schmerzt schon seit Europa, mein Rad hat mittlerweile auf der Reise einige Schäden hinnehmen müssen und im tiefsten Süden Argentiniens herrscht Winter. Zudem haben wir die Lust verloren, auf den gefährlichen Straßen zu radeln und so halten wir das Rad momentan als unnötigen Ballast, der uns das Reisen zurzeit eher erschwert. Also werden wir in Puerto Madryn, unserem Ziel hinter Buenos Aires, die Räder irgendwo unterstellen und mit anderen Verkehrsmitteln weiterreisen.
Doch nun sitzen wir erst einmal hier auf unserem Haufen Zeug, essen ein paar Empanadas, die immer so lecker süß aussehen und sich dann doch als Teig mit Fleischfüllung entpuppen und schauen die nächsten sechs Stunden lang dabei zu, wie sich das Kinderkarussell im Busbahnhof dreht. Noch Tage später werden wie die dazugehörige Melodie im Ohr haben. Nach zwei oder drei Stunden Wartezeit hat Manoel wohl Mitleid mit uns und macht den einzigen Fernseher, der nicht eingeschaltet ist und direkt vor uns hängt, an. Danke, Manoel, wir werden dir die nächsten Stunden mit lauten und bunten Kinderfilmen nie vergessen…
Als sich der kleine Zeiger der Uhr der 7 nähert, bringen wir unseren gesamten Hausrat stückchenweise zum Bussteig. Dabei gehen wir so vor, dass einer von uns die Sachen von Punkt A zu Punkt B trägt, während der andere beide Punkte im Auge behält, damit auch ja nichts weg kommt. Nach unseren Lenkertaschen, die wir ja sowieso nie aus der Hand geben, ist die Packtasche mit Pingu unser wichtigstes Gepäckstück.
Mit der letzten Stunde Wartezeit sprach uns Ralf an. Ein Endvierziger, der 1980 nach Paraguay auswanderte und sich dort ein Stück Wald kaufte, heute aber mit Frau und Kindern in Buenos Aires lebt und ständig mit dem Bus zwischen den beiden Ländern pendelt. Er erzählt uns, dass sein Grundstück auch heute noch aus Wald besteht, aber drumherum alles abgerodet wurde und sich die so genannte Zivilisation mit all ihren hässlichen Neben- und Endprodukten breit gemacht habe. Erschreckend hierbei sei der Gedanke, dass dies in einem Zeitraum von nur einem Vierteljahrhundert geschah.
Diese Infos bestätigen unsere Eindrücke, die wir bisher von Südamerika haben: Die Ausbeutung des Kontinents durch den „weißen Mann“ ist noch lange nicht abgeschlossen, sondern immer noch im vollen Gange.
Ralf fährt leider einen Bus früher als wir, so dass wir nicht lange Gelegenheit haben, mit ihm zu reden. Als unser Bus erscheint, gibt es natürlich kurze Diskussionen mit dem Fahrer wegen der Räder. Denn was man vergessen hatte, uns zu geben, war ein Ticket für die Drahtesel. Also muss ich schnell nochmal zu dem Büro, kann aber dort klären, dass wir nach unser Ankunft in der Hauptstadt die Fahrscheine bezahlen werden.
BEQUEMLICHKEIT IM REISEBUS Im unteren Geschoss des Busses nehmen wir dann in breiten und bequemen Sitzen Platz, die viel Beinfreiheit hergeben. In einem herkömmlichen Reisebus befinden sich bekanntermaßen vier Sitzplätze pro Reihe, in diesem Abteil sind es nur drei, was eine angenehme Fahrt verspricht. Hinzu kommen noch eine Decke, ein Kissen, ein Abendessen, zwei Filme auf dem Flachbildschirm und am nächsten Morgen ein Frühstück. Da zur Decke auch noch die Heizung benutzt wird, war es unnötig von uns, unsere Regenjacken sicherheitshalber als Wärmespender mit zu den Sitzen zu nehmen.
Während der Nacht werden vom Steward noch die Vorhänge zugezogen. Ich erhebe jedoch leichten Protest, weil ich ein bisschen die Lichter da draußen sehen möchte, die an uns vorbei ziehen und nach dem Kreuz des Südens Ausschau halten möchte. Doch mein Protest ist zu leicht und so setzt sich der Steward mit seinem Willen durch und zog auch an meinem Fenster die Gardine zu. So Recht verstehen will ich den Sinn nicht, aber nachdem der Steward wieder vorne in der Fahrerkabine verschwindet, öffne ich die Gardine wenigstens einen kleinen Spalt.
Mit dem Sonnenaufgang erreichen wir Buenos Aires, doch es dauert noch über eine Stunde, bis der Bus am „Retiro“, dem Busbahnhof ankommt. Wir zahlen brav die Frachtgebühr für die Räder und so stehen wir nun mitten in dieser Millionenmetropole zwischen zahlreichen hektischen Menschen, die sich auf über 70 (!) Bussteigen verteilen. Die Dimension des Bahnhofs ist unglaublich und erinnert in seinen Ausmaßen eher an einen internationalen Flughafen. Da wir die Hauptstadt sowieso später noch besuchen werden, weil von dort unser Schiff zurück nach Europa ablegen wird, besorge ich abermals zwei Tickets, während Moni mit unserem Krempel wartet. Wir haben Glück und noch am selben Mittag wird uns der nächste Bus der Gesellschaft Patagonia weitere 1.400 km nach Süden bringen. Während der „nur“ dreistündigen Wartezeit bringen wir indessen in einem Kraftakt wie schon am Vortag unser Gepäck zum richtigen Bussteig und achten natürlich sehr darauf, in dem Menschengewimmel kein Gepäckstück zu verlieren.
Anschließend beobachten wir das ständige Einfahren der unzähligen Reisebusse, die im 30-Sekundentakt ankommen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich weiß nicht, wann ich so viele Busse zuletzt auf einen Haufen gesehen habe, die gerade im Einsatz sind. Ein unglaubliches Massenspektakel, bei dem natürlich fast jeder Fahrer den Motor laufen lässt, auch wenn er zehn oder 20 Minuten oder sogar noch länger Aufenthalt hat. Dies ist ein Phänomen, dass uns schon auf der gesamten Reise begleitet. Habe ich mich noch in Holland leise vor mich hin geärgert, wenn jemand den Motor seines Wagens laufen ließ, während er am Bankomaten schnell mal Geld abhebt, so habe ich hier spätestens die Hoffnung verloren, dass die Menschen lernen werden, die Umwelt zu schonen, geschweige denn, sie zu respektieren. Neben all dem sichtbaren Dreck und Müll in Südamerika der schon schlimm genug ist, wird auch noch unnötig die Luft belastet, obwohl es keinen Nutzen hat, wenn der Motor anbleibt. Rechnet man nur die vielen Busse Argentiniens, die an einem einzigen Tag, so wie jetzt genau in diesem Moment, unnötig Dreck auspusten, dann kann einem schlecht werden.
Wieder fahren wir durch die Nacht, doch diesmal nicht ganz so bequem. Wir nehmen uns vor, ab sofort immer die beste Kategorie zu wählen, da sie nur geringfügig teurer ist. Doch dafür kann ich in der Dunkelheit mit den Vorhängen vor den Fenstern machen, was ich will und so werden wir früh am nächsten Morgen Augenzeugen einer Mondfinsternis, die es auf der Südhalbkugel schon seit Jahren nicht mehr zu sehen gab.
Puerto Madryn ist nun der Ort, den wir als unser Basislager auserkoren haben. Die Ortschaft gilt aber auch für andere Touristen als Ausgangspunkt für Touren auf die Halbinsel Valdez, für Pinguintouren und für Walbeobachtungen. Doch wir wollen nicht nur ein oder zwei Tage lang ein paar Ausflüge machen, wir möchten unser Gepäck lagern und den Rest Argentiniens kennen lernen.
Doch zunächst einmal müssen wir uns um besagtes Gepäck kümmern. Da es nun schon merklich kühler ist und man noch den endenden Winter spürt, räumen wir unsere 16 Gepäckstücke in das Innere des Bahnhofsgebäudes mit der Absicht, dort alles zusammen zu puzzeln. Nachdem wir einen freien Platz direkt neben der Tür finden und uns dort niederlassen, geht Moni schnell mal zum Klo. Indessen beginne ich damit, sämtliche Fahrradteile von den Unmengen an Kartons zu befreien, die aus Manoels Hand, zweieinhalb Tausend Kilometer weiter nördlich, stammen. Weit komme ich jedoch nicht, denn als ich die ersten Reifen „entkartonisiere“ und das braune Verpackungsmaterial neben mir auf dem Fußboden verteile, kommen vier Zöllner um die Ecke. Nicht, dass ich etwas Verbotenes tun würde, nein, sie gehen in einem Rechteck und haben genau zwischen sich ein fahrbares Durchleuchtungsgerät zur Gepäckkontrolle, das in etwa die doppelte Größe eines Fotokopierers hat. Dieses Gerät muss furchtbar schwer sein, so dass vier Personen zum Transport benötigt werden. Auf dem zweiten Blick sieht man jedoch, dass jeder von den vier Zöllnern nur drei Finger zum Schieben benutzt und das Ding fast von alleine rollt. Eine wahrlich tolle Beschäftigungsmaßnahme, die mich allerdings nicht weiter stören würde, wenn, ja wenn das Gerät nicht unbedingt dort hin muss, wo momentan unser Gepäck herum liegt.
Also fordern sie mich auf, die Sachen woanders hin zu legen, was ich mit einem „Öh, jetzt?“ quittiere. Das verstehen sie natürlich nicht und ich lege noch hinterher, warum sie ihr Gerät nicht auf die gegenüber liegende Seite der Tür schieben. Sind doch nur zwei Meter mehr und macht sich dort genauso gut. Ich kann nicht erklären, warum, aber irgendwie nervt es mich unheimlich, wie sie da um ihre Kontrollkiste herum stehen und mich angrinsen. Ich weiß natürlich, dass Moni jeden Augenblick zurück kommen wird und wir für das Ent- und Bepacken noch mindestens eine Viertelstunde benötigen, hebe aber trotzdem die Hand, gehe in die Hocke, sage so etwas wie „Momento, momento“ und mache mit meiner Arbeit weiter. Diese Ignoranz meinerseits war einem der Zöllner dann doch wohl zuviel. Er greift zwei der Packtaschen und will sie demonstrativ an den freien Platz legen, den ich für ihr Gerät vorschlug, doch nicht mit mir, Amigo. Da kenne ich keine Uniformen, wenn jemand ungefragt unsere Sachen weg trägt. So entreiße ich ihm die Taschen und erledige den Job nachgebenderweise selber, während ich ihm gleichzeitig –natürlich auf Deutsch- anmeckere, dass ich es lächerlich finde, sich an so einem kleinen Bahnhof einer so kleinen Stadt so wichtig zu machen, in dem man ein Röntgengerät aufstellt. Die nächste Grenze ist über 1.000 km entfernt und überhaupt könnt ich als Fahrgast auch einfach um das Gebäude herum gehen anstatt hindurch und so die Kontrolle einfach umgehen.
Während ich ihnen also meine Meinung sage, die sie ohnehin nicht verstehen, mischt sich plötzlich auch noch der Mann von der Toilettenaufsicht ein, dass ich doch die Pappkartons nicht einfach auf den Boden werfen soll. Ja, Herrgott, spinnen denn jetzt alle? Im Gegensatz zu euch Argentiniern trage ich jeden noch so kleinen Zipfel Abfall zur Mülltonne, auch wenn sie noch kilometerweit entfernt ist und schmeiße nichts in die Landschaft. Und wenn die Obrigkeit mich nicht zwingen würde, was anderes zu tun, dann hätte ich die verdammte Pappe mittlerweile auch schon ordentlich entsorgt. Aber so kommt man ja zu nix.
Apropos kommen, Moni erscheint auch wieder, wir schieben alles zwei Meter weiter, packen dort zusammen und trotten von dannen. Da wir in den nächsten Wochen noch öfter im Busbahnhof von Puerto Madryn sein werden, können wir mehrmals beobachten, dass dieses Röntgengerät-Rumgeschiebe ein festes Ritual bei exakt diesen vier Zöllnern ist. Wird es nicht benutzt, so schiebt man es brav mit vier Mann wieder an seinen festen Platz, ganze 10 m weiter und überstülpt es mit einer Plane – jeden Tag.
Für heute haben wir aber genug davon gesehen. Schnell bekommen wir an der Touristeninformation Auskunft über ein Hostel und schieben schlussendlich die montierten und schweren Räder durch die Bahnhofshalle bis zum Ausgang. Dabei werden wir ganz nebenbei noch von einer Reinigungskraft beschimpft, weil Fahrräder im Bahnhofsgebäude nichts zu suchen haben. Bevor sie uns noch unter lautstarken Beschimpfungen mit ihrem schwingenden Besen trifft, ersparen wir uns Erklärungen und meckern leise vor uns hin, wie sehr wir in dieser Stadt willkommen geheißen werden.
