Tag 1
Von Buenos Aires nach Emden, von der Weltmetropole nach Ostfriesland – so heißt unser Ziel. Zum letzten Mal auf dem amerikanischen Kontinent bepacken wir unsere Fahrräder. Ein letztes Winken zum Portier des Hotels Marbella in der argentinischen Hauptstadt und schon schieben wir unsere Räder wir damals durch Le Havre zum Hafen. Radeln ist undenkbar, dafür sind sie zu überladen. Wieder haben wir massig an Proviant eingekauft und zudem kommen jetzt auch noch Andenken und Mitbringsel dazu sowie Beschäftigungskram für die dreiwochige Schiffsreise. Dazu gehören ”Stern”, ”Spiegel” und der ”Focus”, die wir in Buenos Aires kaufen konnten sowie eine deutschsprachige argentinische Wochenzeitung und zwei Puzzle. Ein letztes Mal überqueren wir die angeblich breiteste Straße der Welt, passieren den Präsidentenpalast und sind froh, die Stadt bald hinter uns zu haben. Seit Tagen habe ich Halsschmerzen und Moni niest so oft, wie sie es sonst nicht tut. Wir vermuten, es hängt mit dem Dreck in der Luft und dem Smog zusammen. Auf dem Weg werden wir von den freundlichen Menschen gegrüßt und am Hafen ist man wieder an unserem ”Woher und Wohin” interessiert. Wir fragen uns beim Zoll nach Senor Orsini durch, dem Hafenagenten, mit dem wir verabredet sind. Nur kurz nach der vereinbarten Zeit kommt er auch schon und entschuldigt seine Verspätung mit fünf Touristenpärchen, die mit ihren Wohnmobilen durch Südamerika kreuzen wollen, das mache halt viel Arbeit. Wir sehen die Wohnmobile wie sie in einer Schlange auf die Einreise warten. Sie kommen gerade von ”unserem” Schiff und stammen aus Deutschland und Frankreich, doch nur ein französisches Pärchen erkennt in uns europäische Touristen und winkt freundlich. Nachdem sich die Tore für sie öffnen und sie nun durch das Land reisen können, erklärt uns Senor Orsini, dass auf jedem Grimaldi-Schiff europäische Touristen sind. Fast alle kommen aus Frankreich, Deutschland und natürlich Holland. Doch jetzt sind wir an der Reihe, immerhin wollen wir endlich nach langer Wartezeit auf die ”Repubblica Argentina”, die uns wieder heim nach Europa bringen soll. Sie befindet sich nru rund 100 m von uns entfernt, doch man verbietet uns auf eigene Faust zum Schiff zu gehen. Jeder, der sich im Hafen befindet, muss den Pendelbus benutzen. Da dürfen wir keine Ausnahme machen. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir die argentinische Bürokratie nicht einhielten? Wahrscheinlich zum Schiff aber so… Also warten wir brav auf den Pendelbus und lächeln uns an, weil wir wissen was kommen wird. Der kleine, rote Bus erscheint und durch die schmale Tür passt ein Rad mit Gepäck auf keinen Fall. Selbst ohne die Packtaschen würden wir gerade mal ein Rad hinein hieven können, damit es dann auf den Sitzbänken zum liegen käme. Ein Hafenarbeiter sieht das Problem anscheinend überhaupt nicht und ruft aus dem Bus heraus, dass ich doch das 50 – 60 kg schwere Rad “mal eben” reinpacken sol. Wir schütteln mit dem Kopf und erklären dem Hafenagenten, dass dies nicht unser erster Hafen ist, in dem wir uns bewegen. Nach Le Havre, St. Maarten, Port-of-Spain, Cayenne in Französisch-Guyana udn dem dem brasilianischen Hafen von Belem wissen wir mittlerweile wo man zu gehen und auf was man aufzupassen hat. Doch Vorschrift ist Vorschrift und ”Wichtigsein” ist ”Wichtigsein”. So wird also per Funk ein Pick-Up geordert, der nach weiteren zehn Minuten erscheint. Mit drei Mann hieven wir die Räder auf die Ladefläche und ein Hafenarbeiter bleibt hinten drauf stehen unm die Räder einfach so mit seinen Händen während der Fahrt festzuhalten. Wir beide müssen in einen anderen Pkw steigen, der merkwürdigerweise nicht den einfachen, direkten Weg nimmt so wie der Pick-Up mit unseren Bikes. Vermutlich will man uns von der Gefährlichkeit eines Containerhafens überzeugen und braust umständlich mit und durch die haushohen Wände der gestapelten Container. An einer völlig uneinsehbaren Kreuzung wird kurz die Hupe gedrückt und dann Gas gegeben. Wenn das jeder im Hafen so macht fragen wir uns, was denn nun gefährlicher sei? Anders als die “Marfret Normandie” die uns nach Brasilien brachte, ist die “Repubblica Argentina” kein reines Frachtschiff, sondern zugleich auch eine riesige Fähre. Dementsprechend ist der Aufbau ein völlig anderer und am Heck des Schiffes befindet sich eine Auffahrrampe. Dort tragen wir uns pflichtgemäß in das Buch ein, welches dokumentiert, wer alles an Bord ist. Die Räder sollen wir neben dem Lift parken und schon können wir die Packtaschen abnehmen. Auf dem 8. Deck befindet sich unsere Kabine im vorderen Teil des Schiffes, während hinten Hunderte von Neuwagen stehen, die allesamt noch mit Schutzfolie und Styropor verkleidet sind. Zwischendrin tragen wir mit einem der Matrosen unser Gepäck in Kabine 826. Eines ist dabei sofort offensichtlich: Alles ist hier anders als auf unserer ersten Frachtschiffreise. Die Kabine ist bei weitem nicht so geräumig und luxuriös wie wir es kennen lernten. Auf Teppich, DVD und Haustelefon kann man natürlich verzichten. Weniger schön ist der fehlende Kühlschrank und das verschraubte Bullauge. Diese lässt sich dadurch nicht öffnen, womit das abendliche Nachrichtenhören bei der Deutschen Welle ausfällt, da man durch die Metallumhüllung der Kabine keinen Empfang hat. Ungewohnt auch, dass wir nun in zwei ”echten” Kojen schlafen müssen, also in Doppelstockbetten. Moni entschied sich spontan für oben, schaute aber etwas irritiert, als ich sie daran erinnerte, dass sich das Schiff bewegen wird. Denn seltsamerweise gibt es keine ”Rausfall-Schutzhalterung”. Vielleicht ein gutes Zeichen? Davon abgesehen dass es sich um einen Wohn-/Schlafraum handelt und nicht um zwei separate Zimmer gibt es als Tisch nur ein Sideboard. Na hoffentlich passt da das Puzzle drauf. Als wir die Schlüssel überreicht bekommen, werden wir direkt vom Steward zum Lunch gebeten. Gleichzeitig zeigt er uns die Essenzeiten, die sich nur geringfügig von unserer erstern Erfahrung unterscheiden und bringt uns in die Offiziersmesse. Wir bekommen einen Tisch für uns alleine und damit bestätigt sich, was wir bereits aus dem Internet wussten: Hier auf diesem Schiff wird nur mit dem Kapitän an einem Tisch gemeinsam gespeist, wenn er dazu einlädt. Dies passt auch zu einem anderem Eindruck, den wir bis jetzt hatten: Haben wir auf der “Marfret Normandie” den Kapitän einmal und den Chefingenieur ganze zweimal innerhalb von drei Wochen mit Hemd und Schulterklappen gesehen, so ist hier die gesamte Crew uniformiert. Es herrscht also ein anderer Umgangston. Wir nehmen Platz und fangen vorsichtig mit der Vorspeise an. Danach kommt der zweite Gang, der dritte Gang, die Nachspeise und zum Schluss noch ein Espresso. Zu alledem tranken wir eine kleine Flasche Wein, typisch italienisch eben. Nach der Mahlzeit, die sich über eine Stunde hin zog verzogen wir uns in unsere Kabine zurück und erkundeten das Deck oberhalb des Wohnbereichs. Dabei handelt es fast um das gesamte Dach des Schiffes und bietet daher viel Freifläche. Nachdem das Schiff noch bis in die späten Abendstunden beladen wurde und den Hafen nicht verließ und wir mittlerweile auch genug Bilder vom Hafen machten begannen wir mit dem ersten Puzzle, das noch am heutigen Tag zu dreiviertel fertig gestellt wurde. Auch das Dinner um 18 Uhr fiel wieder sehr üppig und lecker aus und nach der Nachspeise in Form von Obst gab es sogar noch ein Eis, also eigentlich fünf Gänge.
