Der Zug auf dem Brusio-Viadukt

Reise mit dem Bernina-Express

Als ich mit dem Wohnmobil in die Schweiz fuhr, hatte ich die Gelegenheit genutzt, das Wohnmobil stehen zu lassen und das Verkehrsmittel zu wechseln. Und zwar bestieg ich im schweizerischen Chur in Graubünden den Bernina-Express und fuhr mit diesem in das kleine italienische Städtchen Tirano.

Mir ging es aber natürlich nicht darum, die Stadt in Italien zu besuchen, obwohl sich herausgestellt hat, dass sie eigentlich ganz nett ist. Vielmehr wollte ich doch einfach nur die Schmalspur-Strecke befahren, denn der Bernina-Express steht bekanntlich auf der Welterbeliste der Unesco.

Aber was heißt schon „nur“? Die Trasse des Bernina-Express ist nicht umsonst auf der Unesco-Liste eingetragen. Allerdings muss man hier ein wenig unterscheiden: Der Bernina-Express fährt von Chur nach Tirano. Dabei verkehrt auf der Linie der Albulabahn und der Linie der Berninabahn. Die Albulabahn pendelt zwischen Thusis und St. Moritz während die Berninabahn das Stück zwischen St. Moritz und Tirano befährt.

So oder so gilt das erste Stück im Rheintal bei Chur noch nicht als Weltkulturerbe. Das tut dem Fahrspaß aber keinen Abbruch und ist landschaftlich trotzdem schön. Dennoch: Der eigentliche Höhepunkt der Bahnfahrt ist, wenn die Trasse langsam ansteigt. Und das macht sie nicht in einer geraden Strecke, denn dafür wäre der Höhenunterschied viel zu groß. Immerhin fährt der Zug bis auf eine Höhe von über 2.200 Metern.

Um die enormen Höhen zu überwinden hat man sich daher einiges einfallen lassen. Das erste besondere Bauwerk ist das Landwasserviadukt, das ich bereits vor einiger Zeit hier im Blog vorgestellt hatte. Auf dieser Brücke fährt der Zug in einem weiten Bogen und direkt am Ende des Viadukts in einen Tunnel hinein. Ohne diese Brücke würde es einfach nur weit oben in einer Felswand ein Loch geben.

In der Regel fahren die Züge auf dem Landwasserviadukt besonders langsam, damit die Touristen das Erlebnis auch in Ruhe genießen können. Wenig später passiert man den Bahnhof von Filisur und gleich darauf die nächste Besonderheit. In einem 700 Meter langen Kehrtunnel fährt der Zug in einer weiten Linkskurve und überwindet dabei weitere Höhenmeter. Das heißt, er kommt fast an der selben Stelle wieder aus dem Berg, an der er hineingefahren ist – nur eben einige Etagen höher.
Es folgen einige weitere spektakuläre Kehr- und Spiraltunnel, durch die gemütlich an Höhe gewinnen. Lediglich der längste Tunnel ist schnurgerade. Der Albulatunnel verläuft in der Nähe des gleichnamigen Passes und ist fast sechs Kilometer lang. Witzig ist, dass der Lokführer an einem einzigen Punkt im Tunnel die beiden Ausgänge gleichzeitig sehen kann. Während nämlich im Rückspiegel gerade das eine Ende des Tunnels noch erkennbar ist, ist vorne das zweite Licht am Ende des Tunnels zu erkennen.

Doch damit ist es noch nicht getan, denn man fährt nun in der Nähe von St. Moritz vorbei und passiert als nächstes den schönen Lago Bianco, der smaragdgrün vor der Bergkulisse schimmert. Ist man gerade noch dabei, diesen Augenschmaus zu verarbeiten, da kommt auch schon die kleine Gemeinde Alp Grüm, wo man sich je nach Fahrplan auf einen längeren Halt einstellen sollte. Wir hatten rund 20 Minuten Pause, in der wir uns ein wenig die Beine vertreten und den Ausblick auf dem Moteratschgletscher und den Lago Palü genießen konnten.

Mit der Abfahrt vom Bahnhof Alp Grüm, geht es nun auch direkt wieder hinab. In mehreren Serpentinen fährt der Bernina-Express ganz langsam nach Poschiavo hinab, womit man wenig später 1.000 Höhenmeter weiter unten ist. Doch das war es dann immer noch nicht mit den Sehenswürdigkeiten, denn hinter dem gleichnamigen Lago Poschiavo gelangt man nach Brusio, wo man auf einem kreisförmigen Viadukt eine Runde dreht und dabei weiter an Höhenmeter verliert. Das bedeutet, man fährt zunächst auf dem Viadukt und direkt im Anschluss unten durch. Wäre der Zug lang genug, könnte man also theoretisch von seinem Abteil aus auf einen Waggon des gleichen Zuges hinab schauen.

Wenig später passiert man ganz unspektakulär die Grenze zu Italien und erreicht das Örtchen Tirano in der Lombardei. Hier geht es aber mit den Kuriositäten weiter, denn die Schmalspureisenbahn wird hier nun zu einer Straßenbahn, da die Gleise mitten auf der Straße angelegt sind und der Zug zusammen mit Pkws durch den Ort fährt. Besonders sehenswert ist die Fahrt auf dem Kirchplatz, wo der Zug vor der Kirche einen Kreisverkehr überquert und keine Schranke existiert.

Alles in allem ist die Fahrt ein tolles Erlebnis und dauert rund vier Stunden. Da wir aber nicht in Italien bleiben wollten, bestiegen wir nach einer kurzen Ortsbesichtigung wieder den nächsten Bernina-Express und fuhren die Strecke einfach wieder zurück. Wir hatten das Glück und die Ehre, auf beiden Fahrten jeweils einen Teil im Führerstand vorne in der Lok mitfahren zu dürfen. Das war natürlich etwas ganz besonderes, das man nicht alle Tage erlebt. Die anderen Abschnitte fuhren wir hinten im Panoramawagen mit, wobei ich nicht sagen kann, was nun schöner war. Im Führerstand hat man natürlich einen tollen und freien Blick nach vorne, doch im Panoramawagen bieten die großen Fenster logischerweise auch einen wunderbaren Ausblick. So oder so, ich würde beides sehr gerne wieder machen. Nach meiner Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn war das die schönste Bahnfahrt, die ich gemacht habe.

Und zum Abschluss noch ein kurzes Video von der Fahrt:

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