WO SIND DIE PINGUINE? Puerto Madryn ist das, was man eine typisch argentinische Kleinstadt nennen könnte. Die staubigen Straßen sind rechtwinklig angeordnet und besitzen rechts und links Bürgersteige, die bald drohen auseinander zu fallen. Sind die Bordsteinkanten nicht weggebrochen, so fehlen sicherlich große Teile der Gehwegplatten. In der Regel sind dann diese Löcher meistens mit Hinterlassenschaften der zahlreichen Hunde gesäumt, die zu Dutzenden herrenlos über die Straßen traben. Die Stadt liegt südlich der Halbinsel Valdez, die für ihre Tierwelt berühmt ist. Daher verstauen wir unsere Sachen im Hostel und reservieren einen Mietwagen für den nächsten Tag. Zwar gibt es in der Stadt zahllose Anbieter von geführten Touren, doch wir sind keine Freunde von Touristengruppen, die von A nach B gebracht und vollgequatscht werden und dabei nur eine Viertelstunde Zeit haben, um Fotos zu machen oder die Natur zu genießen, damit die Gruppe schnell weiter kann. Wir sind doch keine Japaner. Außerdem ist der Zweck dieser Reise, dass wir endlich, endlich Pinguine zu Gesicht bekommen. Schon seit Jahren möchte ich mich einfach hinsetzen und Pinguine beobachten. Da brauche ich keinen Tourguide, der mit laufendem Motor darauf wartet, dass seine Touristengruppe schnell wieder in den Bus steigt. Das Dumme ist allerdings nur, dass wir schon mehrfach die Auskunft erhielten, dass noch keine Pinguine da wären. Es ist nämlich so, dass die Männchen der Magellanpinguine zwischen September und Oktober das südamerikanische Festland erreichen, Nester anlegen bzw. die Nester vom Vorjahr aufsuchen und auf die Weibchen warten. Danach wird gebrütet, geschlüpft und den Küken das Schwimmen beigebracht. Dieser gesamte Vorgang dauert schließlich bis März, bis die schwarz-weißen Vögel wieder für ein halbes Jahr in den Südatlantik hüpfen. So, September und Oktober also, wir haben derweil Ende August. Da Pinguine meines Wissens nach keinen Kalender mit sich führen, ist es ja vielleicht auch egal, ob wir nun am 31. August oder am 1. September auf Pinguinsuche gehen – wir versuchen es auf jeden Fall, auch wenn wir in Puerto Madryn nun schon mehrfach die Auskunft bekamen, dass wir – wenn überhaupt – höchstens einen oder zwei Pinguine zu Gesicht bekommen werden. Aber im Oktober, ja da wären Millionen davon da. Wer will aber schon Millionen? Einer reicht! Und sollten wir auf Valdez keinen sehen, so bleibt ja immer noch das Pinguinreservat Punta Tombo, dass sich rund 170 km südlich von Puerto Madryn befindet. Allerdings gibt es dort nichts zu sehen, außer eben Pinguine. Dementsprechend öffnet es seine Tore auch wirklich erst dann, wenn diese angekommen sind, in der Regel also Mitte September. Es steht außer Frage, wir sind zu früh dran. Doch wir haben ja noch etwas Zeit und können die Warterei noch mit der Besichtigung anderer Sehenswürdigkeiten verbringen. Da wir ja schon einmal hier sind, wollen wir natürlich auch noch nach Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt. Und das sind immerhin noch 1.500 km und wer weiß, ob wir nicht vielleicht auch dort auf Pinguine treffen. Doch dazu später mehr. Nun sind wir erst einmal in Puerto Madryn und klärten mit der netten Hostelbesitzerin, dass wir ein Großteil unseres Gepäcks und die Fahrräder für die nächsten Wochen bei ihr unterstellen können und das sogar gratis. Wir freuen und natürlich und machen uns sogleich auf den Weg, einen kleinen, handlichen Rucksack zu kaufen.
Eine andere Besorgung wollen wir in einem Elektrogeschäft machen. Da wir im Hostel zum ersten Mal in Argentinien Batterien laden wollen, doch kein Strom aus der Steckdose in das Ladegerät fließt, ist es nun an der Zeit, einen Spannungswandler zu kaufen, der aus 110 Volt rund das Doppelte, nämlich 220 Volt herstellt.
STROM? JA, HABEN WIR AUCH Es dauert einige Zeit, bis wir den Verkäufern hinter der kleinen Holztheke klar machen können, was wir brauchen. Erst als sich noch zwei Kunden in das Gespräch einschalten und wir also mit sechs Personen auf Spanisch, Englisch und Deutsch palavern, wird unser Problem langsam erkannt. Man fragt uns, wofür wir das Gerät brauchen. Na, ganz einfach, um unsere elektrischen Geräte zu benutzen.
-Welche das denn seien? -Ein Akkuladegerät, ein Mobiltelefon… -Auch eine Digitalkamera? -Ja, auch eine Digitalkamera, aber da sind Akkus drin, die wir laden wollen. -Mit dem Ladegerät? -Ja, mit dem Ladegerät. -Und das Mobiltelefon auch? -Ja, das auch. -Wie sieht denn das Ladekabel dazu aus? -Das haben wir jetzt nicht dabei, aber es sieht normal aus. -Das sei schade, denn da steht drauf, was das Telefon für Strom benötigt. -Aber wir wissen doch, was es für Strom benötigt. -Welchen denn? -Na, das was in Argentinien eben nicht aus der Wand kommt. Und nun brauchen wir ein Gerät, welches eben diesen Strom in die richtige Spannung umwandelt. -Woher wir denn kämen? Aus Europa, aber warum… -Ja, gibt es denn da einen anderen Strom? -Anscheinend, unsere Geräte funktionieren hier auf jeden Fall nicht. Es gibt doch 110 Volt und 220 Volt, das ist doch bekannt. -Ja, das sei schon richtig. -Und eben, unsere Geräte benötigen halt genau das, was es hier nicht gibt. -Und wir seien ganz bestimmt keine US-Amerikaner? -Nein… -Woher wir denn wüssten, dass wir anderen Strom bräuchten? -Na, weil die Geräte im Hostel nicht funktionieren. -Dann müsse im Hostel etwas kaputt sein und wir sollen dort mal fragen. Außerdem ghätten sie sowieso keinen Spannungswandler, der aus 110 Volt 220 Volt mache. Sie könnten höchstens einen Wandler anbieten, der aus 220 Volt weniger, nämlich 110 Volt mache.
Erst in diesem Augenblick wird uns langsam etwas bewusst. Warum haben Argentinier ein Gerät, dass 220 Volt-Strom umwandeln kann, wenn sie doch keine 220 Volt haben? Oder anders gefragt, warum haben sie ein Gerät, dass Strom in 110 Volt Spannung wandeln kann, wenn 110 Volt sowieso aus jeder Wand kommt? Irgendetwas stimmt an dieser Logik also nicht und erst jetzt fragen wir: „Wieviel Volt kommen denn bei Ihnen aus der Steckdose?“
„Na, 220 natürlich.“
Jetzt wird uns klar, warum sie uns so merkwürdig anschauten und seltsame Fragen zu unserer Herkunft stellten. Und na klar, gibt es in Argentinien doch 220 Volt, haben wir uns doch vor unserer Reise informiert, diese Info aber irgendwie unter Hochspannung mit den Infos zu Chile verwechselt, wo es wirklich nur 110 Volt gibt. Aber da unser Ladegerät nicht funktioniert, war das aus unserer Sicht, der einzige Grund hierfür. Dass wir unseren Reisestecker nicht auf die richtige Steckdosengröße einstellten und demnach kein Strom fließen konnte, finden wir erst nach diesem peinlichen Dialog in dem kleinen Handwerksbetrieb heraus.
Morgens erhalten wir einen VW Gol. Dabei handelt es sich nicht um einen Tippfehler, sondern um einen abgespeckten VW Golf. Bis auf das F im Namen fehlen auch noch einige Zubehörteile wie elektrische Fensterheber, Airbags, Zentralverrieglung so wie man es eigentlich von unseren Fahrzeugen gewohnt ist. Zudem ist das Auto mit fast 50.000 km Laufleistung recht alt für einen Leihwagen, was uns aber nicht weiter stört.
Unsere ersten Meter auf argentinischem Boden mit dem Wagen stellt sich so dar, dass uns mehrfach freundliche Leute entgegenkommen, die uns nett aber auch irgendwie mit Panik in den Augen deutlich machen, dass wir wenden müssen. So breit die Straßen auch sein mögen, es handelt sich dennoch meistens um Einbahnstraßen. Die Richtung wird manchmal dabei gar nicht, selten mit einem kleinen Pfeil angedeutet. Später erfahren wir, dass jede zweite Straße nach bzw. nach links führt. So einfach ist das System, also immer im Wechsel. Muss man sich halt nur merken, was zuletzt an der Reihe war. Zumal alle Straßen rechtwinklig angelegt sind, scheint es einfach zu sein, doch trotzdem riskieren wir auf diese Art auf unserer Reise fünf- oder sechsmal das Leben.
Fröhlich brausen wir aus der Stadt hinaus nach Norden und biegen auf die Ruta ab, die zur Halbinsel führt. Nach endlos scheinender Steppe, in der uns zwei Autos entgegenkommen, erreichen wir das kleine Kassenhäuschen wo wir für 100 Peso erfahren, dass in 21 km Entfernung die Parkverwaltung sitzt und ein Museum ist. Das schauen wir uns natürlich an und nach der Besichtigung von Bildern der vielen Tiere wollen wir sie nun endlich in echt erleben. Wir verlassen die Asphaltstraße und fahren auf einer staubigen und einsamen Piste zum nördlichsten Punkt der Insel, der – sehr einfallsreich – den Namen Punta Norte trägt.
Obwohl wir die Fenster geschlossen haben, müssen wir die Kamera wegpacken, weil der feine Staub, den wir mit dem Fahrzeug aufwirbeln, durch alle Ritzen des Autos kriecht und sich überall im Wageninneren niederlegt. Besonders staubig wird es, wenn uns einer entgegen kommt, was in dieser Einsamkeit aber eher selten passiert. Unterwegs halten wir ein paar Mal an, weil wir einige der Guanakos, eine Lamaart sehen.
Nicht selten stehen die scheuen Tiere auf der Schotterstraße herum. Auf den letzten 30 km fährt ein anderes Auto vor uns her, was die Staubschichten in unserem Wagen trotz Abstand halten anwachsen lässt. Am Punta Norte angekommen sind deren Insassen und wir die einzigen Touristen an einem einzeln stehenden Haus. Der Strand ist zum Schutze der Tiere abgesperrt und Hinweisschilder bitten darum, Ruhe einzuhalten um die Fauna nicht zu stören. Leise bewegen wir uns auf den schmalen Wegen und fotografieren ein paar Seelöwen, die am Strand liegen und in der Sonne faulenzen. Da wir erst im April Seehunde in Dänemark sahen, wesentlich näher dran waren und diese nicht so träge wie ein Fels herum lagen so wie diese argentinischen Seelöwen, verlieren wir schnell das Interesse und ziehen weiter wobei wir noch immer darauf hoffen, kleine watschelnde Pinguine zu erblicken.
In einer kleinen Hütte treffen wir auf einen Parkwächter, der uns aber das sagt, was wir schon wissen: Oktober, vielleicht September. Momentan seien keine hier. Und der Mann muss es eindeutig wissen, er sitzt ja den ganzen Tag hier und es ist sein Job Ausschau zu halten.
Wir gehen zum Parkplatz zurück, wo mittlerweile nur noch unser Auto stand und nutzen die Toilette des Restaurants, welches in der Hauptsaison wahrscheinlich gut besucht ist. Plötzlich huscht da was über den Weg. Wir zucken zusammen und bleiben stehen. In rund fünf Meter Entfernung regt sich ein braun-graues halbrundes Tier auf dem ebenfalls braunen, ausgetrockneten Boden. Ich schleiche mich, mit der Kamera bewaffnet, langsam und leise näher und bei jedem Geräusch, dass ich trotz aller Vorsicht mache, zuckt das Tier zusammen und steckt seinen Kopf in eine kleine Erdhöhle. Doch genauso schreckhaft es ist, so ist es auch neugierig und schaut nach wenigen Sekunden wieder heraus, wer der fremde Eindringling denn da ist. Moni hält Abstand, während ich mich auf diese Art langsam nähere bis das Tier und ich sogar Körperkontakt haben. Es handelt sich um ein Gürteltier, das mit seiner zuckenden Nase vorsichtig an meinen Fingern schnuppert und mir anschließend erlaubt ihm über den Kopf zu streicheln. Moni, die etwas zur Seite steht, hat eine Begegnung mit dem Partner des Tieres. Doch bei diesem Beinahe-Zusammentreffen handelt es sich eher um Zufall, da das Gürteltier plötzlich aus einem Gestrüpp hervor geschossen kommt und blindlings auf Moni zu rennt. Nachdem sich beide erschrecken verschwindet eines der beiden Lebewesen in einem Erdloch. An dieser Stelle soll ich schreiben, dass es nicht Moni ist, die in einem Erdloch verschwindet.
Nachdem wir also Guanakos, Gürteltiere, Seelöwen, Wildpferde und nicht zu identifizierende Vögel sehen, fahren wir wieder zurück. Nochmals 100 km auf anstrengender Schotterpiste bis zum einzigen Ort der Halbinsel, Puerto Piramides und später in unser „Basislager“. Puerto Piramides gilt ebenfalls als Ausgangspunkt für Touren auf Valdez, ist aber sehr klein und eher schmuddelig. Spaßeshalber und aus beruflichen Gewohnheitsgründen schauen wir uns dennoch dort den Campingplatz an und sind froh, dass wir ein schönes Hostelzimmer haben.
Dort reduzieren wir am Abend unser Gepäck auf zwei Packsäcke, eine Fahrradpacktasche. Einen kleinen Rucksack und natürlich unsere kleinen Lenkertaschen. Da sich in der Fahrradpacktasche Pingu befindet und in diesem wiederum weitere wichtige Gegenstände, beschließen wir, diese Tasche ebenfalls immer bei uns zu haben und nicht in den Laderaum eines Busses zu packen. An den Rucksack befestigen wir die kleine Argentinienflagge, die wir vor der Reise basteln. Schon in den anderen Ländern spürten wir, dass sich die Einheimischen freuen, wenn sie ihre Nationalflagge an unseren Rädern baumeln sehen.
WEITER NACH SÜDEN Ohne das Röntgengerät des Busbahnhofes nutzen zu müssen, verlassen wir das Gebäude, schreiten auf den Bus zu und nehmen an, dass es mit deutlich weniger Gepäck nun einfacher sein dürfte zu reisen. Nur die beiden kleinen Packsäcke und der Rucksack sollen im Laderaum verschwinden. Drei Teil für zwei Personen, damit hätten wir sogar noch ein Gepäckstück gut. Der Rucksack wird vom Fahrer eingepackt, aber dann? Er schaut uns an und sagt, die beiden Packsäcke sollen, bitte schön, mit zu den Sitzen genommen werden. Im ersten Anfall von Verwunderung und Überraschung machen wir dies auch, aber als wir an unseren Sitzen stehen und nicht wissen, wohin mit unseren Sachen und Körperteilen fragen wir uns, warum wir das eigentlich machen sollen. Also steige ich wieder aus, gehe nach hinten zum Heck des Busses und halte dem Fahrer erneut unsere Packsäcke unter die Nase. Keine Ahnung, was ich dem Mann getan habe, vielleicht liegt es aber daran, dass man sich auf dem Busbahnhof von Puerto Madryn gegenseitig auf die Nerven gehen muss, aber erbost schimpft er, ich solle die Taschen mit rein nehmen, es wäre doch alles schon voll im Kofferraum. Kaum sagt er das, hievt er einen schweren Koffer in der doppelten Größe unserer beiden Säcke hinein, was mir dann zu blöd wird. Ich mache ihm deutlich, dass hier, dort und da genügend Platz sei für noch größere Taschen und er jetzt endlich die Sachen da rein zu packen habe, weil ich nicht einsehen würde, warum ausgerechnet wir 1.300 km lang so sitzen sollen, dass wir unsere kleinen Zehe nicht mehr bewegen können. Und außerdem, so dachte ich mir mit einem Schmunzeln auf den Lippen, kenne ich die Ordnungshüter des Busbahnhofes sehr gut.
