Drei Nächte schlafen wir insgesamt in Le Havre. In der ersten Nacht werde ich gegen halb 3 unsanft geweckt, weil irgendein Mofafahrer oft und lange hupt. Es macht den Eindruck, als wolle er jemanden wecken. Na, das hat er geschafft. Aber ob ich die Zielperson war?
In der zweiten Nacht ist uns der Schlaf etwas länger gegönnt. Immerhin erst um vier werden wir geweckt als im Hotelflur jemand sein richtiges Zimmer sucht und dabei wie wild an unserer Tür rüttelt. Erst als wir ein dreimaliges Non erschallen lassen, verzieht er sich und findet wohl sein richtiges Zimmer. In der dritten Nacht kommt der Geist der zukünftigen Weihnacht - nein, falsches Märchen. Es wird lediglich lauthals gestritten was damit endet dass die Frau des sich streitenden Pärchens mit festen Fußstampfern das Hotel verlässt. Wir verlassen auch das Hotel, aber erst am nächsten Morgen. Erst heißt es, wir sollten um 9 am Hafen sein, später nennt man uns 11 als Uhrzeit. Wir frühstücken und packen unsere Sachen auf die Räder. Währenddessen kommt ein Hotelgast schlaftrunken aus seinem Zimmer und fragt, welchen Tag wir haben. Nach meiner Antwort murmelt er noch ein Merci und verschwindet wieder in seine Kammer. Ich bin mir sicher, dass er der Betrunkene war, der zwei Nächte zuvor bei uns schlafen wollte.
Wir schieben die Räder auf die Straße und weiter bis zum 5 km entfernten Hafen. An Radeln ist nicht zu denken. Da wir ja nicht wissen, wie die Versorgungslage auf dem Schiff sein wird, haben wir uns mit Wasser, Cola und Süßigkeiten eingedeckt. Zwar bekommen wir dreimal täglich was zu essen, aber was machen wir, wenn wir abends um 9 doch mal in ein Stück Schoko beißen wollen? Also haben wir noch über ein Kilo Schokolade, zwei Beutel Bonbons, zwei Rollen Prinzenrolle, zwei so genannte Frühstücksbrote (längliche, gewürzte Brote die länger haltbar sind) und über 22 Liter Getränke in Form von Wasser und Colalight. Durch das Hafengebiet gehen wir zum Terminal de l’Europe. Dort zeigen wir dem Sicherheitspersonal unsere Tickets, damit dieses uns in das gigantische Gelände einlässt. Oftmals lese ich im Internet die Frage ob es möglich sei, mal eben zu einem Schiff zu gehen, den Kapitän anzusprechen und sich mit einfacher Arbeit die Überfahrt zu verdienen. Die klare Antwort heißt zumindest in Europa: Nein! Zum einen sind die Häfen aus Sicherheitsgründen weiträumig bewacht und eingezäunt, so dass man gar nicht an ein Schiff heran kommt und zum anderen kann der Kapitän diese Entscheidung gar nicht treffen, sondern die Reederei. Zudem ist logistisch alles so perfekt durchorganisiert dass diese romantische und veraltete Vorstellung der Vergangenheit angehört.
Wie auch immer, wir jedenfalls werden nun von zwei Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes durch das Wirrwarr des Hafens eskortiert. Das bedeutet, sie fahren im Schritttempo im Auto vor uns her während wir unsere Räder hinterher schieben. Nach zahllosen, haushohen Reihen von Containern stehen wir am Kai und sehen plötzlich vor uns das grün angestrichene Containerschiff “Marfret Normandie”. Ein Gewusel von Pkw, Containern und Menschen befindet sich auf der Landseite des Schiffes - und wir mittendrin. Am Heck des 190 m langen Schiffes ist eine Gangway angebracht, wo uns schon einige Matrosen freundlich grüßen. Wir lassen die Räder stehen, gehen hinauf über dieses verdammt wackelige Treppchen und melden uns beim wachhabenden Seemann.
Damit beginnt unser Frachtschiff-Logbuch:
1. Tag Mit einem Male vergisst man, noch in Frankreich zu sein, Lauter Philipinos, fremde Sprachen und ein freudiges Lächeln auf den Gesichtern, wie man es in ganz Frankreich nicht gesehen hat, Der Wachhabende befiehlt einigen der Matrosen unser Gepäck in die Kabine zu bringen, die Fahrräder werden irgendwo unter Deck verstaut. Kleinigkeiten wie die Spanngurte und ein paar Getränkeflaschen tragen wir selbst. Mit fünf Flaschen auf dem Arm erklimme ich die wackelige Gangway. Auf der dritten Stufe passiert es: Eine der Colaflaschen rutscht vom Arm, tuppst noch einmal auf den Kai und anschließend ins Hafenbecken - weg. So schnell geht das. Und dafür hat man sie durch ganz Le Havre transportiert. Der erste Raum, der uns vertraut gemacht wird, ist die Bar. Dort legen wir unseren Kleinkram ab. Wo unsere Taschen sind? Keine Ahnung, hoffentlich in der Kabine. Moni wird plötzlich von einem Mann begrüßt: Dzien Dobry, Guten Tag auf Polnisch. Es stellt sich heraus, er ist der Erste Maschinist und stammt aus Stettin. Doch auch der Kapitän soll Pole sein, Wir freuen uns, dass jemand in einer unserer Muttersprachen an Bord ist. Kurz haben wir die Möglichkeit, Kabine 304, unsere nämlich zu sehen. Allerdings nur so kurz, dass wir gerade unsere Packtaschen durchzählen können, als wir um unserer Pässe und Impfausweise geb eten werden und der für die Sicherheit- und Zollangelegenheiten zuständige Offizier uns bittet mitzukommen. Noch immer liegt unser Kleinkram zwei Etagen tiefer in der Bar, doch schon sitzen wir im Rettungsboot. Sämtliche Sicherheitseinrichtungen werden uns vorschriftsmäßig gezeigt, nicht zu vergessen aber auch der Swimmingpool und der kleine Fitnessraum. Danach können wir erst einmal durchatmen, unsere Sachen sortieren und - Nichtstun. Wir schauen uns an, schauen durch das Fenster auf das Hefenbecken und fragen uns, was wir nun machen? Wir gehen in den Bereich des Decks, wo wir niemanden bei der Arbeit stieren können. Ein 4×4 Meter großer Abschnitt mit Sitzgelegenheit, Grill und Blick auf das Hafenbecken. Dort treffen wir einen weiteren Passagier (51) aus der Schweiz, der bis in das brasilianische Belem fahren wird. Er ist neben uns und der Frau des Kapitäns der vierte und letzte Passagier. Anschließend fangen wir mit unserem ersten Puzzle an. Zwei Stück brachten wir für diese Reise mit, ebenso wie Bücher. Ein Gewicht, das glücklicherweise mit dieser Schiffsfahrt auf dem Rad wegfällt. Damit wir aber nicht zwei Kartons mit Puzzle mitschleppen, habe ich vorher das Motiv ausgeschnitten. Jetzt stellt sich heraus, dass ich irgendetwas herausgeschnitten habe aber nicht das passende Motiv zu dem Puzzle, was wir mitführen. Toll, umso größer ist die Spannung, wie denn nun das Puzzle im fertigen Zustand aussehen wird - wenn wir es überhaupt fertig bekommen. Während des ganzen Tags warten wir darauf, dass die Beladung fertig gestellt wird und das Schiff ablegen kann., Es ist faszinierend zu beobachten wie merkwürdige Fahrzeuge dreimal so hoch sind wie die Container und diese wie Legosteine aufnehmen und irgendwo anders abstellen. Der Fahrer sitzt dabei in rund 10 m Höhe. Bereits zweimal können wir an einem Essen teilnehmen. Das Lunch wird um halb 12 serviert und das Dinner um 17.30 Uhr. Etwas verunsichert betreten wir die Offiziersmesse und bekommen einen Platz zugewiesen. Die Shrimps in der Suppe lassen wir liegen. Das Frühstück gibt es morgens um 7.30 Uhr, wer sich diese Zeit ausgedacht hat, möge sich mal bitte bei mir melden… An der Wand der Offiziersmesse, wie der Speiseraum genannt wird, hängen Speiseplan, aktuelle Informationen, die Passagier- und Besatzungsliste und ein Plan der die Fahrzeiten zwischen den einzelnen Häfen minutengenau aufschlüsselt. Mit uns im Raum sitzen noch weitere hungrige Mäuler, wie z.B. die Offiziere, Chefingenieur und sonstige Führungskräfte. Die Matrosen haben ihre eigene Messe. Aber auch den Kapitän haben wir den ganzen Tag nicht gesehen. Na ja, er wird wohl viel zu tun haben und so bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn uns in Gedanken vorzustellen. Gegenseitig beschreiben wir unsere Vorstellungen eines polnischen Kapitäns dieses Frachters. Weiße Haare, Bart, rustikal - am Ende sieht er für uns aus wie Kapitän Smith von der Titanic. Na hoffentlich setzt er den Kahn nicht vor einen Eisberg. Gegen 23 Uhr geht Moni ins Bett. Ich bleibe noch auf der Couch sitzen und lese, weil ich sehen will, wie das Schiff ablegt. Eine Stunde später gebe ich auf und gehe auch schlafen.