Tag 2 Wie wir es schon mehrfach erlebt haben, lief auch dieses Schiff mitten in der Nacht aus. Es war aber so ruhig dabei und fast ohne Bewegung, dass wir nachts um 3 nur einen kurzen Blick mit einem halb geöffneten Auge aus dem Fenster warfen und weiter schliefen. Das Frühstück fiel im Gegensatz zu den beiden gestrigen Mahlzeiten geringer aus. Auch gibt es hier keine Möglichkeit sich selbst zu bedienen. Alles wird von den beiden (!) sehr gut gekleideten Stewards gereicht. Moni ging schlafen und ich beendete noch vor dem Lunch das erste Puzzle. Einen Gang nach draußen wagte ich nur kurz, da es extrem windig war und sich zudem auch stark abkühlte. Ich traf den 2. Maat, der nach Moni fragte. Als ich ihm sagte, dass sie schlief, kam mir diese Situation sehr bekannt vor. Und tatsächlich, nachmittags bat er uns in den Aufenthaltsraum um mit uns die Sicherheitseinrichtungen und –vorkehrungen zu besprechen. Dazu weckten wir Moni, die zu diesem Zeitpunkt schon wieder schlief und wir lachten deswegen. Wir sahen zwei Videos auf Italienisch und Englisch über die verschiedenen Arten von Rettungsbooten und über den Schutz vor Diebstahl nud Terrorismus. Danach zeigte man uns den Computer, von dem aus wir Mails versenden können, führte uns auf die Brücke und zum Fitnessraum. Den Rundgang auf dem Außendeck ließen wir aus Sicherheitsgründen wegen des Wetters bleiben. Mittlerweile schwankte das Schiff schon wesentlich mehr und Moni musste auf das leckere Abendessen verzichten. Sie litt, wie schon damals, an Seekrankheit. Nachdem ich das Mailversenden testete, begann ich mit dem zweiten Puzzle. Mal schauen, wie lange ich diesmal brauche. Am Abend wurde es dann auch für mich schlimmer. Bei jeder ruckartigen Bewegung zuckt man zusammen und befürchtet, dass das Schiff umkippen könne. An Schlaf war vorerst nicht zu denken. Angenehmer wäre es wahrscheinlich gewesen, wenn man mal nach draußen gehen könnte oder durch das Fenster die Wellenbewegung sehen würde. Aber ersteres ist bei dem Wetter zu gefährlich und letzteres durch die Dunkelheit nicht möglich. Auch hier ein klarer Vorteil für die “Marfret Normandie”. Dort war auch bei schlechtem Wetter ein Gang aufs überdachte und windgeschützte Deck möglich. Und dadurch dass man sechs Etagen weiter unten wohnte, war man den Wellen näher.
Tag 3 Irgendwann sehr spät in der Nacht gewann die Müdigkeit. Doch es war so spät, dass wir gleich nach dem Frühstück weiter schliefen. Erst kurz vor dem Lunch wurden wir wach, bei dem wir allerdings wenig aßen weil es uns beiden nicht so gut ging. Am anderen Tisch saß, wie wir vermuten, der Kapitän. Eine Vermutung bleibt es deshalb, weil er sich nicht vorstellte. Damit wissen wir immer noch nicht, wer hier das Sagen hat. Nachmittags wuschen wir die Wäsche und ich begann am Computer die ersten Texte einzugeben und zu speichern. So wird die Zeit hier sinnvoll genutzt. Doch das Abendessen musste ich, genau wie Moni, absagen. Das schlechte Wetter wollte einfach nicht aufhören und so ging es uns weiterhin schlecht. Der nette Steward brachte uns aber noch das Obst, welches es immer nach dem Abendessen noch gibt. Er meinte mit mitleidiger Stimme “Fruta, fruta” und wollte wohl damit sagen, dass wir zumindest das essen sollten, was wir später auch taten.
Tag 4 So richtig ins Gespräch sind wir bisher mit niemanden gekommen. Aber jeder weiß wohl über uns Bescheid. Heute kam der Elektriker zu uns und fragte, ob er sich unsere Luftpumpe ausleihen könne. Witzig, noch nie mit ihm gesprochen, aber dass wir mit Rädern unterwegs sind, ist bekannt. Nach dem Frühstück legten wir im brasilianischen Hafen Paranagua an. Der Elektriker meinte, dass wir vielleicht zwei Nächte bleiben werden. Aber sicher sei er auch nicht. Na toll. Der Informationsfluss ist etwas schlecht. Eigentlich sollten wir heute schon in Rio sein, nun ja. Leider gibt es hier auch kein schwarzes Brett, so dass wir keine Ahnung haben, welchen Hafen wir zu welchem Zeitpunkt ansteuern werden. Vom Deck des Schiffes aus können wir beobachten, wie die vielen Neuwagen im Konvoi zu einem großen Parkplatz gebracht werden. Dort werden die einzelnen Fahrer in einen VW-Bus gesteckt und wieder zum Schiff zurück gebracht um die nächsten Volkswagen aus dem Bauch des Schiffes zu holen. Doch wir wollen nun auch endlich raus und die kleine Ortschaft erkunden, aber niemand teilt uns mit, ob die Immigration schon erledigt ist oder nicht. Ein vereinzelter Zollbeamter verläuft sich indessen auf dem Schiff und ich bringe ihn zum Lift. Später treffen wir ihn wieder und er bedankt sich nochmals per Handschlag. Jaja, freundlich, diese Brasilianer. Oder er hat geglaubt, ich sei eine wichtige Person auf dem Schiff? ;-) Irgendwann treffen wir einen der Besatzung, der mit uns zum ”Sekretariat” geht. Dort erhalten wir die Erlaubnis, bis 15 Uhr das Schiff zu verlassen. Danach will angeblich die Immigrationsbehörde die gesamte Schiffsbesatzung einschließlich der Passagiere sehen. Dieses Gespräch hörte wohl auch der Mann, den wir für den Kapitän halten. Denn dieser kam aus der Kapitänskajüte gerannt und erklärte nochmals dem Besatzungsmitglied in meinem Beisein, dass die Passagiere um 15 Uhr zurück sein müssen. Aha, der feine Herr Kapitän spricht also nicht mit den Passagieren selber? Nur mit einer Kopie unserer Reisepässe bewaffnet, also ohne irgendeine ID-Karte, verlassen wir das Schiff und tragen uns am Hafenausgang ein. Mit dem kostenlosen Bus fahren wir in die gemütlich und angenehme Innenstadt von Paranagua. Dort erfahren wir mal wieder die Freundlichkeit der Brasilianer. Auf der Suche nach einem Internetcafe treffen wir auf eine junge Frau, die uns direkt mal durch die Stadt dorthin führt und an unserer Herkunft interessiert ist. Zudem will sie für uns im Internetcafe, einem griechischem Restaurant mit 2 Computern, übersetzen. Dabei spricht der Besitzer selber Englisch. Nach einem kurzen Einkaufsbummel fahren wir zuruck zum Schiff und beschäftigen uns wider mi Lesen, Schreiben und Puzzeln. Zuvor gibt es am Hafeneingang dann wie erwartet, kleine Probleme mit der Identifikation. Selbst auf der vorliegenden Liste des Schiffes ist unser Name nicht aufgeführt. Ganz tolle Organisation bei der italienischen Schiffsführung. Auf Deck treffe ich einen der Matrosen, der erklärt, dass sein Freund, der Elektriker Freunde und Verwandte im Ort hat und daher an Land durfte. Gleichzeitig meinte er, dass unsere Abfahrtszeit wohl heute nacht um 1 sei. Allerdings würde das Be- und Entladen schnell verlaufen, so dass wir wohl früher ablegen können. Unerwähnt bleiben muss wahrscheinlich die Tatsache, dass uns um 15 Uhr schließlich niemand sehen wollte. Beim Lunch sityen viele Crewmitglieder in Uniform zusammen, reden laut und lachen. Wesentlich leiser wird es, als der mutmaßliche Kapitän ohne zu grüßen erscheint und alleine an einem anderen Tisch sitzt. Wie heißt es doch so schön? Die Stimmung auf einem Schiff hängt sehr davon ab, wer Kapitän ist und was der Koch kann. Auf diesem Schiff ist der Koch wirklich sehr gut...