Nach dieser Diskussion, die ich erfolgreich für mich verbuchen kann, geht es dann endlich durch die Nacht hindurch über die endlos scheinende Ruta 3. Rechts und Links erstreckt sich Patagoniens einsame und auch eintönige Landschaft. Nichts gibt es zu sehen außer braune Einöde, die auf der gesamten Strecke eingezäunt ist. Ab und zu taucht ein Tor auf, dass darauf hindeutet, dass das dazugehörige Farmhaus noch 20 km oder weiter enfernt sei und sich irgendwo inmitten dieser Estancias befindet. Gelegentlich sieht man Schafe, seltener Guanakos und ab und zu auch mal einen Gaucho auf seinem Pferd. Wir fragen uns, wo wir hier unser Zelt hätten aufschlagen können? Es wäre schlicht unmöglich gewesen, bestenfalls wäre man 10 m von der asphaltierten Straße weg gewesen auf der erstaunlicherweise viel Verkehr stattfindet. Das Erstaunen legt sich dann jedoch, wenn wir mehr über den Grund dieser Verkehrsdichte nachdenken. Verkehrsdichte ist natürlich nicht ganz das richtige Wort, es ist eher ein Gefühl wie auf einer nächtlichen, deutschen Autobahn, d.h. im Schnitt kommt alle fünf Minuten ein Auto von vorne oder der Bus muss mal einen Lkw überholen. Das klingt natürlich nicht nach viel und mancher, der jeden Tag im Berufsverkehr auf einer deutschen Straße steht, wünscht sich solche Zustände herbei. Doch bei genauerer Betrachtung ist es nicht das wilde und menschenleere Patagonien, von dem immer geschwärmt wird. Betrachtet man die Größe der Region, also dem Mehrfachen der Bundesrepublik und die darin enthaltene Anzahl von Einwohnern, sollte man meinen, dass es ein Zufall sein müsste, jemanden anzutreffen. Doch zu diesem Zeitpunkt kommen diese riesigen Estancias ins Spiel, deren Ausmaße unvorstellbar groß sind und auch schon mal an die Größe des Saarlandes heranreichen können. Diese Schafzuchtfarmen oder Rinderbetriebe sind also komplett eingezäunt und Privatgrund, so dass sich das öffentliche Leben nur auf den Fernstraßen abspielen kann. Und davon gibt es in Patagonien praktisch nur zwei; die Ruta 40 im Westen, von an späterer Stelle berichtet wird sowie die Ruta 3, auf der wir uns gerade befinden. So ist es also kein Wunder, dass wir zu keinem Zeitpunkt in Patagonien das Gefühl von Einsamkeit und Ruhe haben. Weder jetzt, was im gut besetzten Bus auch sehr verwunderlich wäre, noch später, wenn wir auf eigene Faust los ziehen. Wie gesagt, dazu später mehr, aber um eine Sache vorweg zu nehmen: In Schweden oder Norwegen kommt dies eher vor, da man dort tatsächlich „mal eben“ in die Wildnis abbiegen kann. In Patagonien ist dies nicht möglich, man steht vor einem Zaun, wird von einem Schaf angeglotzt und kann sich über den Draht hinweg die Wildnis aus der Ferne anschauen, die ja eigentlich keine ist, sondern bloß privates Weideland.
Rio Gallegos heißt unser Zielort, die südlichste Stadt auf dem argentinischen Festland und durch nicht passende Anschlussbusse unser Ausgangspunkt für zwei weitere Touren. Doch zunächst suchen wir eine Unterkunft und gehen wie gewohnt am Busbahnhof in die Touristeninformation. Dort gibt uns die junge Dame einen Stadtplan und macht mehrere Vorschläge, wo wir übernachten könnten. Als sie uns ein Hotel für umgerechnet 8 Euro empfiehlt, erklären wir ihr, dass wir auf „Löcher“ verzichten. Denn mittlerweile wissen wir, was man für diesen Preis in Argentinien zu erwarten hat. Will man ein einigermaßen vernünftiges Zimmer mit privatem Bad und etwas Ruhe, muss man je nach Ort zwischen 15 und 25 Euro bezahlen. Für 8 Euro bekommt man bestenfalls ein Bett in einem Gemeinschaftsraum mit Gemeinschaftsdusche und Gemeinschaftsklo. Auf dieses kollektive Leben habe ich noch nie Lust gehabt. Und außerdem möchten wir es wenigstens abends ein wenig gemütlich und schön haben, wenn es uns schon landschaftlich nicht besonders gut gefällt.
HIER VIELLEICHT PINGUINE? Auf die Frage, ob es in der Nähe Pinguine gibt, erhalten wir natürlich die Standardantwort, was uns zugegebenermaßen etwas enttäuscht. Man hätte ja mal hoffen können. Mal davon abgesehen, dass wir mittlerweile unser Schiff für die Rückreise buchen mussten und das Anfang Oktober in Buenos Aires mit uns ablegen wird. Da bleibt uns also nicht mehr viel Zeit. Auf den Hinweis, dass wir trotz Gepäck ruhig in das Zentrum gehen könnten, hätten wir aber besser nicht hören sollen. Wie üblich war der Bahnhof weit außerhalb und wir beide sind sie Einzigen, die eine sechsspurige Straße überqueren, eine Brücke ohne Geländer benutzen, über staubige Baustellen wandern und durch ein Viertel spazieren, das mit ausgebrannten Autowracks und eingeschlagenen Fensterscheiben in den Häusern, in denen manchmal dunkle Gestalten hin und her huschen, stark an die New Yorker Bronx erinnert. Scheinbar unendliche dieser Blocks, von denen eines dieses 8-Euro-Hotel sein soll, und etliche zähnefletschende und laut bellende Vorgartenhunde später erreichen wir die wichtige Straße, auf der sich sämtliche Geschäfte und Hotels konzentrieren. Rio Gallegos ist weder Touristen- noch Messestadt oder eine Stadt, in der man Geschäfte tätigt und dennoch gibt es mehrere Hotels, von denen wir uns manche noch nicht einmal leisten können und die, die wir uns leisten können, sind ausgebucht. Alles sehr merkwürdig, doch wir finden nach langer Suche schließlich ein kleine Zimmer im Hotel Punta Arenas. Der ältere Herr, der seinem geschätzten Alter nach, das Land mitbegründete, trägt unsere Namen in das Gästebuch ein und nimmt ein riesiges Lineal um einen ordentlichen Strich von zwei Zentimeter Länge zu machen, womit er markiert, dass Zimmer 6 nun belegt ist.
Von Rio Gallegos aus wollen wir auf jeden Fall nach Ushuaia auf Feuerland und nach El Calafate zum Perito Moreno-Gletscher, doch wie auch schon bei anderen Autovermietern, erhalten wir in Rio Gallegos die Auskunft, dass eine Fahrt nach Chile mit dem Leihwagen nicht erlaubt sei und durch Chile müssen wir zwangsläufig, wenn wir nach Ushuaia fahren. Also kaufen wir zwei Bustickets, damit wir erst einmal dort hinkommen. Bei jedem Ticketkauf mussten wir bisher unsere Pässe vorlegen, hier natürlich erst Recht, da es zweimal über die Grenz geht. Und obwohl im Pass das Herkunftsland unter anderem auch in Spanisch geschrieben steht, muss ich dem Mann am Schalter erklären, dass ich aus „Alemania“ komme.
Unweit von Rio Gallegos befindet sich das Kap Virgenes, wo ebenfalls eine Pinguinkolonie sei. Für umgerechnet 100 Euro bietet man uns eine Tour in einem Reisebüro an, wo wir eine Stunde Aufenthalt am Kap hätten. Doch eigentlich seien ja noch keine Pinguine da. Wofür man uns also die geführte „Privat“-Tour anbietet, ist uns etwas schleierhaft.
Damit wir am nächsten Tag nicht aller Früh durch die Bronx watscheln müssen, entscheiden wir uns für ein Taxi, dass uns zum Busbahnhof bringt. Dort betreten wir einen Bus, dessen Front komplett vergittert ist. Chile muss ein gefährliches Land sein, denken wir. Aber das Gitter dient natürlich bloß zum Schutz vor Steinschlag auf den geschotterten Pisten.
Etwas über eine Stunde dauert die Fahrt, bis wir an die Grenze kommen. Der Bus fährt rechts an einer langen Autoschlange vorbei, hält an und der Steward geht alleine in das Zollgebäude. Nach zehn Minuten sehe ich, wie er wieder hinaus gestürmt kommt und hektisch auf den Bus zurennt. Ist Chile vielleicht doch so gefährlich und jetzt müssen wir schnell flüchten? Er tritt in den Passagierraum, der von der Fahrerkabine durch eine Tür abgetrennt ist und ruft fast schon panisch: „Cinqo, Cinqo“. Dabei zeigt er auf die ersten fünf (cinqo) Passagiere, unter anderem uns und deutet an, ihm schnell zu folgen. Aber warum so eilig? Wir dachten, wir sind in Südamerika, dem Kontinent der Lässigkeit und des Mananas…
Also hechten wir schnell in einem mit Menschen überfüllte Schalterhalle, rennen dem Steward hinterher und geben irgendwem unsere Pässe, die zwischen zahlreichen Händen erst verschwinden und nach wenigen Sekunden mit frischen argentinischen Ausreisestempeln wieder auftauchen.
Das Spiel mit dem Namen „Fang den Steward“ wiederholt sich so lange, bis alle Passagiere an der Reihe sind. Danach fährt der Bus ein kurzes Stück und hält am chilenischen Grenzhäuschen. Dort ist es noch voller und es bildet sich eine lange Schlange, die wild und verschlungen durch die gesamte Halle führt. Vor unserem Bus ist noch ein anderer Bus an der Reihe, in dem eine argentinische Basketballjugendmannschaft sitzt und nur eine einzige Frau stempelt die Pässe und nimmt die Einreisekarten entgegen, die wir vorher ausgefüllt haben. Eine knappe Dreiviertelstunde dauert es, bis wir dran sind. In der Zeit stehen wir uns die Füße in den Bauch und lernen die englischen, deutschen und französischen Plakate an der Wand auswendig, auf denen die strengen Einreisebestimmungen stehen. Diese besagen, dass keine Lebensmittel nach Chile eingeführt werden dürfen. Während ich das lese und darauf warte, wieder einen kleinen Schritt nach vorne gehen zu dürfen, denke ich mit hungrigem Magen an die leckeren Kuchenteilchen, die wir noch übrig haben und auf unseren Plätzen im Bus auf uns warten…
Nach der Stempel-im-Pass-Geschichte ist die Zollkontrolle an der Reihe. Alles soll durch das Röntgengerät, doch ich sage der Dame, dass in der Packtasche eine Kamera mit Zubehör enthalten ist und ich sie gerne auf herkömmliche Art und Weise in die Tasche schauen lassen, aber bitte nicht mit Röntgenstrahlen. Nun, wenn das so ist, sei das kein Problem und ich dürfte wieder in den Bus steigen. Reingeguckt hat sie nun aber gar nicht, seltsam. Was hätte ich jetzt an Äpfeln und Birnen schmuggeln können…
Wir fahren auf schotteriger Straße durch Chile und die Landschaft ändert sich weiterhin nicht. Lediglich Graufüchse und Emus kommen noch zu den anderen Tieren am Wegesrand hinzu. Sicherlich war es Zufall, dass wir diese Tier nicht schon in Argentinien gesehen haben oder sind die Lebensmittel in Chile wirklich besser?
An der Magellanstraße, wo schon ein ziemlich kalter Wind bläßt, warten wir kurze Zeit bis uns die Fähre auf die andere Seite bringt. Von jetzt an befinden wir uns auf der Insel namens Feuerland. Sogleich werden wir von einem mehrsprachigen Hinweisschild vor dem Minenfeld gewarnt, dass sich auf der linken Seite befindet und an die weniger schöne Geschichte Chiles erinnert.
Feuerland unterscheidet sich von Patagonien insofern, dass die Landschaft hügeliger ist und das Auge auch mal was anderes zu sehen bekommt, als nur flache Ödnis. Schön ist es dabei, wenn wir selber mal über einen Hügel fahren und dabei weit ins Land schauen können. Doch auch hier gilt: Alles eingezäunt. Jedesmal, wenn man sich vorstellt, wie schön es wäre, durch die Einsamkeit zu wandern, wird man daran erinnert, dass ein Zaun im Weg steht und dies alles Privatbesitz ist. Später erreichen wir den Grenzposten Chiles, wo die Ausreise schnell vonstatten geht. Zu den Grenzbeamten Argentiniens muss man erst einmal wieder 16 km fahren. Ein großes Schild heißt uns nun in der argentinischen Provinz „Tierra del Fuego y Antartida“, also Feuerland und Antarktis Willkommen. Irgendwie lustig, politisch betrachtet, befinden wir uns also nun in der Antarktis, denn ein Teil des weißen Kontinents gehört zu Argentinien und dieser wurde der Provinz Feuerland zugesprochen
DER ALBANIER AUS DEUTSCHLAND Auch die Einreise nach Argentinien, mittlerweile unsere dritte, geht wie erwartet sehr zügig. Dabei kann ich am Schalter der Grenzbeamten einen Blick auf die Passagierliste des Busses werfen. Fast alle stammen aus Argentinien. Nur zwei Franzosen und ein Albaner befinden sich noch mit uns im Bus. Doch halt, ein Albaner? Ich schaue genau hin und stelle fest, dass neben der Nationalität mein Name steht: Michael Moll, Albania. Hat der Fahrkartenverkäufer also weder lesen können, dass ich aus Deutschland stamme, noch hat er verstanden, dass ich Alemania sagte. So wird also aus Alemania Albania. Wie auch immer, die Polin und der Albaner steigen also wieder in den Bus fahren weiter gen Süden. Während langsam die Sonne verschwindet, tauchen die südlichsten Gipfel der Andenkette auf. Schneebedeckte Berge, auf die geradewegs ein eine Straße zuführt. Und auf dieser Straße fährt der Bus mit uns drin. Die, unserer Meinung nach, schönste Region Argentiniens entfaltet sich gerade vor uns. Nachdem unser Bus einen Pass überwindet, rollen wir auf die südlichste Stadt der Welt zu. Es ist schon dunkel und unten an einer Bucht sehen wir die Lichter von Ushuaia.
Da es keinen Busbahnhof gibt – wofür auch, es fährt ja eh nur dieser eine Bus – hält unser Gefährt in einer kleinen Seitenstraße von dem Büro der Busgesellschaft. Dort wartet schon der pfiffige Besitzer des Hostels Aonikenk mit seiner Tochter und warb um Gäste. Ihr Flugblatt und ihre Geschäftstüchtigkeit gefallen uns und weil wir ohnehin nicht wissen, wohin, steigen wir mit zwei anderen Passagieren ins Auto und lassen und zum Hostel bringen. Wir bekommen ein kleines Zimmer im Keller, das nett hergerichtet ist, werden nach der langen Fahrt zu einem Kaffee in den Aufenthaltsraum eingeladen und können von dort durch das Panoramafenster auf die hell erleuchtete und weiter unten liegende Stadt blicken.
