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13. Tag Draußen ist es bewölkt, diesig und das graue Wasser schlägt hohe Wellen. Der einzige Grund, warum es karibisch sein könnte: Man kann sich hier ganz gut Piraten vorstellen. Rechts und Links ziehen mehrere Inseln vorbei. Wir vermuten, es ist der Staat St. Kitts und Nevis, wollen das später auf der Brücke kontrollieren. Doch zuvor klären wir was anderes. Nach dem Frühs tuck gehen wir also hoch zur Brücke, klopfen an und schildern dem Kapitän unser Vorhaben. Er stutzt und ist irritiert, aber sofort wird er professionell und sagt, dass es von seiner Seite aus kein Problem sei, die Reederei dürfte auch nichts dagegen haben, bliebe nur die Einreisebestimmung zu klären. Aber auch hier die gleiche Reaktion wie bei uns beiden gestern Abend: Französisch Guayana = Frankreich = EU = Personalausweis. Nicht mehr.
Er verspricht, alles zu klären und so klingelt bei uns in der Kabine drei Stunden später das Telefon. Der Kapitän ruft an und erklärt, das alles in Ordnung geht und wir bitte mit Kreditkarte hoch auf die Brücke kommen sollen. Er hat schon per Mail das Okay der Reederei und gibt ihnen meine Kreditkartennummer, damit diese in Hamburg eine Mail an das Reisebüro in der Schweiz schicken. Während wir also in der Karibik aufs Meer schauen, bringen wir –übertrieben gesagt- die internationale Seefahrt durcheinander und schaffen es, im 6000 km entfernten Hamburg und einem kleinen Ort am Vierwaldstätterse Leute zum Arbeiten zu bringen.
So, das war die Langversion, warum wir die Pläne änderten. Die kurze und ehrlichere Version lautet: Am Mittwoch hätten wir das Schiff verlassen müssen. Am Donnerstag hätte es aber zum Frühstück Apfelpfannekuchen gegeben. Den wollen wir doch nicht verpassen ;-)
Am Nachmittag versuchte ich mich im geduldigen Fliegenfisch-Fotografieren, was mir sogar ein bißchen gelang. Selbst ein ganz, ganz kurzes Video ist mir geglückt. Die Biester sind halt verdammt schnell. Auf der brücke freute sich der 2. Offizier ein Philippino, mich zu sehen. Die Inseln, die wir morgens sahen waren tatsächlich St. Kitts und Nevis. Auf der anderen Seite lag die pyramidenförmige Insel Saba. Momentan düsen wir an den karibischen Inseln vorbei, die sic him Halbkreis links von uns befinden. Leider sind sie aber bis zu 60 Meilen entfernt. Morgen könnten wir jedoch Grenada erkennen.
Eine Begebenheit ganz anderer Art habe ich mittlerweile fast täglich. Da Moni in den ersten Tagen seekrank war und sich kaum aus der Kabine traute, musste ich jedem Seemann an Bord immer erklären, was los ist. Nun hat das die Leute so geprägt, dass ich jedes Mal gefragt werde, ob Moni schläft, wenn ich irgendwo alleine aufkreuze. Gehe ich auf die Brücke, fragt der 2. Offizier: Monika is sleeping? Klopft der Steward zum Müllbeutelwechsel und sieht Moni nicht sofort: She is sleeping? Bin ich mal alleine am Bug und treffe einen Matrosen: Where is your girlfriend? Sleeping? Und selbst der Kapitän rief heute morgen wo an? Im Schlafzimmer! Zufall, Eingebung oder technisch nicht anders möglich?
Beim Dinner bat der Kapitän den morgigen Landgang aus Sicherheitsgründen in Trinidad spätestens zum Sonnenuntergang zu beenden. Weil es in Port-of-Spain nicht ungefährlich ist, möchte er alle seine Leute bei Dunkelheit auf dem Schiff haben.