5. Tag Beim Lunch fiel es mir auf: Wir bekommen erst dann etwas zu essen, wenn der Kapitän anwesend ist. Wahrscheinlich merkten wir das in den ersten Tagen nicht, weil er halt manchmal gar nicht da ist und es dann normal Essen gibt. Unangnehm aufgefallen ist er mir auch dabei, wie er den netten Steward anfuhr. Nein, der Umgangston gefällt mir nicht, mal davon abgesehen, dass wir offiziell immer noch nicht wissen, ob er es wirklich ist. Aber wer sollte es sonst sein? Er sitzt am Kopf des Tisches, er verbreitet ”Chef-ist-im-Raum”-Stimmung und er ist derjenige, auf den wir warten müssen. Ich ernenne ihn zum ”Kommandate Arrogante”, obwohl er eigentlich nett guckt, wenn wir den Raum verlassen und Ciao sagen. Vielleicht guckt er aber auch gerade deswegen ausgerechnet dann nett, wenn wir gehen. Am Nachmittag saß ich auf Deck und hörte Deutsche Welle. Während es also aus dem Weltempfänger krächzte und quäkte, blickte ich gedankenverloren auf das Meer und sah ein sehr kleines Fischerboot. Meine Verwunderung darüber, dass soweit draußen ein so kleines Schiffchen sein soll, ließ mich neugierig aufstehen, damit ich über das Schiffsdach hinweg auf die andere Seite unseres Frachters blicken konnte. Und siehe da, was erhebt sich da quasi vor meiner Nase? Der Zuckerhut von Rio de Janeiro. Wir waren also schon da. Ich holte Moni aus der Kabine und wir schauten uns an, wie wir uns der weltberühmten Copacabana näherten. Man sah den Strand und direkt dahinter die Promenade mit unzähligen Hochhäusern. Ich versuchte durch das Fernglas die einzelnen Gebäude zu zählen, aber nach rund drei Dutzend gab ich auf und dabei habe ich gerade einmal auf einen Bruchteil des Küstenabschnittes geblickt. Rechts davon erhebt sich der berühmte Zuckerhut steil aus dem Meer und ich fragte Moni, was daran so besonderes sein soll. Sieht doch genauso aus wie die Loreley am Rhein. Und über allem thront die nicht weniger berühmte Jesus-Christus-Figur, die aus der Dunstglocke der Stadt heraus schaut. Wir u mrundeten den Zuckerhut und zum Vorschein kamen noch mehr Hochhäuser, ein Flughafen, dessen Landebahn mitten im Hafen liegt und eine gigantische Brücke unter der wir hindurch mussten. Zwischen vielen rostigen Kähnen warfen wir den Anker aus und warteten bis wir anlegen konnten. Der Steward teilte uns mit, dass das Dinner auf Anordnung des Kapitäns eine Viertelstunde früher eingenommen wird. Wir gingen also pünktlich zur Offiziersmesse und warteten brav auf den Kapitän. Nachdem wir 15 Minuten warteten, also genau bis zur regulären Essenszeit, gingen die beiden Stewards zum Kapitän und baten um Erlaubnis servieren zu dürfen, denn dieser kam letztendlich gar nicht. Später legten wir am Kai an, doch da es schon spät und dunkel war und die Stadt sowieso einen für uns abschreckenden Eindruck machte, gingen wir schlafen.
6. Tag Nach dem Frühstück legten wir ab und steuerten wieder Richtung Süden. Die Logik der Reederei verstehe ich zwar nicht ganz, aber es soll mir egal sein. Gestern fuhren wir gewissermaßen an an Santos bei Sao Paulo vorbei, um heute die 300 km zurück zu fahren. Gegen Mittag, es war heute sehr warm, begaben wir uns auf das Oberdeck, wo man direkt neben der Brücke steht. Wir schauten vorsichtig hinein und sahen dort den 2. Maat namens Mantilla und einen weiteren philippinischen Matrosen, die beide sehr nett sind. Nur deswegen betraten wir die Brücke. In Anwesenheit des Kapitäns hätte ich gerne verzichtet. Mantilla führte und herum und zeigte uns, was wir wollten. Von der ”Mafret Normandie” wussten wir ja bereits, was uns am meisten interessierte: ETA, die Abkürzung für die voraussichtliche Ankunftszeit. Und die besagte, dass wir bei der momentanen Geschwindigkeit von 20 Knoten (36 km/h) Santos heute um 18.18 Uhr erreichen werden. Und so war es denn auch. Der dritte und letzte brasilianische Hafen war ebenfalls wieder von unzähligen Hochhäusern gespickt. Wenn dies nur eine ”kleine” Stadt bei Sao Paulo ist, wie sieht dann erst Sao Paulo selber aus? Ich will es gar nicht wissen und freue mich sehr auf unser gemütliches und idyllisches Europa. Doch zuvor schauen wir wieder zu, wie zahlreiche Autos im Bauch des Schiffes verschwinden und wie direkt neben dem Hafen die Menschen in Slums leben müssen.
7. Tag Nach der zweiten Nacht in Folge, in der wir sehr gut schlafen konnten, weil wir gut gesichtert in einem Hafen lagen, ging es während des Frühstückes weiter. Zum letzten Mal legten wir in Südamerika ab. Nach allem, was wir in den letzten Wochen gesehen haben, sind wir sicher, dass wir hier nicht mehr hin möchten. Jetzt geht es mit einem kurzen Zwischenstopp im afrikanischen Senegal zurück ins alte Europa. Vorgestern hatte ich das zweite Puzzle fertig gestellt und noch am selben Abend ein Puzzle aus dem Aufenthaltsraum ausgeliehen. Heute, noch vor dem Lunch, war auch dieses fertig. Am Nachmittag war ich wieder bei Mantilla auf der Brücke. Unsere Ankunftszeit für Dakar liegt bei Freitag (heute ist Samstag). Aber wenigstens soll es bis dahin eine ruhige Fahrt werden. Trotzdem ließen wir das Lunch fast komplett ausfallen. Das lag aber nicht am Geschaukel, sondern an der Tatsache, dass es heute fast alles mit Polyp bzw. Octopuss gab. Nein danke, wir verzichten. Beim Dinner am Abend, bei dem der Kapitän nicht anwesend war (Moni meint, er isst erst zwei Stunden später als das gemeine Volk) kam die Lautsprecherdurchsage, dass wir in der kommenden Nacht die Uhr eine Stunde vorstellen. Also früher aufstehen... Am Abend saß ich im Computerraum und arbeitet fleißig, als der Chefingenieur kam und wir uns nett unterhielten. Er ist in der Tat der sympathischste Mann auf dem Schiff, der zur Führungsriege gehört. So gab er uns am ersten Tag auch die Hand und stellte sich vor. Jetzt führten wir ein nettes Gespräch über Seefahrt, Passagiere usw. Allerdings teilte er mir auch dabei mit, dass das Anlaufen von Emden entfällt. Wir fahren nunmehr direkt von Dakar nach Hamburg. Ist zwar nicht dramatisch für uns, aber af ostfriesische Kleinstadt hätte ich mich mehr gefreut. Später schauten Moni und ich noch den Sternenhimmel durch unser Fenster an. Zum Rausgehen ist es wieder viel zu stürmisch. Gruseliger Gedanke, jetzt in der Dunkelheit in den Ozean zu fallen. Am Horizont sahen wir auch noch viele andere Schiffe. Schon seit Tagen habe ich das Gefühl, dass hier auf dem Südatlantik mehr Schiffe unterwegs sind als im Norden.