Prompt bekommen wir Informationen zur Stadt und Umgebung und gehen, trotz vorgerückter Stunde, noch in das Zentrum. Dieses besteht, wie bei vielen argentinischen Städten aus einer einzigen Straße, doch da tummelt sich eben das Leben. Auf Grund der Kälte, der Dunkelheit und der hübsch beleuchteten Häuser kommt es uns vor wie auf einem Weihnachtsmarkt, dabei haben wir aber gerade einmal den August hinter uns gelassen.
Mein Herz erfreut sich, denn alles, was man irgendwie mit Pinguinen verzieren kann, war auch verziert. Schlüsselanhänger, T-Shirts, Kugelschreiber, Magnetpins, einfach alles hatte Pinguinoptik. Und wenn nicht dies, dann eben den Schriftzug „Fin del Mundo“, Ende der Welt. Hier, an eben diesem Ende der Welt, wo es in der Tat nicht mehr weiter geht und nur noch die Antarktis kommt, komme ich mir vor, wie in einem Pinguinfreizeitpark. Es steht natürlich außer Frage, dass wir ein paar Tage bleiben und uns mit Postkarten, Lesezeichen und sonstigen Pinguin-Schnickschnack eindecken. Moni besucht die Heilige Messe in der südlichsten Kirche der Welt und wir fahren mit dem Bus in den Nationalpark „Tierra del Fuego“. Da es natürlich noch winterlich ist, sieht der Wald im Park noch recht braun und trostlos aus, aber es gefällt uns trotzdem. Manche der Bäume sind in merkwürdige, pflanzliche Fäden, vielleicht Flechten gehüllt. Wir spazieren durch ihnen hindurch und genießen die Ruhe auf Grund der fehlenden Touristen, begutachten einen einsamen Biberdamm, an dem zarte Eisschollen zerbrechen und gehen in Ruhe auf der matschigen Piste, die glücklicherweise für den Autoverkehr gesperrt ist bis zum Ende der Panamericana. Dort wartet natürlich das berühmte Schild mit dem Hinweis, dass es bis Alaska noch 17.848 km sind. Das obligatorische Foto wird gemacht, selbstverständlich auch mit Pingu, und schon blicken wir auf die letzten Inselchen vor dem Südpol, die jedoch wiederum zu Chile gehören. Ein schönes Gefühl hier zu sein und –das sollte nicht vergessen werden – das Experiment ist gelungen: Man fällt tatsächlich nicht vom Planeten, wenn man hier soweit unten steht.
Ein absoluter Höhepunkt wäre natürlich gewesen, genau hier an dieser Stelle zu diesem Zeitpunkt einem Pinguin zu begegnen. Doch das blieb uns verwehrt, doch na ja, man kann ja nicht alles haben und so begnügen wir uns mit den Hochlandgänsen, die immer nur als gemeinsames Pärchen zu sehen sind.
Nachdem wir nun wirklich nicht weiter südlich gelangen können und noch lange Richtung Antarktis blicken, schauen wir uns an und sagen grinsend: „Na, dann komm. Fahren wir wieder nach Hause. Ab jetzt geht es wieder nur noch nach Norden.“
Um zurück nach Ushuaia zu kommen, warten wir auf den Kleinbus an einem Campingplatz. Viel ist dort glücklicherweise nicht los. Ein Segen, dass wir nicht in der Hauptsaison da sind. Zum Platz gehört auch ein kleines Restaurant, in dem wir uns mit einem Kakao aufwärmen. Doch ausgerechnet hier, am Ende aller Straßen, einem Ort, der irgendwie mehr ist, als nur ein Ausflugsziel, arbeitet wohl die mürrischste Person, die wir auf der gesamten Reise getroffen haben. Aber wir lassen uns unsere gute Laune nicht vermiesen und genießen den – zudem überteuerten – Kakao, während wir auf den menschenleeren Campingplatz schauen. Zwischen den Picknickplätzen können wir beobachten, wie Dutzende kleine Greifvögel wie Hühner in dem dichten Laub auf dem Boden scharren. Dabei fragen wir uns, wo sich diese Tiere aufhalten, wenn in zwei oder drei Monaten die Touristenströme hier eintreffen.
An einem anderen Tag wollen wir den Gletscher oberhalb der Stadt besichtigen. Mit dem Taxi lassen wir uns soweit hinauf bringen, wie es möglich ist. Dummerweise stehen wir aber dann vor einem Sessellift, den wir beide nicht benutzen wollen. Keine Flugzeuge, keine Fahrstühle und auch keine Sessellifte. Ein Weiterkommen zu Fuß ist nicht möglich und wird uns auch nicht erlaubt, da der Weg momentan zugeschneit ist. Mal davon abgesehen, dass wir für so etwas auch gar nicht richtig gekleidet sind. Unsere ursprüngliche Reiseplanung sah ja eigentlich etwas anders aus, normalerweise wären wir ja nun in den Tropen unterwegs gewesen. Mit ein Grund dafür, dass wir uns in Rio Gallegos bereits Jacken aus Schaffell kauften. Also gehen wir unverrichteter Dinge den Berg wieder hinab und verzichten auf den Gletscher, wir werden ja noch woanders einen sehen.
FLUCHT IM TAXI Einige Zeit gehen wir, als auf der einsamen Bergstraße plötzlich ein Hund vor uns auftaucht. Er ist zwar noch knapp 100 Meter entfernt, aber was ist das schon bei einem großen Vierbeiner, der einen unentwegt anstarrt? Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Weitergehen und wie bereits zweimal in Frankreich unser Pfefferspray aus der Tasche kramen oder zurückgehen und hoffen, dass sich der Hund davon trottet? Während wir darüber nachdenken, kommt unsere Rettung in Form eines Taxis von hinten. Wir springen ihm fast auf die Motorhaube, damit er anhält und lassen uns an dem Hund vorbei fahren. Da uns aber eigentlich nach Spaziergang war, steigen wir wieder aus, als wir glauben, von dem Hund weit genug weg zu sein. Doch als wir die ersten Häuser von Ushuaia erreichen, sehen wir in den weniger schönen Vororten an jedem Haus einen Hund. Manche liegen nur träge herum, an dere sind angeleint, manche laufen auf uns zu und machen die schon die nächsten Hunde in der Nachbarschaft auf uns aufmerksam. Es wird zum Spießrutenlauf für uns, wie wir im Zickzack durch die Straßen wandern und darauf achten, feindlich gesonnenen Hunden aus dem Weg zu gehen. Wir haben den Eindruck, dass von allen Hunden Argentiniens, und das sind verdammt viele, die aggressivsten in Ushuaia leben.
Später besuchen wir noch zwei Museen. Das eine wird von Nachkommen der hiesigen Ureinwohner betrieben und zeigt in drei kleinen Zimmern die Geschichte der Region, der Ureinwohner und die Ankunft der Europäer vor langer Zeit. Aber auch ohne dieses Museum fragen wir uns auf der gesamten Reise, ob es nicht besser gewesen wäre, Südamerika nicht zu entdecken…
Das zweite Museum enttäuscht mich ein wenig, da es den Titel „End-of-the-world“-Museum trägt und ich aus irgendwelchen Gründen angekommen habe, dass es irgendwelche kuriosen Ausstellungsstücke beherbergt. Doch es geht auch hierbei um die Geschichte der Region, Magellan und weiteren Seefahrern. Abschließend machen wir uns noch auf den Weg zur Post, wo man sich einen Stempel der Stadt Ushuaia in seinen Reisepass geben lassen kann. Wir gehen zu einem Schalter, halten unsere Pässe hin und deuten an, was wir möchten. Der nette Mann verschwindet nach hinten und erscheint erst nach einigen Minuten wieder. Wir wundern uns, wo er hin ist bzw. von wo er denn den Stempel holt. Als er zurückkommt, erklärt er uns mit mitleidigem Blick, dass er keine Post für uns hätte. Ach herrje, jetzt haben wir ihn versehentlich zum Postlagerfach geschickt, dabei wollten wir doch bloß einen Stempel. Er lacht, als er unseren zweiten Erklärungsversuch dann doch verstand und übergibt uns seiner Kollegin nebenan, die uns direkt den Nachweis in den Pass stempelt, dass wir auch wirklich da waren – am Ende der Welt.
Irgendwann kommt die Zeit, auch Ushuaia Adieu zu sagen. Es hat uns sehr gut gefallen und wir sind froh, dass wir den weiten Weg auf uns genommen haben, in den Ort zu fahren, der eigentlich keine bedeutende Sehenswürdigkeit zu bieten hat. Aber es gefiel uns, doch jetzt stapfen wir frühmorgens mit unserem Gepäck in die düstere Seitenstraße, wo wir nach kurzer Wartezeit den Bus nach Norden nehmen können. Die Fahrt verläuft wesentlich schneller als geplant, da die beiden Grenzübertritte bei Weitem nicht so lange dauern wie auf der ersten Fahrt.
Wir erreichen Rio Gallegos, steigen dort ins Taxi, da wir ja jetzt dazu gelernt haben und lassen uns zum bekannten Hotel bringen. Der Taxifahrer, der natürlich nicht wissen kann, dass wir uns schon auskennen, fährt den richtigen Weg und zeigt uns dabei noch voller Stolz die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt, nämlich die Einkaufsstraße. Wir nicken freundlich und machen einen erstaunten Eindruck, als hätten wir noch nie eine Straße mit Geschäften, geschweige denn diese Straße gesehen. Wir wollten den guten Mann ja nicht enttäuschen.
Schon am nächsten Morgen geht es weiter und wir sitzen vier Stunden lang ganz vorne im oberen Teil des Doppeldeckerbusses. Es ist schön, auf die halbwegs leere Straße zu schauen, die manchmal bis zum Horiziont reicht. Nach der Fahrt stehen wir in El Calafate, einem abgelegenen Ort an der Grenze zu Chile. Eigentlich gibt es in dem Ort nichts zu sehen, abgesehen von der Einkaufsstraße, die in der Hauptsaison von Touristen völlig überfüllt sein dürfte und doch wollen wir absichtlich in das kleine Städtchen. Denn in einiger Entfernung liegt der Perito-Moreno-Gletscher, einer der wenigen Gletscher, wenn nicht sogar der Einzige weltweit, der im Jahre 207 noch wuchs.
Als wir aus dem Bus steigen, steht ein ganzes Empfangskomitee mit Werbetafeln und Handzetteln bereit um den Neuankömmlingen die besten, günstigsten, nettesten, saubersten, nahegelegensten Hostels schmackhaft zu machen. Wir bekommen unsere Packtaschen aus dem Kofferraum gereicht, als ein junger Mann, ebenfalls mit Bildern bewaffnet, auf uns zutritt und um uns als Gäste warb. Wir sind erstaunt ob des Preises und beschließen, erst einmal mit ihm zu gehen. Nein sagen kann man ja schließlich immer noch. Doch als wir in dem gemütlich, warmen Zimmerchen stehen, dass sogar über Kabelfernsehen und einer Küche sowie einem privaten Bad verfügt und er uns nochmals den günstigen Preis bestätigt, schmeißen wir unser Gepäck aufs Bett und bleiben. Eine Stadtbesichtigung dauert wegen der Überschaubarkeit des Ortes nicht ganz so lange und die Internetcafes sind zum ersten und übrigens auch einzigen Mal in ganz Argentinien elend langsam, so dass wir verzichten und einen gemütlichen Fernsehabend verbringen. Wir sehen zwar bisher schon auf den Busfahrten genügend englischsprachige Filme mit spanischem Untertitel, aber eine leichte Sprachförderung kann ja nicht schaden.
Den darauf folgenden Tag verbringen wir mit einer geführten Tour – in diesem Fall war es uns egal – zum Perito Moreno Gletscher. Mit einem Kleinbus geht es am Lago Argentino entlang, bis wir vor den Anden stehen. Ein weiterer Grund hierfür, dass ich Touristengruppen nicht mag, abgesehen von den zeitlichen Einschränkungen, sind die Touristen selber. 20 Sitze im Bus, von denen zehn Sitze von fünf Frauen belegt werden, die eigentlich zusamm en gehören. Wir wissen nicht, ob sie sich untereinander nicht mögen, aber jede musste unbedingt eine Zweiersitzbank belegen. Als wir uns den Anden nähern, beginnen sie mit ihren Kameras wie Hupfdohlen im ganzen Bus herum zu hüpfen. Sie springen von dem rechten Fenster zum linken, setzen sich vorne an die Tür, halten ihre Kameras in alle möglichen Richtungen und springen dem Fahrer fast auf den Schoss. Doch merkwürdigerweise müssen Frauen, so abstoßend sie sich auch benehmen, nur ein wenig ihren Ausschnitt öffnen, damit ältere, einsame Herren wie der von vorne links total darauf abfahren. Weitere Beschreibungen der widerlichen Anbahnungsszenen erspare ich mir an dieser Stelle.
Auf die kostenpflichtige Bootsfahrt verzichten wir und gehen stattdessen direkt den Weg hinauf bis zur Aussichtsplattform vor dem Gletscher. Imposant ist er anzuschauen und vom Standpunkt des Betrachters aus, reicht der 60 m hohe Gletscher 14 km weit bis nach Chile herein. Wenn man das so sieht, glaubt man kaum, dass das augenscheinlich kurze Stück 14 km sein sollen. Einen besonders schönen Größenvergleich hat man, wenn man das winzige Ausflugsboot sieht, das in gewissem Abstand zum Gletscherrand auf dem See entlang fährt. Die ganze Zeit, in der man das zackige Eis betrachten kann, hört man knackende und knisternde Geräusche und nicht selten kracht ein großes Stück Eis aus den Massen heraus uns stürzt tosend in das Wasser. Manches Mal scheint es dann doch nur ein kleines Stück gewesen zu sein, aber halt, da ist zum Glück immer noch das Ausflugsschiff als Größenvergleich.
El Calafate verlassen wir und verzichten auf den chilenischen Nationalpark Torres del Paine. Wir sind der Ansicht, dass wir ausreichend Anden gesehen haben und nur weil dort zwei, drei Felsspitzen etwas markanter aus dem Gebirge heraus ragen, sind wir nicht unbedingt scharf darauf, den Park auch noch zu besuchen.
Wir wollen nun, nachdem wir uns ja etwas Zeit ließen und uns mit etwas anderem beschäftigten, endlich unserem Hauptziel entgegen steuern – dem Besuch der Pinguine.
ABER JETZT MUSS ES PINGUINE GEBEN! Ein drittes Mal erreichen wir Rio Gallegos, wo wir dieses Mal ein anderes Hotel austesten. Nach dem Einchecken machen wir uns auf den Weg in das Touristenbüro, wo wir frohen Mutes fragen, ob denn nun endlich Pinguine gesichtet wurden und ob sich eine Fahrt zum Kap Virgenes lohnt. Dabei entsteht folgender Dialog:
„Es tut mir leid, aber wir haben doch keine Saison. Und momentan gibt es immer noch keine Pinguine.“ Mit mitleidigem Blick schaut uns die Dame aus dem Touristenbüro an.
