Die Weltenbummler

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PinguinAm nächsten Morgen scheint die Sonne über der Prärie, wo sich ein nur noch halbwegs weißer VW Gol mit rund 160 km/h im Landeanflug auf Argentiniens Schlammpfützen befindet. 45 Kilometer geht es von Perito Moreno in südliche Richtung auf einer nagelneuen Asphaltstraße auf der uns kein einziges Auto entgegen kommt. Nach ca. 20 Minuten ist Schluss mit der Straße und diesem Tempo, d.h. die Straße gibt es weiterhin, doch sie sieht nun aus wie eine Panzerspur auf einem Truppenübungsplatz. Die Ruta 40 ist in Bau und ab hier sieht man, verhältnismäßig oft Südatlantiksogar, Bauarbeiter oder Baumaschinen. Doch die Straße selbst besteht aus zwei tiefen Fahrrinnen, Schlamm, Schlaglöchern, tiefen unausweichlichen Pfützen, Schotter, Staub. Sie besteht einfach aus allem, was für einen kleinen Pkw nicht bekömmlich ist und gerade deswegen macht es uns Spaß, hier entlang zu fahren. Auf festem Untergrund und geraden Abschnitten sind sogar gelegentlich 80 km/h möglich, aber meist fahren wir langsam, genießen dabei die Landschaft, die hier wesentlich schöner ist als im Osten und dabei noch nicht einmal eingezäunt – zumindest nicht Magellanpinguinimmer. Das bedeutet, wir können sogar mal aussteigen und durch die Landschaft wandeln. Wir erklimmen einen Hügel und sehen den Wagen nur noch als kleinen, hellen Punkt in der Weite Patagoniens. An einer anderen Stelle bitte ich Moni, an der Straße zu stehen und zu filmen, wie ich auf einer kleineren Piste weiter unterhalb durch die Landschaft düse. Wie ein Regisseur zeige ich auf eine Stelle, die nicht so weit weg ist und sage: „Bis da vorne fahre ich und wende dann.“. Was so aussieht wie ein kurzes Stück ist mal eben 2 km lang und Moni kann mich im Display der Kamera schon nicht mehr ausfindig machen. Wir lachen, denn wenn dieses „da vorne“ Neugierdemit den Händen scheinbar greifbar ist und es sich dennoch um 2 km handelt, wie weit sind dann wohl die Anden noch weg, die sich weit hinten am Horizont gen Himmel strecken?

Die Weite dieser Landschaft ist kaum vorstellbar und so düsen wir weitere 60 km über die Piste. Eigentlich wollen wir zur Höhle mit den Handabdrücken, doch auf der kleinen Straße, die von der Ruta 40 in den Canyon abzweigt, hängt eine Art Absperrband. Wir Punta Tombosind uns nicht sicher, ob wir es herunter drücken und drüber fahren sollen oder dürfen, sehen aber an Hand mehrerer Reifenspuren, dass wir nicht die einzigen sind, die an dieser Stelle gewendet haben.

Nur 4 km entfernt befindet sich eine kleine Siedlung, von Dorf zu reden wäre übertrieben, die an die apokalyptischen Mad-Max-Filme erinnert, wo sich jedoch auch Michael Mollein kleines Motel befindet. Der Besitzer meint zwar, dass wir auf der Straße richtig wären, aber mir ist nicht ganz klar, ob er was von dem Absperrband weiß. Wir beschließen die Angelegenheit sein zu lassen, besonders weil wir heute noch nach Puerto Deseado zurück an die Küste möchten. Daher gebe ich Moni noch ein paar Fahrstunden, die sich ohne Führerschein auf der Schlammpiste wacker schlägt. Später steuere ich das Auto gemütlich wieder Richtung Norden zur Asphaltstrecke, lasse dabei Wanderwegkeine Pfütze aus und am Ende der Tour sieht der Wagen aus, als hätten wir ihn aus einem Tümpel gezogen. Bis zum Dach ist der Wagen nicht mehr weiß, sondern schlammbraun. Fenster, Scheinwerfer, Rückspiegel, einfach alles ist zugespritzt und es ist nicht mehr möglich durch das Beifahrerfenster zu schauen. In ZweisamkeitPerito Moreno wollen wir tanken und als zwei junge Angestellte zum Scheibenputzen kommen, staunen sie nicht schlecht. Fast eine Viertelstunde putzen und waschen sie die Scheiben sauber, was mir ein wenig unangenehm ist, doof daneben zu stehen. So etwas mache ich eigentlich lieber selber, na ja, dafür hatten sie aber ein Trinkgeld verdient.

