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Aber es gibt ja noch genug zu tun. Unser erster Weg ist die Gepäckaufbewahrung, wo wir dem jungen Mitarbeiter Manoel erklären, dass wir eine Menge Pappkartons benötigen. Über ein Stunde sind Manoel und ich damit beschäftigt, in dem kleinen Büro die Räder auseinander zu nehmen und ordentlich zu verpacken, während Moni draußen auf unser Restgepäck ein Auge wirft. Ordentlich packt Manoel alles zusammen und lässt sich das mit 12,50 Euro für argentinische Verhältnisse gut bezahlen.
So stehen wir nun also da, mit 8 Packtaschen, 4 Seesäcken, zwei in Pappkartons gewickelte Fahrradrahmen, zwei kleine Möchtegern-Pakete, aus denen die Fahrradreifen schaue, unseren Lenkertaschen in denen sich alles Notwendige befindet und eine Plastiktüte mit etwas Proviant für unterwegs. Dazu haben wir noch einen dicken Pulli an und unsere Regenjacke griffbereit, da wir aus den brasilianischen Erfahrungen gelernt haben, dass südamerikanische Überlandbusse nachts sehr kalt sein können.
Dies ist der Zeitpunkt, an dem wir beschließen, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Mein Knie schmerzt schon seit Europa, mein Rad hat mittlerweile auf der Reise einige Schäden hinnehmen müssen und im tiefsten Süden Argentiniens herrscht Winter. Zudem haben wir die Lust verloren, auf den gefährlichen Straßen zu radeln und so halten wir das Rad momentan als unnötigen Ballast, der uns das Reisen zurzeit eher erschwert. Also werden wir in Puerto Madryn, unserem Ziel hinter Buenos Aires, die Räder irgendwo unterstellen und mit anderen Verkehrsmitteln weiterreisen.
Doch nun sitzen wir erst einmal hier auf unserem Haufen Zeug, essen ein paar Empanadas, die immer so lecker süß aussehen und sich dann doch als Teig mit Fleischfüllung entpuppen und schauen die nächsten sechs Stunden lang dabei zu, wie sich das Kinderkarussell im Busbahnhof dreht. Noch Tage später werden wie die dazugehörige Melodie im Ohr haben. Nach zwei oder drei Stunden Wartezeit hat Manoel wohl Mitleid mit uns und macht den einzigen Fernseher, der nicht eingeschaltet ist und direkt vor uns hängt, an. Danke, Manoel, wir werden dir die nächsten Stunden mit lauten und bunten Kinderfilmen nie vergessen…
Als sich der kleine Zeiger der Uhr der 7 nähert, bringen wir unseren gesamten Hausrat stückchenweise zum Bussteig. Dabei gehen wir so vor, dass einer von uns die Sachen von Punkt A zu Punkt B trägt, während der andere beide Punkte im Auge behält, damit auch ja nichts weg kommt. Nach unseren Lenkertaschen, die wir ja sowieso nie aus der Hand geben, ist die Packtasche mit Pingu unser wichtigstes Gepäckstück.
Mit der letzten Stunde Wartezeit sprach uns Ralf an. Ein Endvierziger, der 1980 nach Paraguay auswanderte und sich dort ein Stück Wald kaufte, heute aber mit Frau und Kindern in Buenos Aires lebt und ständig mit dem Bus zwischen den beiden Ländern pendelt. Er erzählt uns, dass sein Grundstück auch heute noch aus Wald besteht, aber drumherum alles abgerodet wurde und sich die so genannte Zivilisation mit all ihren hässlichen Neben- und Endprodukten breit gemacht habe. Erschreckend hierbei sei der Gedanke, dass dies in einem Zeitraum von nur einem Vierteljahrhundert geschah.
Diese Infos bestätigen unsere Eindrücke, die wir bisher von Südamerika haben: Die Ausbeutung des Kontinents durch den „weißen Mann“ ist noch lange nicht abgeschlossen, sondern immer noch im vollen Gange.
