|
Weniger Gedanken mache ich mir fast zwei Wochen lang über den hellblauen Innenanstrich im Sanitärgebäude. Ers t als ich eines Tages von der Putzfrau gebeten werde, ausnahmsweise die Örtlichkeiten der Damen aufzusuchen, wird mir schlagartig klar, das Moni echt was aushalten muss. Und wenn ich nicht schon auf dem Klo gewesen wäre, hätte ich mir vor Lachen fast in die Hose gemacht: Alles ist rosa! So rosa, dass einem schon fast die Augen weh tun. Ach, was haben wir Männer es doch gut.
Wer weiter gehen will, als nur bis zum Sanitärgebäude, der spaziert exakt einen Kilometer nach Etretat hinein. Da wir das alleine schon mindestens zweimal pro Tag machen, oftmals auch dreimal, kommen einige Kilometer zusammen, die wir in den zwei Wochen zu Fuß zurück legen. Wer jetzt rechnet, sollte nicht die Wege IN der Stadt vergessen, genauso wenig die Kilometer an der Küste und natürlich die Rückwege.
Da sich irgendwann der Inhalt des Benzinkochers dem Ende neigte und es in Etretat keine Tankstelle gibt, gehen wir auch schon mal in den 3,5 km entfernen Nachbarort um mal eben einen halben Liter Benzin zu kaufen.
Gelegentlich radeln wir aber auch. Nach Fecamp, das erreicht man nach 17 km über die D940 oder nach 20 km über den Radweg oder nach 20 km aus einer Kombination von Radweg und kleinen Küstenstraßen. Wir kennen alle Variationen; Zwei Gründe ziehen uns nach Fecamp. Der eine liegt dort im Nachbardorf Saint Leonard, heißt Lidl und vergünstigt unsere Lebensmitteleinkäufe enorm. Wir gehen nachher soweit, dass wir den Inhalt von zwei Packtaschen ins Zelt entleeren und diese Taschen bei Lidl mit Lebensmitteln füllen, weil es in Etretat wesentlich teurer ist. Zudem gibt es dort leckere weiße Schokolade mit Erdbeergeschmack.
Der zw eite Grund für unsere Fecamp-Touren befindet sich in einem Sozialzentrum, was mich bei jedem Besuch an meinen früheren Arbeitgeber erinnert. Doch dort gibt es ein Internetcafe. Allerdings haben wir irgendwann heraus gefunden, dass wenigstens das lesen und kurze Beantworten von Mails auch in Etretat möglich ist. Dort gibt es im Touristenbüro einen Terminal, den man sich aber wie einen Spielautomaten vorstellen muss. Das bedeutet, ein Trackball statt Maus und die Tastatur besteht aus metallenen Knöpfen wie an einem Geldautomaten. Zudem bilden sich gerne lange Schlangen von Touristen hinter einem und warten darauf, dass man fertig wird. G erne versuchen einige dabei die Mails mitzulesen. Man merkt, Etretat hat kein Internetcafe, keine Tankstelle und 1600 Einwohner. Für die vielfachen Touristen gibt es aber Baguetterie, Boulangerie, Bouchetterie, Creperie und demnächst vielleicht auch eine Tüterie. Es ist zwar noch nicht ganz eindeutig geklärt, was in so einer Tüterie passieren wird, aber Geschäftsführerin Moni wird sich wohl was einfallen lassen. Wenn es um Tüten geht, bevorzugt aus Plastik, dann ist Moni einfach unschlagbar. Ich habe mittlerweile das Gefühl, mein ganzes Leben befindet sich in eine r Tüte. Gehen wir EIN Brot kaufen, dann verlassen wir den Laden (das geht schon seit Holland so) mit drei Plastiktüten; Auf meinen fragenden Blick kam am Anfang meist noch eine Unschuldsmiene von Moni mit dem Kommentar, dass man sie ja noch gebrauchen kann. Und so ist mittlerweile alles eingetütet. Ob nun das Tagebuch, das Besteck, das Handtuch, ja sogar Tüten befinden sich in Tüten. Öffne ich eine Packtasche, so springen mir erst einmal Tüten entgegen. Und wehe, ich packe gewisse Dinge in die falsche Tüte. Nein, jede Tüte hat ihren eigenen Bestimmungszweck und sollte sie aus Qualitätsgründen mal ausgetauscht werden, dann dient sie immerhin noch als Mülltüte.
Apropos Müll: Eine ganz merkwürdige Erscheinung befindet sich auf halben We g zwischen Campingplatz und Etretat-City. Jeder kennt ja diese Mülltonnen mit den vier Rollen unten drunter, also diese großen Hausmülltonnen. Vor der Hausnummer 39, direkt neben der Feuerwache, steht so eine Tonne. Meistens ist sie geöffnet und meine neugierigen Blicke stellen irgendwann mal fest, dass sich jeden Tag ein neuer Müllbeutel in der Tonne befindet. Nicht falsch verstehen, nicht ein neuer Beutel zusätzlich, sondern nur dieser eine. Montags ein blauer, dienstags eine Lidl-Tüte, mittwochs eine zerrissene grüne usw. Das heißt, irgendjemand leert anscheinend täglich diesen großen Container mit nur einem Beutel Inhalt? Merkwürdige Sache.
Manche Container dieser Art machen sich aber auch selbstständig. So spazieren wir eines Tages durch die Weltmetropole Etretat, als sich plötzlich eine Mülltonne durch den Wind in Bewegung setzte, den Bordstein runter poltert und uns vor die Füße fällt. Glücklicherweise ist dieser aber leer, was uns auf Grund des anderen Containers ja nicht wundert. Nett und freundlich wie wir nun mal sind, heben wir den gestürzten Container auf, schieben ihn an die richtige Stelle, machen den Deckel zu und gehen weiter. Allerdings nur fünf Meter, als plötzlich eine wütende Stimme aus einem Vorgaren ertönt. Der Besitzer dieser Tonne schimpft in unsere Richtung irgendetwas unverständliches auf Französisch und hält uns wohl für potenzielle Mülltonnenterroristen. Gut, dass uns ein paar Augenzeugen dieses harmlosen Vorfalls in Schutz nehmen und erklären, dass wir bloß geholfen haben. Geschimpft hat er zwar weiter, aber die Anklage wegen boshafen Rumschubsen eines wehrlosen Müllcontainers kann fallen gelassen werden.
|
|