2. Tag ALAAAARM!!! Völlig aufgeregt weckt mich Moni mit den Worten, dass etwas passiert sei. Es hört und fühlt sich alles anders an Tatsächlich, das Bett vibriert jetzt viel mehr und das Schiff, das um das Bett gebaut wurde, auch. Ich springe in den Wohnraum, schaue aus dem Fenster und sehe in der Dunkelheit ein Schleppschiff, das mit unserem verbunden ist. Es geht also los, morgens um 2. Wir ziehen uns an, gehen an Deck und beobachten, wie die Leinen gelöst werden und das riesige Schiff mit dem Schlepper durch den Hafen von Le Havre manövriert wird. Wir erkennen im Vorbeifahren das Rathaus, die Kirche und die Strandpromenade. Langsam entfernt sich die Stadt, um uns herum wird es dunkler. Der ganze Vorgang dauert bis halb vier. Unsere vierte Nacht in Le Havre - mal wieder mit Unterbrechung geschlafen. Wir gehen wieder ins Bett und werden wenig später vom Wecker geweckt. Moni:” Oje, da draußen ist nur Wasser und es wackelt so.” Ich stehe auf, will zum Fenster gehen und lerne dabei unbeabsichtigt alle vier Ecken des Wohnzimmers kennen. Aber es gefällt mir, völlig motiviert und voller Freude auf den ersten Tag auf hoher See schlüpfe ich in die Schuhe und will zur Kabinentür. Die Türklinke habe ich bereits in der Hand, als mich Moni fragt, wo ich hin will. “Na, zum Frühstücksraum. Essen und den Kapitän kennen lernen.” Doch Moni antwortet: “Soweit ist er nicht weg. Wir haben erst 5 nach 7″. Oh, also hinsetzen und warten. Nach dem Frühstück, bei dem es auch etwas Warmes gibt (heute: Corned Beef) gehen wir wieder in unsere kleine Wohnung. Plötzlich höre ich ein vertrautes Geräusch: Moni bekommt eine SMS: Auch wenn wir die Küste nicht mehr sehen, ist sie wohl nicht weit weg. Ich mache mein Handy an und sende auch noch eine Nachricht in die Heimat. Moni geht es zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr ganz so gut. Sie fühlt sich schlecht und bleibt nur noch auf der Couch liegen. Beim Lunch mümmelt sie ein bisschen Salat, legt sich danach gleich wieder hin. Das auf dem Tisch ausgebreitet Puzzle rühre ich auch nicht an. Die Teile sind mir zu klein, müsste ich mich darauf konzentrieren würde es mir auch schlecht gehen. Also verbringe ich den Nachmittag mit Lesen. Nur einmal wage ich mich raus und gehe zum ersten Mal zum Bug. Unter den tonnenschweren Containern hindurch erreiche ich die Spitze des Schiffes, muss mich aber ständig und gut festhalten. Die Nase des Frachters taucht tief in die Wellen ein, das Wasser spritzt meterhoch an mir vorbei. Nein, zu gefährlich und zu unheimlich. Ich gehe schnell wieder in die Kabine. Gegen 17 Uhr, aus dem Weltempfänger ertönen gerade die Nachrichten der Deutschen Welle, springt Moni von der Couch und rennt ins Bad. Es folgen irgendwelche Würgegeräusche und ein jammerndes:”Micha, mir ist ja so schlecht.” Damit steht fest, wie der Titel des heutigen Tagebucheintrages lautet: “Moni kotzt” Das Dinner lässt sie dementsprechend ausfallen und ich gehe alleine die leckeren Nudeln und Hackfleischbällchen essen. Doch ausgerechnet bei diesem Essen erscheint nun auch der Kapitän mit seiner Frau. Er heißt den Schweizer Passagier und mich Willkommen und fragt nach Moni. Der Kapitän entschuldigt sich dass er so selten am Tisch sitzt aber er hatte gestern und heute viel zu tun. Danach folgen ein paar erste Informationen. So könnten wir beispielsweise per Satellitentelefon telefonieren. Eine Minute würde einen US-Dollar kosten. Die Bordwährung ist sowieso nur Dollar. Dann erhalte ich eine Preisliste und einen Bestellzettel für Getränke und Snacks. Diese werden zu vernünftigen Preisen angeboten. Das Mitbringen unserer Getränke war also nicht notwendig, aber weiß man es vorher? Schließlich gibt es noch ein wenig Smalltalk und ich schaffe es, dass der Kapitän fassungslos den Kopf schüttelt, als ich von unseren Plänen berichte. Er sieht im Übrigen nicht aus wie Kapitän Smith, sondern eher militärisch zackig. Zudem ist er mit 39 Jahren verhältnismäßig jung. Nach dem Essen kam der Sicherheitsinspektor und bat um zahlreiche Unterschriften mit denen ich bestätigte, dass er uns alles gezeigt und erklärt hat. Ja, die Bürokratie ist auch auf hoher See nicht wegzudenken. Anschließend gab es noch ein Identifikationsbild und eine Deklaration unserer Wertgegenstände für den Zoll. Danach traf ich den ersten Maschinisten aus Polen, der uns direkt für den morgigen Samstagabend in die Bar zu einer kleinen Feier einlud. Er hatte Namenstag und dieser hat in Polen größeren Stellenwert als der Geburtstag. Ich mache mich danach auf dem Weg zum Küchensteward um zu erfragen, wo ich denn unsere bestellten Getränke abholen könne, als ich am Mannschaftsraum der Matrosen vorbei komme. Als man mich sah wurde ich sofort fröhlich und laut herein gewunken. In Sekundenschnelle machte man mir einen Platz frei und gab mir eine Getränkedose. Der Videorekorder spielte einen amerikanischen Film mit holländischem Untertitel in einer sagenhaften Lautstärke. Die Philipinos haben wohl ein anderes Verhältnis zur Lautstärke als wir Europäer. Die Schauspieler im Fernsehen schreien, die Philipinos schreien, alle schreien. Hauptsache laut und durcheinander. Zwei von ihnen hatten Geburtstag und deswegen wurde gefeiert. Später soll es noch Karaoke geben. Nachdem ich brav gratulierte, öffnete ich die silbern leuchtende Dose und erwartete einen kühlen Schluck Cola-Light. Ich hätte genauer hinsehen sollen, es war Bier. So sitze ich also mitten zwischen zehn laut schreienden philippinischen Matrosen, werde mit Bier abgefüllt, muss Fragen zur Reise beantworten und meine Stimme nun gegen den Fernseher ankämpfen lassen, während Moni zwei Etagen über mir in stiller Einsamkeit an Seekrankheit stirbt.
3. Tag Moni geht es noch nicht besser. Dafür bekomme ich beim Frühstück, das sie ausfallen lässt, zwei Hawaii-Toast, ihres gleich mit. Ich begebe mich auf die Couch, während Moni im Bett liegt und schreibe diesen Bericht auf Papier vor, als unterhalb unseres Fensters ein Motor gestartet wird. Fast gleichzeitig rufen wir uns zu: “Will da jemand Rasen mähen?” Doch ein Blick aus dem Fenster verrät, dass bloß der Motor vom Rettungsboot getestet wurde. Im Laufe des Tages bekommt Moni zweimal Besuch. Erst kommt der Küchensteward und bringt Tabletten gegen Seekrankheit. Später erscheint der Sicherheitsoffizier um auch endlich von ihr ein Foto zu machen und Unterschriften zu erhalten. Schon beim Lunch geht es ihr wieder besser, beim Dinner lernt sie schließlich auch den Kapitän kennen. Auch sie schockt ihn auf Polnisch mit Details über unsere Reise. Auch die Frau des Kapitäns ist sehr an unserem Vorhaben interessiert. Die Gespräche dauern über das Abendessen hinaus bis zur Party, anlässlich des Namenstages des Maschinisten. Wir wechselten die Örtlichkeit und gehen nach nebenan in die kleine und gemütliche Bar. Dort legt der Kapitän die Sitzreihenfolge fest und aus dem Fernseher ertönt eine brasilianische Musik-DVD in voller Lautstärke. Let’s Party… Die illustre Runde besteht aus dem Schweizer Passagier, dem polnischen Maschinisten, dem polnischen Kapitänsehepaar, drei rumänischen Offizieren (Elektriker und Chefingenieur) und uns. Auf dem Tisch sammeln sich die Bierflaschen, der Wein und der Whisky, während sich die Chipstüten leeren. Viel erfahren wir über den Bootschef, der zwei Kinder hat und seit 20 Jahren zur See fährt. Anfangs beinhalten die Gespräche noch Themen rund um die Seefahrt. Dabei erfahren wir, dass der Kapitän auch schon mal einen Unfall zu verzeichnen hatte. So kollidierte er wohl mal mit einem toten, treibenden Walm, der daraufhin ekelig auseinander platzte. Ob Seemannsgarn oder Realität, später führen die Gespräche über ganz alltägliche Dinge und zum Schluss wird ganz banal darüber diskutiert, wer das bessere Auto fährt. Dabei vergisst man völlig, dass man sich auf einem Schiff gen Südamerika befindet, wenn Rumänen auf Englisch die Vorzüge ihres französischen Autos darlegen. Und das mitten auf dem Nordatlantik zwischen Spanien und den Azoren. Um 23 Uhr stellen wir die Uhr bereits zum zweiten Mal zurück, womit dieser Tag 26 Stunden lang war. Die erste Umstellung mussten wir in der vorherigen Nacht um 0 Uhr vornehmen. Mit der Frage, wer denn jetzt eigentlich das Schiff navigiert, gehen wir um 1.30 Uhr deutscher Zeit, 23.30 Uhr Ortszeit ins Bett.