8. Tag Wir quälten uns aus dem Bett und es wird noch schlimmer kommen. Wir vermuten, dass wir in den nächsten vier Tagen noch dreimal die Uhr vorstellen. Doch sicher sind wir uns nicht, da wir nicht wissen, in welcher Zeitzone sich Dakar befindet. Nach dem Frühstück fuhren wir durch ein Ölfeld. Zwei Bohrinseln konnten wir sehen, sowie industrielle Schiffe, die dem Anschein nach Gas abfackeln. Auch heute wieder jede Menge Schiffe zu sehen. Ebenso konnten wir am Nachmittag viele kleine Schiffe, Fischerboote, sehen. Man spürt, dass die brasilianische K üste nicht sehr weit entfernt ist. Nicht weit, bedeutet auf dem Ozean nur ein paar Hundert Kilometer. So verwundert es auch nicht, dass wir lange von Vögeln begleitet werden, die immer wieder sturzflugartig in Wasser stürzen um Fische zu fangen. Diese machen es den Vögeln aber auch leicht. Moni konnte einen fliegenden Fisch sehen, der noch in der Luft von einem Vogel geschnappt wurde. Ansonsten verbrachten wir den Tag mit Lesen, Karten spielen, Radio hören, und lange aufs Meer schauen, wo ab und zu ein Wal an Hand seiner Fontäne zu sehen ist. Daneben rechnen wir immer wieder aus, wo wir wohl sein mögren. Es ist ja auch schon sehr warm geworden, oft merkt man es aber wegen des ständigen Windes nicht.
9. Tag Schon den zweiten Tag in Folge hat sich Moni direkt nach dem Frühstück hingelegt und wacht erst zum Lunch wieder auf. Ein Leben wie ein Bär. Aber was soll man sonst auch machen? Ich befürchte mittlerweile auch schon, dass die mitgebrachte Literatur bald zu Ende gelesen ist – und dann? Sind ja noch 2 Wochen an Bord und wir lesen schon alles extra langsam, sogar die Werbeseiten...
Nach drei fertig gestellten Puzzeln liegt das vierte im Zimmer rum und wartet darauf gepuzzelt zu werden. Doch die Motivation ist mittlerweile sehr gering. Am Nachmittag begann ich damit, unsere Packtaschen von Kleberesten zu befreien, die noch seit unserer letzten Busfahrt an ihnen hängen. Man hat ja so viel Zeit auf einem Schiff. Das Dinner fällt heute aus, dafür gibt es aber ein Grillparty. Sie beginnt erst um 19 Uhr und findet auch nicht in der Messe statt. Doch wir wundern uns: Wo kann auf diesem Schiff eine Grillparty statt finden? Es gibt kaum eine windgeschützte Stelle und der Wind bläst ganz schön. Wir erfahren, gegrillt wird draußen auf dem Deck aber gegessen wird in der Garage. So heisst der Frachtraum. Also sitzen wir an einem langen Tisch im obersten Deck des Frachtraumes zwischen zahlreichen Chevrolet-Neuwagen, die in Santos aufs Schiff kamen und nach Dakar gebracht werden. Und lauschen dem unheimlich wirkenden Klängen aus der Tiefe des Schiffes. Es ist ein Quietschen und Rappeln, als wäre man in einem gut besuchten Parkhaus, nur fährt hier kein einziges Auto mitten auf dem Ozean. Die beiden Stewards haben sich mit der Dekoration viel Mühe gegeben und es gefällt uns. Wir sitzen genau zwischen der Gruppe Offiziere und den ”einfachen” Matrosen. Uns gegenüber sitzt der Kapitän, der –wie alle anderen- zum ersten Mal in Freizeitkleidung zu sehen ist. Er redet weiterhin nicht mit uns, aber uns fällt –nicht zum ersten Mal- auf, dass er mit kaum jemanden spricht. Er guckt einfach nur mit einem netten Gesichtsausdruck durch die Gegend. Seite heute abend glauben wir, dass er einfach nur ein ruhiger, schüchterner Mann ist. Währenddessen lachen wir aber mit dem Chefingenieur und dem 2. Maat, Mantilla. Dieser erklärt uns, dass das Schiff langsamer fährt, da am Freitag der Hafenkai in Dakar noch belegt sein wird und wir sonst noch vor der Küste Afrika ankern müssten. Doch dieses sei zu gefährlich und so ankert man im Normalfall nicht vor der afrikanischen Küste, weil das Schiff umso mehr vor Dieben, die in kleinen Booten kommen, bewacht werden müsse. So lassen wir uns also Zeit, um erst am Samstag früh in der Nacht einzulaufen. Ebenso erzählt er uns, dass es nicht sicher sei, ob wir Emden ausfallen lassen. Das wisse man erst nach Dakar. Tja, auf so einem Schiff muss man spontan sein. Währenddessen zischen die beiden Stewards in einem Wahnsinnstempo von Küche zum Grill, vom Grill in den Frachtraum zu uns und wieder in die Küche. Die beiden tun uns leid, weil sie so richtig ackern müssen. Nach dem Essen verabschiedet sich der Kapitän als Erster und verschwindet recht schnell. Auch die anderen Besatzungsmitglieder bleiben nicht lange und zum Schluss bleiben nur noch Mantilla und ich übrig. Als die Musik aus ging, erheben wir uns ebenfalls und verabschieden uns bis morgen. Als ich der Kabine ankomme, ist es kurz vor 21 Uhr. Ich bin überrascht, die Grillparty hat keine 2 Stunden gedauert...
10. Tag
Heute beschließe ich auch mal, mich nach dem Frühstück wieder schlafen zu legen. Anschließend gehen wir zum Lunch und wieder aufs Deck. Wir sind kurz vor dem Äquator und müssen aufpassen, dass die Sonne uns nicht verbrennt. Bei dem starken Wind merkt man die Hitze kaum. So geschieht es schnell, dass wir unsere Haut leicht gerötet haben. Ich statte der Brücke einen kurzen Besuch ab und schaue mir die aktuelle Position an: 7°38’ S, 30°39’ W. Bei der jetzigen Geschwindigkeit von 18,3 Knoten sollen wir Dakar am Samstag um 1 Uhr erreichen und morgen den Äquator überqueren. Im Computerraum finde ich auch endlich eine Liste mit den einzelnen Distanzen zwischen den Häfen. Wie selbstverständlich und wie bei meinem früheren Arbeitgeber nehme ich die Liste, schmeiße den Kopierer an und habe ein Duplikat in den Händen. Mit meinem Notizblock unter dem Arm prüfe ich nochmals ob Mails eingegangen sind und gehe zurück zur Kabine. Ich komme mir vor, als würde ich in einem Büro arbeiten. Später hole ich aus der bordeigenen Bücherei sämtliche Werke in deutsche Sprache: Western, Krimis, Agatha Christie, Martin Walser und Bücher über den Islam stehen zur Auswahl. Mal schauen, was wir demnächst angehen.
11. Tag Okay, es wird wohl zu einem Standardereignis, dass auch ich mich nach dem Frühstück wieder schlafen lege. Besonders, weil wir in der letzten Nacht wieder die Uhr vorstellten und dementsprechend eine Stunde früher aufstanden. Gegen halb 11 in der Früh klopfte es an der Tür, aber wir haben es irgendwie nicht so recht vernommen und daher im Halbschlaf ignoriert. Gut, dass es kein Notfall war. Später befanden wir in unserer Gutgläubigkeit, dass man uns evtl. sagen wollte, dass nun den Äquator überqueren. Beim Lunch kam einer der Offiziere zu uns und flüsterte leise, ob uns ein kleiner, schwarzer USB-Stick gehöre. Tatsächlich, habe ich ihn gestern bei dem ”Bürostress” im Computer stecken lassen. Der Offizier meinte, dass Mantilla ihn habe und sagte weiter im Flüsterton, dass es verboten sei, einen USB-Stick anzuschließen. Aha? Da hat man mir aber letzte Woche etwas anderes erzählt. Wie dem auch sei, ich wollte nach dem Lunch sowieso hoch auf die Brücke, weil Mantilla gerne wissen wollte, wo sein Mailfreund aus Konstanz lebt und ich ihm eine Deutschlandkarte bringen wollte, die aus dem aktuellen Focus stammt. Auf dieser waren die Mietpreise der Bundesrepublik eingezeichnet, aber es ging ja lediglich darum zu zeigen, wo Konstanz liegt. Ich öffnete die Tür zur Brücke, sah den Kapitän telefonieren und Mantilla direkt auf mich zustürmen, den in eine Serviette eingepackten USB-Stick zusteckte. Ich reichte ihm schnell den Zeitungsausriss und verschwand wieder. Meine Güte, ab auf hoher See am Äquator oder in grauen Bürogebäuden in der Essener Innenstadt, ständig gibt es irgendwelche Heimlichkeiten vor einem Chef, der nichts wissen darf. Nur, in diesem Fall ist er gar nicht mein Chef. Aber solange wir uns in internationalen Gewässern befinden ist er evtl. so eine Art Staatsoberhaupt? Na toll, also hat das Römische Reich überlebt und pendelt gerade mit uns zwischen den Kontinenten?
