|
WO SIND DIE PINGUINE?
Puerto Madryn ist das, was man eine typisch argentinische Kleinstadt nennen könnte. Die staubigen Straßen sind rechtwinklig angeordnet und besitzen rechts und links Bürgersteige, die bald drohen auseinander zu fallen. Sind die Bordsteinkanten nicht weggebrochen, so fehlen sicherlich große Teile der Gehwegplatten. In der Regel sind dann diese Löcher meistens mit Hinterlassenschaften der zahlreichen Hunde gesäumt, die zu Dutzenden herrenlos über die Straßen traben. Die Stadt liegt südlich der Halbinsel Valdez, die für ihre Tierwelt berühmt ist. Daher verstauen wir unsere Sachen im Hostel und reservieren einen Mietwagen für den nächsten Tag. Zwar gibt es in der Stadt zahllose Anbieter von geführten Touren, doch wir sind keine Freunde von Touristengruppen, die von A nach B gebracht und vollgequatscht werden und dabei nur eine Viertelstunde Zeit haben, um Fotos zu machen oder die Natur zu genießen, damit die Gruppe schnell weiter kann. Wir sind doch keine Japaner. Außerdem ist der Zweck dieser Reise, dass wir endlich, endlich Pinguine zu Gesicht bekommen. Schon seit Jahren möchte ich mich einfach hinsetzen und Pinguine beobachten. Da brauche ich keinen Tourguide, der mit laufendem Motor darauf wartet, dass seine Touristengruppe schnell wieder in den Bus steigt. Das Dumme ist allerdings nur, dass wir schon mehrfach die Auskunft erhielten, dass noch keine Pinguine da wären.
Es ist nämlich so, dass die Männchen der Magellanpinguine zwischen September und Oktober das südamerikanische Festland erreichen, Nester anlegen bzw. die Nester vom Vorjahr aufsuchen und auf die Weibchen warten. Danach wird gebrütet, geschlüpft und den Küken das Schwimmen beigebracht. Dieser gesamte Vorgang dauert schließlich bis März, bis die schwarz-weißen Vögel wieder für ein halbes Jahr in den Südatlantik hüpfen. So, September und Oktober also, wir haben derweil Ende August. Da Pinguine meines Wissens nach keinen Kalender mit sich führen, ist es ja vielleicht auch egal, ob wir nun am 31. August oder am 1. September auf Pinguinsuche gehen – wir versuchen es auf jeden Fall, auch wenn wir in Puerto Madryn nun schon mehrfach die Auskunft bekamen, dass wir – wenn überhaupt – höchstens einen oder zwei Pinguine zu Gesicht bekommen werden. Aber im Oktober, ja da wären Millionen davon da. Wer will aber schon Millionen? Einer reicht! Und sollten wir auf Valdez keinen sehen, so bleibt ja immer noch das Pinguinreservat Punta Tombo, dass sich rund 170 km südlich von Puerto Madryn befindet. Allerdings gibt es dort nichts zu sehen, außer eben Pinguine.
Dementsprechend öffnet es seine Tore auch wirklich erst dann, wenn diese angekommen sind, in der Regel also Mitte September. Es steht außer Frage, wir sind zu früh dran. Doch wir haben ja noch etwas Zeit und können die Warterei noch mit der Besichtigung anderer Sehenswürdigkeiten verbringen. Da wir ja schon einmal hier sind, wollen wir natürlich auch noch nach Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt. Und das sind immerhin noch 1.500 km und wer weiß, ob wir nicht vielleicht auch dort auf Pinguine treffen. Doch dazu später mehr. Nun sind wir erst einmal in Puerto Madryn und klärten mit der netten Hostelbesitzerin, dass wir ein Großteil unseres Gepäcks und die Fahrräder für die nächsten Wochen bei ihr unterstellen können und das sogar gratis. Wir freuen und natürlich und machen uns sogleich auf den Weg, einen kleinen, handlichen Rucksack zu kaufen.