„Gar keine? Nirgendwo?“, frage ich mittlerweile verzweifelt.
„Na ja, zwei oder drei – vielleicht. Aber mehr sicher nicht.“
Voller Hoffnung rufe ich: „Super, das ist doch was. Einer reicht uns ja schon.“
„Einer?“, völlig verblüfft fragt die asiatisch aussehende Angestellte und will witzig sein: „da kann ich ihnen auch eine Portkarte anbieten.“
Mit leicht steigendem Blutdruck setze ich mich aufrecht in den Stuhl und antworte: „Postkarte? Hören Sie, seit Monaten reisen wir ganz ohne Flugzeug, teilweise mit dem Fahrrad um die halbe Welt, immer im Gepäck einen 60 cm großen Stoffpinguin, um echte frei lebende Pinguine zu sehen, und…“
Bevor ich weiter reden kann, unterbricht mich die Dame und erklärt leise, fast schon entschuldigend: „Aber wir haben doch auch andere tolle Sehenswürdigkeiten: Wale, oder Gletscher…“
„Ich will keine Wale“, entgegne ich, „und auch keine Gletscher. Erstens hatten wir das alles schon und zweitens kann man das auch bei uns zuhause in Island sehen.“
In dem Moment schaltet sich Moni ein: „Zuhause in Island? Hast du vergessen, wo du herkommst?“
„Nein“, antworte ich, „natürlich nicht. Aber nach 20.000 km Reise bis an das andere Ende der Welt liegt Island doch eigentlich bei uns vor der Haustür, oder nicht?“
Doch nun sind wir nicht in Island, wo es ganz nebenbei bemerkt, auch keine Pinguine gibt, sondern in Rio Gallegos, der südlichsten Stadt des argentinischen Festlands, mitten in Patagonien und die Angestellte der Touristeninfo teilt uns mit, dass es zurzeit immer noch keine Pinguine an den Küsten zu sehen gibt.
Was sollen wir also tun? Unsere letzte Hoffnung liegt bei Punta Tombo in der Nähe von Puerto Madryn, wo unsere Räder untergestellt sind. Doch jedes Mal, wenn wir im Internet sind, überprüfen wir, ob das Reservat mittlerweile geöffnet ist – bisher immer Fehlanzeige.
Wir bekommen anschließend jedoch noch den Tipp, es im weiter nördlich gelegenen Puerte Deseado zu versuchen. Dort würde man die Ankunft der Pinguine jeden Moment erwarten. Allerdings seien das Felsenpinguine, die mit den roten Augen und dem Haarbüschel auf dem Kopf. Diese Information freut uns, denn wenn dies klappen würde, dann hätten wir sgar die Chance zwei verschiedene Pinguinarten zu sehen. Diese und die Magellanpinguine in Punta Tombo.
Um ganz sicher zu gehen, wollen wir den Vögeln jedoch nochmals etwas Zeit geben. Unser Plan lautet daher, etwas nach Norden in die Stadt Commodoro Rivadavia zu fahren, und von dort den Westen Patagoniens inklusive der legendären Ruta 40 und einen weiteren Teil der Anden mit einem Leihwagen auf eigene Faust zu erkunden. Ebenso wollen wir der berühmten Höhle mit den vorgeschichtlichen Handabdrücken, der „Cueva de los Manos“ einen Besuch abstatten, die mitten in der Einsamkeit liegt.
Doch zuvor müssen wir noch einen weiteren Tag in Rio Gallegos verweilen. Abends finden wir nach langer Zeit endlich etwas, was einer typischen Ruhrgebietspommesbude ähnelt. Voller Freude stürmen wir hinein, nehmen Platz, bestellen Pommes Frites und stellen fest, dass das Essen ungenießbar ist.
Die folgende Hotelnacht ist jedoch nicht besser, erst ist lange nicht an Einschlafen zu denken, da das Zimmer in der Nähe der Rezeption und der Lobby liegt und die Tür ein großes Fenster besitzt. Durch dieses scheint die ganze Nacht das Licht des Flures hindurch und der dünne Vorhangstoff sowie die Handtücher aus dem Bad bringen nur wenig Besserung. Als dann doch irgendwann die Müdigkeit gewinnt, werden wir wach, weil jemand in der Lobby den Fernseher anmacht. Für Südamerikaner scheint es nichts wichtigeres als den Fernseher zu geben und wir haben es schon oft erlebt, dass die erste Tätigkeit eines Argentiniers am Morgen darin besteht, den Fernseher anzumachen. Kaum erwähnenswert die Tatsache, dass dies natürlich nicht diskret erfolgt, sondern noch die Nachbarn hören sollen, welche dämliche Sendung schon morgens verfolgt wird. So nehmen wir also an, dass es sieben oder acht Uhr morgens ist und machen uns schläfrig mit dem Gedanken vertraut, langsam aufzustehen. Als der Fernseher nach einigen Minuten doch leise gestellt wird, wagt Moni einen Blick auf die Uhr und verkündet mit einer Stimme, als würde sie gleich töten wollen, dass es 3 Uhr morgens ist. Wir schauen uns erstaunt an und lassen unsere Köpfe in die Kissen fallen. Gerade eben waren wir wieder weg getreten, als plötzlich das Telefon schellt. Ja, neben Kopfkissen befindet sich das Zimmertelefon. Es schellt – ein einziges Mal. Natürlich war niemand dran, es hat sich wohl jemand verwählt, nachts um kurz vor vier.
Ab sechs stehen schließlich die ersten Gäste auf, rennen laut polternd mit ihren Koffern an unserem Zimmer vorbei, in der Lobby ist Geschirrgeklapper zu hören und wir stellen fest, dass unser Klo kaputt ist. Das veranlasste uns, die nächste Nacht in einem anderen Zimmer verbringen zu wollen. Immerhin galt dies als ein 2-Sterne-Hotel.
Da sich in Rio Gallegos viel Polizeipräsenz befindet, wir das Gefühl bekommen, diese Stadt lasse uns nicht los, das Essen sauschlecht ist, die Toilette kaputt und wir mit Licht und Lärm vom Schlaf abgehalten werden, tauften wir den Ort kurzerhand um in – Rio Guantanamo.
Wir sind froh, den Ort endgültig verlassen zu können und fahren mit dem bequemen Reisebus gen Norden. Am frühen Morgen, als alles noch dunkel ist, kommen wir in Commodoro Rivadavia an, steigen aus dem Bus direkt in ein Taxi und lassen uns zum Flughafen bringen, wo wir beim Autovermieter einen Leihwagen nehmen wollen.
DON’T CRY FOR ME, ARGENTINA... Über eine vierspurige Straße lotst der ältere Herr den Wagen aus der Stadt hinaus, während langsam die Sonne auf geht. Damit wir wissen, wie wir nachher wieder zurück kommen, verfolgen wir aufmerksam den Weg, Wir fahren an einem sehr schönen Oldtimer vorbei, biegen in eine kleine Straße ein, überholen einen Bus und fahren an einer Kaserne entlang. Vor dem Kasernentor sehe ich ein Auto von rechts kommen und erwarte, dass es anhält. Langsam rollt es auf die Kreuzung zu uns beschleunigt in dem Moment, als wir an ihm vorbei wollen. Der Taxifahrer bremst scharf, Reifen quietschen und wir knallen frontal in die Seite des anderen Wagens. Ich höre noch, wie der Taxifahrer „Idiota“ ruft und sehe wie er wie ein Blitz aus dem Auto springt. Während draußen heftig diskutiert wird, holen wir beide erst einmal tief Luft. Mangels Gurt sind wir hinten auf der Rückbank nicht angeschnallt und rutschen bei dem Aufprall nach vorne. Vielleicht, weil ich den Unfall habe kommen sehen und mich in Sekundenbruchteilen auf den Aufprall vorbereiten konnte, oder vielleicht, weil ich einfach nur Glück hatte, passiert mir rein gar nichts. Moni hingegen schaute während des Unfalls aus dem Seitenfenster und knallte mit dem Kiefer gegen die Kopfstütze des Fahrersitzes. Sichtbare Schäden haben wir nicht davon getragen bis auf eine leicht gerötete Wange und einem kleinen Schock bei Moni, doch kann man sicher sein?
Oder anders gefragt: Interessiert sich irgendjemand für unseren Zustand? Mit dieser Frage steige ich aus und blaffe die beiden Streithähne an da draußen an, ob es interessieren würden, dass einer von uns eventuell verletzt sei. Mit großen Kulleraugen schauen sie mich an, ganz nach dem Motto: „Oh, da ist noch jemand“, und als Konsequenz einigt man sich darauf, erst einmal die Kreuzung frei zu machen. Doch nein, weder Monis Gesundheitszustand ist interessant, noch wird einfach nur die Kreuzung frei geräumt. Ich solle doch auch wieder einsteigen, der Fahrt geht weiter. Das realisierte ich jedoch erst, als ich im Wagen saß und der Kutscher tatsächlich mit dem kaputten Auto weiter fährt, als sei nichts gewesen. Jetzt wird es mir aber endgültig zuviel. Ich schimpfe wie ein Rohrspatz, während der Fahrer lustig lächelt und uns noch den letzten Kilometer bis zum Flughafen bringt. Da wären wir und wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen, die Versicherung zahlt sein Auto, war sein Kommentar. Ich versuche ihm begreiflich zu machen, dass mir sein Auto völlig egal ist und wir nicht wissen, ob die junge Frau, die hinter ihm sitzt und sich die schmerzende Wange hält, nicht viel mehr verletzt ist, als es aussieht. Und das solle doch wohl mal untersucht werden und der Verursacher möge sich doch bitte nicht der Verantwortung entziehen. Je mehr ich schimpfe umso weniger lächelt er und wird immer kleiner in seinem Sitz, weil ihm wohl endlich klar wird, dass ich es ernst meine. Er hat zwar keine Schuld an dem Unfall, doch der Gesundheitszustand seiner Fahrgäste scheint ihm herzlich egal zu sein. So fordern wir ihn auf, zurück zu der Kaserne zu fahren, wo der Mann ja wohl offensichtlich hin wollte und ihn zur Rede zu stellen. Am Kasernentor öffnet sich sehr schnell die Schranke und der Fahrer wurde zu einem wichtig aussehenden Gebäude gebracht. Ich stürme bei meinem persönlichen Angriff auf die argentinische Armee hinein und lasse mir den Unfallbeteiligten holen während der Taxifahrer zwar aussteigt aber vor dem Gebäude mit hängendem Kopf wartet. In meiner Wut nehme ich an, dass es ihm gleichgültig ist, was sich abspielt, doch Moni bringt mich später darauf, dass er sich nicht traute, mir zu folgen, womit sie wohl eher richtig liegt. Immerhin lässt das Alter des Fahrers darauf schließen, dass er die weniger schöne Zeit seines Landes mitmachen musste und man weiß ja nicht, was er für Erfahrungen mit der Armee während der Militärdiktatur machen musste. Ich für meinen Teil lege mich, den Schulterklappen nach zu urteilen, mit drei hohen Offizieren an und erwarte, dass der Unfallverursacher sich bekennt und dafür sorgt, dass Moni untersucht wird. Alles in allem eskaliert der Streit und man zeigt die kalte Schulter. Mit derselben zuckt man nur gleichgültig, als ich frage, was bei einer schweren Verletzung oder sogar im Todesfall passiert wäre.
Gegen soviel Ignoranz ist einfach nicht anzukommen, daher verlassen wir verärgert das Schlachtfeld und fahren wir wie geplant zum Flughafen. Der Fahrer entschuldigt sich beim Abschied aber ich versuche ihm zu verstehen zu geben, dass wir nicht auf ihn böse sind. Der arme Kerl kann ja nun wirklich nichts dafür. Und weil er in Gedanken neben seinem kaputten Auto auch schon das Geld abgeschrieben haben wird, dass wir ihm schuldig waren, gaben wir ihm natürlich nicht nur dieses, sondern auch noch ein entsprechendes Trinkgeld.
Moni geht es zwar schon besser, ist aber immer noch etwas beduselt. So beschließen wir, sicherheitshalber den Flughafenarzt aufzusuchen. Der junge Assistent öffnet uns die Tür zu einem kleinen Untersuchungszimmer und informiert die ebenfalls sehr junge Ärztin im Nebenzimmer. Dabei kann ich einen kurzen Blick in die zwei mal zwei Meter große Kammer werfen, wo sich eigentlich nur eine Matratze befindet, von der die Medizinerin gerade auf steht. In Gedanken malen wir uns aus, was die beiden wohl vor unserer Ankunft in dem abgeschlossenen Raum gemacht haben, immerhin dauerte es recht lang, bis uns geöffnet wurde. Die Ärztin glaubt zwar nicht, dass Moni etwas Schlimmes davon getragen hat, empfiehlt jedoch zur Sicherheit zu röntgen. Auf die Frage, wie alt bzw. modern denn die Gerätschaften seien, schaute sie etwas entschuldigend, worauf Moni dann lieber auf die Röntgenstrahlung verzichtete
Nachdem man ihr noch ein paar Tabletten in die Hand drückt, marschieren wir geradewegs zum Autovermieter, wo wir wieder einen VW Gol bekommen. Dieser war fast neu und erstrahlte in seinem weißen Lack. Zumindest letzteres sollte er nicht mehr lange tun.
Mit einem unbehaglichen Gefühl fahren wir an der Kaseren und dem Unfallort vorbei, wo noch zahlreiche Scherben und ein paar Plastikteile von dem Vorfall zeugen, durchqueren Commodora Rivadavia und machen uns auf den Weg nach Westen. Unser Ziel soll das 400 km entfernte Perito Moreno sein, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Gletscher, den wir ja schon besichtigten.
Laut unserer Karte soll es auf der Ruta 26 drei kleine, schotterige Abzweigungen nach Süden geben. Die letzte von ihnen finden wir und nach wenigen Kilometern erreichen wir das, was auf derselben Karte als die Ortschaft „Holdich“ eingetragen ist. Erst sind wir uns nicht ganz sicher, aber die Entfernung und eine zweite Straße lassen keinen Zweifel aufkommen, dieses ist Holdich. Allerdings besteht es nur noch aus einer einzigen Ruine, mehr nicht.
Wir fahren weiter auf der Schotterpiste durch die einsame Landschaft, die auch hier wieder eingezäunt ist. Nur zweimal überholen uns Fahrzeuge und nur einmal kommt uns eines entgegen. Dabei handelt es sich immer wieder um Geländefahrzeuge, die natürlich viel besser durch die tiefen Schlammpfützen fahren können, als wir. Für die 100 km benötigen wir rund zweieinhalb Stunden und fahren oftmals um den tiefen, mit Wasser gefüllten Schlaglöchern auszuweichen. Mal auf der rechten, mal auf der linken Spur, wenn man überhaupt von zwei Spuren reden kann. Stellenweise gibt es nur Schlamm, der von zwei Reifenspuren geteilt ist. Dummerweise sind diese schon so tief, dass wir öfter mit dem Fahrzeug in der Mitte der Straße aufsetzen.