12. Tag Jedes Mal, wenn eine etwas größere Welle gegen die Bordwand schwappt, dröhnt und rappelt das gesamte Schiff. Kein Wunder, ist der Frachter ja wie ein riesiger Hohlkörper, gefüllt mit zahlreichen Autos und metallenen Containern. Tagsüber stören diese Geräusche nicht und fallen kaum auf, Will man aber abends schlafen, stellt man sich bei jedem Rums, Quietsch und Kreisch vor, das Schiff fällt auseinander. Manchmal beängstigen mich die Geräusche, weshalb ich eigentlich morgens nicht schlafen will, sondern meine Müdigkeit nach dem Frühstück lieber bis zum Abend aufbewahre. So schlief ich in der letzten Nacht erst schlecht ein und so richtig erst ab 2 oder 3 Uhr. Da Moni in der Nacht starke Kopfschmerzen hatte, schlief sie ebenfalls schlecht und dementsprechend stopften wir uns beim Frühstück schnell zwei Brötchen in die Wangen und gingen wieder schlafen. Nur dank des Weckers verpassten wir das nächste Essen, das Lunch um 12, nicht. Anschließend besuchte ich Mantilla, brachte ihm ein bisschen Deutsch bei, während sich das Schiff unter ”unserer” Aufsicht mit 19,5 Knoten auf Dakar zubewegte, welches sich aber noch exakt 653 Seemeilen enfernte befindet. Da der philippinische 2. Maat Mantilla auch mal auf deutschen Schiffen arbeitete und unter deutschen Kapitänen (”der sah aus wie Van Damme”) kannte er den Begriff ”Mahlzeit”. Doch er wusste nichts damit anzufangen, wunderte sich aber damals immer, wenn die deutschen den Speiseraum betreten und laut ”Mahlzeit” riefen. Nun stehe ich also auf der Kommandobrücke eines 208 m langen Containerschiffes und soll einem kleinen, freundlichen und glatzköpfigen Philipino die Begrüßungsformel ”Mahlzeit” erklären, die ich in meiner Bürozeit am meisten hasste und daher nie benutzte. Gleichzeitig stellte ich mir vor, wie ein Schiff durch die sonnige Südsee fährt, 20.000 km von Deutschland enfernt, am Bug springen Delfine aus dem blauen Wasser, rechts und links jagen fliegende Fische über die Wellenkämme und in der Offiziersmesse ertönt es aus deutschen Kehlen wie im Jobcenter Essen-Mitte: ”Mahlzeit!” Später sagt mir Mantilla noch, dass wir morgen abend gegen halb 12 Afrika erreichen und gestern abend um 18.55 Uhr den Äquator überquerten. Ich überlegte kurz und kam zu der Erkenntnis, dass ich zu diesem Zeitpunkt unter der Dusche stand. Aber immerhin, zehn Minuten vorher waren wir an Deck. Eine rote Linie, die den Äquator markiert, gibt es aber nicht. Doch jetzt wissen wir offiziell, dass wir wieder auf der Nordhalbkugel sind. Also fast schon in heimatlichen Gefilden. Schade nur, dass man gestern Abend nichts davon erfahren hat. Am Nachmittag kam zum dritten Mal auf der Reise die Lautsprecherdurchsage, dass wir nächste Nacht Sommerzeit spielen und die Uhr erneut eine Stunde vorstellen werden. m Abend fand erneut eine Grillparty im schaukelnden Parkhaus statt. Und siehe da, es kam ein Gespräch mit dem Kapitän zustande. Wir wollten es fast schon nicht mehr glauben. Aber in gewisser Weise haben wir auch Verständnis für die Interessenlosigkeit, denn als wir in Buenos Aires einstiegen verließen ja immerhin 10 Passagiere das Frachtschiff. Da nur 12 mitgenommen werden können, ist die Kapazität des Schiffes schnell erreicht, denn so viel Bewegungsfreiheit besteht nun nicht gerade. Wenn wir in Hamburg das Schiff verlassen werden, werden ein Italiener und acht Deutsche als Passagier wieder zusteigen. Anders als auf der Marfret Normandie sind die Touristen hier also der Normalfall. Bedenkt man nun, dass jeder dieser Touristen die gleichen Gesprächsstoffe bietet, kann einem Kapitän sicherlich schnell langweilig werden. Meist wird dann erzählt, dass man ein oder zwei Jahre mit dem eigenen Wohnmobil durch Südamerika reisen werde. Dieses ist natürlich durch Laptop, aktuellen Kameras, GPS, Solarmodulen usw. mit modernster Technik gespickt. Hinzu kommen natürlich noch die saisonalen Begebenheiten: Die Strecke von Europa nach Südamerika ist meistens gut gebucht, wenn natürlich auf der Nordhalbkugel der Herbst einkehrt. Umgekehrt ist im europäischen Frühling selten eine Kabine auf der entgegengesetzten Strecke frei. Und dort beinhalten die Gesprächsthemen natürlich sämtliche erlebten Abenteuer und Eindrücke. Da diese bei den meisten Südamerika-Reisenden stest positiv sind, brachten wir nun dem Kapitän bei, dass Touristen auch noch überraschen können. Wir erzählten ihm, dass wir weniger begeistert waren und nicht scharf darauf sind, den Kontinent ein zweites Mal zu bereisen. Uns hat es nicht überzeugen können, warum sollen wir also alles schön reden? Selbst seinen Einwand, dass wir doch mitten in den Winter hinein fahren, konnten wir abwehren. Lieber einen schönen, gemütlichen Winter in Europa, als einen unschönen Sommer in Südamerika. Vielleicht waren es unsere Argumente, vielleicht aber auch die brasilianischen Musikvideos, die- wie anscheinend auf jedem Frachtschiff- bei den Offizieren auf dem Laptop für heitere Stimmung sorgten, aber gegen Ende des Grillabends begann der Kapitän plötzlich mitten in der Garage auf und ab zu gehen. Immer zwei Autolängen lang neben dem Tisch und am Ende eine abrupte Kehrtwendung. Er machte es nicht ein- oder zweimal, sondern mindestens ein Dutzend Mal lief er wie ein Löwe im Käfig. Es war ein sonderbares Bild und Moni und ich wunderten uns sehr, doch die Matrosen und Offiziere kümmerte es nicht besonders. Sogar der Steward lief neben ihm her und brachte ihm während des Marsches einen Kaffee. Also anscheinend alles völlig in Ordnung. Kurz nachdem er sich mit einem Winken verabschiedete, gingen auch wir in die Kabine. Immerhin war es diesmal schon fast halb neun...
13. Tag Wieder einmal schlief ich gestern schlecht ein und wurde trotz Uhrvorstellung zwei Stunden vor dem Wecker wach. So begann ich mitten in der Nacht eines der vielen Bücher zu lesen und nahm mir vor, nach dem Früstück nicht zu schlafen, damit ich in der nächsten Nacht zur Ruhe komme. Diesen Vorsatz hielt ich bis kurz nach 9 Uhr und schon schaukelte mich das Schiff dorthin, wo Moni schon längst wieder war – in den Schlaf. Um 5 vor 12 wurde ich wach, um vier vor 12 weckte ich Moni, um 3 vor 12 stand ich auf, um 2 vor 12 klopfte der Steward an der Tür und fragte, ob wir nicht zum Lunch kommen. Um 12 saßen wir noch völlig betäubt und schlaftrunken am Tisch und hatten einen Teller Pasta vor uns – sozusagen unser zweites Frühstück. Den Rest des Tages verbrachten wir mal wieder mit Lesen, Schreiben, aufs Meer schauen, also dem Üblichen. Während Moni spätabends schon schlief, ging ich noch ein paar Mal an Deck, weil wir den afrikanischen Kontinent erreichen sollten. Es war schon sehr spä, als ich vor der Backbordseite am Horizont eine Stadt leuchten sah. Das muss wohl Dakar gewesen sein, aber das Schiff hat jetzt schon sehr viel an Fahrt verloren und war extrem langsam, dass es wohl noch einige Zeit dauern würde, bis wir ankommen. Mit dem Gedanken, dass wir nun die zweite Atlantiküberquerung hinter uns haben, ging ich schlafen.