Ralf fährt leider einen Bus früher als wir, so dass wir nicht lange Gelegenheit haben, mit ihm zu reden. Als unser Bus erscheint, gibt es natürlich kurze Diskussionen mit dem Fahrer wegen der Räder. Denn was man vergessen hatte, uns zu geben, war ein Ticket für die Drahtesel. Also muss ich schnell nochmal zu dem Büro, kann aber dort klären, dass wir nach unser Ankunft in der Hauptstadt die Fahrscheine bezahlen werden.
BEQUEMLICHKEIT IM REISEBUS
Im unteren Geschoss des Busses nehmen wir dann in breiten und bequemen Sitzen Platz, die viel Beinfreiheit hergeben. In einem herkömmlichen Reisebus befinden sich bekanntermaßen vier Sitzplätze pro Reihe, in diesem Abteil sind es nur drei, was eine angenehme Fahrt verspricht. Hinzu kommen noch eine Decke, ein Kissen, ein Abendessen, zwei Filme auf dem Flachbildschirm und am nächsten Morgen ein Frühstück. Da zur Decke auch noch die Heizung benutzt wird, war es unnötig von uns, unsere Regenjacken sicherheitshalber als Wärmespender mit zu den Sitzen zu nehmen.
Während der Nacht werden vom Steward noch die Vorhänge zugezogen. Ich erhebe jedoch leichten Protest, weil ich ein bisschen die Lichter da draußen sehen möchte, die an uns vorbei ziehen und nach dem Kreuz des Südens Ausschau halten möchte. Doch mein Protest ist zu leicht und so setzt sich der Steward mit seinem Willen durch und zog auch an meinem Fenster die Gardine zu. So Recht verstehen will ich den Sinn nicht, aber nachdem der Steward wieder vorne in der Fahrerkabine verschwindet, öffne ich die Gardine wenigstens einen kleinen Spalt.
Mit dem Sonnenaufgang erreichen wir Buenos Aires, doch es dauert noch über eine Stunde, bis der Bus am „Retiro“, dem Busbahnhof ankommt. Wir zahlen brav die Frachtgebühr für die Räder und so stehen wir nun mitten in dieser Millionenmetropole zwischen zahlreichen hektischen Menschen, die sich auf über 70 (!) Bussteigen verteilen. Die Dimension des Bahnhofs ist unglaublich und erinnert in seinen Ausmaßen eher an einen internationalen Flughafen. Da wir die Hauptstadt sowieso später noch besuchen werden, weil von dort unser Schiff zurück nach Europa ablegen wird, besorge ich abermals zwei Tickets, während Moni mit unserem Krempel wartet. Wir haben Glück und noch am selben Mittag wird uns der nächste Bus der Gesellschaft Patagonia weitere 1.400 km nach Süden bringen. Während der „nur“ dreistündigen Wartezeit bringen wir indessen in einem Kraftakt wie schon am Vortag unser Gepäck zum richtigen Bussteig und achten natürlich sehr darauf, in dem Menschengewimmel kein Gepäckstück zu verlieren.
Anschließend beobachten wir das ständige Einfahren der unzähligen Reisebusse, die im 30-Sekundentakt ankommen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich weiß nicht, wann ich so viele Busse zuletzt auf einen Haufen gesehen habe, die gerade im Einsatz sind. Ein unglaubliches Massenspektakel, bei dem natürlich fast jeder Fahrer den Motor laufen lässt, auch wenn er zehn oder 20 Minuten oder sogar noch länger Aufenthalt hat. Dies ist ein Phänomen, dass uns schon auf der gesamten Reise begleitet. Habe ich mich noch in Holland leise vor mich hin geärgert, wenn jemand den Motor seines Wagens laufen ließ, während er am Bankomaten schnell mal Geld abhebt, so habe ich hier spätestens die Hoffnung verloren, dass die Menschen lernen werden, die Umwelt zu schonen, geschweige denn, sie zu respektieren. Neben all dem sichtbaren Dreck und Müll in Südamerika der schon schlimm genug ist, wird auch noch unnötig die Luft belastet, obwohl es keinen Nutzen hat, wenn der Motor anbleibt. Rechnet man nur die vielen Busse Argentiniens, die an einem einzigen Tag, so wie jetzt genau in diesem Moment, unnötig Dreck auspusten, dann kann einem schlecht werden.
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