Nichtsdestotrotz kommen wir in Los Herros an und düsen schließlich über die asphaltierte Ruta 43 nach Perito Moreno. Die Fahrt sieht dabei so aus, dass wir alle paar Minuten 10 km mehr auf dem Tacho haben und dann eine leichte Kurve machen müssen, bis es wieder zehn oder 15 Kilometer geradeaus geht – bis zur nächsten Kurve. An Hand dieses Maßstabes rechnen wir aus, oder besser gesagt, schätzen wir, dass wir in dieser weiten Landschaft bis zu 50 oder 60 km weit schauen können bzw. sich in ungefähr dieser Entfernung die Hügel am Horizont befinden. Und dazwischen ist nichts außer Steppe, natürlich im Privatbesitz. Merkwürdig ist dieses Gefühl erst recht, als wir das mit deutschen Entfernungen zu vergleichen versuchen. Würden wir also in der Essener Stadtmitte stehen, könnten wir problemlos den Kölner Dom erkennen und in dieser weiten Ebene vor unseren Füßen, läge also Düsseldorf, Ratingen und Teile Leverkusens, durchzogen vom Rhein. Dieser Gedanke ist schon faszinierend.
Perito Moreno ist relativ enttäuschend. Es gibt mehrere Hotels und sogar einen Campingplatz, der Grund hierfür ist uns nicht ganz klar. Erstaunt sind wir, dass die Touristeninformation besetzt ist, obwohl überhaupt keine Saison ist. Dennoch beschließen wir, heute schon zu Los Antiguos weiter zu fahren, ebenfalls ein Touristenörtchen am zweitgrößten See Südamerikas, direkt an der Grenze zu Chile. Schnell düsen wir über die leere Straße und stehen dann an einer dieser stationären Polizeikontrollen. Als wir den Wagen beim Autovermieter bekamen, fragte ich vorsorglich, was denn bei so einer Kontrolle zu tun sei. Der Vermieter erklärte, man müsse bloß den Pass und die Papiere zeigen. Welchen Sinn diese Kontrollen denn haben, fragte ich auch. Doch darauf konnte er keine Antwort geben. Verlegen meinte er nach kurzem Schweigen: „Na, Kontrolle eben.“
HERR PROFESSOR? Bei diesem Kontrollpunkt, an dem wir stehen, muss man dazu erwähnen, dass dahinter nur noch der Ort kommt und direkt dahinter wiederum die Grenze zu Chile verläuft, wo sowieso Kontrollen stattfinden. Wie bereits an anderer Stelle erwähnt: Ich finde das suspekt.
Eine breite stämmige Frau in Uniform kommt aus dem Häuschen und fordert mit lauter Stimmer, die durch die Andentäler schallt, den Pass herbei. Scheinbar endlos lange blättert sie durch den Pass und schaut sich dabei immer wieder das russische Visum vom letzten Jahr an. Währenddessen fragt sie mich nach meinem Beruf und durch irgendwelche sprachlichen Missverständnisse hält sie mich plötzlich für einen Professor. Nicht nur für irgendeinen, sondern für einen aus dem fernen Russland. Das Visum mit dem glänzenden Hologramm macht bei ihr solch einen Eindruck, dass sie gar nicht bemerkt, dass es sich um einen deutschen Pass handelt. Während sie also dem russischen Professor, der vor kurzem noch ein Albaner war, den Pass zurück gibt, lacht sich Moni auf dem Beifahrersitz halbtot.
Wir fahren in den kleinen Ort hinein und steuern die Touristeninformation. Sehr freundlich erklärt man uns sämtliche Sehenswürdigkeiten der Stadt als da wären: der Stadtpark, eine kleine Aussichtsplattfo rm und eine Stelle am See, an der man angeln kann.
Wir nehmen uns ein Hotelzimmer, das uns auf den ersten Blick überteuert vorkommt und steuern die Sehenswürdigkeiten an. Die Aussichtsplattform befindet sich an einem Hang, den man auch ohne Plattform betreten kann und gibt einen Blick auf die verschlafene Ortschaft und die dahinter liegenden Anden frei. Der Stadtwald ist ein Gestrüpp aus verdorrtem und undurchdringlichem Holz und sieht wenig einladend aus und den Anglerpark finden wir schlicht und einfach nicht. Da wir mit dem Leihwagen nicht über die Grenze fahren dürfen, haben wir somit auch keine Möglichkeit ein chilenisches Pingufoto zu machen, denn die beiden Kontrollpunkte sind vermutlich viel zu weit auseinander und von einer hohen Gebirgskette unterbrochen, zu Fuß gehen also unmöglich. Nach den Enttäuschungen gehen wir ins Zimmer zurück und bemerken auch auf dem zweiten Blick, dass dieser Hotelpreis nicht gerechtfertigt ist. Da wir sowieso keine große Lust mehr haben, zu bleiben, lassen wir uns das Geld zurück geben und fahren mit der untergehenden Sonne im Rücken zurück nach Perito Moreno, wo wir ein wesentlich besseres Zimmer für weniger Geld finden. Außerdem sind wir so schon direkt näher an der Ruta 40, die wir am nächsten Tag in aller Früh aufsuchen wollen. Doch erst einmal heißt es nach diesem langen Tag voller Aufregung schlafen gehen.
Dabei sprechen wir abends noch einmal über den Unfall vom Vormittag und der anschließenden Diskussion mit dem Militär. Aus Rache beschließen wir, dass von nun an die Falklandinseln zu Großbritannien gehören sollen. 1982 überfiel Argentinien die Inseln, die unter englischer Flagge stehen. So kam es zum Falklandkrieg, bei rund 1.000 Menschen ums Leben kamen. Argentinien verlor zwar die Auseinandersetzung, beansprucht aber bis heute die Inseln für sich. Aufgefallen ist uns das zum ersten Mal in Ushuaia, wo riesige Autoaufkleber auf den Heckscheiben prangen und die Aufschrift tragen: 25 Jahre Las Malvinas. Mit Las Malvinas sind eben diese Falklandinseln gemeint und jedes Jahr wird feierlich erklärt, dass die paar Felsbrocken im Südatlantik zu Argentinien gehören. So wundert es nicht, dass auf argentinischen Landkarten hinter Las Malvinas immer ein (Arg.) angefügt ist während auf unseren Weltkarten die Falklandinseln mit einem UK gekennzeichnet sind. So funktioniert also Propaganda, mich würde interessieren, wie viele Argentinier eigentlich den Ausdruck Falkland-Insel kennen und wie viele eigentlich wissen, dass dieses Eiland eben nicht zu Argentinien gehört. Nicht selten sieht man auch Denkmäler, die an den Falklandkrieg erinnern. Allerdings wecken diese den Eindruck, als wären die Südamerikaner das Opfer gewesen und angegriffen worden. Wir zumindest haben durch das Verhalten der Armeeangehörigen bei dem Autounfall nun Partei ergriffen und erklären bei jeder sich bietenden Gelegenheit leise, dass „Las Malvinas britisch“ sei. So, das habt ihr Argentinier jetzt davon…
Am nächsten Morgen scheint die Sonne über der Prärie, wo sich ein nur noch halbwegs weißer VW Gol mit rund 160 km/h im Landeanflug auf Argentiniens Schlammpfützen befindet. 45 Kilometer geht es von Perito Moreno in südliche Richtung auf einer nagelneuen Asphaltstraße auf der uns kein einziges Auto entgegen kommt. Nach ca. 20 Minuten ist Schluss mit der Straße und diesem Tempo, d.h. die Straße gibt es weiterhin, doch sie sieht nun aus wie eine Panzerspur auf einem Truppenübungsplatz. Die Ruta 40 ist in Bau und ab hier sieht man, verhältnismäßig oft sogar, Bauarbeiter oder Baumaschinen. Doch die Straße selbst besteht aus zwei tiefen Fahrrinnen, Schlamm, Schlaglöchern, tiefen unausweichlichen Pfützen, Schotter, Staub. Sie besteht einfach aus allem, was für einen kleinen Pkw nicht bekömmlich ist und gerade deswegen macht es uns Spaß, hier entlang zu fahren. Auf festem Untergrund und geraden Abschnitten sind sogar gelegentlich 80 km/h möglich, aber meist fahren wir langsam, genießen dabei die Landschaft, die hier wesentlich schöner ist als im Osten und dabei noch nicht einmal eingezäunt – zumindest nicht immer. Das bedeutet, wir können sogar mal aussteigen und durch die Landschaft wandeln. Wir erklimmen einen Hügel und sehen den Wagen nur noch als kleinen, hellen Punkt in der Weite Patagoniens. An einer anderen Stelle bitte ich Moni, an der Straße zu stehen und zu filmen, wie ich auf einer kleineren Piste weiter unterhalb durch die Landschaft düse. Wie ein Regisseur zeige ich auf eine Stelle, die nicht so weit weg ist und sage: „Bis da vorne fahre ich und wende dann.“. Was so aussieht wie ein kurzes Stück ist mal eben 2 km lang und Moni kann mich im Display der Kamera schon nicht mehr ausfindig machen. Wir lachen, denn wenn dieses „da vorne“ mit den Händen scheinbar greifbar ist und es sich dennoch um 2 km handelt, wie weit sind dann wohl die Anden noch weg, die sich weit hinten am Horizont gen Himmel strecken?
Die Weite dieser Landschaft ist kaum vorstellbar und so düsen wir weitere 60 km über die Piste. Eigentlich wollen wir zur Höhle mit den Handabdrücken, doch auf der kleinen Straße, die von der Ruta 40 in den Canyon abzweigt, hängt eine Art Absperrband. Wir sind uns nicht sicher, ob wir es herunter drücken und drüber fahren sollen oder dürfen, sehen aber an Hand mehrerer Reifenspuren, dass wir nicht die einzigen sind, die an dieser Stelle gewendet haben.
Nur 4 km entfernt befindet sich eine kleine Siedlung, von Dorf zu reden wäre übertrieben, die an die apokalyptischen Mad-Max-Filme erinnert, wo sich jedoch auch ein kleines Motel befindet. Der Besitzer meint zwar, dass wir auf der Straße richtig wären, aber mir ist nicht ganz klar, ob er was von dem Absperrband weiß. Wir beschließen die Angelegenheit sein zu lassen, besonders weil wir heute noch nach Puerto Deseado zurück an die Küste möchten. Daher gebe ich Moni noch ein paar Fahrstunden, die sich ohne Führerschein auf der Schlammpiste wacker schlägt. Später steuere ich das Auto gemütlich wieder Richtung Norden zur Asphaltstrecke, lasse dabei keine Pfütze aus und am Ende der Tour sieht der Wagen aus, als hätten wir ihn aus einem Tümpel gezogen. Bis zum Dach ist der Wagen nicht mehr weiß, sondern schlammbraun. Fenster, Scheinwerfer, Rückspiegel, einfach alles ist zugespritzt und es ist nicht mehr möglich durch das Beifahrerfenster zu schauen. In Perito Moreno wollen wir tanken und als zwei junge Angestellte zum Scheibenputzen kommen, staunen sie nicht schlecht. Fast eine Viertelstunde putzen und waschen sie die Scheiben sauber, was mir ein wenig unangenehm ist, doof daneben zu stehen. So etwas mache ich eigentlich lieber selber, na ja, dafür hatten sie aber ein Trinkgeld verdient.
Wir machen uns auf dem selben Weg zurück, wie wir am Vortag gekommen sind und fahren durch die Ölförderanlagen des Landes. Zahlreiche Ölpumpen sind über viele Kilometer hinweg zu sehen und ständig patrouillieren schwere Pick-Ups der Ölgesellschaft im Schleichtempo auf der Straße. Wir passieren nochmals Las Herras, wo sich am Stadtrand ein ganz besonderes Feld auftut. Dort wachsen über mehrere hundert Quadratmeter hinwweg an den kleinen vertrockneten, Steppenpflanzen bunte Platsiktüten. Dummerweise ist dies nicht die Müllhalde der Stadt, denn die sahen wir bereits am Vortag am anderen Ende der Stadt vor sich hinkokeln. Nein, bei diesem Fels handelt es sich einfach um ein Trauerspiel. Die Menschen auf der Straßenseite gegenüber kümmert es schlicht nicht, dass dort die verloren gegangen oder weg geschmissenen Plastiktüten vom Wind hingetragen werden in den Sträuchern hängen bleiben. Uns fehlt das Verständnis, wie es dazu kommen kann und warum das Land nicht sauber gehalten wird. Dafür wird kein Geld benötigt, lediglich ein bisschen Bedürfnis nach Schönheit.
So fahren wir weiter durch die abstoßenden Ölförderanlagen auf die wir aber angewiesen sind. Denn ohne Öl kein Benzin und ohne Benzin keine Fahrt zur Küste, wo wir doch hoffentlich auf die Pinguine treffen. Fitz Roy, das an der Ruta 3 liegt, ist auf unserer Karte als mittelmäßig großer Ort eingetragen und so erhoffen wir uns, dass dort das geförderte Öl als Benzin verkauft wird. Dummerweise gibt es in dem „mittelmäßig großen“ Fitz Roy mit seinen zehn Häusern aber keine Tankstelle und so bleibt uns nichts anderes übrig, als einfach weiter zu fahren. Immerhin ist der Tank ja noch zu einem Viertel gefüllt und es sind ja nur noch 100 Kilometer bis Puerto Deseado. Wir biegen von der Ruta 3 ab und fahren auf einer schnurgeraden Straße spritschonend Richtung Küste. Um uns herum nichts, rein gar nichts. Nur flache Landschaft, in denen flach auf dem Boden ein paar Steppensträucher wachsen, sonst nichts. Es dauert nicht lange, bis die Tanknadel ihre Unzuverlässigkeit präsentiert und plötzlich nach unten sinkt. Noch 70 Kilometer und die Nadel zeigt auf den letzten Strich, noch 60 Kilometer und die Warnlampe leuchtet auf, noch 50 Kilometer und die Nadel ist bereits unter dem letzten Strich, noch 40 Kilometer und es taucht rechts eine Art Bauhof auf. Wir halten dort an und sehen drei junge Männer an einem Lkw. Wir erklären kurz unser Problem und sie verstehen sofort. Schnell waren wir uns einig, dass wir einen 5-Liter-Kanister für umgerechnet 5 Euro bekommen. Alle sind zufrieden. Wir haben Benzin in unserer Notlage, dass immer noch günstiger wäre, als bei uns in Deutschland und die Jungs haben etwas verdient, da sie das Benzin für das Doppelte des Tankstellenpreises verkaufen können. Das ist uns aber ziemlich egal, denn bis zu unserem Zielort können wir es sonst nicht mehr schaffen. Andererseits würde ich in Deutschland nicht versuchen, Profit daraus zu schlagen, sondern einfach nur helfen – aber was soll’s…
Sie stellen uns den Kanister ins Auto und bieten uns, noch einen Kilometer weiter zu fahren, damit ihr Chef nichts von dem illegalen Einkommen mitbekommt. Gesagt, getan und so kippen wir an der einsamen Straße das Zeug durch eine Rolle Zeitungspapier in den Tank. Wir müssen nicht erwähnen, dass wir den leeren, stinkenden alten Kanister nicht einfach stehen ließen, sondern in an der nächsten Tankstelle ordentlich entsorgt haben. Aber wir konnten uns gut vorstellen, wie Einheimische damit umgegangen wären…
Nach dem regulären Tanken in Puerto Deseado finden wir nach langem Suchen ein nettes, kleines Hotel, gehen einkaufen und suchen das Internet auf. Mit unseren drei Plastiktüten voll mit Cola, Gebäckteilchen und Schokolade kehren wir frohgelaunt zum Hotel zurück und werden von dem schmächtigen Besitzer beim Betreten sofort angeherrscht, was sich denn in den Tüten befinde. Völlig überrascht und verblüfft antworten wir wahrheitsgemäß, was den Besitzer sichtlich aufatmen ließ und dazu veranlasste und auch wirklich den Zimmerschlüssel zu geben. Der Terrorverdacht konnte also ausgeräumt werden, oder was? Nein, er zeigt auf ein Alkoholverbotsschild das für das ganze Haus gilt, doch nachher ärgern wir uns schon ein wenig, weil es ihn ja nichts angeht. Weder, was wir in den Taschen haben, noch was wir auf dem Zimmer privat für uns trinken. Vielleicht mögen wir ja abends ein gemütliches Bier oder Glas Wein zu uns nehmen. Merkwürdige Sitten, denken wir uns, in anderen Hotels gibt es sogar Minibars.
