|
Von Rio Gallegos aus wollen wir auf jeden Fall nach Ushuaia auf Feuerland und nach El Calafate zum Perito Moreno-Gletscher, doch wie auch schon bei anderen Autovermietern, erhalten wir in Rio Gallegos die Auskunft, dass eine Fahrt nach Chile mit dem Leihwagen nicht erlaubt sei und durch Chile müssen wir zwangsläufig, wenn wir nach Ushuaia fahren. Also kaufen wir zwei Bustickets, damit wir erst einmal dort hinkommen. Bei jedem Ticketkauf mussten wir bisher unsere Pässe vorlegen, hier natürlich erst Recht, da es zweimal über die Grenz geht. Und obwohl im Pass das Herkunftsland unter anderem auch in Spanisch geschrieben steht, muss ich dem Mann am Schalter erklären, dass ich aus „Alemania“ komme.
Unweit von Rio Gallegos befindet sich das Kap Virgenes, wo ebenfalls eine Pinguinkolonie sei. Für umgerechnet 100 Euro bietet man uns eine Tour in einem Reisebüro an, wo wir eine Stunde Aufenthalt am Kap hätten. Doch eigentlich seien ja noch keine Pinguine da. Wofür man uns also die geführte „Privat“-Tour anbietet, ist uns etwas schleierhaft.
Damit wir am nächsten Tag nicht aller Früh durch die Bronx watscheln müssen, entscheiden wir uns für ein Taxi, dass uns zum Busbahnhof bringt. Dort betreten wir einen Bus, dessen Front komplett vergittert ist. Chile muss ein gefährliches Land sein, denken wir. Aber das Gitter dient natürlich bloß zum Schutz vor Steinschlag auf den geschotterten Pisten.
Etwas über eine Stunde dauert die Fahrt, bis wir an die Grenze kommen. Der Bus fährt rechts an einer langen Autoschlange vorbei, hält an und der Steward geht alleine in das Zollgebäude. Nach zehn Minuten sehe ich, wie er wieder hinaus gestürmt kommt und hektisch auf den Bus zurennt. Ist Chile vielleicht doch so gefährlich und jetzt müssen wir schnell flüchten? Er tritt in den Passagierraum, der von der Fahrerkabine durch eine Tür abgetrennt ist und ruft fast schon panisch: „Cinqo, Cinqo“. Dabei zeigt er auf die ersten fünf (cinqo) Passagiere, unter anderem uns und deutet an, ihm schnell zu folgen. Aber warum so eilig? Wir dachten, wir sind in Südamerika, dem Kontinent der Lässigkeit und des Mananas…
Also hechten wir schnell in einem mit Menschen überfüllte Schalterhalle, rennen dem Steward hinterher und geben irgendwem unsere Pässe, die zwischen zahlreichen Händen erst verschwinden und nach wenigen Sekunden mit frischen argentinischen Ausreisestempeln wieder auftauchen.
Das Spiel mit dem Namen „Fang den Steward“ wiederholt sich so lange, bis alle Passagiere an der Reihe sind. Danach fährt der Bus ein kurzes Stück und hält am chilenischen Grenzhäuschen. Dort ist es noch voller und es bildet sich eine lange Schlange, die wild und verschlungen durch die gesamte Halle führt. Vor unserem Bus ist noch ein anderer Bus an der Reihe, in dem eine argentinische Basketballjugendmannschaft sitzt und nur eine einzige Frau stempelt die Pässe und nimmt die Einreisekarten entgegen, die wir vorher ausgefüllt haben. Eine knappe Dreiviertelstunde dauert es, bis wir dran sind. In der Zeit stehen wir uns die Füße in den Bauch und lernen die englischen, deutschen und französischen Plakate an der Wand auswendig, auf denen die strengen Einreisebestimmungen stehen. Diese besagen, dass keine Lebensmittel nach Chile eingeführt werden dürfen. Während ich das lese und darauf warte, wieder einen kleinen Schritt nach vorne gehen zu dürfen, denke ich mit hungrigem Magen an die leckeren Kuchenteilchen, die wir noch übrig haben und auf unseren Plätzen im Bus auf uns warten…
Nach der Stempel-im-Pass-Geschichte ist die Zollkontrolle an der Reihe. Alles soll durch das Röntgengerät, doch ich sage der Dame, dass in der Packtasche eine Kamera mit Zubehör enthalten ist und ich sie gerne auf herkömmliche Art und Weise in die Tasche schauen lassen, aber bitte nicht mit Röntgenstrahlen. Nun, wenn das so ist, sei das kein Problem und ich dürfte wieder in den Bus steigen. Reingeguckt hat sie nun aber gar nicht, seltsam. Was hätte ich jetzt an Äpfeln und Birnen schmuggeln können…
Wir fahren auf schotteriger Straße durch Chile und die Landschaft ändert sich weiterhin nicht. Lediglich Graufüchse und Emus kommen noch zu den anderen Tieren am Wegesrand hinzu. Sicherlich war es Zufall, dass wir diese Tier nicht schon in Argentinien gesehen haben oder sind die Lebensmittel in Chile wirklich besser?