GuanakoWir machen uns auf dem selben Weg zurück, wie wir am Vortag gekommen sind und fahren durch die Ölförderanlagen des Landes. Zahlreiche Ölpumpen sind über viele Kilometer hinweg zu sehen und ständig patrouillieren schwere Pick-Ups der Ölgesellschaft im Schleichtempo auf der Straße. Wir passieren nochmals Las Herras, wo sich am Stadtrand ein ganz besonderes Feld auftut. Dort wachsen über mehrere hundert Quadratmeter hinwweg an den kleinen vertrockneten, Steppenpflanzen bunte Plastiktüten. Dummerweise ist dies nicht die Müllhalde der WachsamStadt, denn die sahen wir bereits am Vortag am anderen Ende der Stadt vor sich hinkokeln. Nein, bei diesem Fels handelt es sich einfach um ein Trauerspiel. Die Menschen auf der Straßenseite gegenüber kümmert es schlicht nicht, dass dort die verloren gegangen oder weg geschmissenen Plastiktüten vom Wind hingetragen werden in den Sträuchern hängen bleiben. Uns fehlt das Verständnis, wie Achtung Baustellees dazu kommen kann und warum das Land nicht sauber gehalten wird. Dafür wird kein Geld benötigt, lediglich ein bisschen Bedürfnis nach Schönheit.

So fahren wir weiter durch die abstoßenden Ölförderanlagen auf die wir aber angewiesen sind. Denn ohne Öl kein Benzin und ohne Benzin keine Fahrt zur Küste, wo Seelöwe Schildwir doch hoffentlich auf die Pinguine treffen. Fitz Roy, das an der Ruta 3 liegt, ist auf unserer Karte als mittelmäßig großer Ort eingetragen und so erhoffen wir uns, dass dort das geförderte Öl als Benzin verkauft wird. Dummerweise gibt es in dem „mittelmäßig großen“ Fitz Roy mit seinen zehn Häusern aber keine Tankstelle und so bleibt uns nichts anderes übrig, als einfach weiter zu fahren. Immerhin ist der Tank ja Steppenläufer Tumbleweednoch zu einem Viertel gefüllt und es sind ja nur noch 100 Kilometer bis Puerto Deseado. Wir biegen von der Ruta 3 ab und fahren auf einer schnurgeraden Straße spritschonend Richtung Küste. Um uns herum nichts, rein gar nichts. Nur flache Landschaft, in denen flach auf dem Boden ein paar Steppensträucher wachsen, sonst nichts. Es dauert nicht lange, bis die Tanknadel ihre Unzuverlässigkeit präsentiert und plötzlich nach unten sinkt. Noch 70 Kilometer und die Nadel zeigt auf den letzten Strich, Fahrrad in Puerto Madrynnoch 60 Kilometer und die Warnlampe leuchtet auf, noch 50 Kilometer und die Nadel ist bereits unter dem letzten Strich, noch 40 Kilometer und es taucht rechts eine Art Bauhof auf. Wir halten dort an und sehen drei junge Männer an einem Lkw. Wir erklären kurz unser Problem und sie verstehen sofort. Schnell waren wir uns einig, dass wir einen 5-Liter-Kanister für umgerechnet 5 Euro bekommen. Alle sind zufrieden. Wir haben Benzin in unserer Notlage, dass immer noch günstiger wäre, als bei uns in Deutschland und die Jungs haben etwas verdient, da sie das Benzin für das Umbau für BustransportDoppelte des Tankstellenpreises verkaufen können. Das ist uns aber ziemlich egal, denn bis zu unserem Zielort können wir es sonst nicht mehr schaffen. Andererseits würde ich in Deutschland nicht versuchen, Profit daraus zu schlagen, sondern einfach nur helfen – aber was soll’s…

ArgentinienSie stellen uns den Kanister ins Auto und bieten uns, noch einen Kilometer weiter zu fahren, damit ihr Chef nichts von dem illegalen Einkommen mitbekommt. Gesagt, getan und so kippen wir an der einsamen Straße das Zeug durch eine Rolle Zeitungspapier in den Tank. Wir müssen nicht erwähnen, dass wir den leeren, stinkenden alten Kanister nicht einfach stehen ließen, sondern in an der nächsten Tankstelle ordentlich entsorgt haben. Aber wir konnten uns gut vorstellen, wie Einheimische damit umgegangen wären…

 

 

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