4. Tag Der Blick aus dem Fenster zeigt, dass heute die See fast spiegelglatt ist. Die einzigen nennenswerten Wellen stammen vom Schiff selbst, das sich mit 15,5 Knoten (29 km/h) fortbewegt. Seit gestern Abend ist für uns Passagiere der Pool mit Meerwasser gefüllt. Aber wahrscheinlich ist es noch zu kühl um in dem kleinen Beckenplanschen zu gehen. Mit einem Male erspähen wir auf der Wasseroberfläche in ca. 300 m Entfernung mehrere Rückenflossen, die schnell auf und abtauchen. Wir wissen nicht genau, um was es sich handelt, vermuten aber Wale, evtl. Finnwale? Wir wissen es nicht genau und können nur spekulieren. Am späten Nachmittag sind erneut Wale zu sehen. Zu erkennen sind sie durch kleine Wasserfontänen, die sie in die Luft wirbeln. Aber es ist soweit weg, dass man durchs Fernglas schauen muss, um den Rücken der Tiere zu erspähen. Etwas anstrengend sind die Gespräche mit unserem Mitpassagier. Schon zum zweiten Mal verwickelt er mich in einen Dialog, der keiner ist. Man kann es eher als Monolog verstehen, denn schlagartig werde ich bloß zum Zuhörer, zu einem wenig interessierten. Denn so ganz sind seine Gedankengänge nicht Nachzuvollziehen. Ich habe nicht so ganz verstanden, warum man Musik von verstorbenen Künstlern nicht hören sollte und warum Göbbels nach dem Krieg weiterlebte und 50 Jahre lang seine Mutter als Arzt behandelte. Nach weiteren Verschwörungstheorien und dem ständigen Bezug zu Putin zweifelt er schließlich sogar an, ob seine Mutter weiblich ist. Meine restlichen Gedanken lasse ich an dieser Stelle mal unkommentiert. Ich sage nur: Es gibt 70.000 Frachtschiffe und ausgerechnet… Wie auch immer, am Abend nehmen die Wellen wieder etwas an Stärke zu. Es ist 22 Uhr in Deutschland, an Bord 20 Uhr, doch in der kommenden Nacht sollen wir wieder die Uhr umstellen, was wir schon taten und so haben zumindest wir beide schon 19 Uhr. Leichte Übelkeit überkommt uns und wir liegen etwas ermattet auf der Couch. Moni geht schon mal ins Bett und ich sage, dass ich gleich nachkomme. Ich wollte noch mal kurz frische Luft schnuppern und an Deck gehen. Also gehe ich durch die Gänge zur Tür aufs Deck, öffne diese und schon schallt mir brasilianische Popmusik entgegen. Die drei rumänischen Offiziere, der polnische Maschinist und der schweizer Passagier sitzen vor einem Laptop, in dem eine DVD mit einem Konzert aus Brasilien läuft. An der Decke leuchten bunte Glühbirnen und im Hintergrund verschwindet gerade die Sonne am Horizont. Ein schönes Bild als plötzlich einer der Rumänen bei meinem Auftauchen aufspringt und ein Glas auf den Tisch stellt, es mit Rotwein füllt und sagt: “For you”: Also wird wieder getrunken, aber diesmal scheint der Kapitän auf der Brücke zu sein. Allerdings gibt es schon merkwürdige Begebenheiten, am Nachmittag traf ich einen Matrosen und fragte ihn nach dem Standort. Er zeigte nach rechts und erklärte: “100 Miles, there is Spain.” Okay, die 100 Meilen nehme ich ihm noch ab, aber auf der rechten Seite des Schiffes kann unmöglich Spanien liegen, wenn wir in Nordfrankreich gestartet sind und Amerika ansteuern. Da dachte ich noch an ein Versehen, aber in der abendlichen gemütlichen Runde teilte mir der Maschinist mit, dass wir morgen möglicherweise Handynetz haben werden, weil wir Kap Verde passieren. Ich erschrak etwas, denn Kap Verde ist eine Inselgruppe vor Afrika. Aber einer der Offiziere korrigiert ihn und sagte, dass es die Azoren sein werden. Wie beruhigend, wenigstens einer wusste es. Jetzt wurde nur noch darüber diskutiert, auf welcher Seite die Inseln auftauchen. Ob wir wirklich dort ankommen, wo wir hinwollen oder landen wir am Ende in Australien? Als die Rumänen erfuhren, dass ich vor gar nicht allzu langer Zeit in Rumänien war, waren sie ganz stolz und holten aus ihrer Kabine kurzerhand eine CD mit Bildern aus ihrer Heimat. Nachdem ich noch ein Glas dänischen Kirschlikör trinken musste, ging ich viele Stunden später ins Bett und machte mir Gedanken, dass dies der dritte Abend auf hoher See war und ich zum dritten Mal in Folge alkoholisiert schlafen ging. Wo soll das noch enden?
5. Tag Am Frühstückstisch bat uns der Kapitän zwei Tabletten als Prophylaxe gegen Malaria einzunehmen, was aus der Schweiz gleich wieder mit Verschwörungstheorien kommentiert wurde: “Alle Medikamente sind Potenzmittel”. Der Kapitän schaute etwas verwirrt, ich wandte mich meinem gebratenen Schinken mit Rührei zu und dachte an die Engländer vom Campingplatz in Etretat. Anschließend reinigten Moni und ich endlich mal das Innenzelt, welches wir demnächst mit Antimückenmittel präparieren wollen. Danach gingen wir auf Deck und setzen uns in die Liegestühle, saßen in der Sonne, schrieben, lasen und schauten auf das schön blau leuchtende endlose Meer. Leichte Aufregung machte sich bei uns breit, als sich plötzlich das ansonsten ständig gleiche monotone Motorengeräusch ändert und anscheinend der Rückwärtsgang eingelegt wird. Nach wenigen Minuten kam das Schiff dann letztendlich zum Stehen. So trieben wir mitten auf hoher See ohne Motorenkraft, merkwürdiges Gefühl aber laut Aussage der Besatzung nicht schlimm. Es musste wohl etwas im Maschinenraum gemacht werden. Nach dem Lunch warteten wir sehnsüchtig auf Deck auf das versprochene Land, welches auf der rechten Seite auftauchen sollte. Und tatsächlich, nach tagelangem Blick auf das Meer tauchten in der Ferne Berge auf. Es dauerte noch rund 2 Stunden bis nur noch 6-8 km von einer der Azoreninseln entfernt waren. Ein schöner Anblick als die bewaldete, wolkenverhangene und mit Steilküsten versehene Insel langsam an uns vorüber zog und man auch vereinzelt Häuser erkennen konnte. Natürlich nutzten wir die Chance und sendeten SMS in die Heimat und riefen kurz meine Mutter an, die das nur so kommentierte: “Azoren? Ja, das habe ich mir fast schon gedacht. Wenig später erklärte uns de Steward die Waschmaschine und en Trockner auf Deck 6, gleich neben der Kapitänskajüte, welche wir auch direkt mal nutzten. Also die Waschmaschine, nicht die Kajüte. Eine Etage über Deck 6 befindet sich die Brücke, wo wir bei der Gelegenheit endlich mal einen Blick rein warfen. Ein einzelner Offizier steuert das Schiff und hat einen prächtigen Blick auf das gesamte Geschehen. Demnächst schauen wir noch mal vorbei, doch jetzt müssen wir erst mal Wäsche aufhängen. Am Abend schauten wir zu, wie am Himmel Schichtwechsel war und der Vollmond die Arbeit der Sonne übernahm. Als wir ins Bett gehen wollten spürte ich im Schlafzimmer, wie es plötzlich unter meinen Füßen feucht wurde. Ein Blick nach unten verrät, dass der Teppich auf einer größeren Fläche, von der Wand ausgehend, nass war. Alles klar, jetzt ist es soweit: Wir sinken! Völlig panisch wollte ich das Bullauge aufreißen und laut in die stille Dunkelheit SOS schreien, als mein Verstand wieder einsetzte und zu mir sagte: “Ihr seid im 3. Stock rund 15 m über der Wasseroberfläche. Würdet ihr sinken, hättet ihr es früher gemerkt.” So ging ich halt bloß runter zu den Matrosen und suchte jemanden, der weiterhelfen konnte. Doch wegen der späten Uhrzeit war dies nicht ganz so einfach. Vielleicht sinken wir ja doch und beim Evakuieren hat man uns vergessen? Ich kam am Mannschaftsraum der Matrosen vorbei, wo wieder irgendein Video aus dem Fernseher dröhnte. Zwei Matrosen erfreuten sich meines Anblickes und im selben Augenblick, wie ich “Good Evening” sagen konnte, hielt mir einer beiden auch schon eine Bierdose unter die Nase. Mit einem “No, thanks, diesmal nicht” erläuterte ich das Problem und einer der beiden schaute es sich umgehend an. Nach kurzem Hin und Her einigten wir uns aber darauf, dass das Problem morgen angegangen wird.
6. Tag Auf einer Reise, wie wir sie bestreiten, ist es immer wieder interessant dass man morgens nicht weiß, wo man abends zu Bett geht. Doch wenn man den Atlantik überquert und naturgemäß das Schiff nicht verlässt, sollte man glauben, dass dieses Reisegefühl anders sein wird. Doch was ist bei uns schon normal? Nach dem Frühstück klingelte unser Zimmertelefon und der Steward kündigte sich an um nach dem Wasserschaden zu sehen. Er brachte direkt einen Matrosen, den Maschinisten und einen der Offiziere mit. Alle schlenderten in unser Schlafzimmer und die Diagnose lautet: Umziehen. Sofort bekamen wir eine neue Kabine angeboten, die genau spiegelverkehrt gegenüber lag. Doch musste diese erst von den Matrosen aufgeräumt werden. So packten wir also unsere Sachen und bekamen das Gefühl auf Möbelpacker und Umzugshelfer zu warten. Nur zur Erinnerung: Wir befvinden uns rund 500 km südwestlich der Azoren mitten auf dem Nordatlantik. Es wurde uns zwar auch Hilfe angeboten aber unsere paar Dinge trugen wir dann alleine rüber. Währenddessen kam auch noch der Kapitän und erfühlte durch Handauflegen, dass es sich nicht um Salzwasser handelte. Nach diesem kleinen Zwischenfall, verursacht durch ein defektes Rohr oder sonst irgendetwas nahmen wir unser Zelt und schlugen es auf Deck auf. Natürlich nicht so ganz, wir verbrachten bloß den Rest des Vormittages damit, den Zeltboden zu imprägnieren. Da es mittlerweile wärmer wurde, um nicht zu sagen ziemlich warm sogar, hüpfte ich heute zum ersten Mal in die Badehose und ging schwimmen. Nein, ich musste nicht dem Schiff hinterher kraulen, sondern benutzte das 3×2 meter große Poolbecken. Das darin enthaltene Meerwasser beherbergt übrigens 37 kg Salz. Zudem trieben wir Sport, indem wir in die 6. Etage hochliefen und noch unsere Regenjacken wuschen. Moni ging wieder runter und ich mutzte die Gelegenheit, erneut auf die Brücke zu gehen. Zaghaft, um ja niemanden zu stören oder zu erschrecken schlich ich die Stufen hoch und stand mitten auf der Kommandostation - alleine! Ich lugte vorsichtig um die Ecke, doch niemand zu sehen. Lauter blinkende Knöpfchen, ein Radraschirm auf dem sich ständig das Bild erneuert und ein führerloses Schiff, dass mit der sagenhaften Geschwindigkeit von 29 km/h auf die amerikanische Küste zurast… Doch hinter einer Ecke tat sich was. Ein älterer Herr schnippelt mit der Schere irgendwelche Papierdinge aus und fragt mich nett, ob er was für mich tun könnte, gerade so als ob ich ein Möbelgeschäft betreten hätte. 20 Minuten später sehe ich mich imstande das Schiff selber steuern zu können. Man muss nämlich gar nichts machen. Man gibt die Zielkoordinaten ein und passt ein wenig auf, dass keine INsel in den Weg springt oder ein Wal Suizid begehen will. Geht ganz einfach. Er zeigte mir zahlreiche Instrumente und den Radarschirm .Besonders interessant fand ich das Gerät, das nach dem 11. September 2001 Pflicht wurde. Es zeigt nämlich alle Informationen der Schiffe an, die in der Nähe sind. So war in rund 14 Seemeilen (1 Meile = 1,8 km), also ca. 25 km ein Frachter zu sehen und das Gerät zeigte über diesen Frachter den Namen, die Länge, den Zielort und vieles andere an. Später versuchten Moni und ich uns an unserem zweiten Puzzle. Das erste haben wir aufgegeben. Zum Glück muss man sagen, wie hätten wir das halbfertige Puzzle von der einen in die andere Kabine gebracht? In der kommenden Nacht werden wir zum vierten Mal die Uhr um eine STunde zurück stellen. Angekündigt wird dies übrigens immer mit einem Aushang am schwarzen Brett. Blöd nur, wenn man davon nichts mitbekommt, so wie es zwei Personen vorgestern ergangen ist, die dann gestern am Frühstückstisch eine Stunde zu früh da waren. Es waren ausgerechnet der Kapitän und seine Frau!. Heute erklärte er uns, dass irgendjemand die Order willkürlich heraus gab, ohne dass der Kapitän davon etwas erfuhr.