14. Tag Lange stehen wir morgens am Bug und können beobachten wie sich der südamerikanische Kontinent in Form von Venezuela und die Insel Trinidas nähern. Grenada haben wir aus irgendwelchen Gründen verpasst. Wir umrunden noch ein paar kleine Inselchen und sehen vor uns dann die Hochhäuser der Hauptstadt Port-of-Spain. Auf dem Weg begegnet uns ausgerechnet die kleine Personenfähre von Pier 1, die jeden Mittwoch nach Venezuela fährt. Genau dieses Schiff häten wir benutzt, wären wir in Trinidad von Bord gegangen. Aber jetzt ersparen wir uns ja die eine Woche Wartezeit. Der Schiffsverkehr hat zugenommen, zahlreiche Container- und Arbeitsschiffe sind zu sehen. Aber auch Schiffswracks, ein halbes Dutzend verrostete Schiffe schauen halb aus dem Wasser des Hafenbeckens, manche auf der Seite liegend. Doch das ist der einzige Müll. Auf dem Wasser schwimmt alles, was an Abfallprodukten schwimmen kann und zudem steigt ein ekeliger Gestank in die Nase. Der Hafen riecht nicht nach Hafen, sondern nach Fäkalien und uns dämmert so langsam, dass unsere Entscheidung weiter zu fahren eine gute war.
Da der Kapitän sämtliche Pässe der Leute an Bord in Besitz hat und für alle die Zollformalitäten klärt, bitten wir ihn, uns anschließend zu geben. Denn wir haben drei wichtige Dinge in Trinidad zu tun:
1. Wir müssen zur Botschaft von Suriname, unserem nächsten Reiseland hinter Französisch-Guayana.
2. Wir müssen zum Flughafen, um unsere Flugtickets rückerstatten zu lassen. Wir kauften dieee, weil wir zur Einreise nach Trinidad ein Weiterreiseticket vorlegen müssen. Blöd nur, dass der Flug schon stattgefunden hat, zufälligerweise heute morgen um 8 UHr. Als wir die Tickets vor einem halben Jahr buchten, konnten wir nicht ahnen, dass auf Grund der Verzögerung unser Schiff genau am selben Tag einläuft, wenn das Flugzeug uns angeblich nach Bermudas fliegt.
3. Wir müssen vermeiden, bestimmte Viertel in Port-of-Spain zu betreten. Nicht nur das Auswärtige Amt warnet vor diesen Slums.
Nun, Punkt 3 ist uns nicht geglückt. Wir verließen den Hafen und gingen mit unserem schlechten Ausdruck eines halben Stadtplans genau in die falsche Richtung. Eine junge Frau, farbig wie alle Einwohner, konnte mit dem Plan überhaupt nichts anfangen und freute sich, wenn sie auf unserem Zettel Straßennamen las, die sie kannte. Wie man dort hinkommt, wusste sie allerdings nicht. Irgendwann standen wir mitten in engen Straßen und zwischen zahlreichen Schwarzen und fielen auf wie ein Schneemann in der Wüste. Zahlreiche Geschäfte, aus denen laute Musik dröhnte, Bordsteinkanten, die bis zum Knie reichten, fliegende Händler, die exotische Früchte auf der Ladefläche ihres Pick-Ups verlaufen und Geschäfte, die komplett vergittert sind. Die Kunden stehen vor demGitter und sagen, was sie kaufen möchten. Es war total interessant zuzuschauen, aber wahrscheinlich auch nicht ganz ungefährlich. Die Kamera trugen wir in einer Plastiktüte, aber ehrlich gesagt, haben wir uns nicht getraut, sie heraus zu holen und zu präsentieren.