An der Magellanstraße, wo schon ein ziemlich kalter Wind bläßt, warten wir kurze Zeit bis uns die Fähre auf die andere Seite bringt. Von jetzt an befinden wir uns auf der Insel namens Feuerland. Sogleich werden wir von einem mehrsprachigen Hinweisschild vor dem Minenfeld gewarnt, dass sich auf der linken Seite befindet und an die weniger schöne Geschichte Chiles erinnert.
Feuerland unterscheidet sich von Patagonien insofern, dass die Landschaft hügeliger ist und das Auge auch mal was anderes zu sehen bekommt, als nur flache Ödnis. Schön ist es dabei, wenn wir selber mal über einen Hügel fahren und dabei weit ins Land schauen können. Doch auch hier gilt: Alles eingezäunt. Jedesmal, wenn man sich vorstellt, wie schön es wäre, durch die Einsamkeit zu wandern, wird man daran erinnert, dass ein Zaun im Weg steht und dies alles Privatbesitz ist. Später erreichen wir den Grenzposten Chiles, wo die Ausreise schnell vonstatten geht. Zu den Grenzbeamten Argentiniens muss man erst einmal wieder 16 km fahren. Ein großes Schild heißt uns nun in der argentinischen Provinz „Tierra del Fuego y Antartida“, also Feuerland und Antarktis Willkommen. Irgendwie lustig, politisch betrachtet, befinden wir uns also nun in der Antarktis, denn ein Teil des weißen Kontinents gehört zu Argentinien und dieser wurde der Provinz Feuerland zugesprochen
DER ALBANIER AUS DEUTSCHLAND
Auch die Einreise nach Argentinien, mittlerweile unsere dritte, geht wie erwartet sehr zügig. Dabei kann ich am Schalter der Grenzbeamten einen Blick auf die Passagierliste des Busses werfen. Fast alle stammen aus Argentinien. Nur zwei Franzosen und ein Albaner befinden sich noch mit uns im Bus. Doch halt, ein Albaner? Ich schaue genau hin und stelle fest, dass neben der Nationalität mein Name steht: Michael Moll, Albania. Hat der Fahrkartenverkäufer also weder lesen können, dass ich aus Deutschland stamme, noch hat er verstanden, dass ich Alemania sagte. So wird also aus Alemania Albania. Wie auch immer, die Polin und der Albaner steigen also wieder in den Bus fahren weiter gen Süden. Während langsam die Sonne verschwindet, tauchen die südlichsten Gipfel der Andenkette auf. Schneebedeckte Berge, auf die geradewegs ein eine Straße zuführt. Und auf dieser Straße fährt der Bus mit uns drin. Die, unserer Meinung nach, schönste Region Argentiniens entfaltet sich gerade vor uns. Nachdem unser Bus einen Pass überwindet, rollen wir auf die südlichste Stadt der Welt zu. Es ist schon dunkel und unten an einer Bucht sehen wir die Lichter von Ushuaia.
|
|