Tag 7 Morgens gab es Apfelpfannekuchen zum Frühstück. Man muss uns angesehen haben, wie gut er uns schmeckt, denn der Steward fragte, ob wir noch einen haben wollen. Ein großes ”JA” ertönte über den Ozean, sonst werden wir nie gefragt, ob wir noch einen Nachschlag haben möchten. Mit der Kamera bewaffnet spielten wir heute Piraten und stürmten die Brücke. Dort machten wir ein paar Fotos und kündigten an, morgen mit Pingu zurück zu kommen. Ansonsten passierte heute nicht viel, außer dass unser Thermometer heute morgen um 11 Uhr in der Sonne auf 48 Grad kletterte. Wir nähern uns den Tropen. Nachmittags kühlte es sich auf etwas über 30 Grad ab. Seit ein paar Tagen läuft im Wohnhaus die Klimaanlage und so haben wir in der Kabine 22 Grad, die sich eiskalt anfühlen. Da heute nicht sonderlich viel passierte und wir den Tag mit Puzzeln und lesen verbrachten mal ein Qwort zu etwas allgemeinerem: Mehrfach konnten wir schon sehen, wie an Bord der Müll entsorgt wird. Leider ist es immer noch so, dass der Abfall einfach nach hinten über Bord geworfen wird. Wenn man bedenkt, dass dies auf jedem Schiff getan wird, dann wundert man sich nicht, dass ab und zu irgendwelche Dinge am Schiff vorbeischwimmen. Es ist wirklich erstaunlich, das Meer ist so weit, groß und scheinbar endlos, doch trotzdem sieht man immer wieder Müll auf der Wasseroberfläche. (Nachtrag: Auf unserer zweiten Frachtschiffreise haben wir gelernt, dass es Regelungen gibt, welche Art von Abfall in welchen Regionen über Bord geworfen werden darf, z.B. Plastik nie, Essensreste außerhalb von 3 Seemeilen vom Festland entfernt). Nachmittags traf ich einen Matrosen, der mich einmal rings um das Schiff führte und mir viel erklärte. So kam ich auch endlich mal nach ganz vorne zum Bug, wo es erstaunlich ruhig ist. Man musserklären, das auf diesem Schiff ständig das leise Dröhnen des Motors zu hören ist. Nach so vielen Tagen auf See stört es zwar nicht mehr und man hat sich daran gewöhnt, doch wenn man vorne steht und es ist völlig leise, dann fällt das schon auf. Warum wir bisher nicht auf eigene Faustr zum Bug sind? Ganz einfach, es ist ein wenig unheimlich. Unter den tonnenschweren Containern hindurch, während sie knarrende Geräusche von sich geben und das fast auf Meereshöhe, das in einem rasanten Tempo an einem vorbei rauscht, da bekommt man ja doch ein mulmiges Gefühl. Aber Moni und ich wollen morgen noch einmal auf eigene Faust los ziehen.
Tag 8 Was für eine Nacht. Schon am gestrigen Nachmittag begann das Schiff zu schaukeln. Man unterscheidet zwischen Schaukeln und Stampfen. Letzteres hatten wir die ersten beiden Tage in der Bucht von Biskaya. Dabei kommen wir Wellen von vorne und das Schiff hebt vorne auf dem Wellenkamm ab und knallt runter in die nächste Welle. Unangenehm für Mensch und Maschine und erinnert an diese Parabelflüge, bei denen Astronauten auf ihren Weltraumflug vorbereitet werden. Das Schaukeln hingegen findet von links nach rechts statt. Schaut man durch das fenster als Anhaltspunkt, dann sieht man den Horizont weit auf- und absteigen. Sieht spektakulär aus, ist aber eher harmlos solange alles auf dem Tisch stehen bleibt. Wie es aber nachts so üblich ist, kommt einem in der Dunkelheit alls unheimlich vor. Und jedes Mal, wenn man im Bett von links nach rechts gerollt wird und wieder zurück, hat man als Landratte das Gefühl, das Schiff kippt um, was natürlich Quatsch ist. Denn selbst unser Apfel rollte nicht vom Tisch. Es kommt einem halt nur schlimm vor. Also war an Einschlafen aber nicht zu denken. Im Bett rumwälzen brauchte ich mich auch nicht, das tat ja schon das Schiff für mich. Ich überlegte also, auf die Brücke zu gehen, zu puzzeln, Radio zu hören oder mir aus der Bar einen Videofilm zu holen. Doch ich war einfach zu müde und so schlurfte ich wankend vom Bett auf die Couch, wo ich jederzeit aus dem Fenster gucken kann, was einem irgendwie ein beruhigendes Gefühl gibt. Moni solidarisierte sich und brachte gleich eine Decke mit und so konnten wir die letzten drei Stunden der Nacht doch noch dahin schlummern. Im Verlauf des weiteren Tages gingen wir zum Bug und Moni bestätigte, dass sich der unheimliche Weg unter den Containern hindurch lohnt. In bester Titanic-und-di-Caprio-Manier standen wir vorne und blickten aufs Meer bzw. suchten wir vorne vergeblich Delfine, die ja bekanntlich gerne vor großen Schiffen schwimmen. Dieses Ritual gehört nun zu unseren täglichen Aufgaben. Später schauten wir mal, was die bordeigene Videothek hergibt. Meist sind es original englischsprachige Filme mit holländischen oder dänischen Untertiteln. Zwei deutschsprachige Filme fanden wir aber auch: ”JFK” und ”Auf dem Weg in die Verdamnis”. Wir entschieden uns für den Präsidentenmord und griffen uns zum Spaß noch das Original von Godzilla. Die Filme ”Untergang der Poseidon” und ”The perfect storm” ließen liegen. Auf Filme mit Monsterwellen und untergehenden Schiffen hatten wir aus irgendwelchen Gründen keine Lust. Beim Dinner gab es wieder einige schweizer Verschwörungstheorien, die von manchen Anwesenden, einschließlich dem Kapitän mit unverständlichem Kopfschütteln begleitet wurden. Dieser öffnet dafür für uns die Türen seines ”Privat-Aldis”, wie er den Proviantraum nennt und wir konnten uns eine Palette Cola-Dosen kaufen. Am Abend saßen die drei Rumänen und der Schweizer mit hochprozentigem Alkohol zusammen und es gab wieder aufschlussreiche Informationen aus der Welt der Verschwörer. Ich verzog mich frühzeitig, weil es mir zu anstrengend war, dass einfachste Fragen nach Reiseplänen nach 20 Minuten Monolog mit Theorien über Putin beantwortet wurden.
Tag 9 Wie der gestrige Abend schließlich ausging, können wir nur vermuten, da einer der Offiziere den Schweizer fragte, wie er sich denn fühle. Vermutlich floss noch viel Alkohol auf dem Ozean. Auf unserem Kontrollgang zum Bug sahen wir zwar noch keine Delfine, dafür aber in der Tat kleine fliegende Fische. Sie sind ca. 10 cm lang, schimmern silbern und mit ihren Flügeln sehen sie aus wie Schmetterlinge. Zuvor waren wir eine Stunde lang im Pool und haben in dem kleinen Becken rumgeplantscht. Täglich wird der Pool mit frischem Meerwasser aufgefüllt und ist daher mittlerweile auch gar nicht mehr so kalt. Man merkt, dass wir uns der Karibik nähern – nur noch ca. 1700 km, was im Verhältnis zur Weite des Ozeans so gut wie nichts ist. Beim Relaxen erfand Moni die Disziplin ”Bergaufschwimmen”. Dieser Hochleistungssport ist jedoch nur auf einem schwankenden Schiff möglich, wenn das Wasser im Pool von einer Seite auf die nächste plätschert. Ansonsten lief ich mal wieder mit der Kamera übers Schiff und fotografierte alles, was nicht schnell genug war, um sich zu verstecken. Manchmal komme ich mir vor wie Herbert Grönemeyer in seiner ersten Filmrolle als Kriegsberichterstatter in dem Klassiker ”Das Boot”. So machten wir heute auch ein Foto von Pingu als Kapitän auf der Brücke. Nach dem Dinner zogen wir uns zurück und schauten ”JFK”, bis wir einschliefen. Beim Filmschauen vergisst man völlig, dass man sich auf einem Schiff befindet. Draußen am Pool wurde indessen wieder kräftig getrunken.
