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In der Nacht, gegen halb eins, werden wir unsanft durch eine Kriegssirene aus dem Bett gerissen. Werden schon wieder die Falklandinseln angegriffen? Nein, ein Hostelmitarbeiter erklärt, dass es die Sirene für die Feuerwehr sei.
Am nächsten Morgen zahlen wir und gehen mit unserem Restgepäck zum Busbahnhof. Dort flimmert natürlich wieder ein Fernseher und wir sehen, wie von einem Busunfall auf der Ruta 3 berichtet wird. Es gab 5 Tote und mehrere Verletzte. Doch die Ruta 3 ist rund 3.000 km lang und wir verstehen nicht, wo das gewesen sein soll. Das kann ja weit weg sein. Trotzdem ist man dann etwas beunruhigt und hofft, dass alles gut geht. Wir steigen in das Untergeschoss des Busses wo es nur sechs Sitze gibt. Drei davon bleiben leer, so dass wir nur einen Mitpassagier haben, mit dem wir ins Gespräch kommen und der uns beim Bingospielen hilft, weil wir die spanischen Zahlen nicht so gut verstehen. Lange fahren wir nicht, vielleicht eine halbe Stunde, als wir draußen an den Straßenrändern allerlei Zeug herumliegen sehen. Von Plastikbechern über Kleidung bis hin zu Sitzen aus einem Reisebus. Der Unfall war also nicht irgendwo, er war nur 40 km außerhalb der Stadt. Daher auch die Sirene in der Nacht. Später lesen wir im Internet, dass die Verletzten hauptsächlich in das Krankenhaus von Puerto Madryn eingeliefert wurden. Der Unfall geschah bei einem Überholvorgang des Busses, als dieser den überholten Lkw mit der Seite berührte.
Beim Anblick der Unfallstelle kommt ein mulmiges Gefühl auf und wir versuchen uns mit dem leckeren Essen und den drei Filmen, die auf dem Flachbildfernseher laufen, abzulenken. In der Dunkelheit können wir unsere Ledersitze in Liegen mit 180°-Winkel verwandeln. Eingekuschelt in die Decken, lassen wir uns gemütlich und luxuriös in die Hauptstadt Buenos Aires bringen.
Frühmorgens kommen wir an dem riesengroßen Busbahnhof an, den wir ja bereits kennen. Ein wenig müssen wir noch warten, bis der Gepäckschalter, irgendwo in der hintersten Ecke des Kellers versteckt, öffnet aber dann können wir abermals unsere gesamten Sachen in Empfang nehmen. Und wieder fehlt nichts oder ist kaputt gegangen.
Mittlerweile sind wir sehr darin geübt, unsere Taschen und Räder von Kartons zu befreien und daher dauert der gesamte Vorgang mittlerweile nur noch 20 Minuten, inklusive dem Bepacken der Räder. Ein kleines Weihnachtsgefühl kommt schon dabei auf, doch wir wussten ja, was sich in den „Geschenken“ befindet.
GROß UND LAUT: BUENOS AIRES
Wir schieben die Räder aus dem Bahnhof heraus und sind mitten in der lauten, hektischen und schmutzigen Hauptstadt Argentiniens. Durch Menschenmassen hindurch zwängen wir unsere Räder Richtung Zentrum. Zum Fahren ist uns das Ganze dann doch zu heikel. Wir staunen, dass die Menschen teilweise in Fünfer- oder Sechserreihen hintereinander anstehen, um auf die grüne Ampel zu warten. In der Breite bestand die Menschentraube natürlich aus 20 oder mehr Personen. An einer Kreuzung sehen wir, wir junge Leute mit Werbetafeln auf die Straße springen, wenn der Autoverkehr Rot hat und diese Tafeln den Autofahrern quasi vor die Nase halten. Gleichzeitig spricht uns ein Geschäftsmann an und erklärt uns mit einem augenzwinkernden Lachen, dass dies modernes Hightech sei. Gleichzeitig ist er an unserem Woher und Wohin interessiert. Immerhin haben wir ja die Räder dabei und da sind solche Fragen ja Standard. Wir sind guter Laune, lachen und finden die Stadt einfach nur lustig. Die gute Laune legt sich aber mit der Zeit, als wir von Hotel zu Hotel rollen und immer wieder gesagt bekommen, dass alles belegt sei. Moni ist zudem noch genervter, denn während sie draußen wartet und auf die Räder achtet, wird sie oft von hektischen Fußgängern kritisiert, warum sie da rum stünde. Was erwarten die Leute? Dass man sich in Luft auflöst? Irgendwann haben wir aber Glück und finden ein Hotel, sogar mit einer deutschsprachigen Besitzerin. Wir können zwar nur eine Nacht bleiben und müssen die nächsten beide Nächte woanders hin, aber danach wäre es auch kein Problem. Wir waren zufrieden.
Für heute haben wir was, für morgen finden wir noch was und weil unsere Räder schon sicher verstaut im Keller stehen, werden wir in drei Tagen wieder kommen. Danach geht es erst einmal auf Stadterkundung und zurück zum Busbahnhof, wo wir unsere Tickets für die Fähre nach Uruguay kaufen. Gerne möchten wir noch einen Tagesausflug dorthin machen, besonders, weil wir auf der Fahrt von Posadas nach Buenos Aires ja daran vorbei fuhren und auf einen Zwischenstopp verzichteten. Enttäuschen sind jedoch in der Hauptstadt die Touristenbüros, die einerseits schlecht ausgestattet sind und andererseits dem Anschein nach nicht zusammen arbeiten. Jedes hatte eine andere Art von Stadtplan. In den nächsten Tagen machen wir kleine Ausflüge. Einer davon geht nach La Boca, wo wir die bunt bemalten Häuser der berühmten Straße besichtigen. Da aber Tango nicht unser Ding ist, können wir uns nicht so für das ganze Drumherum begeistern. Es sieht nett aus, ist überfüllt mit Touristen, das ist aber auch alles. Ein paar Blocks weiter befindet sich das Stadion des berühmten und erfolgreichen Fußballvereins Boca Juniors, dem Verein von Diego Maradona. Wir gehen in das Stadionmuseum, schauen uns das Spielfeld und die eigentümliche Tribüne an und fahren dann mit dem gewöhnlichen Linienbus zurück ins Zentrum. Erstaunlich ist die Tatsache auch hier wieder einmal, dass die Touristen in La Boca und am Stadion mit dem Reisebus bzw. mit einer geführten Tour angekarrt werden. Individuell ist dort außer uns keiner. Aber wie schon oft gesehen, ist dies der Standard in Argentinien. Selber denken scheint nicht erwünscht zu sein. Der Höhepunkt dieser Tourguide-Praxis ist schließlich der Verein Boca Juniors selber. Ich dachte darüber nach, mir eines ihrer Heimspiele anzuschauen und frage daher im Touristenbüro nach, wo man mit großen Lettern wirbt, dass man dort Eintrittskarten erwerben könne.
Doch was erhalte ich als Antwort? Man könne nur in einer geführten Tour ein Spiel als Tourist sehen. Das wäre zwar inklusive Abholung vom Hotel und Stadionbesichtigung aber zu einem Preis, den ich nicht zu zahlen bereit bin. Also lasse ich das sein, eine Stadionbesichtigung hatten wir ja eh schon hinter uns.
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