Tags darauf starten wir einen neuen Versuch, Pinguine zu Gesicht zu bekommen. Die Touristeninformation Ist noch geschlossen, was uns der dazugehörige Wachhund deutlich erklärt. Nur ein schneller Sprung zurück ins Auto rettet uns vor den Zähnen des kläffenden Köters. Wir suchen zunächst einmal eine Autowäscherei auf, weil wir den Wagen dann doch lieber nicht in diesem Zustand zurück geben wollen.
Dabei treffen wir im Hafenkai auf zwei Frauen, die mit einem Fernglas die Küste absuchen. Wir kommen ins Gespräch und sie erklären, dass sie nach den ersten Pinguinen Ausschau halten. Sie seien sich nicht sicher, aber es könnte sein, dass auf einer kleinen Insel im Rio Deseado fünf Kilometer landeinwärts Pinguien sein könnten. Natürlich hält uns nach dieser Aussage nichts mehr auf und wir sausen über eine Schotterpiste am Fluss entlang. Sollte es wirklich soweit sein? Können wir unsere ersten Pinguine sehen? Einfach so, zwischen Frühstück und Wagenwäsche? Wir kommen zu einem Aussichtspunkt, halten an, machen den Motor aus und genießen die Ruhe. Tatsächlich ist vor unseren Augen im schmalen Flussbett eine kleine Insel, fast nur eine Sandbank. Wir befinden uns auf einer leichten Anhöhe und das Flussufer ist rund 600 Meter von uns entfernt. Dementsprechend weiter von uns entfernt ist die kleine Insel und es ist schwer auszumachen, was sich da auf dem Sand bewegt. Sind es vielleicht nur Möwen, wie man sie hier zu Hunderten sieht? Mit der Kamera zoome ich das Geschehen heran und halte diesen möglicherweise historischen Augenblick fest, aber die Insel ist einfach zu weit weg und so ist auf dem Bild nur ein kleiner schwarzer Pixelpunkt. Selbst durch das Fernglas kann ich nur Vermutungen anstellen. Doch eines dieser Tiere hat ein Einsehen mit mir und watschelt so herrlich über den Sandstrand, dass sein weißer Bauch hin- und herwackelt und ein Zweifel nicht mehr möglich ist. Ich hopse vor Freude auf meinem Sitz, ein wahrhaftig historischer Moment: Pinguine! Echte frei lebende Pinguine. Noch nicht einmal an der Meeresküste, sondern ein Stück landeinwärts auf einer kleinen Flussinsel. In Gedanken baue ich schon eine künstliche Insel in der Ruhe, um dort Magellanpinguine anzusiedeln. Endlich haben wir unser Ziel erreicht. Zumindest so halbwegs, jetzt müssen wir nur noch näher dran und das was hier an dieser Stelle völlig ausgeschlossen. Wir starten den Motor und fahren zu „Darwins Expedition“, einem Restaurant, das auch Bootstouren zu Flora und Fauna anbietet. Doch wir müssten das gesamte Boot anmieten, da wir momentan die einzigen Touristen sind. Als Gegenleistung hätten wir die Tiere dann aber nur unter Zeitdruck vom Schiff aus gesehen um schnell wieder andere Tiere zu beobachten, die wir schon hatten und nicht interessieren. Nein, das wollen wir uns nur für den Notfall lassen, falls es wirklich keine andere Möglichkeit gibt.
Unter größter Vorsicht vor dem Wachhund starten wir einen zweiten Versuch, die Touristeninformation aufzusuchen. Dort ist man wieder einmal sehr nett und macht sich sogar die Mühe im Reservat Punta Tombo anzurufen, ob dieses nun geöffnet ist. Die Antwort stimmt uns noch fröhlicher: „Ja, die ersten Pinguine sind auch bereits eingetroffen.“
Mensch, was freuen wir uns. Unser Ziel ist nun klar. Wir verlassen Puerto Deseado und fahren schnurstracks nach Commodoro Rivadavia zurück, wo wir den Wagen abgeben müssen. Auf dem Weg dorthin halten wir noch an verschiedenen Küstenabschnitten an, doch auch die Strände und Küsten können uns nicht so recht davon überzeugen, dass Südamerika schön ist. Vielleicht haben wir in den letzten Jahren schon so viele andere Dinge auf der Welt gesehen und mit Skandinavien und dem Baltikum auch unsere Lieblingsreiseregion bereits gefunden. Fest steht nur, dass wir uns nicht so recht wohl fühlen, mit dem was wir vorfinden. Irgendwie fehlt dieses gewisse Etwas. Einen kurzen Blick in den angeblich südlichsten Badeort der Welt, Rada Tilly, werfen wir auch noch, doch auch hier gilt: Nicht für uns erschaffen. In Commodoro Rivadavia haben wir leichte Schwierigkeiten, ein Hotel zu finden, das anscheinend alles belegt ist und so befürchten wir schon, uns in ein 4-Sterne-Hotel einquartieren zu müssen. Doch im letzten Augenblick sehe ich dann doch noch eine günstigere Möglichkeit. Wir geben den Wagen ab und holen uns Tickets für die Busreise. Eine Fahrt zu unseren Fahrrädern und zu den Pinguinen.
Zweieinhalb DVD-Filme und ein Frühstück später erreichen wir am nächsten Mittag Puerto Madryn, wo wir unsere Räder und unser restliches Gepäck unversehrt und vollständig in Empfang nehmen können. Wir quartieren und für mehrere Tage ein, besorgen Erste-Klasse-Tickets für unsere letzte Busfahrt und mieten erneut einen VW Gol.
PINGUINE Eines Morgens ist es dann soweit. Wie setzen uns ins Auto und fahren ein letztes Mal in Richtung Süden. Dabei durchqueren wir Trelew und der Ärger, den wir hatten, weil wir uns dort wegen fehlender Beschilderung ständig verfuhren, ist verflogen, als wir nach einer langen, staubigen Straße den Parkplatz des Reservats Punta Tombo erreichen.
Tja, was soll ich sagen? Pinguine!!! In echt und in schwarz-weiß. Wir bezahlen den Eintritt, gehen durch das Tor und bemerken sofort rechts und links die vielen kleinen Höhlen, vor denen teilweise viel Vogelmist ist. Und wie zur Begrüßung kommen uns auf dem Hauptweg direkt mal zwei Pinguine entgegen. Ich bin in meinem Element, endlich sind wir da. Vergessen die lange Radtour durch Europa, das ständige Schaukeln des Schiffes, die piksende Sonne in den Tropen, die ewig lange Busfahrt durch den brasilianischen Regenwald oder was davon übrig blieb, abgehakt die vielen Tausend Buskilometer Argentiniens, überstanden der Unfall im Taxi – all das nur für diesen einen Augenblick: Der Begegnung mit schwarz-weißen watschelnden Vögeln, die nicht fliegen können. Punta Tombo ist ein großes Areal, zu dem die Pinguine Jahr für Jahr wieder kehren um ihren Nachwuchs auf die Welt und ins Wasser zu bringen. Viele von ihnen benutzen sogar die selbe Höhle, die sich im Vorjahr hatten. Jetzt um diese Zeit ist es noch nicht so voll, einige Hundert, vielleicht auch wenige Tausend werden es wohl sein. Mit einer halben Million muss man aber in Spitzenzeiten rechnen. Ebenso stellen wir fest, dass der Parkplatz voll ist. Ich frage einen der Ranger, ob es zum Schutz der Tiere denn eine Höchstgrenze an täglichen Besuchern gibt, doch er muss leider verneinen.
Wir gehen auf dem eigens angelegten Weg, den natürlich auch die Pinguine kreuzen, denn für ihre Größe gehen sie auch verhältnismäßig weit ins Land hinein. Alles kommt uns irgendwie vor wie ein kleine Campingplatz für Pinguine. Jedes Tier scheint seine Parzelle zu haben und bewacht diese oder schläft in der Höhle oder kommt von der Küste her hochgewatschelt.
Ich mache über 300 Bilder und ein paar Videos mit der digitalen Kamera und verschieße zur Sicherheit auch noch vier Diafilme. Pinguine von vorne, von hinten, im Liegen, im Stehen, im Putzen, im Laufen, Pinguine von oben und auch Pinguine von unten, indem ich vor ihre Füße werfe. Neugierig schauen sie mich an und drehen ihren Kopf so, dass sie mich erkennen können. Drehe ich meinen Kopf als Antwort, so drehen sie ihren wieder anders herum. Diesen Tanz kann man einige Zeit machen. Doch dann kommt die Herausforderung, die Pinguine sind zwar Menschen anscheinend gewöhnt und fauchen bzw. schnappen erst nach einem, wenn man definitiv zu nah ist, aber wie reagieren sie auf einen Stoffpinguin, der ein klein wenig höher und doppelt so breit gewachsen ist, wie sie? Sie schauen völlig interessiert. Der Mensch, der den Stoffpinguin dort hinstellt, ist plötzlich egal. Die Blicke sind auf Pingu gerichtet, als würden sie wirklich einen ihrer Art vor sich haben. Da ich die Tiere aber nicht verstören will, mache ich schnell ein Foto und wir packen Pingu wieder in die Fahrradpacktasche. Diese hat im Übrigen die gleichen Ausmaße wie Pingu und ist komplett schwarz, ist aber für die Pinguine völlig uninteressant. Bei diesem stundenlangen Spaziergang werden wir aber auch Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen zwei Pinguinen. Wahrscheinlich geht es um den Besitzanspruch einer Höhle bzw. einer Parzelle. Dabei schlagen sie sich mit ihren kleinen Flügeln, die laut auf den Kopf den Körper des anderen klatschen. Der blutigste muss schließlich niedergeschlagen das Feld räumen und watschelt langsam wieder zur Küste. Auch dieses Verhalten erinnert irgendwie an einen überfüllten Campingplatz.
Nachdem ich nun alle Pinguinen einen Namen gab mich bei jedem einzelnen höflich persönlich vorstelle, heißt es Abschied nehmen. Keines der Tier war aber von meiner Idee zu überzeugen, mit uns auf die Nordhalbkugel zu fahren – schade.
Als wir wieder im Auto sitzen, ist mein erster Kommentar: „So, und jetzt zu den Eisbären.“
Am nächsten Tag bereiten wir uns auf unsere letzte Busreise vor. Wir bringen die Fahrräder mit einem Großteil des Gepäcks und einem Haufen Pappkartons zum Busbahnhof von Puerto Madryn. Da wir dort ja so gute Freunde wie die Putzfrau, den Toilettenmann und die Zöllner besitzen, schrauben wir die Räder sicherheitshalber unter dem Vordach des Gebäudes auseinander und packen sie ordentlich in die Kartons. Wir haben die Räder zwar nur bis dahin geschoben, doch da wir je trotzdem mit den Fahrrädern unterwegs sind, muss es ja unbedingt regnen. Es regnete auf der gesamten Reise eigentlich immer nur, wenn wir die Lenker in der Hand hatten.
Die ganze Prozedur inklusive der Gepäckabgabe an dem einen Schalter, dem Bezahlen an dem anderen dauert rund zweieinhalb Stunden. Doch nun werden die Räder in einem Frachtbus der Gesellschaft Andesmar transportiert, während wir 24 Stunden später mit derselben Gesellschaft nach Buenos Aires reisen werden. Mit Andesmar sind wir bereits gefahren und das Unternehmen machte einen guten Eindruck auf uns. Zweifel ob alles klappt, bleiben dennoch bestehen.
Abends hören wir noch ein kleines Feuerwerk, das wohl wegen eines Wahlausganges statt findet. Wegen dieser Wahl waren nämlich die letzten drei Tage in den Supermärkten die Alkoholregale zugeklebt. Es herrschte Verkaufsverbot von alkoholischen Getränken.
In der Nacht, gegen halb eins, werden wir unsanft durch eine Kriegssirene aus dem Bett gerissen. Werden schon wieder die Falklandinseln angegriffen? Nein, ein Hostelmitarbeiter erklärt, dass es die Sirene für die Feuerwehr sei.
Am nächsten Morgen zahlen wir und gehen mit unserem Restgepäck zum Busbahnhof. Dort flimmert natürlich wieder ein Fernseher und wir sehen, wie von einem Busunfall auf der Ruta 3 berichtet wird. Es gab 5 Tote und mehrere Verletzte. Doch die Ruta 3 ist rund 3.000 km lang und wir verstehen nicht, wo das gewesen sein soll. Das kann ja weit weg sein. Trotzdem ist man dann etwas beunruhigt und hofft, dass alles gut geht. Wir steigen in das Untergeschoss des Busses wo es nur sechs Sitze gibt. Drei davon bleiben leer, so dass wir nur einen Mitpassagier haben, mit dem wir ins Gespräch kommen und der uns beim Bingospielen hilft, weil wir die spanischen Zahlen nicht so gut verstehen. Lange fahren wir nicht, vielleicht eine halbe Stunde, als wir draußen an den Straßenrändern allerlei Zeug herumliegen sehen. Von Plastikbechern über Kleidung bis hin zu Sitzen aus einem Reisebus. Der Unfall war also nicht irgendwo, er war nur 40 km außerhalb der Stadt. Daher auch die Sirene in der Nacht. Später lesen wir im Internet, dass die Verletzten hauptsächlich in das Krankenhaus von Puerto Madryn eingeliefert wurden. Der Unfall geschah bei einem Überholvorgang des Busses, als dieser den überholten Lkw mit der Seite berührte.