Tag 10 Im Auge des Hurrikans. Na gut, etwas übertrieben, aber draußen blitzt es und es regnet, die dunklen Wolken hängen tief aber es ist nicht stürmisch. Um 10.20 Uhr fand, wie gestern angekündigt, eine Feuerübung statt. War aber nicht so spektakkulär zuzusehen. Gegen Mittag legte Moni sich etwas hin und ich wackelte zum Bug, wo ich ein bißchen Musik hörte. Wie gut, dass mein Handy einen mp3-Player hat und ich vor der reise ein paar Lieder speicherte. Gegen Nachmittag war es plötzlich schlagartig still. Kein Licht, keine Klimaanlage, kein Strom, kein Motorengeräusch. Mal wieder trieben wir auf hoher See. Wie wir später erfuhren, gab es irgendeinen Defekt mit der Ölpumpe. Am Abend gab es eine große Party mit fast allen Besatzungsmitgliedern. Es wurde eine Menge Fleisch gegrillt, getrunken, gefeiert, gelacht, getanzt und mal wieder – zum letzten Mal – die Uhr umgestellt. Als kleines Geschenk für den Koch beschloss der Kapitän, dass es morgen kein Frühstück geben wird. So können alle etwas länger schlafen.
Tag 11
Na toll. Ich wurde zur gleichen Zeit wach wie immer. Also schlurfte ich die drei Meter zur Couch und puzzelte. Nach einer Stunde war es mir zu blöd und ich ging zur Küche. Tatsächlich – keener da. Ich schnappte mir drei Kekse und brachte Moni einen heißen Tee, die immer noch im Bett lag. Etwas später wagten wir uns an Deck und stellten fest, dass wir uns verfahren haben. Das raue und grau-trübe Meer sieht genauso aus wie die Nordsee zwischen Ostfriesland und Wangerooge. Wo ist das karibische Blau, wo ist die Sonne? Aber wir haben uns nicht verfahren, es stimmt alles. Zur Bestätigung werden wir in den Maschinenraum geführt, wo wir helmgedeckelt anschauen können, was uns eigentlich über den Atlantik antreibt. Den Rest des Tages verbrachten wir mit Videogucken. Blöd nur, das Godzilla zu Beginn des Films ein Frachtschiff zerstört. Am Abend sahen wir dann endlich einen klaren Himmel, der über und über mit Sternen versehen war. Wahrscheinlich sieht man selten einen so schönen Sternenhimmel wie auf dem Ozean.
Tag 12 Um halb 3 klingelte der Wecker. Wir wollten auf keinen Fall verpassen, wie unsere Atlantiküberquerung endet und das Einlaufen in der Karibik sehen. Wir gingen aufs Deck und sahen in geringer Entfernung die Lichter der Insel St. Maarten. Allerdings kreuzte das Schiff noch vor der Küste, bis es irgendwann mal den Hafen ansteuerte. Moni legte sich wieder hin und ich beendete derweil das Puzzle. Um halb 6 war es dann soweit. Der Lotse war an Bord, die Sonne dämmerte und die Matrosen verzurrten die Marfret Normandie am Hafenkai. Wir sind da! Nach 3558 Seemeilen erreichen wir die Insel, zweigeteilt ist. Der Norden gehört zu Frankreich und ist somit Teil der EU, der Süden gehört zu den Niederländischen Antillen, ist aber kein Teil der EU. Witzigerweise befindet sich damit mitten in der Karibik die einzige Grenze zwischen Holland und Frankreich und die wollen wir natürlich sehen. Also schnell in den Frühstücksraum noch was futtern und ab aufs Land. Zu erreichen was das aber nicht so komfortabel wie in Le Havre über eine Gangway, sondern über eine Sprossenleiter, die an der Reling festgezurrt war. Super, wie in alten Piratenfilmen. Der kleine Frachthafen und somit auch das Schiff befanden sich in der Nähe von Philipsburg, der Hauptstadt des südlichen Abschnitts. Wesentlicher Anlaufpunkt dort ist die Einkaufsstraßem die mit Musikuntermalung an einen Freizeitpark erinnert. Die dortigen Geschäfte waren aber weniger für uns gedacht, ein Juwelier neben dem anderen und wenn es kein Juwelier war, dann konnte man dort steuerfrei Alkohol und Zigaretten kaufen. Eine Flasche Wodka für $5 (€ 3,80) und eine Stange Zigaretten für $10 (€ 7,50), doch Internetverbindungen waren recht teuer (15 min. für 4$, also 3 Euro). Doch wofür das Ganze? Für die Tausenden von US-Touristen, die mit ihren Kreuzfahrtschiffen tagtäglich hergebracht warden. Da aber die Touristensaison beendet war und die Hurrikansaison begonnen hatte, hatten wir Glück und es gab kein Schiff in der Bucht außer unserem. Weniger Glück hatten mit dem Wetter. War ja klar dass es regnen würde, wenn wir an Land gehen. Aber bei einer Temperatur von 30 Grad Celsius war es zu überleben. Die Menschen auf der Insel, allesamt farbig, waren durch die Reihe freundlich und hilfsbereit. Fragte man nach dem Weg, ließen die Leute alles stehen und liegen um zu helfen. Kein Wunder dass auf den Kfz-Nummernschildern der Werbeslogan steht: St. Maarten – The friendly Island. Allerdings nur auf den Schildern des Südens. Die Autos aus dem Norden hatten – bis auf geringe Abweichungen – französische Nummernschilder, inklusive dem blauen EU-Symbol. Wir ve rließen die Stadt zu Fuß und begaben uns nach Norden, wo wir an der Grenze ein Pingufoto machen wollten. Unterwegs erzählten uns Einheimische, dass wir doch den Bus nehmen sollten, koste nur 1$ pro Person. Okay, aber wie sehen hier die Busse aus? Wir hatten noch keine gesehen. Es waren kleine Privatfahrzeuge a la Ford Transit oder VW Bus, nur auf “Toyotanisch”. Man muss noch nicht mal zu einer Haltestelle oder dem Busfahrer winken. Es reicht, wenn man an der Straße steht und blöd durch die Gegend guckt, schon hält einer an und fragt, ob wir mitkommen wollen. Und so waren wir ruckzuck an der Grenze, bei der bloß ein Schild auf das andere Territorium hinweist und machten ein Foto. Unterwegs empfahl uns der Fahrer noch die Hauptstadt Frankreichs. Also nicht Paris, sondern vielmehr vom französischen Inselabschnitt – Marigot. Doch nach so vielen Tagen Einsamkeit auf hoher See direct zwei Stadtbesichtigungen an einem Tag? Nein, danke. Wir nahmen den Bus in die andere Richtung, saßen bei lauter Musik (ausnahmsweise keine karibische) zwischen 13 Farbigen und düsten zwischen den Hügeln der Insel zurück nach Philipsburg. Dort hüpfte ich noch einmal schnell in das smaragdgrüne warme Wasser, bevor wir wieder zurück zum Schiff gingen. Beim Abendessen passierte es dann: Micha hatte mal wieder einen seiner großartigen Einfälle. Ich dachte darüber nach, dass wir in Trinidad aussteigen werden, eine Woche dort bleiben müssen (wegen der Fähre nach Venezuela) und dann wochenlang durch Venezuela, Brasilien, Guayan und Suriname reisen um nach Französisch Guayana zu kommen. Das Ganze jedoch nur, um denselben Weg zurück zu nehmen (ca. 1000 km), weil Französisch Guayana eine Sackgasse ist. Und wie ich so darüber nachdachte, dass wir in vielen Wochen nud nach zahlreichen finanziellen Ausgaben (7x Hotel Trinidad, Fähre nach Venezuela, Übernachtungen, Visagebühren Guayana und Suriname) genau an der Stelle sein werden, wo das Schiff ind dem wir gerade zu Abend essen, in drei Tagen sein wird, fragte ich mich, warum wir eigentlich nicht auf dem Schiff bleiben werden ? Wir würden ja nichts verpassen. Port-of-Spain bzw. Trinidad sehen wir bei unserem Landgang, durch Guyana und Suriname müssen wir so oder so, bräuchten aber nur ein Visum anstatt zwei und auf der Strecke in Venezuela, die wir bereisen würden, interessiert uns eigentlich nur die Gran Sabana. Eine fantastische Landschaft, die aber so gelegen ist, dass wir nur einen Umweg von 100 km machen müssen. Tja, aber wir sitzen jetzt auf dem Schiff, dass gerade in St. Maarten beladen wird und heute in der Nacht abfährt. Dann heißt es : 36 Stunden Fahrt in der Karibik bevor wir in Trinidas sind und aussteigen müssen. Kann man also spontan mal eben die Pläne andern, die nicht nur uns, sondern das gesamte Schiff betreffen? Man kann! Ich erzählte Moni von meiner Idee und wir gingen nochmal alles gründlich durch. Die Hauptfrage war die Immigration, doch da Französisch Guayana zur EU gehört, gibt es dort kein Problem. Aber werden wir dort ein Visum für Suriname beantragen können? Um diese Frage zu klären, verließen wir fluchtartig über die Sprossenleiter das Schiff und wollten zu einem Internetcafe. Es war kurz vor 19 Uhr und um spätesten 21 Uhr muss jeder wieder an Bord sein, so die Order vom Kapitän. Also hetzten wir durch die feucht-schwüle Abendhitze der Karibik, doch es hatte alles schon geschlossen. Ob Juwelier, Souvenir oder Internetcafe – alles zu. Nur die extreme gekühlten Casinos erfreuten sich der Besucher, die dort ihr Geld lassen. Aber einen Internetterminal gab es dort nicht. So konnten wir die Frage also nicht beantworten, doch wir waren entschlossen unsere Reiseroute genauso zu ändern. Dafür mussten wir mit dem Kapitän sprechen. Aber wann? Momentan ist er schwer beschäftigt und im Hafen ist es für Passagiere verboten, die Brücke zu betreten. So können wir also nur bis morgen warten, wenn wir wieder auf See sind. Aber wird es dann nicht zu spät sein?