Nachdem wir uns irgendwann heillos verlaufen hatten und ich mittlerweile von den tropischen Temperaturen klätschnass geschwitzt war, konntre uns ein elegant gekleideter Mann den Weg zur Botschaft perfekt erklären. Er nahm sich 10 Minuten Zeit, geleitete uns noch ein Stück und erklärte so präzise, dass wir den Stadtplan nur noch als Bestätigung mitführten. Wenig später befanden wir uns in einem wesentlich ruhigeren Viertel, wo es direkt angenehm war, zu spazieren. Wir fanden die Botschaft, stürmten in die 5. Etage und waren um 10 vor 3 dort. Glück gehabt, um 3 macht sie zu. Ein Visum haben wir zwar nicht mehr bekommen, dafür aber die Konsulatsadresse in Französisch-Guayana. Bliebe also nur noch Punkt 2, die Sache mit dem Flughafen, zu erledigen. Doch weil es nun schon spät war, verzichteten wir auf die Fahrt zum Flughafen und gingen ins Internetcafe, in der Hoffnung, dass die Fluggesellsch aft auf meine Storno-Mail von vor 2 Wochen reagiert hat. Das tat sie nud wir kriegen das Geld problemlos zurück. Dafür müssen wir allerdings in Suriname dort vorsprechen.
Schön, wir sind gerade mal ein paar Stunden in Trinidad und haben schon Behördenkram in den nächsten beiden Staaten vor uns. Dem Besitzer des Internetcafes sagten wir vorher, dass wir nur einen 20-US-Dollar-Schein haben. Dies sei kein Problem für ihn. Nach der Online-Sitzung wollte er aber 10 Dollar von uns haben. Wir erschraken ein wenig, da wir doch nur kurz Mails gelesen haben. Doch er meinte natürlich 10 Trinidad-Dollar, was ungefähr 1,50 US-Dollar entspricht. Doch den Rest des 20ers erhielten wir auch in Trinidad-Dollar, mit denen wir aber sonst ja nichts anfangen können. Also suchten wir uns die nächste Einkaufsmöglichkeit und tauschten unser Geld in Lebensmittel um. Ausgerechnet in einem völlig normalen Supermarkt, wie wir ihn hier nicht vermutet hätten. Als wir durch die Gänge schlurften, überkam uns das Gefühl, in einem Rewe-Supermarkt in Deutschland zu sein und nicht 7.000 km davon entfernt.
Im Internetcafe, wo ich von einem einheimischen und merkwürdigen Insekt angegriffen wurde, hatte ich auch Gelegenheit, die lokale Tageszeitung zu lesen. In einem Taxi wurde eine Frau getötet. Versehentlich, denn der Angriff einer Gang war gegen den Taxifahrer gerichtet. Das war die Titelseite, vier Seiten später in einer kleinen Randnotiz war die Rede von einer anderen Schießerei in der Nacht darauf als zwei rivalisierende Gangs zwei Mitglieder verloren. Damit sind in diesem Jahr bereits 194 Menschen in Port-of-Spain durch nächtliche Schießereien ums Leben gekommen. Wenn man jetzt noch bedenkt, das nur 40.000 Menschen in der Stadt wohnen....
Weiter hinten gab es Leserbriefe, wo sich eine Leserin bei der Fluggesellschaft bedankt, bei der wir auch buchten.
Die Leserin vergass bei einem Flug ihre Handtasche, doch die Gesellschaft hat sie aufbewahrt und so war die Person glücklich und erstaunt, dass dies ”in einem Land noch möglich ist, mit dem es steil bergab geht”.
Auf dem Rückweg zum Schiff, beladen mit Einkaufstüten, sahen wir noch drei Papageien in einem Baum sitzen. Direkt neben einer sechsspurigen Straße. Ach ja, und übrigens: Abgesehen von diesem ersten merkwürdigen Stadtviertel fanden wir den Straßenverkehr mordsgefährlich, aber das wohl weil wir Linksverkehr nicht gewohnt sind.
Auf dem Schiff ang ekommen, teilte uns der Schweizer mit, dass er gar nicht an Land war. Aber schon in St. Maarten hielt er sich nur 40 Minuten außerhalb des Schiffes auf. Merkwürdig. Kurz nach 22 Uhr legte das Schiff wieder ab und wir waren froh, dass wir mit dabei sein können. Auf geht es nach Französisch-Guayana.
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