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Da es keinen Busbahnhof gibt – wofür auch, es fährt ja eh nur dieser eine Bus – hält unser Gefährt in einer kleinen Seitenstraße von dem Büro der Busgesellschaft. Dort wartet schon der pfiffige Besitzer des Hostels Aonikenk mit seiner Tochter und warb um Gäste. Ihr Flugblatt und ihre Geschäftstüchtigkeit gefallen uns und weil wir ohnehin nicht wissen, wohin, steigen wir mit zwei anderen Passagieren ins Auto und lassen und zum Hostel bringen. Wir bekommen ein kleines Zimmer im Keller, das nett hergerichtet ist, werden nach der langen Fahrt zu einem Kaffee in den Aufenthaltsraum eingeladen und können von dort durch das Panoramafenster auf die hell erleuchtete und weiter unten liegende Stadt blicken.
Prompt bekommen wir Informationen zur Stadt und Umgebung und gehen, trotz vorgerückter Stunde, noch in das Zentrum. Dieses besteht, wie bei vielen argentinischen Städten aus einer einzigen Straße, doch da tummelt sich eben das Leben. Auf Grund der Kälte, der Dunkelheit und der hübsch beleuchteten Häuser kommt es uns vor wie auf einem Weihnachtsmarkt, dabei haben wir aber gerade einmal den August hinter uns gelassen.
Mein Herz erfreut sich, denn alles, was man irgendwie mit Pinguinen verzieren kann, war auch verziert. Schlüsselanhänger, T-Shirts, Kugelschreiber, Magnetpins, einfach alles hatte Pinguinoptik. Und wenn nicht dies, dann eben den Schriftzug „Fin del Mundo“, Ende der Welt. Hier, an eben diesem Ende der Welt, wo es in der Tat nicht mehr weiter geht und nur noch die Antarktis kommt, komme ich mir vor, wie in einem Pinguinfreizeitpark. Es steht natürlich außer Frage, dass wir ein paar Tage bleiben und uns mit Postkarten, Lesezeichen und sonstigen Pinguin-Schnickschnack eindecken. Moni besucht die Heilige Messe in der südlichsten Kirche der Welt und wir fahren mit dem Bus in den Nationalpark „Tierra del Fuego“. Da es natürlich noch winterlich ist, sieht der Wald im Park noch recht braun und trostlos aus, aber es gefällt uns trotzdem. Manche der Bäume sind in merkwürdige, pflanzliche Fäden, vielleicht Flechten gehüllt. Wir spazieren durch ihnen hindurch und genießen die Ruhe auf Grund der fehlenden Touristen, begutachten einen einsamen Biberdamm, an dem zarte Eisschollen zerbrechen u nd gehen in Ruhe auf der matschigen Piste, die glücklicherweise für den Autoverkehr gesperrt ist bis zum Ende der Panamericana. Dort wartet natürlich das berühmte Schild mit dem Hinweis, dass es bis Alaska noch 17.848 km sind. Das obligatorische Foto wird gemacht, selbstverständlich auch mit Pingu, und schon blicken wir auf die letzten Inselchen vor dem Südpol, die jedoch wiederum zu Chile gehören. Ein schönes Gefühl hier zu sein und –das sollte nicht vergessen werden – das Experiment ist gelungen: Man fällt tatsächlich nicht vom Planeten, wenn man hier soweit unten steht.
Ein absoluter Höhepunkt wäre natürlich gewesen, genau hier an dieser Stelle zu diesem Zeitpunkt einem Pinguin zu begegnen. Doch das blieb uns verwehrt, doch na ja, man kann ja nicht alles haben und so begnügen wir uns mit den Hochlandgänsen, die immer nur als gemeinsames Pärchen zu sehen sind.
Nachdem wir nun wirklich nicht weiter südlich gelangen können und noch lange Richtung Antarktis blicken, schauen wir uns an und sagen grinsend: „Na, dann komm. Fahren wir wieder nach Hause. Ab jetzt geht es wieder nur noch nach Norden.“
Um zurück nach Ushuaia zu kommen, warten wir auf den Kleinbus an einem Campingplatz. Viel ist dort glücklicherweise nicht los. Ein Segen, dass wir nicht in der Hauptsaison da sind. Zum Platz gehört auch ein kleines Restaurant, in dem wir uns mit einem Kakao aufwärmen. Doch ausgerechnet hier, am Ende aller Straßen, einem Ort, der irgendwie mehr ist, als nur ein Ausflugsziel, arbeitet wohl die mürrischste Person, die wir auf der gesamten Reise getroffen haben. Aber wir lassen uns unsere gute Laune nicht vermiesen und genießen den – zudem überteuerten – Kakao, während wir auf den menschenleeren Campingplatz schauen. Zwischen den Picknickplätzen können wir beobachten, wie Dutzende kleine Greifvögel wie Hühner in dem dichten Laub auf dem Boden scharren. Dabei fragen wir uns, wo sich diese Tiere aufhalten, wenn in zwei oder drei Monaten die Touristenströme hier eintreffen.
An einem anderen Tag wollen wir den Gletscher oberhalb der Stadt besichtigen. Mit dem Taxi lassen wir uns soweit hinauf bringen, wie es möglich ist. Dummerweise stehen wir aber dann vor einem Sessellift, den wir beide nicht benutzen wollen. Keine Flugzeuge, keine Fahrstühle und auch keine Sessellifte. Ein Weiterkommen zu Fuß ist nicht möglich und wird uns auch nicht erlaubt, da der Weg momentan zugeschneit ist. Mal davon abgesehen, dass wir für so etwas auch gar nicht richtig gekleidet sind. Unsere ursprüngliche Reiseplanung sah ja eigentlich etwas anders aus, normalerweise wären wir ja nun in den Tropen unterwegs gewesen. Mit ein Grund dafür, dass wir uns in Rio Gallegos bereits Jacken aus Schaffell kauften. Also gehen wir unverrichteter Dinge den Berg wieder hinab und verzichten auf den Gletscher, wir werden ja noch woanders einen sehen.
FLUCHT IM TAXI
Einige Zeit gehen wir, als auf der einsamen Bergstraße plötzlich ein Hund vor uns auftaucht. Er ist zwar noch knapp 100 Meter entfernt, aber was ist das schon bei einem großen Vierbeiner, der einen unentwegt anstarrt? Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Weitergehen und wie bereits zweimal in Frankreich unser Pfefferspray aus der Tasche kramen oder zurückgehen und hoffen, dass sich der Hund davon trottet? Während wir darüber nachdenken, kommt unsere Rettung in Form eines Taxis von hinten. Wir springen ihm fast auf die Motorhaube, damit er anhält und lassen uns an dem Hund vorbei fahren. Da uns aber eigentlich nach Spaziergang war, steigen wir wieder aus, als wir glauben, von dem Hund weit genug weg zu sein. Doch als wir die ersten Häuser von Ushuaia erreichen, sehen wir in den weniger schönen Vororten an jedem Haus einen Hund. Manche liegen nur träge herum, andere sind angeleint, manche laufen auf uns zu und machen die schon die nächsten Hunde in der Nachbarschaft auf uns aufmerksam. Es wird zum Spießrutenlauf für uns, wie wir im Zickzack durch die Straßen wandern und darauf achten, feindlich gesonnenen Hunden aus dem Weg zu gehen. Wir haben den Eindruck, dass von allen Hunden Argentiniens, und das sind verdammt viele, die aggressivsten in Ushuaia leben.
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