Tag 13 Draußen ist es bewölkt, diesig und das graue Wasser schlägt hohe Wellen. Der einzige Grund, warum es karibisch sein könnte: Man kann sich hier ganz gut Piraten vorstellen. Rechts und Links ziehen mehrere Inseln vorbei. Wir vermuten, es ist der Staat St. Kitts und Nevis, wollen das später auf der Brücke kontrollieren. Doch zuvor klären wir was anderes. Nach dem Frühstuck gehen wir also hoch zur Brücke, klopfen an und schildern dem Kapitän unser Vorhaben. Er stutzt und ist irritiert, aber sofort wird er professionell und sagt, dass es von seiner Seite aus kein Problem sei, die Reederei dürfte auch nichts dagegen haben, bliebe nur die Einreisebestimmung zu klären. Aber auch hier die gleiche Reaktion wie bei uns beiden gestern Abend: Französisch Guayana = Frankreich = EU = Personalausweis. Nicht mehr. Er verspricht, alles zu klären und so klingelt bei uns in der Kabine drei Stunden später das Telefon. Der Kapitän ruft an und erklärt, das alles in Ordnung geht und wir bitte mit Kreditkarte hoch auf die Brücke kommen sollen. Er hat schon per Mail das Okay der Reederei und gibt ihnen meine Kreditkartennummer, damit diese in Hamburg eine Mail an das Reisebüro in der Schweiz schicken. Während wir also in der Karibik aufs Meer schauen, bringen wir –übertrieben gesagt- die internationale Seefahrt durcheinander und schaffen es, im 6000 km entfernten Hamburg und einem kleinen Ort am Vierwaldstätterse Leute zum Arbeiten zu bringen. So, das war die Langversion, warum wir die Pläne änderten. Die kurze und ehrlichere Version lautet: Am Mittwoch hätten wir das Schiff verlassen müssen. Am Donnerstag hätte es aber zum Frühstück Apfelpfannekuchen gegeben. Den wollen wir doch nicht verpassen ;-) Am Nachmittag versuchte ich mich im geduldigen Fliegenfisch-Fotografieren, was mir sogar ein bißchen gelang. Selbst ein ganz, ganz kurzes Video ist mir geglückt. Die Biester sind halt verdammt schnell. Auf der brücke freute sich der 2. Offizier ein Philippino, mich zu sehen. Die Inseln, die wir morgens sahen waren tatsächlich St. Kitts und Nevis. Auf der anderen Seite lag die pyramidenförmige Insel Saba. Momentan düsen wir an den karibischen Inseln vorbei, die sic him Halbkreis links von uns befinden. Leider sind sie aber bis zu 60 Meilen entfernt. Morgen könnten wir jedoch Grenada erkennen. Eine Begebenheit ganz anderer Art habe ich mittlerweile fast täglich. Da Moni in den ersten Tagen seekrank war und sich kaum aus der Kabine traute, musste ich jedem Seemann an Bord immer erklären, was los ist. Nun hat das die Leute so geprägt, dass ich jedes Mal gefragt werde, ob Moni schläft, wenn ich irgendwo alleine aufkreuze. Gehe ich auf die Brücke, fragt der 2. Offizier: Monika is sleeping? Klopft der Steward zum Müllbeutelwechsel und sieht Moni nicht sofort: She is sleeping? Bin ich mal alleine am Bug und treffe einen Matrosen: Where is your girlfriend? Sleeping? Und selbst der Kapitän rief heute morgen wo an? Im Schlafzimmer! Zufall, Eingebung oder technisch nicht anders möglich? Beim Dinner bat der Kapitän den morgigen Landgang aus Sicherheitsgründen in Trinidad spätestens zum Sonnenuntergang zu beenden. Weil es in Port-of-Spain nicht ungefährlich ist, möchte er alle seine Leute bei Dunkelheit auf dem Schiff haben.
Tag 14 Lange stehen wir morgens am Bug und können beobachten wie sich der südamerikanische Kontinent in Form von Venezuela und die Insel Trinidas nähern. Grenada haben wir aus irgendwelchen Gründen verpasst. Wir umrunden noch ein paar kleine Inselchen und sehen vor uns dann die Hochhäuser der Hauptstadt Port-of-Spain. Auf dem Weg begegnet uns ausgerechnet die kleine Personenfähre von Pier 1, die jeden Mittwoch nach Venezuela fährt. Genau dieses Schiff häten wir benutzt, wären wir in Trinidad von Bord gegangen. Aber jetzt ersparen wir uns ja die eine Woche Wartezeit. Der Schiffsverkehr hat zugenommen, zahlreiche Container- und Arbeitsschiffe sind zu sehen. Aber auch Schiffswracks, ein halbes Dutzend verrostete Schiffe schauen halb aus dem Wasser des Hafenbeckens, manche auf der Seite liegend. Doch das ist der einzige Müll. Auf dem Wasser schwimmt alles, was an Abfallprodukten schwimmen kann und zudem steigt ein ekeliger Gestank in die Nase. Der Hafen riecht nicht nach Hafen, sondern nach Fäkalien und uns dämmert so langsam, dass unsere Entscheidung weiter zu fahren eine gute war. Da der Kapitän sämtliche Pässe der Leute an Bord in Besitz hat und für alle die Zollformalitäten klärt, bitten wir ihn, uns anschließend zu geben. Denn wir haben drei wichtige Dinge in Trinidad zu tun:
1. Wir müssen zur Botschaft von Suriname, unserem nächsten Reiseland hinter Französisch-Guayana. 2. Wir müssen zum Flughafen, um unsere Flugtickets rückerstatten zu lassen. Wir kauften dieee, weil wir zur Einreise nach Trinidad ein Weiterreiseticket vorlegen müssen. Blöd nur, dass der Flug schon stattgefunden hat, zufälligerweise heute morgen um 8 UHr. Als wir die Tickets vor einem halben Jahr buchten, konnten wir nicht ahnen, dass auf Grund der Verzögerung unser Schiff genau am selben Tag einläuft, wenn das Flugzeug uns angeblich nach Bermudas fliegt. 3. Wir müssen vermeiden, bestimmte Viertel in Port-of-Spain zu betreten. Nicht nur das Auswärtige Amt warnet vor diesen Slums.
Nun, Punkt 3 ist uns nicht geglückt. Wir verließen den Hafen und gingen mit unserem schlechten Ausdruck eines halben Stadtplans genau in die falsche Richtung. Eine junge Frau, farbig wie alle Einwohner, konnte mit dem Plan überhaupt nichts anfangen und freute sich, wenn sie auf unserem Zettel Straßennamen las, die sie kannte. Wie man dort hinkommt, wusste sie allerdings nicht. Irgendwann standen wir mitten in engen Straßen und zwischen zahlreichen Schwarzen und fielen auf wie ein Schneemann in der Wüste. Zahlreiche Geschäfte, aus denen laute Musik dröhnte, Bordsteinkanten, die bis zum Knie reichten, fliegende Händler, die exotische Früchte auf der Ladefläche ihres Pick-Ups verlaufen und Geschäfte, die komplett vergittert sind. Die Kunden stehen vor demGitter und sagen, was sie kaufen möchten. Es war total interessant zuzuschauen, aber wahrscheinlich auch nicht ganz ungefährlich. Die Kamera trugen wir in einer Plastiktüte, aber ehrlich gesagt, haben wir uns nicht getraut, sie heraus zu holen und zu präsentieren. Nachdem wir uns irgendwann heillos verlaufen hatten und ich mittlerweile von den tropischen Temperaturen klätschnass geschwitzt war, konntre uns ein elegant gekleideter Mann den Weg zur Botschaft perfekt erklären. Er nahm sich 10 Minuten Zeit, geleitete uns noch ein Stück und erklärte so präzise, dass wir den Stadtplan nur noch als Bestätigung mitführten. Wenig später befanden wir uns in einem wesentlich ruhigeren Viertel, wo es direkt angenehm war, zu spazieren. Wir fanden die Botschaft, stürmten in die 5. Etage und waren um 10 vor 3 dort. Glück gehabt, um 3 macht sie zu. Ein Visum haben wir zwar nicht mehr bekommen, dafür aber die Konsulatsadresse in Französisch-Guayana. Bliebe also nur noch Punkt 2, die Sache mit dem Flughafen, zu erledigen. Doch weil es nun schon spät war, verzichteten wir auf die Fahrt zum Flughafen und gingen ins Internetcafe, in der Hoffnung, dass die Fluggesellschaft auf meine Storno-Mail von vor 2 Wochen reagiert hat. Das tat sie nud wir kriegen das Geld problemlos zurück. Dafür müssen wir allerdings in Suriname dort vorsprechen.
Schön, wir sind gerade mal ein paar Stunden in Trinidad und haben schon Behördenkram in den nächsten beiden Staaten vor uns. Dem Besitzer des Internetcafes sagten wir vorher, dass wir nur einen 20-US-Dollar-Schein haben. Dies sei kein Problem für ihn. Nach der Online-Sitzung wollte er aber 10 Dollar von uns haben. Wir erschraken ein wenig, da wir doch nur kurz Mails gelesen haben. Doch er meinte natürlich 10 Trinidad-Dollar, was ungefähr 1,50 US-Dollar entspricht. Doch den Rest des 20ers erhielten wir auch in Trinidad-Dollar, mit denen wir aber sonst ja nichts anfangen können. Also suchten wir uns die nächste Einkaufsmöglichkeit und tauschten unser Geld in Lebensmittel um. Ausgerechnet in einem völlig normalen Supermarkt, wie wir ihn hier nicht vermutet hätten. Als wir durch die Gänge schlurften, überkam uns das Gefühl, in einem Rewe-Supermarkt in Deutschland zu sein und nicht 7.000 km davon entfernt.