Beim Anblick der Unfallstelle kommt ein mulmiges Gefühl auf und wir versuchen uns mit dem leckeren Essen und den drei Filmen, die auf dem Flachbildfernseher laufen, abzulenken. In der Dunkelheit können wir unsere Ledersitze in Liegen mit 180°-Winkel verwandeln. Eingekuschelt in die Decken, lassen wir uns gemütlich und luxuriös in die Hauptstadt Buenos Aires bringen.
Frühmorgens kommen wir an dem riesengroßen Busbahnhof an, den wir ja bereits kennen. Ein wenig müssen wir noch warten, bis der Gepäckschalter, irgendwo in der hintersten Ecke des Kellers versteckt, öffnet aber dann können wir abermals unsere gesamten Sachen in Empfang nehmen. Und wieder fehlt nichts oder ist kaputt gegangen.
Mittlerweile sind wir sehr darin geübt, unsere Taschen und Räder von Kartons zu befreien und daher dauert der gesamte Vorgang mittlerweile nur noch 20 Minuten, inklusive dem Bepacken der Räder. Ein kleines Weihnachtsgefühl kommt schon dabei auf, doch wir wussten ja, was sich in den „Geschenken“ befindet.
GROß UND DRECKIG: BUENOS AIRES Wir schieben die Räder aus dem Bahnhof heraus und sind mitten in der lauten, hektischen und schmutzigen Hauptstadt Argentiniens. Durch Menschenmassen hindurch zwängen wir unsere Räder Richtung Zentrum. Zum Fahren ist uns das Ganze dann doch zu heikel. Wir staunen, dass die Menschen teilweise in Fünfer- oder Sechserreihen hintereinander anstehen, um auf die grüne Ampel zu warten. In der Breite bestand die Menschentraube natürlich aus 20 oder mehr Personen. An einer Kreuzung sehen wir, wir junge Leute mit Werbetafeln auf die Straße springen, wenn der Autoverkehr Rot hat und diese Tafeln den Autofahrern quasi vor die Nase halten. Gleichzeitig spricht uns ein Geschäftsmann an und erklärt uns mit einem augenzwinkernden Lachen, dass dies modernes Hightech sei. Gleichzeitig ist er an unserem Woher und Wohin interessiert. Immerhin haben wir ja die Räder dabei und da sind solche Fragen ja Standard. Wir sind guter Laune, lachen und finden die Stadt einfach nur lustig. Die gute Laune legt sich aber mit der Zeit, als wir von Hotel zu Hotel rollen und immer wieder gesagt bekommen, dass alles belegt sei. Moni ist zudem noch genervter, denn während sie draußen wartet und auf die Räder achtet, wird sie oft von hektischen Fußgängern kritisiert, warum sie da rum stünde. Was erwarten die Leute? Dass man sich in Luft auflöst? Irgendwann haben wir aber Glück und finden ein Hotel, sogar mit einer deutschsprachigen Besitzerin. Wir können zwar nur eine Nacht bleiben und müssen die nächsten beide Nächte woanders hin, aber danach wäre es auch kein Problem. Wir waren zufrieden. Für heute haben wir was, für morgen finden wir noch was und weil unsere Räder schon sicher verstaut im Keller stehen, wer den wir in drei Tagen wieder kommen. Danach geht es erst einmal auf Stadterkundung und zurück zum Busbahnhof, wo wir unsere Tickets für die Fähre nach Uruguay kaufen. Gerne möchten wir noch einen Tagesausflug dorthin machen, besonders, weil wir auf der Fahrt von Posadas nach Buenos Aires ja daran vorbei fuhren und auf einen Zwischenstopp verzichteten. Enttäuschen sind jedoch in der Hauptstadt die Touristenbüros, die einerseits schlecht ausgestattet sind und andererseits dem Anschein nach nicht zusammen arbeiten. Jedes hatte eine andere Art von Stadtplan. In den nächsten Tagen machen wir kleine Ausflüge. Einer davon geht nach La Boca, wo wir die bunt bemalten Häuser der berühmten Straße besichtigen. Da aber Tango nicht unser Ding ist, können wir uns nicht so für das ganze Drumherum begeistern. Es sieht nett aus, ist überfüllt mit Touristen, das ist aber auch alles. Ein paar Blocks weiter befindet sich das Stadion des berühmten und erfolgreichen Fußballvereins Boca Juniors, dem Verein von Diego Maradona. Wir gehen in das Stadionmuseum, schauen uns das Spielfeld und die eigentümliche Tribüne an und fahren dann mit dem gewöhnlichen Linienbus zurück ins Zentrum. Erstaunlich ist die Tatsache auch hier wieder einmal, dass die Touristen in La Boca und am Stadion mit dem Reisebus bzw. mit einer geführten Tour angekarrt werden. Individuell ist dort außer uns keiner. Aber wie schon oft gesehen, ist dies der Standard in Argentinien. Selber denken scheint nicht erwünscht zu sein. Der Höhepunkt dieser Tourguide-Praxis ist schließlich der Verein Boca Juniors selber. Ich dachte darüber nach, mir eines ihrer Heimspiele anzuschauen und frage daher im Touristenbüro nach, wo man mit großen Lettern wirbt, dass man dort Eintrittskarten erwerben könne.
Doch was erhalte ich als Antwort? Man könne nur in einer geführten Tour ein Spiel als Tourist sehen. Das wäre zwar inklusive Abholung vom Hotel und Stadionbesichtigung aber zu einem Preis, den ich nicht zu zahlen bereit bin. Also lasse ich das sein, eine Stadionbesichtigung hatten wir ja eh schon hinter uns.
Täglich gehen wir in das so genannte Mikrozentrum, das sich östlich des Wahrzeichens erstreckt, dem Obelisken. Dieser war im Übrigen schön verpackt, als wir Buenos Aires erreichten. In schwarz-rot-goldenen Tüchern leuchtete er weithin sichtbar und meine bescheidene Seele nahm zunächst an, dies wäre mir zu Ehren so gestaltet worden. Später erfuhren wir jedoch, dass es sich bloß um die 150jährige deutsch-argentinische Freundschaft handelte. Der Obelisk steht auf der Avenida 9 Jullio, der angeblich breitesten Straße der Welt. Sie hat zwar in der Tat 20 Fahrspuren, was im Berufsverkehr zu Erstickungsanfällen führt, aber die Hauptstraße in Brasiliens Hauptstadt Brasilia kam mir breiter vor. Aber ich schweife ab, also auf der Ostseite der Avenida befindet sich das Mikrozentrum mit dem Präsidentenpalast und der Straße Florida. Florida ist zehn Blocks lang und eine reine Fußgängerzone. Voll und laut sowieso aber auch kaputt. Zweimal sehen wir, wie Fußgänger in Schlaglöcher fallen bzw. stürzen. Dreckig ist sie auch, denn alle zehn Meter bekommt man Flugblätter in die Hand gedrückt. Würde man jedes nehmen, hätte man am Ende de Straße eine ganze Menge zu tragen. Auf jedem Block befindet sich mindestens ein Zeitungskiosk, der hinterste hat sogar deutsche Magazine, teilweise zwar veraltet, aber das macht nichts. Für unsere Schiffsreise reicht es alle Mal. Für die, die es ganz genau wissen wollen: Vom Retiro aus gesehen, der erste Kiosk auf der Florida, gleich neben McDonalds. Davon gibt es übrigens drei oder vier alleine auf dieser Straße. Von den anderen im Mikrozentrum ganz abgesehen.
Manche Ladeneingänge entpuppen sich sogar als große Einkaufspassagen, so dass man dort auch noch lange bummeln kann. Eine Passage fällt uns besonders auf. Nicht nur, weil vier oder fünf junge Leute am Eingang stehen und Zettel verteilen, sondern weil die ganze Passage nur aus kleinen Computergeschäften besteht. Nichts anderes als Computerzubehör in mehr al 20 Lädchen.
Wir beschließen, in einer kleinen Bäckerei, wie wir sie nur ein einziges Mal auf der gesamten Florida finden, leckere Gebäckteilchen zu kaufen. Schon während der gesamten Reise aßen wir diese kleinen Dinge jeden Tag. Meistens kauften wir so um die zehn Stück, die dann genauso viel kosteten, wie ein einziges in Deutschland. Allerdings waren in den kleinen Städten Argentiniens mehr Bäckereien zu finden, als in der Hauptstadt – seltsam. In dieser einen Backstube ist es zudem noch etwas skurril, nachdem wir bestellen und die Brottüte erhalten, gibt man uns auch noch einen Zettel in die Hand. Daraufhin müssen wir uns einfach nur umdrehen, einen einzigen Schritt machen und an der separaten Kasse bezahlen. Und damit alles schließlich seine Richtigkeit hat wird dieser winzige Zettel noch mit dem Stempelaufdruck „Pagado“, also Bezahlt versehen. Zu allem Überfluss muss man beim Betreten dieses wirklich kleinen Geschäftes auch noch eine Wartemarke ziehen, an die sich aber sowieso kein Mensch hält. Wohlgemerkt, der Laden ist mit Verkaufstheke höchstens 12 qm groß.
Gehen wir zum Hotel zurück, dass sich auf der anderen Seite der Avenida 9. Jullio befindet und die Straße ein Stück weiter, so kommen wir zum Kongress. Dorthin gehen wir jedoch nur ein einziges Mal. Erstens gibt es nicht sonderlich viel zu sehen, zweitens stank es unheimlich und drittens campierten ausgerechnet vor dem Kongress zahlreiche Obdachlose, die sich dort nachts an brennenden Fässern aufwärmen. Man kann nicht sehen, wo sie ihr Geschäft verrichten, aber man kann es riechen. Der gesamte Vorplatz vom Kongress stinkt nach menschlichem Urin und Hundekot, das hier wieder häufiger anzutreffen ist. Uns fällt es schwer, sich diese Gegebenheiten vor dem Berliner Reichstag vorzustellen.
Ebenso stinkt es im vornehmeren Stadtteil Ricoleta. Dort gehen wir einmal um den Friedhof herum, auf dem Eva „Evita“ Peron begraben liegt. Während wir an den Außenmauern entlang laufen, habe ich zweimal würgen müssen du mich beinahe übergeben, so widerlich stinkt es dort. Zudem muss man wirklich aufpassen, wo man hintritt, da die Hundereste im Abstand von maximal nur einem Meter entfernt sind. Dazwischen kann man an den Schmierspuren aber gut erkennen, dass die Einheimischen weniger zimperlich sind und sich aus diesem Dreck anscheinend wenig machen.
Erst auf dem Friedhof selbst bekommen wir wieder frische Luft. Die Gruft von Evita ist nichts besonderes, der Friedhof schon. Es gibt keine Blumen, nur wilde Katzen, die zwischen den zahlreichen Gruften hin- und herlaufen. Dabei scheint man sich selbst im Tod noch überbieten zu wollen. Große Statuen verzieren die mehrstöckigen kleinen Gebäude. Im manche kann man reinschauen und die aufgebahrten Särge sehen, manch e bröckeln schon auseinander und geben die Holzkiste unfreiwillig zum Vorschein.
Der optisch sauberste Teil der Stadt ist das Hafenviertel, ein Neubauviertel mit Restaurants und einem Museumsschiff. Dafür ist aber dort das Wasser im Hafenbecken ziemlich versifft und erinnert eher an einen Milchkaffee. An einem Tag besuchen wir ein militärisches Segelschiff der kolumbianischen Regierung, die sich für einen Tag repräsentieren und uns beim Betreten des Schiffes salutieren. Am Heck befindet sich die kolumbianische Flagge in einer Dimension, da hätte man sich fünfmal drin einwickeln können. Aber sehr freundlich, die Kolumbianer, gefällt uns sehr gut. An einem anderen Tag ist Moni in der Heiligen Messe der Kathedrale während ich ein wenig mit der ältesten U-Bahn der Südhalbkugel unter der Erde hindurch fahre. Mit offenen Fenstern und alten Holzbänken ein echtes Erlebnis.
Na, und schließlich fahren wir mit der Schnellfähre der Gesellschaft Buquebus noch über den Rio de la Plata in den Ort Colonia del Sacramento auf uruguayischer Seite. Dort ist es recht angenehm und es machte Spaß in der kleinen Ortschaft spazieren zu gehen, die auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO steht. Und tatsächlich, in Uruguay fahren noch sehr viele alte Autos aus vergangenen Zeiten. Mit dem Bus düsen wir von dort aus in die Hauptstadt Montevideo, wo aber kaum ein Unterschied zu Buenos Aires auszumachen ist. Nur die 180 km lange Landschaft zwischen Colonia und Montevideo gefällt uns sehr gut. Trotzdem sehnen wir uns wieder nach Mitteleuropa zurück, immerhin haben wir schon Halsschmerzen vom Smog der argentinischen Hauptstadt und nachdem wir so einige Zeit dort wohnen, ist auch irgendwann das Gefühl weg, dass wir die Stadt lustig finden. Dies lag aber nicht nur daran, dass wir den Taschendiebstahl bei McDonalds beobachten können oder uns im Taxi Falschgeld untergejubelt wurde, was wir erst beim Einkauf merken bzw. mitgeteilt bekommen, sondern auch am Dreck, den Abgasen, der Lautstärke und so vielem mehr.
Sehnlichst erwarten wir unser Schiff und so gehen wir am letzten Abend in Argentinien zum Containerhafen um Ausschau zu halten, obwohl wir wissen, dass es erst am nächsten Tag da sein wird. Plötzlich ruft Moni: „Da schau, ein Wohnmobil.“ In der Tat, diesen Anblick haben wir schon seit Monaten nicht mehr gehabt und bei einem Blick aufs Kennzeichen gehen wir schneller, denn es kam aus Deutschland. Der allein stehende Fahrer ist bereits 70 Jahre alt und kam vor drei Tagen mit der „Grande San Paolo“, ebenfalls ein Grimaldi-Schiff, in Argentinien an. Wir unterhalten uns und wünschen uns nach fast einer Stunde noch gegenseitig alles Gute und eine gute Weiterreise. Später sehen wir seinen Stellplatz am Containerhafen, der uns selbst in europäischen Regionen abgeschreckt hätte. Aber ein vertrautes Bild ist dann doch dieses Plastikfußbänkchen vor der Wohnmobiltür. Ein letztes Mal gehen zum Hotel zurück, ein letztes Mal ins Internet, ein letztes Mal an Land gehen wir schlafen. Gute Nacht, Argentinien und denkt dran: Las Malvinas sind britisch!
REISE ZU DEN PINGUINEN - TEIL 4
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