14. Tag Keine Bewegung, kein Lärm, nur die Klimaanlage pustet wie die 2 Wochen zuvor auch. Wir öffnen die Augen, stehen auf, schieben den Vorhang zur Seite und blicken auf Dakar. Unter uns der kleine Hafen, so verschmutzt und schwarz, dass die Neuwagen, die in der Nacht von unserem Schiff abgeladen wurden, sehr auffallen. Schnell gehen wir frühstücken, bestäuben uns mit Moskitoschutz und gehen an Deck. Wir treffen den Kapitän, der uns sagt, dass ein Landgang nicht möglich sei, weil wir gleich wieder abfahren. Das war ein kurzer Aufenthalt, aber uns reicht es auch so. Das was wir sehen, ist uns genug. Nach den vielen schmuddeligen Städten Südamerikas, einem kratzigen Hals in Buenos Aires ist uns sowieso nicht danach, diese afrikanische Stadt zu erkunden, die natürlich keinen besseren Eindruck macht. Allerdings sind wir von dem Anblick nicht besonders überrascht oder gar geschockt. Im Gegenteil, so in etwa haben wir es uns vorgestellt und um ehrlich zu sein, sah es in ”europäischen” Französisch-Guyana nicht wirklich besser aus. So bleibt es bei ein paar Bildern von Deck aus und schon starten wir gehen 10 Uhr Richtung Norden, nach Europa. Wir freuen uns, denn dies ist nun tatsächlich die letzte Abfahrt, bevor wir bei unserem nächsten Halt deutschen Boden betreten werden. Haben wir damals in Trinidad schon sehr über den Zustand des Hafens gestaunt, so kann uns dieser senegalesische Hafen nicht mehr schocken. Hier sind es nur zwei Schiffswracks, die noch halb aus dem Wasser schauen und die vielen Tüten, Plastikteile und sonstigen Abfälle, die im Hafenbecken zwischen den Ölschlieren treiben, stinken diesmal wenigstens nicht. Bei der Ausfahrt aus dem Hafen ertönt laut unser Schiffshorn. Wie es im italienischen Straßenverkehr üblich ist, hupt unser italienischer Kapitän auch auf den Wasserstraßen alles an, was nur annähernd im Weg ist. Diesmal musste ein französisches Segelboot dran glauben, welches noch weit weg war und sich sowieso auf dem Weg befand, zu verschwinden. Schon in Brasilien ertönte unser Schiffshorn mehrmals durch die engen Straßenschluchten von Rio de Janeiro, als eine Schnellfähre es wagte, mehr als doppelt so schnell wie wir an uns vorbei zu zischen und dann vor uns abzubiegen. Damals, als wir vor drei Monaten in Le Havre auf unser erstes Schiff warteten, hörten wir vom Hotel aus ebenfalls ein Schiffshorn. Heute wissen wir, dass Schiffe der italienischen Grimaldi-Gruppe, so wie dieses auch, ebenfalls in Le Havre einkehren. Wer weiß, wer damals hupte...
15. Tag Es ist Sonntag und so ruhig wie heute war das Wasser selten. Nach dem Lunch gehe ich zu Mantilla auf die Brücke um die neuesten Infos über die anstehende Strecke zu erfahren. Genau im selben Moment, in dem ich oben bin, passieren wir den nördlichen Wendekreis. Das bedeutet, dass wir damit endgültig den tropischen Bereich verlassen und freuen uns. Ab diesem Tag sehen wir auch keinen einzigen fliegenden Fisch mehr. Mantilla zeigt mir auf der Karte, dass wir morgen früh um 5.35 Uhr die Kanarischen Inseln erreichen. Links Gran Canaria und rechts Fuerteventura und später Lanzarote. Emden fällt nun tatsächlich aus, aber dafür treffen wir auf den Lotsen der Elbe am kommenden Freitag gegen Nachmittag. Nimmt man noch die Fahrt über die Elbe, so werden wir das Schiff am Samstag in Hamburg verlassen können. Wir nutzen noch einmal kräftig die Sonne aus und genießen die Fahrt an der afrikanischen Küste entlang. Da das Wasser kaum Bewegung zeigt, sieht man –ähnlich wie die Kondensstreifen von Flugzeugen- noch lange die Fahrspuren anderer Schiffe. Leider sehen wir aber mitten auf dem Ozean einen Flaschenkorken nach dem nächsten an uns vorbei ziehen. Es scheint, als hätte es auf irgendeinem Schiff eine große Feier gegeben. Nicht zum ersten Mal mache ich mir Gedanken, wie verdreckt wohl der Meeresboden aussehen mag. Ich bin froh, dass wir uns zu Beginn der Reise gegen eine Flaschenpost entschieden haben. Es befindet sich schon genug Müll im Wasser und an den Küsten der Weltmeere. Abends gab es die dritte Grillparty, die wir lachend mti Mantilla verbrachten, der uns ganz nebenbei erzählte, dass immerhin 15% der Seeleute ihren Frauen treu sind, nun ja... Der Kapitän indes begann nach dem Essen wieder zu marschieren wie ein Soldat. Da die Garage bzw. das 8. Deck des Laderaums fast komplett leer war, marschierte er diesmal durch bis zur Heckwand des Schiffes. Nach der Grillparty, die wir mit Mantilla wieder als letze verließen –immerhin war es schon viertel vor 9-, bestaunten wir an Deck noch den sternenklaren Himmel. Milchstraße, Cassiopeia und Sternschnuppen sahen wir inmitten von tausenden Sternen. Gegenüber Marfret Normandie besaß die Repubblica Argentina einen entscheidenen Vorteil zur nächtlichen Himmelsforschung: Sie war nicht so beleuchtet wie ein Tannenbaum. Während wir so in den dunklen Weltraum starrten, hörten wir plötzlich hinter uns etwas ins Wasser platschen. Wir schauten in Richtung Küche und sahen, wie der Steward den zweiten Müllbeutel griff und ihn ebenso über Bord warf. Wir konnten uns nur noch vorstellen, wie nun unsere Essensreste, Plastikbecher und Coladosen 2.000 m tief auf den Meeresboden sinken. 70.000 Frachtschiffe fahren auf den Weltmeeren herum. Wird nur von jedem Zweiten ein einziger Beutel täglich über Bord geworfen....den Rest kann sich jeder selbst ausrechnen.
16. Tag Wir stellten uns extra den Wecker etwas früher, weil wir die Kanaren sehen wollten. Allerdings auch, um das damit verbundene Telefonieren per Handy zu nutzen. So schauten wir uns den Sonnenaufgang über Fuerteventura an, dachten an die zahlreichen deutschen Urlauber, die jetzt dort in ihren Hotelburgen frühstücken und erhielten die Begrüßungs-SMS des spanischen Handyanbieters: Willkommen in Spanien... Nie zuvor habe ich das so gerne gelesen wie heute. Noch vor dem Frühstück ging ich schnell an Deck und schoss ein paar Fotos der Kanarischen Inseln. Gleichzeitig bildete ich mir das typisch zirpende Geräusch von Grillen ein, dass man in solchen Regionen hört. Doch halt, war das wirklich eine Einbildung? Nein, dieses Geräusch war echt und irgendwo auf Deck 9 neben der Brücke musste eine Grille sitzen. Das tat sie auch. Nach dem Lunch sahen wir sie plötzlich. Rund 8 cm lang hockte sie vor der Brücke und ließ sich von uns fotografieren und filmen. Wir fragten uns, wie sie plötzlich an Bord kam, vermuteten aber, dass sie ein Teil des Proviants war und aus der Küche entkam ;-) Nein, im Ernst. Die Küche des rumänischen Kochs ist sehr gut und jeden Tag bekommen wir zwei kleine Flaschen Wein zum Essen hinzu gestellt, die wir aber nur selten anrühren. Nur auf eines können wir mittlerweile wirklich gut verzichten und zwar auf Fisch. Beide sind wir keine großen Fischesser, doch jeden zweiten Tag müssen wir bedauern, dass ein Fisch umsonst gestorben ist. Mittlerweile stochern wir nur noch lustlos zwischen den Gräten herum oder verzichten ganz, so wie in der ersten Woche, als es Polyp zu Essen gab. Nur an Nudeln und Spaghetti haben wir uns noch lange nicht satt gegessen obwohl es auch diese fast täglich gibt. Kurz vor dem Dinner waren wir wie üblich an Deck und ich sah aus den Augenwinkeln kleine Fische aus dem Wasser hüpfen. Erst beim genaueren Hinsehen entpuppten sich die Fische als Delfine. Wir freuten uns, endlich nach so vielen Tagen auf dem Ozean doch noch welche sehen zu können. Doch sie sahen so klein aus, dass wir uns erst wunderten, doch dann fiel uns ein, dass wir uns auf dem 9. Deck befinden. Zwei Decks liegen unterhalb der Wasserlinie, so dass wir praktisch in der siebten Etage sind und aufs Meer schauen. Da aber sonstige Vergleichsmöglichkeiten fehlen und wir nichts als das blaue Meer sehen, war es klar, dass die Delfine so klein erschienen. Allerdings verwirrt mich nun, dass wir Flaschenkorken erkennen können, die auf der Wasseroberfläche treiben. Waren es vielleicht doch hohle Ölfässer? Und was ist mit den fliegenden Fischen? Sind sie etwa größer als angenommen? Oder waren die Delfine einfach doch so klein? Fragen über Fragen. Fakt ist, dass sie einige Minuten um das Schiff herum hüpften und dann ebenso schnell verschwanden, wie sie gekommen sind. Abends kam Mantilla noch kurz zu uns an den Tisch und erzählte uns, dass wir nun anstatt 20 Knoten nur noch 16 fahren und dementsprechend erst am Samstagmorgen auf den Losten von der Elbe treffen.