Im Internetcafe, wo ich von einem einheimischen und merkwürdigen Insekt angegriffen wurde, hatte ich auch Gelegenheit, die lokale Tageszeitung zu lesen. In einem Taxi wurde eine Frau getötet. Versehentlich, denn der Angriff einer Gang war gegen den Taxifahrer gerichtet. Das war die Titelseite, vier Seiten später in einer kleinen Randnotiz war die Rede von einer anderen Schießerei in der Nacht darauf als zwei rivalisierende Gangs zwei Mitglieder verloren. Damit sind in diesem Jahr bereits 194 Menschen in Port-of-Spain durch nächtliche Schießereien ums Leben gekommen. Wenn man jetzt noch bedenkt, das nur 40.000 Menschen in der Stadt wohnen.... Weiter hinten gab es Leserbriefe, wo sich eine Leserin bei der Fluggesellschaft bedankt, bei der wir auch buchten. Die Leserin vergass bei einem Flug ihre Handtashce, doch die Gesellschaft hat sie aufbewahrt und so war die Person glücklich und erstaunt, dass dies ”in einem Land noch möglich ist, mit dem steil bergab geht”. Auf dem Rückweg zum Schiff, beladen mit Einkaufstüten, sahen wir noch drei Papageien in einem Baum sitzen. Direkt neben einer sechsspurigen Straße. Ach ja, und übrigens: Abgesehen von diesem ersten merkwürdigen Stadtviertel fanden wir den Straßenverkehr mordsgefährlich, aber das wohl weil wir Linksverkehr nicht gewohnt sind. Auf dem Schiff angekommen, teilte uns der Schweizer mit, dass er gar nicht an Land war. Aber schon in St. Maarten hielt er sich nur 40 Minuten außerhalb des Schiffes auf. Merkwürdig. Kurz nach 22 Uhr legte das Schiff wieder ab und wir waren froh, dass wir mit dabei sein können. Auf geht es nach Französisch-Guayana.
Tag 15 Zum Frühstück gab es, wie versprochen, Apfelpannekuchen. Und wieder erhielten wir jeweils zwei davon. Guter Service, ;-) Da Moni etwas Kopfschmerzen hatte, legte sie sich anschließend wieder hin. Natürlich klopfte ausgerechnet dan der Steward und wollte frische Bettwäsche bringen. Keine Ahnung, was er dachte, als ich sagte, dass Moni schläft. Donnerstags machen wir auf dem Schiff irgendwie immer etwas mit unserem Gepäck. Am ersten Donnerstag räumten wir es in die Kabine. Am zweiten Donnerstag sortierten wir Gepäck aus. Mit dem Gewicht, was wir bereits in Holland aussortierten, haben wir nun rund 10 kg weniger Gewicht als beim Start unserer Reise in Essen. Heute sind wir wieder mit unserer Ausrüstung beschäftigt und zwar haven wir das Innenzelt und das Moskitonetz mit Antimückenspray imprägniert. Hoffentlich hilft es. Den Abend ließen wir ruhig ausklingen und schauten eine Komödie auf Video – bis 20.15 Uhr als das Telefon klingelte: “You know where is the party-deck?” – Du weißt, wo das Partydeck ist? Der rumänische Offizier lud uns ein, seinen Geburtstag zu feiern und natürlich wissen wir, wo das Partydeck ist. Also hin zur Party. Um Mitternacht, die Uhr wurde heute eine Stunde vorgestellt, da wir ja Richtung Osten fahren, lichtete sich die Partygesellschaft und nur der Schweizer, zwei Rumänen, der Kapitän und ich bewachten bis viertel vor 3 das Partydeck.
Tag 16 Trotz Uhrumstellung und langer Nacht schafften wire s pünktlich zum Frühstück. Anschließend imprägnierten wir auch unsere Kleidung, nahmen die erste von unseren Malariatabletten und ich genoss noch einmal 2 Stunden lang das warme Wasser im Pool. Am Mittag kam etwas Wehmut auf, denn wir fingen an, unsere Sachen zu packen und unsere Kabine aufzuräumen. Wie oft haben wir das Geschaukel und Gewackel verflucht, doch jetzt ist es schade, dass es dem Ende der Schifffahrt zugeht.
Tag 17 “Wir sind in Schweden”, sagte ich zu Moni. Das Schiff befindet sich im Hafen und der wiederum in einem Fluss. Auf der gegenüberliegenden Suferseite siehtm an Bäume, mehr nicht. Nur Bäume. Als ich morgens so langsam meine Augen ganz öffne und die Brille aufsetze entpuppt sich das gesichtete Schweden als tropischer Regenwald. Es war also nur eine Wunschvorstellung... Nach unserm letzten Frühstück holen wir mit dem Steward die Fahrräder aus dem Bauch des Schiffes und betretenzum ersten Mal das Festland von Südamerika. Willkomen in Französisch Guayana. Da das Schiff morgens um 4 Uhr anlegte, schlief fast die gesamte Crew bei unserer Abfahrt. Dem wachhabenden Offizier teilten wir mit, dass wir am darauf folgenden Tag kurz vorbei schauen werden, um uns zu verabschieden, denn der Frachter fährt erst in drei Tagen weiter. Schon beim Bepacken der Fahrräder gerieten wir wegen des tropischen Wetters ins Schwizten und mein Hemd war klätschnass, bevor wir überhaupt losgeradelt sind. 12 km sind es von dem kleinen Hafengelände bis in die Hauptstadt Cayenne. Also keine wirklich weiter Strecke, schon gar nicht über eine schön asphaltierte Straße, doch bereits nach 8 km wünschte ich mir ein anderes Fortbewegungsmittel herbei. Nach zwei Wochen Faulenzen auf dem Schiff plötzlich körperliche Betätigung in den Tropen – mörderisch. In Cayenne suchten wir sehr lange nach einer günstigen Unterkunft. Das erste Hotel kostete 70 €, das zweite 60 € und erst im dritten und wohl letztem Hotel der Stadt wurden wir fündig: 30 € ohne Klimaanlage und mit einer kaputten Plexiglasscheibe als Fenster. Diese dichteten wir erst einmal mit Servietten und Tape ab und dann erholten wir uns. Als wir an dem Hotel ankamen, stand ich kurz vor einem Kreislaufkollaps und schüttete Unmengen Wasser in mich hinein, nur damit dieses aus allen möglichen Hautporren wieder heruas gesprudelt kommt.
Die mehrheitlich schwarze Bevölkerung empfing uns überaus freundlich. Als wir für ein Foto kurz hinter dem Hafen anhielten, fragten einheimische Radler, ob wir ein Problem hätten. Als wir an einem Kreisverkehr nicht weiter wussten, weil der Weg in Richtung Stadt für Radfahrer verboten ist, begleitete uns ein anderer Radler ein ganzes Stück um uns den Weg zu zeigen. Als wir noch bei bei der Hotelsuche aufdringlich angebettelt wurden, kam ein anderer Mann und raunzte den Bettler an, er solle uns in Ruhe lassen. Und selbst im Straßenverkehr war alles sehr freundlich nud rücksichtsvoll. Mit der Lichthupe gewährte man uns langsamen Radlern sogar Vorfahrt. Als ich im ersten Hotel nach dem Preis fragte und in der Lobby die dortige Klimaanlage genoss, passte Moni draußen auf die Räder auf. Dabei wurde sie von Einheimischen über unsere Tour ausgefragt und woher sie käme. Einer von ihnen ist sogar mal mit dem Rad von Paris nach Warschau geradelt. Und so einen trifft man dann in der Nähe des Äquators.
Aber dennoch: Französisch-Guayana gehört nur auf dem Papier zur EU. Es handelt sich zwar nicht um ein eigenständiges Land, sondern um ein französisches Departement, also um eine Art Bundesland, und die Autokennzeichen haben das blaue EU-Symbol und es wird mit dem Euro bezahlt, doch von Europa ist man hier weit entfernt.  Heruntergekommen Häuser, ein schäbiges Stadtbild und viele arme Menschen die in den Hauseingängen oder auf dem verdreckten Bürgersteig liegen und schlafen. Ein wenig überkam mich der Gedanke, dass hier die ”vergessenen Franzosen” leben. Ein Teil des französischen Volkes, dass weit weg ist von Paris aber dem Geld zusteht und auf Grund der Entfernung nur ein bißchen abbekommt. Andererseits hatte ich aber auch den Eindruck, dass die Leute eben auf dieses Geld aus dem fernen Europa geradezu warten, ohne großartig etwas dafür leisten zu müssen. Vielleicht lag es an den Nebenwirkungen unserer Malariatabletten, vielleicht auch daran, dass ich das Schiff und die tolle Reise vermisste, vielleicht am tropischen Klima oder auch an diesem gewissen Kulturschock, der uns hier ereilte aber auf jeden Fall fiel ich in eine Traurigkeit und wollte eigentlich nur weg. Es gefiel mir nicht und ich wurde fast schon depressiv. Moni ging es auch nicht gut und ich hatte einfach nur das Gefühl, an diesem Ort falsch zu sein und weg zu wollen. Doch wir konnten nicht, erst müssen wir zum Konsulat von Suriname um das Visum zu beantragen, doch heute ist Samstag, also zwei Tage Pflichtaufenthalt. Ein weiteres Problem ist die Strecke nach Suriname, denn Französisch-Guayana besteht praktisch nur aus Regenwald und es gibt nur eine einzige Straße an der Küste entlang. 260 km, doch diese ist auch noch für Radler verboten, soweit wir das sehen konnten. Was also tun? Erst einmal ins Internet und Möglichkeiten prüfen.
