Die Weltenbummler

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Airbus Frachtschiff20. Tag
Frühmorgens sitzt ein Spatz auf dem 9. Deck. Er sieht erschöpft aus, kein Wunder. Sonst sehen wir nur Möwen um uns herum kreisen. Aber der Spatz ist ein eindeutiges Zeichen, dass das Land nicht weit weg sein kann. Gegen Mittag sehen wir erst England und kurz darauf die französische Küste. Wir schlingen beim Lunch unsere drei Gänge in Rekordzeit hinunter und verzichten auf den anschließenden Espresso, weil wir an Deck gehen wollen. Schnell in die Jacken, denn es ist kalt in Europa und schon blicken wir auf die Windmühleweißen Klippen von Dover und die gegenüberliegende Felsenküste bei Calais. Sogar den Rathausturm kann ich durch das Fernglas erkennen. Fast vier Monate ist es nun her, dass wir dort vom Zug in den Bus umstiegen. Jetzt sind wir wieder hier, der Kreis ist geschlossen. Mit der Nähe des Landes steigt der Lärmpegel, denn etliche Besatzungsmitglieder kamen an Deck und drückten auf ihren piependen Handys herum oder telefonierten – wir natürlich auch. Nachdem wir die Meeresenge passierten und den zahlreichenden quer fahrenden Fähren auswichen, wurde es Segelschiffwieder leerer um uns herum. Viele der unzähligen Schiffe sind jetzt nicht mehr zu sehen und wir befinden uns nun mitten auf der Nordsee. Jetzt ist es nur noch ein Bruchteil der fast 14.000 km, die wir mit diesem Schiff seit Buenos Aires zurück gelegt haben.

Leuchtturm an der ElbeAbends hörten wir die ersten deutschen Radiosender, aber noch ganz schwach, so dass wir uns mit der niederländischen Sprache zufrieden geben mussten. Im Dunkeln konnten wir eine ganze Menge Ölplattformen sehen, Leuchttürme und Schiffe. Der Horizont war hell erleuchtet. Es bestand kein Zweifel, wir waren in der alten Welt.Am letzten Abend unserer Reise schaute ich mir zum ersten und einzigen Mal einen Film im Aufenthaltsraum an. Ich fand den Film ”Travelling Birds” mit seinen schönen Landschaftsaufnahmen ganz passend.

Herbstwald bei Hamburg21. Tag
Wir wachen auf und das Schiff bewegt sich nicht. Sind wir schon da? Das kann doch gar nicht sein. Vorhang zur Seite und der Blick aufs Meer verrät, dass wir ankern. Die Nordsee ist ruhig und nicht weit von uns ist Helgoland wegen seiner berühmten Felsnadel zu erkennen. Wer kann das schon, Frühstücken mit Blick auf Deutschlands einzige Hochseeinsel. Kurz darauf setzt sich das Schiff langsam in Bewegung un, der Pilot wird an Bord gebracht und damit bin ich jetzt nicht mehr der einzige Deutsche an Bord.

Flughafen vom Airbus KonzernDie Mündung der Elbe ist leicht zu erkenen. Viele andere Frachtschiffe stehen in einer Schlange hintereinander und warten auf Einlass. Wir nähern uns ganz langsam der deutschen Küste und erblicken den Strand von Cuxhaven. Nur wenige Meter von uns entfernt sehen wir deutsche Touristen, in dicken Jacken gehüllt, die mit ihrem Hund und ihrem Kind am Strand spazieren gehen. Stundenlang fahren wir auf der Elbe und nur wenige Schiffe kommen uns entgegen. Dafür sehen wir aber zahlreiche Menschen, die am Elbufer spazieren gehen und auf das große gelb-weiße Schiff blicken, dass hochhausgroß an ihnen vorbei zieht. Auf unser fröhliches Winken Hamburger Hafenreagiert aber leider keiner. Nach zwei Atomkraftwerken, einer Windmühle und viel Industrie, die sich hinter den schönen grünen Deichen verstecken, sehen wir den herbstlichen Wald rund um den Hamburger Vorzeigestadtteil Blankenese. Nicht nur dort, sondern auch schon bei den industriellen Teilen der Elbe versuchen wir Vergleiche zu südamerikanischen Häfen und Küsten zu ziehen und stellen mal wieder fest, dass es uns hier in Europa bei Weitem besser gefällt. Selbst neben einer Art Chemiewerk grasen die Schafe auf dem Deich und anstatt Schaum, Dreck und FischmarkthallePlastiktüten schwappt lediglich Wasser an die Uferzone. Und die Luft? Sie riecht einfach frisch. Nein, das Thema Südamerika ist für uns erledigt. Und nicht nur das, ich nehme mir endgültig vor, Südeuropa ebenfalls nicht mehr zu bereisen. Dort ist es meiner Meinung nach nicht viel besser.