17. Tag Wir haben nur noch eine Stunde Zeitdifferenz zu Deutschland, da wir in der letzten Nacht die Uhr mal wieder um eine Stunde vorstellten. Das hatte zur Folge, dass wir uns mal wieder aus dem Bett quälten, zum Frühstücksraum wankten, zwei kleine Brötchen mit halb geöffneten Augen verspeisten und –zurück in der Kabine- ins Bett plumpsten. Zum Lunch sezierten wir wieder Fisch und gingen um 2, wenn der Kapitän schläft, auf die Brücke zu Mantilla. Etwas wackeliger ist es geworden, aber dennoch haben wir gutes Wetter, das bis zu unserer Ankunft auch so bleiben soll. Exakt auf dem 36. Breitengrad befinden wir uns und wenn wir nach rechts blicken und 300 Seemeilen weit schauen könnten, würden wir Gibraltar sehen. Interessiert schauten wir zu, was Mantilla uns alles auf der Seekarte zeigte. Aufgefallen ist mir hierbei ein Punkt mitten im Meer westlich von Gibraltar: ”Explosives Dumping Ground (disused)”, also ein stillgelegter Müllabladeplatz, vermutlich für altes Kriegsgerät oder ähnlichem Zeug.
Das veranlasste mich gleich mal, im Aufenthaltsraum die Regeln der internationalen Seefahrt zur Entsorgung von Müll abzufotografieren. Diese besagen, dass bestimmte Abfallprodukte ab einer gewissen Entfernung zur Küste (3, 12 und 25 Seemeilen) ins Meer entsogt werden dürfen. Ausnahmen hiervon sind jedoch die Antarktis, Nord- und Ostsee, Rotes Meer, Schwarzes Meer, Mittelmeer, Karibik, der Golf von Mexiko und die Golfregion im Nahen Osten. Der restliche Meeresboden darf sich ansonsten mit dem befassen, was von oben herab sinkt. Eine Tatsache, die mich ärgert, denn auch hier könnte man nach dem Prinzip handeln, dass man die gefüllte Coladose genauso transportieren konnte, wie man es mit der leeren auch könnte. Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt, den anfallenden Müll entsprechend zu sortieren und im nächsten Hafen zu entsorgen. Da Moni ein wenig auf ihrem Handy herumspielte, konnte sie beobachten, dass die gelegentlich für Sekundenbruchteile eine Handyverbindung hatte. Doch es reichte nicht aus, um zu telefonieren. Dafür war die portugiesische Küste zu weit weg, an der wir jetzt Richtung Norden entlang schippern. Allerdings sahen wir nun wieder öfter Wale, die ihre Wasserfontäne nach oben bließen.
18. Tag Ich muss mich unbedingt mal morgens nach dem Frühstück wach halten, sonst kann ich nachts nicht schlafen. Bis 2 Uhr lag ich wieder wach, dabei kann ich auf einem Schiff eh schon nachts schlecht schlafen. Blöder Kreislauf: Nachts liege ich wach und morgens nach dem Frühstück schlafe ich ein, weil ich nachts wach lag. Hoffentlich gelingt es mir morgen den Prozess zu unterbrechen. Nach dem Lunch sahen wir wieder Wale, Müll, und mittlerweile zahlreiche Schiffe. Mantilla zeigte mir au dem Radarschirm Dutzende von Schiffen im weiteren Umkreis, elf davon konnten wir mit bloßem Auge sehen. Drei von diesen begleiteten uns in unmittelbarer Nähe an unserer Seite. Kurz vor dem Dinner war es soweit: Wir sahen europäisches Festland. Zum ersten Mal nach drei Monaten lag ein heimatliches Gefühl in der Luft. Nie zuvor habe ich mich so gefreut, Spanien zu sehen. Wir passierten das Kap Finisterre, wo ich vor fast einem halben Jahr noch an der Steilküste stand und aufs Meer blickte. Heute schaue ich in die entgegengesetzte Richtung und kann durch das Fernglas sogar Windräder erkennen. Ich drehe am Weltempfänger herum und schalte von der knisternden Deutschen Welle auf FM, wo zahlreiche spanische Sender in glasklarem Ton zu empfangen sind. Am Abend will ich mir einen Film anschauen, den ich mir 2 Wochen lang für die unruhige Biskaya-Bucht aufbewahrt habe, doch der Aufenthaltsraum ist belegt. Zum Glück ist gutes Wetter und die Bucht relativ harmlos. Dennoch liege ich bis tief in die Nacht wach.
19. Tag Es ist geschafft. Ich bin wach geblieben, als wir vom Frühstück zurück in die Kabine kamen. Müsste also abends einschlafen können. Moni hat heute Geburtstag und beim Lunch kommt der 3. Offizier um zu gratulieren. Der Kapitän bekommt das mit, reagiert aber überhaupt nicht. Nicht, dass Moni darauf scharf wäre, aber traurig finden wir dieses Verhalten schon. Hat sich sein Bild, dass wir uns zu Beginn der Reise gemacht haben, doch noch bestätigt oder ist es am Ende doch nicht der Kapitän? Offiziell wissen wir es ja immer noch nicht. Später auf der Brücke gratulieren noch Mantilla und ein Philippino, der bis dahin gar nicht so aufgefallen ist. Aber ausgerechnet dieser bringt Moni ein paar Schokobonbons als kleines Geschenk und gießt uns noch leckeren Tee ein. Lange schauen wir Mantilla bei der Arbeit zu, wie er gerade mit einem anderen Schiff telefoniert, weil sich das in 16 Seemeilen Entfernung gerade in den Weg stellt. Dabei werden interessanterweise sogar Informationen über Ladung und Personenanzahl ausgetauscht. Keine Ahnung, warum das andere Schiff das wissen, aber jetzt ist es darüber informiert, dass 29 Besatzungsmitglieder und wir 2 Passargiere an Bord sind. Mittlerweile sehen wir verdammt viele Schiffe und auf dem Radarschirm tummeln sich lauter kleine Dreiecke, Punkte und Striche. Noch sind 600 Meilen von Hamburg entfernt und befinden uns an der Westspitze der Bretagne, d.h. morgen werden wir den Ärmelkanal passieren. Abends beim Lunch bringt nun auch der 3. Offizier liebevoll eingepackte Bonbons und es gibt zum Nachtisch sogar noch eine große, leckere Torte mit dem einem Happy-Birthday-Schriftzug, die wir uns mit den anwesenden Crewmitgliedern teilen. Lediglich der Tisch der Führungsriege bleibt, wie jeden Abend, leer. Es ist an sich nicht weiter schlimm, aber wir stellen uns vor, wie der Geburtstag wohl auf der Marfret Normandie ausgesehen hätte: Wir hätten mit allen, die an Bord sind, kräftig gefeiert. Hier aber gehen wir nach dem Dinner in die Kabine, wo uns Mantilla noch schnell hinterher kommt, weil er noch ein persönliches Geschenk überreichen will, worüber sich Moni sehr freut. In der Dunkelheit sehen wir später noch viele Leuchttürme, Schiffe und auch wieder regen Flugverkehr. Es ist zu spüren: Wir sind in Europa!