Tag 18 Der riesige Ventilator direkt über unserem Moskitonetz brachte nicht viel Abkühlnug in der Nacht. Mehrmals wurden wir wach, schauten aufs Thermometer, dass ständig etwas zwischen 33 und 36 Grad anzeigte – und das in der Nacht, hinzu kommt noch die hohe Luftfeuchtigkeit. Nachdem wir gestern schon keinen Appetit hatten, radelten wir heute ohne Frühstück zum Schiff. Dort angekommen freuten sich die Matrosen und Offiziere uns zu sehen. Einer der Rumänen zog mich sofort in seine Kabine, gab mir ein frisches T-Shirt und befahl mir, mein vollgeschwitztes und völlig nasses Hemd in den Trockner zu schmeißen. Danach gab es einen Tee und Kekse, die ich wie wild in mich hinein stopfte. Das alles in einer Umgebung von 22 Grad, die sich wie ein Kühlschrank anfühlten. Wie sehr mag ich mittlerweile Klimaanlagen. In Europa meiner Meinung nach völlig überflüssig, hier in den Tropen ein Muss. Nach einem letzten Abschiedsfoto mit dem Kapitän radelten wir zurück und verbrachten den gesamten Nachmittag im klimatisierten Internetcafe, schrieben Mail, telefonierten für 2 Cent nach Hause und recherchierten für unsere Weiterreise. Immer öfter dachten wir laut darüber nach, wie es wohl wäre und ob es wohl nicht sinnvoller wäre, mit dem Schiff weiter zu fahren, so wie es uns auch die Offiziere empfahlen. Immerhin liegt das Schiff ja nur 12 km von uns entfernt und wartet ja noch zwei Tage geradezu auf uns. Wir wären dann im brasilianischen Belem, könnten dort in einem klimatisierten Bus einsteigen und uns nach Brasilia (2.100 km) bringen lassen. Ich muss zugeben, dass mein Körper nicht für die Tropen geschaffen ist. Des Weiteren kämen die Kosten zu, die wir hätten, wenn wir auf dem Landweg reisen. Durch das Radelverbot auf der N1 nach Suriname wären wir gezwungen Minibusse zu nehmen. Unsere Erkundigungen ergaben Kosten von 100 Euro. Dazu die beiden Visa für je 30 € und die Übernachtungen bis wir das Bisa erhalten. Für Guyana bräuchten wir auch noch ein Visum und die dortige Hauptstadt Georgetown gilt mal wieder als gefährlich, worauf wir mittlerweile keine Lust mehr haben. Von Georgetown aus käme dann eine 480 km lange Urwaldpiste auf uns zu, die Einheimischen zufolge nur mit einem Truck zu schaffen ist (Nachtrag: Mittlerweile wissen wir, dass man die Strecke doch radeln kann. Zu dem damaligen Zeitpunkt galt das nicht als sicher). So beschlossen wir, schnellstmöglich aus den Tropen heraus zu fahren und dafür morgen beim Kapitän nachzufragen, ob wir nochmal mitkönnen. Doch wie der Zufall es will, nach unserem mehrstündigen Internetbesuch gingen wir zum Hotel zurück nud wer saß dort in der Bar und trank einen Cocktail? Der Kapitän und seine Frau. Er versprach uns, direkt morgen früh um 7, wenn es in Deutschland 12 Uhr ist, die Reederei in Hamburg anzumailen, sofern er eine Satellitenverbindung hat. Uns bat er, gegen Mittag bei ihm vorbeizuschauen, weil er bis dahin eine Antwort haben müsste. So gingen wir voller Hoffnung in unser miefiges 35 Grad-Zimmer zurück und vermieden jede Bewegung. Dabei überlegten wir, ob dies nicht alles eine Art Zeichen sein muss, dass das Schiff drei Tage Aufenthalt hat, dass wir den Kapitän ausgerechnet dann treffen, wenn wir ihn brauchen...
Tag 19 ”Lustig, gell? Es ist Frankreich und sieht aus wie Afrika.” In perfektem Deutsch sprach die weiße französische Bäckereiverkäuferin mit uns, die sich sehr freute, mal wieder Deutsch reden zu können. Seit drei Jahren lebt sie in Französisch Guayana und wuchs an der Grenze zum Saarland auf. Nach einem kurzen Gespräch schenkte sie uns ein paar Backwaren, nur ein Baguette für günstige 65 Cent müssen wir bezahlen. Super nett nud es bestätigt unseren Eindruck, dass die Menschen hier freundlich sind. Nach 48 Stunden Tropen also die erste vorsichtige Nahrungsaufnahme, jedoch gleichzeitig mit der Information, dass es noch gar nicht richtig warm ist und es noch zu oft regnen. Dabei hat es doch nur eine halbe Stunde geregnet. Zwar heftig, aber kurz. Bei einem Gang zur Post glaubte ich plötzlich an Halluzinationen. Mitten auf einem Parkplatz entdecken meine Augen ein altes, kleines Wohnmobil. Beim Näherkommen stellt sich heraus, dass es sich um Belgier handelt und diese den Wagen verkaufen wollen. Auf ihrer Website erfahren wir später, dass sie ganz Mittel- und Südamerika damit bereist haben. Wir hingegen radeln derweil zum Schiff, wo wir wieder einem großen ”Halllo” begrüßt werden und vom Kapitän verkündet bekommen, dass alles okay geht. Wir können schon heute einschiffen. Der Kapitän bot uns sogar an, dass seine Frau mit einem von uns in seinem zweisitzigen Leihwagen das Gepäck holen könnte, doch wir bedankten uns freundlich und radelten zurück zum Hotel, diskutierten dort noch ein wenig, weil wir die nächste Nacht nicht mehr zahlen wollten, packten unser Gepäck aufs Rad und radelten erneut zum Schiff. Unterwegs rechneten wir aus, dass unser Wasserverbrauch in den Tropen höher ist, als der Benzinverbrauch unseres alten Wohnmobils. Bei einer Strecke von 36 km kamen wir auf 6 Liter Flüssigkeit, hochgerechnet auf 100 km ist das ein Verbrauch von 16-17 Litern. Bei einem Preis von 0,60 €/Liter nicht gerade wenig. Auf dem Schiff angekommen sprangen wir zunächst unter die Dusche und aßen später zu Abend. Noch nie haben uns Bohnen mit Reis und Makrele so gut geschmeckt.
Tag 20 Durchgeschlafen! Tagsüber haben wir kaum die Kabine verlassen. Nur einmal war ich an Deck, doch sofort schmerzte die Sonne aufder Haut. Manchmal fühlte es sich an wie kleine Nadelstiche. So verbrachten wir den Tag mit Wäschewaschen und DVD gucken. Nur abends, als die Sonne weg war, gingen wir aufs Deck und warteten auf das Ereignis, weshalb wir gestern nicht nach Kourou hätten fahren können, weil dort alles abgesperrt war. Um 20.44 Uhr startet eine Arianerakete der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Wir sind zwar bereits über 100 km vom Startplatz entfernt, doch wir hoffen wenigstens einen kleinen Lichtpunkt sehen zu können. Weil wir nicht mit mehr gerechnet haben, ließ ich die Kamera ärgerlicherweise in der Kabine. Denn ein kleiner Lichtpunkt? Um exakt 16 Minuten vor 9 wurde die tiefschwarze Nacht hell erleuchtet. Es sah beinahe so aus, als würde die Sonne aufgehen, so hell war es plötzlich am Horizont. Ein wenig erinnerte es an die Bilder, die man von Atomexplosionen kennt, doch glücklicherweise stieg aus dem leuchtend rot-gelben Horizont kein Atompilz auf, sondern tatsächlich eine Rakete. Rasant stieg sie nach oben und flog in unsere Richtung. Nach wenigen Sekunden war sie exakt über und und man konnte kurz darauf deutlich erkennen, dass die Antriebsstufen abgetrennt wurden und der eigentliche Raketenteil nun alleine weiter schwebte, somit also schon im schwerelosen Raum war. Ein einmaliger aber beänstigender Anblick, der wahrscheinlich von Land aus nicht so gut zu sehen war. Die Leute dort sind wahrscheinlich erst einmal geblendet direkt nach dem Start und dann sie die Rakete wegfliegen. Wir hingegen sahen sie auf uns zukommen und über uns hinweg rasen.
Tag 21 Es gab wieder Apfelpannekuchen, doch der Steward fragte heute wieder nicht, sondern brachte direkt zwei. Moni ging danach schlafen, ich schaute DVD. Anschließend wagte ich eine Runde zum Bug und zurück, doch schon nach wenigen Schritten taten mir wieder einige Hautpartien von der Sonne weh, auch welche, die eigentlich vom T-Shirt geschützt sind. Wir nähern uns dem Äquator und ich bin froh, wenn wir ihn morgen überquert haben, so schnell wie möglich in den Bus steigen können und nach Süden fahren – bloß raus aus den Tropen. Abends erreichten wir Belem, dass mit seiner Hochhauskulisse sehr abstoßend wirkte, doch unser Schweizer Mitpassagier fand tatsächlich Ähnlichkeiten mit seinem idyllischen Heimatland. Da wir die Flut verpassten, konnten wir nicht an den Kai und müssen bis morgen warten. Ich fühle mich nicht wohl und habe das Bedürfnis nach Hause zu wollen.
Tag 22 Heute heißt es endgültig Abschied nehmen. Nach dem Frühstück tragen wir unsere Packtaschen in die Bar und warten darauf, dass wir unsere Pässe bekommen. Dabei überkommt mich schon wieder tiefes Heimweh. Ich bin nicht glücklich bei dem Gedanken, von Bord zu gehen. In der Zwischenzeit bekommen wir unser Zertifikat, dass wir den Atlantik und den Äquator überquert haben, die sehen sehr nett aus und wir freuen uns. Die Äquatortaufe fiel gestern aus, da wir nach dem Überqueren ja direkt in den Hafen einliefen und da logischerweise nicht gefeiert werden kann. Aber getauft wurden wir trotzdem, Moni ist nun der Bicycle Swan während ich auf hoher See nun den Namen Bicycle Herring tragen darf, muss, kann, was auch immer. Neugierig wie ich bin, klopfe ich aber noch an die Tür unseres Schweizer Mitpassagieres und frage nach seinem Äquator-Taufnamen: Er ist nun der Sea Putin. Wen wundert’s, wo er doch in jedem Gespräch diesen ”president of the UDSSR” erwähnte und ihn als umoperierten und wiedererfri schten Stalin bezeichnet.
Nach über einer Stunde erscheint endlich der Mitarbeiter der Immigrationsbehörde, stempelt die Pässe und wir können unsere Sachen von der klimagekühlten Bar raus auf den tropisch erhitzten Hafenkai tragen. Noch ein letztes Bild mit dem Kapitän, der mit seiner Frau die Stadt besichtigen geht und ein Abschiedswinken zu den Matrosen und los geht es. Besonders der 2. Offizier hat nochmal kräftig gewunken. Ja, auf der Marfret Normandie fühlten wir uns sehr wohl.
REISE ZU DEN PINGUINEN - TEIL 3 |