Eine andere Besorgung wollen wir in einem Elektrogeschäft machen. Da wir im Hostel zum ersten Mal in Argentinien Batterien laden wollen, doch kein Strom aus der Steckdose in das Ladegerät fließt, ist es nun an der Zeit, einen Spannungswandler zu kaufen, der aus 110 Volt rund das Doppelte, nämlich 220 Volt herstellt.
STROM? JA, HABEN WIR AUCH
Es dauert einige Zeit, bis wir den Verkäufern hinter der kleinen Holztheke klar machen können, was wir brauchen. Erst als sich noch zwei Kunden in das Gespräch einschalten und wir also mit sechs Personen auf Spanisch, Englisch und Deutsch palavern, wird unser Problem langsam erkannt. Man fragt uns, wofür wir das Gerät brauchen. Na, ganz einfach, um unsere elektrischen Geräte zu benutzen.
-Welche das denn seien? -Ein Akkuladegerät, ein Mobiltelefon… -Auch eine Digitalkamera? -Ja, auch eine Digitalkamera, aber da sind Akkus drin, die wir laden wollen. -Mit dem Ladegerät? -Ja, mit dem Ladegerät. -Und das Mobiltelefon auch? -Ja, das auch. -Wie sieht denn das Ladekabel dazu aus? -Das haben wir jetzt nicht dabei, aber es sieht normal aus. -Das sei schade, denn da steht drauf, was das Telefon für Strom benötigt. -Aber wir wissen doch, was es für Strom benötigt.
-Welchen denn? -Na, das was in Argentinien eben nicht aus der Wand kommt. Und nun brauchen wir ein Gerät, welches eben diesen Strom in die richtige Spannung umwandelt. -Woher wir denn kämen? Aus Europa, aber warum… -Ja, gibt es denn da einen anderen Strom? -Anscheinend, unsere Geräte funktionieren hier auf jeden Fall nicht. Es gibt doch 110 Volt und 220 Volt, das ist doch bekannt. -Ja, das sei schon richtig. -Und eben, unsere Geräte benötigen halt genau das, was es hier nicht gibt. -Und wir seien ganz bestimmt keine US-Amerikaner? -Nein…
-Woher wir denn wüssten, dass wir anderen Strom bräuchten? -Na, weil die Geräte im Hostel nicht funktionieren. -Dann müsse im Hostel etwas kaputt sein und wir sollen dort mal fragen. Außerdem ghätten sie sowieso keinen Spannungswandler, der aus 110 Volt 220 Volt mache. Sie könnten höchstens einen Wandler anbieten, der aus 220 Volt weniger, nämlich 110 Volt mache.
Erst in diesem Augenblick wird uns langsam etwas bewusst. Warum haben Argentinier ein Gerät, dass 220 Volt-Strom umwandeln kann, wenn sie doch keine 220 Volt haben? Oder anders gefragt, warum haben sie ein Gerät, dass Strom in 110 Volt Spannung wandeln kann, wenn 110 Volt sowieso aus jeder Wand kommt? Irgendetwas stimmt an dieser Logik also nicht und erst jetzt fragen wir: „Wieviel Volt kommen denn bei Ihnen aus der Steckdose?“
„Na, 220 natürlich.“
Jetzt wird uns klar, warum sie uns so merkwürdig anschauten und seltsame Fragen zu unserer Herkunft stellten. Und na klar, gibt es in Argentinien doch 220 Volt, haben wir uns doch vor unserer Reise informiert, diese Info aber irgendwie unter Hochspannung mit den Infos zu Chile verwechselt, wo es wirklich nur 110 Volt gibt. Aber da unser Ladegerät nicht funktioniert, war das aus unserer Sicht, der einzige Grund hierfür. Dass wir unseren Reisestecker nicht auf die richtige Steckdosengröße einstellten und demnach kein Strom fließen konnte, finden wir erst nach diesem peinlichen Dialog in dem kleinen Handwerksbetrieb heraus.
|
|