20. Tag Frühmorgens sitzt ein Spatz auf dem 9. Deck. Er sieht erschöpft aus, kein Wunder. Sonst sehen wir nur Möwen um uns herum kreisen. Aber der Spatz ist ein eindeutiges Zeichen, dass das Land nicht weit weg sein kann. Gegen Mittag sehen wir erst England und kurz darauf die französische Küste. Wir schlingen beim Lunch unsere drei Gänge in Rekordzeit hinunter und verzichten auf den anschließenden Espresso, weil wir an Deck gehen wollen. Schnell in die Jacken, denn es ist kalt in Europa und schon blicken wir auf die weißen Klippen von Dover und die gegenüberliegende Felsenküste bei Calais. Sogar den Rathausturm kann ich durch das Fernglas erkennen. Fast vier Monate ist es nun her, dass wir dort vom Zug in den Bus umstiegen. Jetzt sind wir wieder hier, der Kreis ist geschlossen. Mit der Nähe des Landes steigt der Lärmpegel, denn etliche Besatzungsmitglieder kamen an Deck und drückten auf ihren piependen Handys herum oder telefonierten – wir natürlich auch. Nachdem wir die Meeresenge passierten und den zahlreichenden quer fahrenden Fähren auswichen, wurde es wieder leerer um uns herum. Viele der unzähligen Schiffe sind jetzt nicht mehr zu sehen und wir befinden uns nun mitten auf der Nordsee. Jetzt ist es nur noch ein Bruchteil der fast 14.000 km, die wir mit diesem Schiff seit Buenos Aires zurück gelegt haben. Abends hörten wir die ersten deutschen Radiosender, aber noch ganz schwach, so dass wir uns mit der niederländischen Sprache zufrieden geben mussten. Im Dunkeln konnten wir eine ganze Menge Ölplattformen sehen, Leuchttürme und Schiffe. Der Horizont war hell erleuchtet. Es bestand kein Zweifel, wir waren in der alten Welt.Am letzten Abend unserer Reise schaute ich mir zum ersten und einzigen Mal einen Film im Aufenthaltsraum an. Ich fand den Film ”Travelling Birds” mit seinen schönen Landschaftsaufnahmen ganz passend.
21. Tag Wir wachen auf und das Schiff bewegt sich nicht. Sind wir schon da? Das kann doch gar nicht sein. Vorhang zur Seite und der Blick aufs Meer verrät, dass wir ankern. Die Nordsee ist ruhig und nicht weit von uns ist Helgoland wegen seiner berühmten Felsnadel zu erkennen. Wer kann das schon, Frühstücken mit Blick auf Deutschlands einzige Hochseeinsel. Kurz darauf setzt sich das Schiff langsam in Bewegung un, der Pilot wird an Bord gebracht und damit bin ich jetzt nicht mehr der einzige Deutsche an Bord. Die Mündung der Elbe ist leicht zu erkenen. Viele andere Frachtschiffe stehen in einer Schlange hintereinander und warten auf Einlass. Wir nähern uns ganz langsam der deutschen Küste und erblicken den Strand von Cuxhaven. Nur wenige Meter von uns entfernt sehen wir deutsche Touristen, in dicken Jacken gehüllt, die mit ihrem Hund und ihrem Kind am Strand spazieren gehen. Stundenlang fahren wir auf der Elbe und nur wenige Schiffe kommen uns entgegen. Dafür sehen wir aber zahlreiche Menschen, die am Elbufer spazieren gehen und auf das große gelb-weiße Schiff blicken, dass hochhausgroß an ihnen vorbei zieht. Auf unser fröhliches Winken reagiert aber leider keiner. Nach zwei Atomkraftwerken, einer Windmühle und viel Industrie, die sich hinter den schönen grünen Deichen verstecken, sehen wir den herbstlichen Wald rund um den Hamburger Vorzeigestadtteil Blankenese. Nicht nur dort, sondern auch schon bei den industriellen Teilen der Elbe versuchen wir Vergleiche zu südamerikanischen Häfen und Küsten zu ziehen und stellen mal wieder fest, dass es uns hier in Europa bei Weitem besser gefällt. Selbst neben einer Art Chemiewerk grasen die Schafe auf dem Deich und anstatt Schaum, Dreck und Plastiktüten schwappt lediglich Wasser an die Uferzone. Und die Luft? Sie riecht einfach frisch. Nein, das Thema Südamerika ist für uns erledigt. Und nicht nur das, ich nehme mir endgültig vor, Südeuropa ebenfalls nicht mehr zu bereisen. Dort ist es meiner Meinung nach nicht viel besser. Unser Schiff gleitet langsam an St. Pauli vorbei, wir sehen die Fischmarkthalle und die Landungsbrücken und beobachten wie wir mit dem großen Frachter in dem engen Hafen einparken. Wir verabschieden uns von Mantilla und von dem dritten Offizier, der uns die Pässe bringt sowie von den beiden Stewards und dem Koch und gehen runter zu Deck 3, wo schon unsere Fahrräder auf uns warten. Schon während der stundenlangen, langsamen Fahrt auf der Elbe haben wir sie gepackt, doch nun müssen wir uns zwischen den eng stehenden Lkw aus brasilianischer Produktion, die für den russischen Markt bestimmt sind hindurch quetschen. Dem Chefingenieur reichen wir an der Rampe ebenfalls noch die Hand und kurz darauf betreten wir mit dem rechten Fuß europäischen Boden. Wir sind wieder zuhause. Es ist Samstagnachmittag und im Hafen ist kein Mensch zu finden. Ruhig und entspannt läuft es sich zwischen den großen Containern und wir haben keine Ahnung, ob wir das dürfen. In Buenos Aires waren hundert Meter Fußmarsch streng verboten. In Deutschland, dem achso geregelten Land ist dies kein Problem. Am Ende treffen wir auf eine Schranke und einem Wachdienst. Dieser begrüßt uns freundlich und kündigt uns bei seinen Kollegen an, die einen Stadtplan haben. Lange und ausführlich erklären sie uns den Weg zur Autovermietung, wo wir einen Wagen leihen möchten. Wir schieben Richtung Stadtzentrum, verlaufen uns und ein radelnder Hamburger wendet extra, um uns erneut den Weg zu zeigen. Wie oft haben wir gelesen, dass Langzeitreisende enttäuscht sind, wenn sie nach Deutschland zurück kehren. Alle würden unfreundlich schauen, keiner helfe dem anderen und es wäre ja alles so furchtbar schlimm. Wir machen genau andere Erfahrungen und freuen uns, dass wir mit netten Deutschen kommunizieren können. Keiner ist unfreundlich und jeder ist bemüht uns zu helfen, denn der Weg zur Autovermietung ist weit. Am Hamburger Hauptbahnhof sprechen uns zwei etwas Männer an, die gerade aus dem Stadion kommen und sind ganz interessiert zu erfahren, wo wir herkommen, wo wir hinwollen und wie es uns gefallen hat. Einer der beiden muss am nächsten Tag nach Köln und bietet uns an, uns mitzunehmen. Wir lehnen dankend ab, wollen wir doch noch heute ins Ruhrgebiet zurück, aber alleine diese für einen Deutschen angeblich untypische Geste unterstreicht unsere Abschlussgedanken: Zuhause ist es noch am Schönsten...
Auf der Reeperbahn sehen wir eine 24-Stundenautovermietung, bekommen einen großen VW-Touran und schaffen die Strecke bis ins Ruhrgebiet rekordverdächtig in etwas weniger als drei Stunden. Mitten in der Nacht kommen wir dort an, wo wir 114 Tage zuvor mit dem Rad gestartet sind und sind überglücklich, nicht nur wieder zuhause zu sein, sondern auch in ein ruhiges, nicht wackelndes Bett steigen zu können.
- ENDE -
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