Unser Schiff gleitet langsam an St. Pauli vorbei, wir sehen die Fischmarkthalle und die Landungsbrücken und beobachten wie wir mit dem großen Frachter in dem engen Hafen einparken.

Lkw für RusslandWir verabschieden uns von Mantilla und von dem dritten Offizier, der uns die Pässe bringt sowie von den beiden Stewards und dem Koch und gehen runter zu Deck 3, wo schon unsere Fahrräder auf uns warten. Schon während der stundenlangen, langsamen Fahrt auf der Elbe haben wir sie gepackt, doch nun müssen wir uns zwischen den eng stehenden Lkw aus brasilianischer Produktion, die für den russischen Markt bestimmt sind hindurch quetschen. Dem Chefingenieur reichen wir an der Rampe ebenfalls noch die Hand und kurz darauf betreten wir mit dem rechten Fuß europäischen Boden. Wir sind wieder zuhause. Es ist Samstagnachmittag und im Hafen ist kein Mensch zu finden. Ruhig und entspannt läuft es sich zwischen den großen Containern und wir haben keine Ahnung, Ladeluke Repubblica Argentinaob wir das dürfen. In Buenos Aires waren hundert Meter Fußmarsch streng verboten. In Deutschland, dem achso geregelten Land ist dies kein Problem. Am Ende treffen wir auf eine Schranke und einem Wachdienst. Dieser begrüßt uns freundlich und kündigt uns bei seinen Kollegen an, die einen Stadtplan haben. Lange und ausführlich erklären sie uns den Weg zur Autovermietung, wo wir einen Wagen leihen möchten.

OldtimerWir schieben Richtung Stadtzentrum, verlaufen uns und ein radelnder Hamburger wendet extra, um uns erneut den Weg zu zeigen. Wie oft haben wir gelesen, dass Langzeitreisende enttäuscht sind, wenn sie nach Deutschland zurück kehren. Alle würden unfreundlich schauen, keiner helfe dem anderen und es wäre ja alles so furchtbar schlimm. Wir machen genau andere Erfahrungen und freuen uns, dass wir mit netten Deutschen kommunizieren können. Keiner ist unfreundlich und jeder ist bemüht uns zu helfen, denn der Weg zur Autovermietung ist weit. Am Hamburger Hauptbahnhof sprechen uns zwei etwas Männer an, die gerade aus dem Stadion kommen und sind ganz interessiert zu erfahren, wo wir herkommen, wo wir hinwollen und wie es uns gefallen hat. Einer der beiden muss am nächsten Tag nach Köln und bietet uns an, uns mitzunehmen. Wir lehnen dankend ab, wollen wir doch noch heute ins Ruhrgebiet zurück, aber alleine Ankunft bei Sonnenuntergangdiese für einen Deutschen angeblich untypische Geste unterstreicht unsere Abschlussgedanken: Zuhause ist es noch am Schönsten...

 

Auf der Reeperbahn sehen wir eine 24-Stundenautovermietung, bekommen einen großen VW-Touran und schaffen die Strecke bis ins Ruhrgebiet rekordverdächtig in etwas weniger als drei Stunden. Mitten in der Nacht kommen wir dort an, wo wir 114 Tage zuvor mit dem Rad gestartet sind und sind überglücklich, nicht nur wieder zuhause zu sein, sondern auch in ein ruhiges, nicht wackelndes Bett steigen zu können.
 

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